Singen, bis die Knüppel kommen

Mecklenburg Das Ensemble „Lebenslaute“ spielt für die Geflüchteten in der Unterkunft Nostorf-Horst. Dann aber rückt die Polizei an
Singen, bis die Knüppel kommen
Das genehmigte Konzert vor dem Camp, am Tag nach der Blockade durch die Polizei

Foto: Lebenslaute

Das machen sie seit 33 Jahren. Mit ihrer Musik überschreiten Orchestermusiker und Chorsänger, Profis und Laien, singend und spielend eine politisch gesetzte Grenze, eine der vielen, die meist erst erkennbar werden und wehtun, wenn man gegen sie stößt. Sie praktizieren zivilen Ungehorsam, sie üben ihn, erproben sich selbst. Dafür kommen sie aus dem ganzen Land zusammen. Ihre jährliche Aktion bereiten sie präzise vor. Diesen Sommer ist es die „Erstaufnahmeeinrichtung Nostorf-Horst“, ein Flüchtlingscamp in Mecklenburg-Vorpommern (MV), das im Begriff ist, ein „Ankerzentrum“ nach Seehofer’scher Art zu werden. Die „Lebenslaute“ hatten angeboten, in diesem Camp ein Freiluftkonzert aufzuführen. Das wurde abgewiesen, mit einer Begründung (des Landesamts für innere Verwaltung), die für die Musiker eine Provokation ist: der Ort diene „Betreuung, Schutz und Unterkunft während des Asylverfahrens“, und das bedeute „nicht zuletzt auch die Unverletzlichkeit des Wohnbereichs als Rückzugsraum“.

Dieser „Rückzugsraum“ sind einige Wohnblocks im Wald, im Abseits, im ehemaligen Grenzgebiet zu Schleswig-Holstein. Isoliert, freudlos, einsam, hoch umzäunt, Tor mit Wache, wo sich jeder an- und abzumelden hat beim Passieren, Zimmer mit Doppelbetten, keine eigenen Küchen, sondern angeliefertes Essen, viel Nudeln, Pudding in Plastikbechern. Die zugewandte Beratung durch den Flüchtlingsrat e. V. ist nicht im Innern zugelassen. Wer sich traut, Rat zu holen, muss durchs Tor zu einem Container herauskommen. Schule nur für den Teil der Kinder, die zum Hamburger Kontingent gehören, das es bis zum Herbst noch in diesem Lager gibt. Die übrigen bleiben ohne Schule, das verstößt gegen die UN-Kinderrechtskonvention. Die medizinische Versorgung ist ganz mangelhaft, eine psychologische Behandlung fehlt. Dem Malteserorden ist die Betreuung des Camps übertragen, zusätzlich ist eine Security-Firma beauftragt.

Die Angst in der Nacht

Vor allem wohnt in diesem Lager die Angst: Abzuschiebende werden oft in den Nachtstunden herausgeholt, alle Zimmer im Camp werden jeweils durchsucht. Mehrfach wurde Feueralarm ausgelöst, der alle aus den Betten holte. Und Willkür, ein Iraner erzählte deprimiert, sein einziger Landsmann, mit dem er sich hier angefreundet hat, wurde plötzlich woandershin verlegt. Meist leben hier rund 300 Insassen, aus vielen Ländern mit vielen Sprachen, sie bleiben bis zu zwei Jahre hier. Sie sind zur „Weltlosigkeit“ verurteilt, mit Hannah Arendt gesprochen.

Ein Konzert in Schwerin eröffnete die Aktion, vor der Staatskanzlei, dem Amtssitz der Ministerpräsidentin. Ich las in den Gesichtern, sah mit Respekt die große Spanne zwischen den Generationen, die Konzentration auf die Dirigentin. Sie spielten klassische Musik, sangen auch Folk und Soul, verteilten Informationen. Aber hinter ihnen im Amtsgebäude öffnete sich die ganze Stunde über kein Fenster, kein einziges Gesicht tauchte auf. So viel Unterwürfigkeit? Die Polizei wachte über die Zentimeter auf dem Pflaster vor den Stufen der Staatskanzlei, die nicht übertanzt werden durften. Denn zum Schluss wurde noch getanzt, zu Dvořáks Musik.

Fünf Tage haben sie sich dann auf die Aktion in ihrem Quartier, einer Waldschule in Alt-Jabel, vorbereitet. Es wurden die Musikstücke eingeübt, auch mögliche Konfrontationen durchgespielt. Man sprach über eigene Grenzen und Ängste. Konsens ist Voraussetzung jeder Aktion, das System der Konsensfindung ist inzwischen eine eigene Kultur, eine Übereinkunft, die alle akzeptieren, stimmig, demokratisch und wirkungsvoll. Ihre Losung: Das Flüchtlingscamp Horst auflösen. Menschenwürde für Geflüchtete. Sie unterstützen damit Initiativen, die sich dort seit Jahren engagieren, wollen Druck und Aufmerksamkeit erhöhen. Ihre Aktionen sind angekündigte, bewusste, gewaltfreie Gesetzesübertretungen: Blockaden, Besetzungen, Entzäunungen, das Betreten verbotener Räume wie Abschiebeflughäfen, Militärübungsplätze, Raketendepots, auch die Blockade von sieben Eingangstüren der Verfassungsschutzzentrale in Köln über vier Stunden im vorigen Jahr.

70 Leute in schwarz-weißer Konzertkleidung bewegen sich leise am Zaun entlang, bis zu jener Nahtstelle der schweren Zaunelemente, an der für sie eine Öffnung geschaffen ist. Sie sammeln sich an der Rückseite eines Wohnblocks, stehen Sekunden in gespannter Erwartung des Signals und lassen in einem großen Atemzug den Chor tönen. So nähern sie sich der Mitte des Camps, es ist ein akustischer Triumphzug, aus den Fenstern wird gewinkt. Sie holen die Geigen, Celli, Oboen, Klarinetten, das Fagott, den Bass, das Schlagzeug aus den Kästen und spielen ein Psalmlied von Heinrich Schütz: „Wie nun, ihr Herren, seid ihr stumm ... Mutwillig übt ihr G’walt im Land, nur Frevel geht durch eure Hand, was will zuletzt draus werden?“

Die Security-Männer haben sich vor den einzelnen Wohnblöcken aufgestellt, ein Polizeiwagen fährt vor, es wird verhandelt, und wohl angesichts der freudigen Erregung heißt es: Die „Lebenslaute“ sollen ihr Konzert zu Ende bringen und ruhig abziehen. Gerade diese Frage – der zu erwartenden Aufforderung zu folgen oder sich am Ende wegtragen zu lassen – war zuvor heftig diskutiert worden. Jene setzten sich durch, die den Geflüchteten den Anblick polizeilicher Gewaltakte ersparen wollten. „Sie haben schon zu viel Gewalterfahrung hinter sich.“ Nach Dvořáks Tanz reicht ein junger Geflüchteter ein Handy mit seiner Musik hin, um es an den Lautsprecher anzuschließen, nun tanzen fast alle. Die verabredete Stunde ist um, Chor und Musiker machen sich auf den Weg, diesmal zum Haupttor, durch den schmalen Korridor. In ihren geröteten Gesichtern ist ein volles Lächeln, das niemand mehr zurückhalten kann. Alle singen den alten, leicht umgedichteten Kanon vor sich hin, „Es tönen die Lieder, da sind wir schon wieder, wir singen und spielen, da wo wir es woll’n ...“. Die Soprane erheben sich mühelos.

„Sie bleiben hier!“

Abrupter Szenenwechsel, Polizei blockiert den Parkplatz. Alle bleiben stehen, ungläubig, eine Falle, Wortbruch, warum? Was will die Polizei? Sicher die Personalien. Wie ist die Rechtslage? Die Sprecher der Aktion kommen uns entgegen: Das Landesamt für Migration und Flüchtlingsfragen will nun doch Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs stellen und verlangt die Daten der Anwesenden. Die Musiker sind langsam auf den Parkplatz gezogen, sie singen weiter und wollen ihre Freude nicht einfach abwerfen. Über das Delikt Hausfriedensbruch haben sie sich an einem Abend der Rechtsberatung informiert, über Strafmaße, Tagessätze, Fristen, Spielräume der Richter. Sinn ihres Tuns ist es, die zunehmende Einschüchterung, die Begrenzung der Bürgerrechte wieder zu verschieben und im Gandhi’schen Sinne die Konsequenzen nicht zu scheuen.

Einsatzwagen fahren vor, bald sind es 18, eine Hundertschaft. Die Polizisten in voller Ausrüstung mit Helmen, Knüppeln, Beinschienen, abgezogen vom Einsatz beim Fußball in Rostock. Sie bilden Marschkolonnen, eine Reihe stellt sich unter Kiefern am Straßenrand auf, ein Kastenwagen fährt vor zur technischen Abwicklung der Ausweisüberprüfung. Wir kommen einzeln dran, bewacht von je zwei der jungen Polizisten. Die Abgefertigten werden wiederum bewacht. Es beginnt zu regnen, eine Frau will ihren Anorak aus dem Auto holen, das fünf Schritte entfernt steht. Der Polizist verbietet es. „Können Sie mich nicht hinbegleiten?“ „Sie bleiben hier!“ Er mauert, guckt sie nicht an. Es werden drei Stunden. So ein Aufgebot, sagen einige, hätten sie noch nie bei einer Aktion erlebt.

Im Camp mit Blockhäusern und Zelten wird nach der Rückkehr bis in die Nacht gesungen, ein überbordendes Repertoire. Am nächsten Tag findet das genehmigte Konzert neben dem Flüchtlingscamp Horst statt, die Polizei ist wieder in voller Stärke da und passt auf, dass nicht ein Strick des Pavillons für die Musiker am Zaun festgemacht wird. Die Campbewohner kommen mit den Kindern heraus, froh über die Wiederbegegnung. Den Impuls dieser Tage und manche neuen Lieder werden die 70 Akteure in ihre eigenen Chöre tragen, in denen sie das Jahr über in Städten und Dörfern singen und spielen.

Martina Achenbach arbeitet als Schriftstellerin. Zuletzt erschien von ihr Ein Krokodil für Zagreb. Bis 2008 war sie Reporterin des Freitag

06:00 19.09.2019
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