Störrische Dableiber

Dokumentation 1989 hatte in der „Volkszeitung“ Marina Achenbach jene aufgesucht, die in der DDR bleiben wollten
Marina Achenbach | Ausgabe 45/2019

Ich wünsche mir, dass ich in einigen Jahren nach Frankreich fahre und dort gefragt werde, aus welchem Teil Deutschlands ich komme, und dass ich dann antworten kann: Ich komme aus der DDR, die 40 Jahre lang unten war, und nun ist sie so geworden!“ Serges Hand fliegt hoch, weiter spricht er nicht, es ist ihm nichts als der Wunsch anzusehen, an etwas Gelungenem beteiligt zu sein. Er ist 23, Student, will etwas prägen, es soll etwas von ihm im Land enthalten sein. – Wie soll die DDR denn sein? – Nicht wie die BRD! Die Antwort kommt spontan. Keine Kopie der Konsumgesellschaft. Sozial, fügt Serge schon zögernder an und senkt seine Hand.

In diesem Haus in Ostberlin wollen sie, dass die DDR ihr Land sei. Sie wollen auch nicht von der BRD geschluckt, nicht einmal ihr angeglichen werden. Es ist ein evangelisches Haus, und so verrückt es klingt, gerade hier wird über die sozialistischen Werte nachgedacht. Doch Utopien lassen sich kaum aussprechen, eher können sie negativ formulieren, was sie sich vorstellen: nicht den Konsumterror, nicht eine reißerische Welt, nicht die Selbstherrlichkeit. Was sie erhalten wollen, ist der Antifaschismus als Grundhaltung. Sie sind die störrischen Dableiber.

„So geht es nicht weiter. Aber was? Wir haben eine revolutionäre Situation.“ Denn die unten wollen nicht mehr wie bisher, die oben können nicht mehr wie bisher – ein marxistischer Lehrsatz, den haben sie auch gelernt. Ein Pfarrer, der zu Besuch ist: „Es wäre für dieses Land besser, wenn ein Bus voller alter Herren über die Grenze gebracht würde als Züge mit zigtausend jungen Leuten.“ Wir haben im ZDF und in der ARD die Züge betrachtet, die von Prag und Warschau nachts durch die DDR geschleust wurden. Wir standen um den Fernseher herum, alle irritiert. Jemand sagte: „Die Regierung erweist sich als erpressbar. Das ist uferlos.“ Und die 20-jährige Silke verblüffte mit ihrer sarkastischen Feststellung: „Wir stehen doch schon lange im Ausverkauf für Westdevisen. Wir sind ein Aldi-Land. Wir sind das Billigland der BRD. Die DDR produziert ein Gerät für den Westmarkt für 80 DM, selbst kostet es sie aber tausend Mark Ost. Jeder weiß doch, wie es in seinem Betrieb steht.“

Am ersten Bahnhof in der Bundesrepublik hielt jemand aus einer begeisterten Menge ein Schild hoch. „Wir kamen aus Ungarn, ihr kommt aus Prag. Bald ist die Zone ein leerer Sarg.“ Das knallte wie eine Ohrfeige für die, zwischen denen ich stand. „Idioten, Feiglinge. Denken nur an sich. Fahren mit dem Pkw rüber und nennen sich Flüchtlinge! Macht das Fernsehen aus.“

Schalldichte Wand

„Der Sozialismus könnte – wenn er nicht seine demokratische Gestalt findet – geschichtlich verloren gehen. Das darf nicht geschehen.“ Zitat aus einem Papier der Initiative „Demokratie jetzt“, die zur DDR-Opposition gehört. „Den Wohlstand der BRD zahlen andere“, sagt Silke. „Auch der DDR-Wohlstand liegt über dem Weltdurchschnitt. Ich stelle mir eine solidarische Gesellschaft vor, die nicht ganze Völker ausschließt.“ Die Karten werden gerade neu gemischt. Es bilden sich neue Konstellationen von Menschen, die an der DDR als einem Gegenbild zur BRD festhalten wollen.

Als die DDR-Medien endlich ihr Schweigen über die mächtige Absetzbewegung brachen, aber nichts anderes zu sagen hatten als „gesteuerte Kampagne“ und „Menschenhandel“, ergoss sich wieder einmal der große Hohn, dessen die DDR-Leute fähig sind, über sie. In der Woche vor dem 7. Oktober, als sich die Medien im Westen mit ihrem Sensationsgeschrei gegenseitig übertrafen, als sich die BRD-Botschaften in Prag und Warschau ständig neu füllten, als sich in der DDR die Panik der „letzten Chance“ ausbreitete, sagten auch immer mehr Leute: „Die Westmedien steuern das ja doch!“ Ihnen wurde aus dem Westen geantwortet, dass niemand etwas steuere, sondern dass da einfach die Medienlogik wirke. Niemand ist verantwortlich, aber jeder Berichterstatter schien von der Lust ergriffen, die Hysterie im Osten zur Massenpsychose zu steigern.

„Wir feiern den 40. Jahrestag freiwillig. Setz dich ruhig hin. Wir sind auch ganz ruhig, weil wir innerlich so unruhig sind. Darum feiern wir still, regen uns nicht auf, denn wir sind so aufgeregt ... Ich habe am 7. Oktober 1949 bei Vater auf der Schulter gesessen, ich hatte die bayerische Jacke an, da habe ich die Republik begrüßt. Sei ganz ruhig, wir bleiben es auch ...“

Trotz der Beschwörung, reißt der Redestrom nicht mehr ab. An diesem Tisch sitzen Genossen. Ihre Loyalität ist ihr Dilemma. „Bei uns wurden alle Informationen ungeschminkt nach oben gegeben, seit zwei Jahren weiß ich das genau. Die Partei diskutiert. Aber von oben kam nichts zurück.“ In der Festrede zum 40. Jahrestag der Republik hieß es: „Kaum jemand konnte sich 1949 vorstellen, welchen Aufstieg unsere sozialistische DDR bis heute ...“ Und auch, wenn sie sich die Ohren zuhalten mochten bei solchen Sätzen, weil sie das Schweigen über so viel Falsches einschließen, war es doch auch ihre Wahrheit: Sie haben in ihrem Betrieb nicht nur einen Job ausgefüllt, sondern etwas Neues bauen wollen, ein Stück neue Gesellschaft. Die schalldichte Wand zwischen offizieller Sprache und ihrer Wirklichkeit macht sie alle krank.

Die zwei Millionen SED-Mitglieder sind graduell in die Verantwortung für das Land miteinbezogen worden: durch interne Informationen, auch durch das Privileg, dass ihnen die Türen zu allen Berufen offenstanden. Sie haben Dinge mitgetragen, die unbequem waren: Arbeitsstellen mit Kontaktverbot zum Westen, verlängerte Armeedienste, schwierige, manchmal kaum zu lösende Aufträge. Ein Anruf: „Durch unsere Straße geht die Demo. Die Polizei prügelt. Die Häuser sind abgesperrt, alles dicht. Wir können nicht kommen. Wir sehen Verhaftungen.“ Die hier zusammensitzen, wissen nicht, zu welcher Seite sie jetzt halten sollen. Zur prügelnden Polizei nicht, aber die anderen sind ihnen noch fremd.

Irgendwo haben sie noch einen Rest Verständnis: Die DDR ist belagert, wird ständig in Frage gestellt von übermächtigen Gegnern, der Spielraum ist klein. Und diese Einsicht erschlägt. „Die DDR ist ein Wert, den man nicht wegwischen darf“, sagt eine Frau. „Immerhin habe ich das Gefühl, an einem Experiment teilzunehmen. Wir könnten scheitern, aber es gibt doch eine Vision. Hier muss man anders leben – intensiv, weil extensiv wie bei euch im Westen nicht möglich ist. Hier muss man eben die Innenräume erweitern. Ich habe mich dafür entschieden, hab’s nicht bedauert.“

Tiger im Käfig

In der Alt-Pankower Kirche im Norden Ostberlins stellen fünf neu gebildete oppositionelle Gruppen ihre Programme vor. Zuhörer bis hoch auf die Balustraden. Es ist die erste Veranstaltung dieser Art hier, die Anwesenden kennen sich nicht, sind still, aufmerksam. In den Programmen wiederholen sich die Begriffe: ökologisch, dezentralisiert, antimonopolistisch, marktwirtschaftlich, sozial, genossenschaftlich. Gerade die Ökologie ist ein Schlüssel, um die kapitalistische wie auch die bisherige sozialistische Gesellschaft zu kritisieren: gegen den Profit als herrschenden Maßstab, gegen Geheimhaltung von ökologischen Problemen, für Planung, für Rücksicht auf das Schwache. Der Molekularbiologe Jens Reich stellt das Neue Forum vor: „Wir geben nicht Antworten, sondern stellen Fragen. Wir wollen uns kompetent machen, denn es gibt keine einfachen Lösungen. Wir alle müssen es erst lernen, angstfrei öffentlich zu reden. Leute im Schneckenhaus können nichts bewegen. Aber auch nicht Tiger im Käfig, die, wenn sie die Tür offen stehen sehen, sofort verschwinden. Es gibt in der Gesellschaft nicht nur eine Wahrheit, nicht nur die marxistische. Wir brauchen die Möglichkeit der Wahl, zumindest der Auswahl. An unserem ersten Papier wurde kritisiert, dass das Wort Sozialismus fehle. Sie können von mir das Bekenntnis zum Sozialismus hören. Doch wir wollten nicht mit Spielmarken operieren, unter dem Wort Sozialismus laufen sehr unterschiedliche Programme ab. Jede Generation muss es immer wieder neu definieren.“

Beim Rockkonzert, organisiert von der FDJ, ist vor Tagen die Firma aufgetreten, eine Underground-Band. Mitten im Konzert hat die Band Hemden mit der Aufschrift „Neues Forum“ übergezogen und das Einheitsfrontlied gespielt. „Das ist unsere Hymne“, erzählt jetzt ein junger Pankower, „wir haben das zum Schluss des Konzerts, damit die Band weiterspielt, eine halbe Stunde lang gesungen. Das macht uns high, dieses Lied. Ja, wir singen den ganzen Text: ,Und weil der Mensch ein Mensch ist / Drum hat er Stiefel im Gesicht nicht gern / Drum links, zwei, drei / Wo dein Platz Genosse ist.‘ Irgendwann gründen wir eine neue Kommunistische Partei“.

Ein 28-jähriger Informatiker, vor acht Jahren aus der DDR ausgereist, jetzt zu Besuch, sagt in der S-Bahn leise zu mir: „Stellen Sie sich vor, ich möchte am liebsten wieder hier sein. Wenn ich sehe, wie das Land ausgeblutet wird – das ist eine Schweinerei. Die Ärzte verlassen ihre Patienten, es mussten schon Abteilungen geschlossen werden, habe ich gehört. Sie reden so viel von Verantwortung – und gehen. Hier ist doch ein Ort der Veränderung. Ich spüre es zum ersten Mal. Im Grunde müsste ich hier sein.“

Info

Dieser Beitrag ist Teil unserer Wende-Serie 1989 – Jetzt!

Martina Achenbach arbeitete 1989 für die Deutsche Volkszeitung, von 1990 bis 2008 dann als Reporterin für den Freitag

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06:00 06.11.2019
Geschrieben von

Ausgabe 39/2020

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