Trotzdem

WIDERSTAND ALS ALLTAG Nuala O'Faolain, "Nur nicht unsichtbar werden" - die packende Autobiographie einer irischen Frau

"Es ist nun mal eine Beichte über sexuelles Verlangen, das ich nicht besänftigen konnte."

Nuala O'Faolain - der Name der Autorin klingt wie aus einem Märchen, wie ein sehr fremder, sogar erfundener Name. Dabei ist er irisch, europäisch, katholisch. Dennoch fern, in einem sozialen Sinn. Als sie selbst in einer Krise beim Psychologen in England ihren Namen sagen soll, bricht sie in Tränen aus und fühlt, wie wenig er in ihr derzeitiges englisches Milieu passt. Der Name wird in jenem Moment zum Symbol für Verlassensein und Verwilderung in einer kinderreichen irischen Familie, die so war, wie fast alle Familien, die sie kannte: bitterarm, mit überforderten, verzweifelten Müttern und mit Vätern, die ihrer eigenen Wege gingen. Diese Herkunft lässt sich nicht abschütteln. Nuala bricht die Therapie ab. Schreibt ihre Autobiographie, um sich ihrer selbst zu vergewissern. Im Chaos ihres Lebens will sie einen Faden finden. Ihr Buch wurde in Irland ein Bestseller, weil sich so viele Leserinnen in dieser Biographie erkannten.

Ihre Mutter hat inmitten der verfallenden Familie mit nie nachlassender Leidenschaft gelesen. Sie war eine kundige Leserin, aber sie las, um nicht nachdenken zu müssen, meint Nuala. Sie las und trank Gin im Pub. Die Kinder wurden weder von der Mutter noch vom Vater je auf den Arm genommen. Irgendwann meldet sich der Schmerz darüber, sehr verspätet, umso quälender vielleicht.

Nuala hat studiert, damit hob sie sich aus ihrem Milieu heraus. Sie wurde Dozentin, Literaturkritikerin und TV-Redakteurin, das war in den sechziger und siebziger Jahren. Sie hatte schöne Begegnungen mit Schriftstellern, unter ihnen John Berger, mit dem sie eine Weile zusammenarbeitete. Nicht nur mit ihm, oft entstand aus ihren Interviews ein längerer Kontakt. Dann erlosch er. Wie konnte es sein, dass sie in all diesen interessanten Dingen, die sie tat, nicht sich selbst fand? Dass sie letztlich nicht zählten? Lag es an Irland? Sie kommt aus der Republik Irland, die viel ärmer war als Nordirland, eine atavistische Gesellschaft in gewisser Weise. Die Probleme der Iren in Belfast blieben ihr lange völlig gleichgültig.

Ihr Vater war Journalist. Jahrzehntelang erschien seine populäre Kolumne, ihm wurde geradezu gehuldigt, ein Lokalmatador, ein rätselhafter Mensch für die Tochter. Sie anerkennt, dass er die Familie nie völlig verlassen hat, trotz eines Doppellebens mit einer anderen Frau. Sie wundert sich, dass ihm, dem meist abwesenden, doch immer die Liebe der Mutter und Kinder galt. Obwohl sich einige der acht Geschwister nie mehr im Leben von der tiefen Vernachlässigung, die sie erfahren haben, erholten. Alkohol begleitete sie, auch Nuala.

Sie selbst meint, sie wäre mit der Familie untergegangen, wenn nicht "die starken Kräfte Liebe und Sexualität" sie davor bewahrt hätten. In der Pubertät tanzte sie rauschhaft in Arbeiterkneipen. Schwere Hände lagen auf ihrem schweißnassen Rücken. Irgendeiner würde sie nach Hause begleiten, sie würden knutschen, bis die Lippen wund waren und die Brüste weh taten. Weil sie der Familie Schande zu machen drohte, wurde sie in ein Internat zu Nonnen gebracht. Eine Pein. Und doch nachträglich als einer der "Glücksfälle" ihres Lebens beurteilt. Ihr halfen immer wieder Menschen, manchmal aus dem Hintergrund.

Ab fünfzig aber bleibt sie allein. Dieses Alleinsein einer Frau mittleren Alters weckt alle ihre Verzweiflung. Und was sie bis dahin verdrängen konnte, zwingt sich ihr jetzt als Frage oder als Erinnerung auf. Sie verfolgt zurück, wie sie sich in den verschiedenen Lebensphasen als Frau sah, welche Rolle dabei die Frauenbewegung spielte, sie beschreibt sich schonungslos, ohne sich in Selbstentblößung zu ergehen. In einem Redefluss, der sich frei in den Zeiten bewegt, immer konkret und bildhaft ohne Anstrengung, setzt sie sich mit ihrer Familie, den Liebhabern, mit eigener Ignoranz auseinander, auch mit der Trauer wegen der versäumten Dinge, wie mit der zu geringen Fürsorge für ihren jüngsten Bruder, der eines Tages zu ihr geschickt wurde.

Ein Happyend gibt es nicht, aber die ungeheure Resonanz auf ihr Buch, die etwas mit Liebe anderer Menschen zu tun hat. Kein Trost, aber etwas Lebendiges. Und so kann sie "weitermachen", und für die Wunder "Gott danken, an den ich nicht glaube".

Nuala O'Faolain, Nur nicht unsichtbar werden. Ein irisches Leben. Rowohlt, Berlin 2000, 255 S., DM 36,- DM.

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