Wenn die Pflanze jemandem gehört - dann Gott

Kampf um freies Saatgut Wer streitet gegen das Geschäft mit patentierten Pflanzen?

Diese scheußliche Umkehrung! War Biosprit nicht eine Verheißung? Die Rettung vor den Energienöten, vor Atomkraft, Kohleverbrennung, der Erschöpfung der Ölquellen, auch vor Klimawandel und Ozonloch? Auf einmal jedoch wird die Verheerung sichtbar: uniforme Lebensmittel, gigantische Monokulturen, daneben Hungernde. Und den Bauern wird das Recht auf ihr Saatgut geraubt. Wieder einmal scheint es so, wie Bert Brecht seinen Galilei sagen lässt: Auf den Jubelschrei der Erfinder antwortet der Entsetzensschrei der Menschen.

Ein globaler Markt breitet sich aus, der vor zwei Jahrzehnten noch nicht zu ahnen war: das grandiose Geschäft mit genmanipulierten Pflanzen und mit Saatgut. Schon verfügt eine Handvoll Konzerne darüber. Die Gesetzgebung zieht nach, vorrangig das Patentrecht. Samen, wilde und gezüchtete, werden Privatbesitz und somit juristisch nach allen Regeln verteidigt, die dieses System erdacht hat, auch gegen die Menschen, die diese Pflanzen bisher nutzten. Den Bauern wird es Schritt für Schritt unmöglich gemacht, Saatgut aus eigener Ernte auszusäen, geschweige denn zu tauschen, gar zu verkaufen. Um ein alptraumartiges Beispiel zu nennen: Im Irak hat der US-Administrator Paul Bremer unmittelbar nach dem "Sieg" vom April 2003 unter rund 100 Orders auch das Dekret Nr. 81 erlassen, nach dem die irakischen Landwirte lizensierten Weizen einzusetzen haben. - Keine Zurückhaltung im gebeutelten Land, kein Respekt, vielleicht nicht einmal eine Ahnung davon, dass man sich in der Ursprungsregion des Weizens befindet, die ihn seit 2.000 Jahren kultiviert.

Die Agroindustrie sichert ihr Terrain

Da gibt es die so genannten Gen-Banken, die bis jetzt noch in vielen Ländern existieren. Forscher sammeln dafür wilde und kultivierte Samen von Nutzpflanzen, säen sie in bestimmten Rhythmen aus, um ihre Keimfähigkeit zu erhalten, beobachten, tauschen und geben sie weiter an Züchter. Sie tun es in der bisher nie angefochtenen Tradition, nach der Samen - auch gezüchtete und gekreuzte - Allgemeingut sind. Diese Gen-Banken haben ihre Schicksale, sie wurden im 19. Jahrhundert oft von Mäzenen gegründet, dann aus öffentlichen Geldern finanziert und in Kriegen unter Opfern geschützt (wie das berühmte Wawilow-Institut im belagerten Leningrad) oder vor Bomben ins Exil gerettet wie die Sammlung alter irakischer Saat-Kulturen, die in den Libanon gebracht wurden.

Heute werden die öffentlichen Gelder für diese Institute zurück genommen, manche werden an Konzerne verkauft. Oder sie bekommen nur Mittel, wenn sie sich für Experimente mit genmanipulierten Organismen öffnen. Dabei wissen alle, dass bei der gemischten Aussaat manipulierte Gene ins echte Saatgut eindringen können - nicht rückholbar, nicht kontrollierbar. Ohne Kenntnis der Wirkungen.

Der Kampf ist eröffnet. Die Agroindustrie nutzt ihren Vorsprung. Überfallartig sichert sie Patente, drückt ihre ersten, noch kaum erprobten genmanipulierten Kulturen durch wie bei Mais, Soja, Baumwolle, Raps sowie den dazu gehörenden Düngemitteln und neuen Technologien, und erst allmählich erkennen Landwirte und Verbraucher, dass für sie die Rechnung nicht aufgeht: Nicht einmal die Energiebilanz stimmt, Wasserspiegel sinken, Böden laugen aus. Alles geschieht so rasant, dass wissenschaftliche Untersuchungen über die Folgen nicht Schritt halten. Die "biologische Vielfalt" schwindet unterdessen, bäuerliches Wissen gilt als überholt und droht, in Vergessenheit zu geraten. Das kann sehr schnell gehen.

"Bäuerliches Wissen als irrelevant für das moderne Leben abzutun, sich vorzustellen, dass die Tausende von Jahren bäuerlicher Kultur kein Erbe für die Zukunft hinterlassen - einfach nur deshalb, weil sie sich nicht in Objekten von Dauer materialisiert hat - das hieße den Wert von zu vieler Geschichte und zu vielen gelebten Leben zu leugnen." Das schreibt in SauErde der englische Schriftsteller John Berger, dessen Bücher von Kunst und vom Bauernleben handeln, das er tief versteht und ganz ohne Sentimentalität schätzt: "Die bemerkenswerte Beständigkeit bäuerlicher Erfahrung und bäuerlicher Weltsicht gewinnt im Moment, da sie von der Auslöschung bedroht ist, eine beispiellose und unerwartete Wichtigkeit."

Die Städterin und die Landwirtschaft

Gegen die drohenden Verluste an Wissen und Erfahrung sammeln sich allmählich Gegenkräfte, auch wenn bis jetzt erst wenige diesen Kampf aufgenommen haben. Freunde nahmen mich zu einer Tagung über Saatgut nach Halle in Sachsen-Anhalt mit: Vielfalt für alle! hieß sie. Eine solche Konferenz habe ich noch nie gesehen: Unter den Teilnehmern, die aus West- und Osteuropa und Afrika kamen, war nichts Uniformes, jeder, jede ein eigener Typus, harte Landarbeiter, französische "Bäckerbauern", Intellektuelle, Gourmets, Träumer, Lebenskünstler, Männer und Frauen in gleicher Zahl. Viel Sonne in den Gesichtern, ganz anders als sonst die Blässe auf Konferenzen. Da war Wissen über das Züchten verbunden mit genauen Kenntnissen über weltweite ökonomische und politische Entwicklungen und das alles wiederum mit der täglichen Arbeit der Konferenzgäste auf dem Land. In den Pausen auf dem Uni-Hof waren alle sofort in intensivste Gespräche verwickelt.

Bei Halle gibt es die Gen-Bank Gatersleben, eine große, moderne Anlage, wo in den vergangenen Jahrzehnten akribisch Samen aller Weltregionen gesammelt wurden, zu denen die DDR Zugang hatte. In diesem Frühjahr nun wurde dort genmanipulierter Weizen ausgesät, nicht weit entfernt von 100 reinen Landsorten. Die Teilnehmer der Tagung haben dagegen protestiert und angeboten, nicht-kontaminierten Samen aus der Gen-Bank Gatersleben selbst noch einmal zur Aussaat zu bringen, um sie gentechfrei zu halten.

Die dreitägige Konferenz wurde mit geringsten Mitteln zustande gebracht, über die solidarischen Netze der Protestbewegungen. Eine der beharrlichsten Organisatorinnen war Anne Schweigler. Sie kam nur in den Pausen auf den Hof, saß sonst an Telefonen, Computern und Kopierern. Jemand machte uns bekannt, beide aus Berlin. Wie kam Anne als Städterin zu den Bauern? Gäbe es über sie noch einen neuen Zugang für mich zum Thema? So begannen wir das Gespräch.

Anne hat Ethnologie studiert, mit dem Wunsch, fremde Kulturen als Spiegel für die eigene zu verstehen. Zuvor hatte sie als medizinisch-technische Assistentin im Krebsforschungsinstitut Heidelberg gearbeitet und begriffen, dass die Wissenschaft über Gene erst am Anfang steht, und dass die glanzvollen Versprechen, die Forschung und Industrie in die Welt setzen, verantwortungslos sind.

Auf die Gentechnik stieß sie wieder bei ethnologischen Forschungen in Mexiko. Dort arbeitete sie ein Jahr lang in der aufständischen Provinz Chiapas bei traditionellen Heilern und Hebammen, deren Verband die traditionelle Maya-Medizin wieder beleben will und vor etwa zehn Jahren in einen Konflikt von ungeahnter Dimension geriet. Eine nordamerikanische Universität wollte Heilpflanzen in der Region erforschen - also eine so genannte "Bioprospektion" unternehmen - und suchte die Hilfe der traditionellen Heiler und Hebammen. Die aber entdeckten, dass die Pflanzen nach internationalem Recht patentiert werden sollten.

"Das geht für die Menschen dort nicht", sagt Anne. "Eine Pflanze zu patentieren, widerspricht allen ihren Wertvorstellungen. Das ist für sie absurd. Eine Pflanze ist Gemeinschaftsgut, wenn die Pflanze jemandem gehört, dann Gott. Auch wenn nur die Heiler ihre Geheimnisse kennen, werden sie doch weitergegeben, sind nicht Privatbesitz. Heiler haben eine große Verpflichtung, sie müssen mit ihrem Wissen den Menschen helfen, auch wenn die es nicht bezahlen können. Das müssen die Konzerne nicht - im Patentrecht ist keinerlei ethische Verpflichtung eingebaut."

Den Indigenen in Chiapas ist es gelungen, das großangelegte Bioprospektionsprojekt (ICBG Maya) zu stoppen - der einzige Fall, bei dem so etwas gelang. Ein Emanzipationsschub, der dem neu erwachten Selbstbewusstsein von indigenen Organisationen entspricht, das - wie Anne meint - sich überall zeige. Dennoch gerieten die Leute in Chiapas zeitweilig unter starken Druck. Es gab dann auch Angebote über Ausgleichszahlungen oder Gewinnbeteiligung. "Aber wem soll man etwas zahlen? Da gäbe es keine Fairness", sagt Anne. "Am Ende dürften sie die Pflanzen ihrer Region nicht mehr selbst verarbeiten."

Als Frau ohne Kinder, die nicht weiß, wie man Tortillas bäckt, sei sie für die Frauen in Mexiko ziemlich exotisch gewesen, erzählt sie. "Es war auch für mich seltsam, ein spezielles Wissen zu haben, das in Chiapas niemand hatte, und andererseits zu erleben, wie kleine Kinder mir essbare Pflanzen und Früchte zeigen konnten, bei denen ich ganz dumm war. Die Provinz Chiapas hat eine üppige, bergige Landschaft mit mehreren Klimazonen, eine reiche Vegetation mit vielen Heilpflanzen. Oft kennen nur noch wenige ihr Geheimnis. Diese wenigen werden jetzt gierig ausgeforscht. Das schnelle Geld damit zu machen, ist barbarisch."

Die Organisation der Heiler und Hebammen in Chiapas hat angefangen, über diese Begehrlichkeiten aufzuklären. Die Bauern leisten oft einfach deshalb keinen Widerstand, weil sie gar nicht verstehen, was geschieht. Sie leben und arbeiten weiter im Angesicht unheimlicher Baustellen für Staudämme oder andere Projekte, bis ihr Land geflutet oder von mehrspurigen Autobahnen geteilt wird. Von Landschaften mit endlosen Monokulturen haben sie keine Ahnung. Anne hat deshalb Schautafeln angefertigt und in den Dörfern herumgereicht.

Kleinbauern und großer Hunger

Dass Landwirtschaft ein Thema sein muss, ist unter Linken kaum bewusst. Erst recht nicht, dass die kleinbäuerliche Landwirtschaft zu verteidigen sei. Und das findet Anne "total weltfremd".

Ihre Sicht: "Die große Masse der Bauern auf der Welt besteht immer noch aus Kleinbauern. Wenn Plantagenbesitzer Landarbeiter wie Sklaven schuften lassen, dann wünschen die sich nichts sehnsüchtiger als ein Stück eigenes Land. Genau das ist übrigens das Konzept der Zapatistas in Chiapas: Sie haben Land besetzt, es sich genommen, statt weiter zu betteln ... Die Linken hier denken, wie die ganze Gesellschaft, oft eurozentristisch. Sie müssen doch realisieren, wie sehr in der Globalisierungsbewegung, an der sie irgendwie beteiligt sind, das Agrarthema präsent ist! Bleiben sie blind für die Tatsache, dass diese Kämpfe überall auf der Welt geführt werden? Dass sich auf den Weltsozialforen plötzlich Philippinos und Chiapaniten genau verstehen, weil sie die gleichen Kämpfe kämpfen - gegen Monokulturen oder riesige Ökotourismusprojekte?"

Ist eine Zukunft mit kleinbäuerlicher Landwirtschaft für Anne eine Vision? "Ja, alles müsste wieder kleinteiliger werden." Es ist erkennbar, dass dieser Gedanke in ihr längst starke Konturen hat, "um bei der enormen Konzentration von Macht, Geld, Technologie den Überblick wieder zu bekommen und um näher an den Dingen zu sein. Ich bin für ein besseres Verhältnis zwischen Konsumenten und Produzenten. Auf Dauer wird das Leben nicht funktionieren, wenn zwei Drittel der Menschheit in Megastädten lebt. Und man sollte doch auch darüber nachdenken, dass man - wenn die bezahlte Arbeit ausgeht - einiges umstrukturieren muss. Bildung für alle, Medizin, gesunde Ernährung, das alles geht nur, wenn es wieder näher an die Menschen gerückt wird. Und dafür muss es kleinteiliger strukturiert werden."

Sie fügt an: "Ich engagiere mich, seit ich wieder in Deutschland bin, für eine alternative Landwirtschaft, um mich nicht immer nur mit Dingen zu beschäftigen, die schlimmer werden. Um etwas Positives entgegenzusetzen, bin ich zum Saatgutthema gekommen, zur Erhaltungsarbeit, wie wir sagen: um freies Saatgut in seiner Vielfalt zu bewahren. Ich bin oft auf Leute getroffen, die jahrelang als Linke aktiv waren und sich zuletzt ausgebrannt ins Private zurückzogen. Aber ich finde es wichtig, die Widerstandskraft, das kritische Denken sein ganzes Leben lang durchzuhalten, weil man es lebt, nicht nur denkt. Aktiv geworden bin ich jetzt, indem ich die Organisation der Konferenz in Halle übernommen habe: Gegen die Privatisierung von Saatgut. Wir züchten weiterhin, wir tauschen auch, ist das Motto."

Aber, wende ich nun zögernd ein, gab es mit einer kleinteiligen Bauernwirtschaft früher nicht große Hungersnöte? Sie schaut mich fast geringschätzig an: "Den Hunger gibt es jetzt auch, vielleicht wie nie. Und das bei der ungeheuren Überproduktion an einigen Nahrungsmitteln. Das hat eben mit politischen Strukturen zu tun." - Und in dem Moment weiß ich: Dieses Gespräch müssen wir fortsetzen. Das war erst ein Anfang.

Veranstalter der Konferenz waren die BUKO-Kampagne gegen Biopiraterie, die Interessengemeinschaft für gentechnikfreie Saatgutarbeit und das Europäische BürgerInnen Forum; s.www.biopiraterie.de


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