Dagegen

Linksbündig In Frankfurt kommt langsam aber sicher Adorno ins Rollen

Wann das Adorno-Jahr genau begonnen hat, ist schwer zu sagen. Vermutlich letztes Jahr, als Judith Butler in Frankfurt die neu eingerichteten Adorno-Vorlesungen hielt und davon sprach, dass ihre Beschäftigung mit dem Theoretiker unter das Motto "Mit Adorno gegen Adorno" gestellt werden könnte. Wie auch anders, denn 34 Jahre nach seinem Tod, 59 Jahre nach der Veröffentlichung der Dialektik der Aufklärung behauptet niemand mehr, seine Gedanken könnten unreflektiert in die Gegenwart übertragen werden. So manche Nachfolger lassen sich dennoch nicht davon abbringen, seine markanten oder verrätselten Sätze bedeutungsschwer zu zitieren, als wäre damit alles gesagt und bewiesen. Adorno-Zitate geistern durch Frankfurt, ornamentieren zumindest für die Dauer seines 100. Geburtsjahres die Feuilletons, und selbst die Lokalpolitiker entdecken ihn als Knuddelteddy im kommunalen Standortwettkampf.

Als Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth auf einer Pressekonferenz wissen ließ: Wir möchten, dass Adorno neu gelesen wird, leuchtete ihr Wunsch unmittelbar ein. Was soll man auch sonst machen in einer Stadt, die Lehrstühle für Kritische Theorie zur Verschiebemasse erklärt, im kommunalen Kulturabwicklungswettkampf aussichtsreich einen Vorderplatz belegt und H.-B. Nordhoff ihr Eigen nennt, diese undialektische Negation eines Kulturdezernenten, der noch die Eröffnung eines Mainstream-Kinos - oder war es ein Sushi-Laden? - zum hochkulturellen Renommierobjekt empor schwafelt? Wenigstens ein halbwegs anständiges Adorno-Jahr möchten sie also hinlegen und haben zu diesem Zweck ein Büro eingerichtet, das alle Aktivitäten koordinieren soll. (*) Ein Symposion, ein Kolloqium, eine Konferenz, drei Ausstellungen, Adorno-Lerntage, Vorträge, die Neugestaltung des Adorno-Platzes (der alte schien also tatsächlich gestaltet worden zu sein), kurz gesagt, geht es nach Frankfurts Politikern, ist die Lebendigkeit kritischer Gesellschaftstheorie keine Frage mehr.

Das Angenehme an der Kritischen Theorie war immer, das niemand angeben konnte, worin denn der Kern der Lehre oder die Schulmeinung besteht, außer eben darin, kritisch zu sein. Doch was dies konkret bedeutet, muss tückischerweise immer wieder neu bestimmt werden. Das Symposion, das jetzt die wissenschaftliche Beschäftigung im Jubiläumsjahr einläutete, hat dabei einen Anfang gemacht. Adorno und die Globalisierungsdiskussion, der Mythos Markt, die Assoziation freier Individuen lauteten einige der Themen. Klärungsbedarf besteht vor allem bei der Frage, ob der Schwerpunkt des Mottos "Mit Adorno gegen Adorno" auf dem Mit oder auf dem Gegen liegt. Zuweilen kann es sogar ohne heißen, und das ist auch völlig in Ordnung, denn Reflexionen über obszöne Einkommensunterschiede, shareholder value oder real existierende freie Assoziationen in Lateinamerika, die sich der Kapitallogik entziehen wollen, gehören zu einer Kritischen Theorie, auch wenn Adorno noch nichts darüber schreiben konnte. Die intellektuell sehr einfache, praktisch aber häufig sehr schwer umzusetzende Definition einer Kritischen Theorie lautet schließlich, zuerst einmal dagegen zu sein.

Auf dem Symposion hat der Frankfurter Soziologe Alex Demirovic daran erinnert, dass zur Frankfurter Schule auch immer eine institutionelle Basis zählte, eine Art Bastion, von der aus in die Gesellschaft eingegriffen werden konnte. Bei der Beschreibung der aktuellen Lage an den Universitäten fielen jedoch Stichworte wie Privatisierung oder Verdummung. Der Verlust an gesellschaftlicher Rationalität, in den Bereichen Bildung, Wirtschaft, Politik, legt die Vermutung nahe, dagegen mit Adorno zu streiten sei aussichtsreich. Vorausgesetzt allerdings, im Jubiläumsjahr wird einiges von dem kritischen Potential reaktiviert und modifiziert, das innerhalb der Frankfurter Schule entwickelt wurde und das, nicht zu vergessen, von den institutionellen Nachfolgern Habermas und Honneth auch gegen Adorno dem Mainstream angepasst wurde.

(*) www.kultur.frankfurt.de, Stichwort Literatur, Adorno 2003

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