Der Code heißt Kultur

Stories deuten Eine "post-neoliberale Agenda" kommt ohne die beiden zerstrittenen Lager linker Kulturkritik - Cultural Studies und Ideologiekritik - nicht aus

Noch herrscht ungläubiges Staunen vor beim Betrachter, angesichts all der Plakate, auf denen "Die Linke" oder "Die Linkspartei" um Aufmerksamkeit und Wahlstimmen warb, im Ohr sind noch die Kommentare des Wahlabends, dass "die Linke" jetzt auch eine starke Fraktion im Bundestag stellt. Vielleicht keimte der Verdacht doch zu früh, in den vergangenen 20 Jahren sei alles linke, emanzipatorische Denken und Handeln erfolgreich bekämpft und getilgt worden. Träfe er zu, hätte es im 20. Jahrhundert gerade einmal ein knappes Jahrzehnt gegeben, ein kurzes Zeitfenster in einem Jahrhundert der Katastrophen, in dem einiges von dem, was im linken Spektrum an progressiven Ideen und Projekten gereift war, Eingang in Politik und Gesellschaft fand.

Aber tatsächlich ist wohl kaum darüber zu reden, dass das ein wenig phönixhafte Erscheinen dieser Linkspartei solche Gedanken sofort Makulatur werden lässt. Wie weit der backlash, die Restauration konservativer Verhältnisse geht, ist gegenwärtig noch schwer abzuschätzen, aber dass er beträchtlich und tief greifend ist, wird schwer zu bestreiten sein. Was sich also nach dieser Wahl ergeben hat, ist die parlamentarische Repräsentation von etwas, das so gut wie nicht vorhanden ist - und daraus erklären sich auch die Aufgeregtheiten um die Spitzenkandidaten der Linkspartei, zwei ältere Herren, die sich, vermutlich für eine Legislaturperiode, den Bereich Öffentlichkeitsarbeit teilen. Ungleich wichtiger ist die Analyse dessen, was verspielt und vergessen wurde, was an progressiven Vorstellungen noch in Teilen der Gesellschaft ruht und womöglich aktiviert werden kann.

Zu registrieren ist zunächst, dass im Falle der rotgrün Regierenden eine doppelte Codierung vorlag. Sie sind teilweise noch der 68er Generation entsprungen, aber ebenso der grün-alternativen Bewegung verpflichtet. Herrschaftsstrategisch ist der Unterschied gering. Fischer etwa wurde kooptiert, weil er mit seiner Vita ungleich besser die neuen, geopolitischen Ambitionen der Bundesrepublik gesellschaftsweit popularisieren konnte ("Beliebtheit"). Herrschaftskritisch jedoch ist eine Differenzierung sinnvoll. Die Studentenbewegung scheiterte schnell und ihre Protagonisten wurden ins System integriert. Sie ist nur für jene Reaktionäre noch ein Bezugspunkt, die verbissen und in mittlerweile grotesker Weise alte Rechnungen begleichen wollen und am liebsten die 1968 nachfolgenden Reformjahre aus der kollektiven Erinnerung löschen möchten. Die Bewegungen in den achtziger Jahren waren weniger radikal, reformerischer inspiriert, stellten hingegen in der Vielzahl sozialer und kultureller Aktivitäten (Ökologie, Postkolonialismus- und, Gender-Debatten, politisch orientierte NGO´s) etwas dar, dessen anti-systemische Bedeutung nicht mit ihrer versuchten, verhinderten oder partiellen Integration erledigt ist.

Dort wurden andere Möglichkeiten zu leben, zu arbeiten entwickelt, nur trafen und treffen sie bis heute auf ein abgeschottetes politisches System, das bislang nicht auf soziale Bewegungen oder Demonstrationen reagiert, und dessen Adepten und Apologeten in Parteien und Medien hoffen, alle Kritiker in die Resignation getrieben zu haben. Ihr Erfolg ist dabei unbestritten, und deshalb sollte, wenn jetzt begonnen wird, über eine "post-neoliberale Agenda" nachzudenken, die Re-Politisierung alternativer Lebensentwürfe auf die Tagesordnung gesetzt werden.

Von einem möglichen Gelingen dieses Versuchs wird auch abhängen, was mit den "Rissen" oder "Brüchen" im neoliberalen Gefüge, von denen jetzt häufig gesprochen wird, geschieht. In den nächsten Jahren wird entschieden, ob sich die Tendenz, auf zunehmend autoritäre Handlungsmuster zu setzen, fortsetzen, ob der Neoliberalismus vielleicht von einem Regime abgelöst wird, in dem die Eliten in einer glitzernden Konsumgesellschaft leben, während die anderen verschärfter als bislang um den Rest Kriege führen werden; oder eine Re-Zivilisierung der westlichen Gesellschaften gelingt.

In den neunziger Jahren, auch unter neoliberalen Vorzeichen, gingen schon einmal die Rüstungsetats zurück und es gab eine begründete Aussicht, dass eine primär kulturell basierte und vermittelte Form der Globalisierung vorherrschen könnte. In dieser Zeit war der "cultural turn", die "kulturalistische Wende" ein aussichtsreiches Projekt, aber durch die Militarisierung internationaler Beziehungen wird alles das verdrängt, was an progressivem Potential in dem Versuch lag, die Nationalstaaten mit ihren Repressionsinstrumenten zu überwinden.

Mit den Kulturwissenschaften gibt es auch hierzulande einen, wenn auch zuweilen arg schwachen und konformen Nachhall dessen, was unter einem "cultural turn" seinerzeit diskutiert wurde. Das neue, deutsch-akademische Label Kulturwissenschaft ist hervorragend kompatibel mit Anforderungen, wie sie von den wirtschaftlichen Eliten artikuliert werden.

Ein linkes Projekt, das eine "post-neoliberale Agenda" entwickeln will, ist gut beraten, die seinerzeitigen Impulse aufzunehmen, einen zeitgemäßen, kritischen Kulturbegriff zu entwerfen und zu fragen, welche Rolle er in einer möglichen "Agenda" spielen kann. Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, dass sich der Kulturanteil in der Warenproduktion erheblich vergrößert hat und es keinen Sinn mehr macht, zwischen Kultur und Ökonomie eine starre Grenze zu ziehen. Die Symbol- und Zeichenproduktion hat sich ausgedehnt und ist nicht mehr nur auf die mediale Verbreitung von Ideologien beschränkt. Die klassische Ideologiekritik ist nach wie vor wichtig. Aber um die Zählebigkeit der herrschenden Erzählungen zu verstehen, sie zu dechiffrieren und zu hintertreiben, ist ein weiter gespanntes Netz an Begriffen und Methoden nötig, wie sie auch in der Vergangenheit in linken Kulturtheorien entwickelt wurden.

Nötig ist, wie Fredric Jameson in seinem letzten Buch Mythen der Moderne vorgeschlagen hat, eine "narrative Aufklärung". Vor allem zwei Aufgaben sind zu bewältigen. Zunächst ist zu erklären, wie ein Regime, das offenkundig gegen die Interessen der Mehrheit der Bevölkerungen gerichtet ist, seit 20 Jahren mit den gleichen Phrasen und Rezepten durchkommt. Stories wie die vom Sparen, von der Alternativlosigkeit, der Ehrlichkeit in der Politik, viele kleine Erzählungen, wie sie im Fernsehen, in politischen Biographien, oder anderen allgemein verständlichen Traktaten verbreitet werden, müssen en detail dechiffriert, ihre Funktions- und Verbreitungsweise analysiert werden, bei Anerkennung ihres Erfolgs und ihrer Wirksamkeit. Nicht nur in den Musik-Clips von MTV werden komplette Erzählungen in kurzen Sequenzen verpackt.

Anders als in der klassischen Ideologiekritik wird damit dem Umstand Rechnung getragen, dass die Produktion von Zeichen, Symbolen, Bedeutungen in den Medien mit einem hohen kulturellen Aufwand betrieben wird. Ein zeitgemäßer linker Kulturbegriff und eine entsprechende kulturelle Kompetenz sind wichtiger denn je, um mögliche Freiräume zu erkennen und im System gegen dieses zu arbeiten. Solch ein Kulturbegriff könnte sich auf drei Säulen stützen. Vor allem in den Cultural Studies wurde vielfach darauf hingewiesen, dass die produzierten Zeichen und Bedeutungen nicht eindeutig sind, decodiert und auch umcodiert werden können. Die Cultural Studies haben sich seit den Tagen von Stuart Hall zwar verändert und ihren rebellischen, widerständigen Impuls verloren. Sie haben sich ausgedehnt und in ihnen gibt es mittlerweile Untersuchungen über das Konsumverhalten der Mittelschichten in Katmandu. Das ist überhaupt nicht despektierlich gemeint, illustriert vielmehr die großen Möglichkeiten gerade transnationaler Arbeit, wenn der widerständige Impuls der Cultural Studies wieder in den Vordergrund tritt.

Auch wäre es unsinnig, die gute alte Kritische Theorie zu vernachlässigen oder sich mit einer kanonisierten wie harmlosen Fassung zufrieden zu geben, der zufolge alles nur Manipulation ist und der Einzelne sich allenfalls in den Zustand einer adornitischen Übellaunigkeit hinüberretten kann. Eine aktualisierte Kritik der Kulturindustrien kann auch hier Begriffe und Haltungen finden, um sich in den neuen, modernisierten Industrien zurechtzufinden, etwa indem die ästhetischen Texte Adornos von der mittlerweile schwer überschaubaren Vielzahl von Medien- und Kopfarbeitern als Gesellschaftstheorie verstanden werden.

Dies gelingt umso besser, wenn ein dritter Theoriezweig hinzutritt. Gemeint ist die linke Theorie der Postmoderne in den Vereinigten Staaten, wie sie vor allem von Fredric Jameson entwickelt wurde. "Die Postmoderne ist eine Produktionsweise", mit diesem Satz hatte Jameson die Grenze zwischen Gesellschafts- und Kulturtheorie eingerissen. Hier ist mehr als nur eine amerikanisch geprägte, globale Orientierung, eine "geopolitische Ästhetik", eine marxistische Kritik des Systems von innen heraus zu gewinnen - und nebenbei den alteuropäischen Popanz, die Trennung zwischen U- und E- Kultur zu entsorgen, die allen pseudoelitären Rückzugsgefechten wie populistischen Kulturalismen zugrunde liegt.

Aber es geht nicht nur darum, den gefürchteten deutschen Provinzialismus auszutreiben und damit gegenüber einer neuen Regierung, die auch hier weiter zurück schreiten wird, zu punkten. Auch der Hinweis, dass gerade eine Kulturtheorie auf der Höhe ihrer Zeit die Stärke der Linke war, als sie in den sechziger und siebziger Jahren noch Ausstrahlungskraft besaß, ist eher taktischer Natur. Debatten über eine "post-neoliberale Agenda", über einen "Marx für unsere Zeit" sollten bei diesen Theorien ansetzen, denn bislang sind die Diskussionen über eine Linke, eine Linkspartei, eine "post-liberale Agenda", von Reduktionen aller Art gezeichnet. Statt die Debatten ökonomisch, politisch oder parlamentarisch zu verkürzen, ist es sinnvoll, thematisch in die Breite zu gehen, nicht nur taktisch die Kultur ins Boot zu holen, damit auch sie dabei ist, sondern kultureller zu agieren, ihr Erkenntnis- und Phantasiepotential gegenüber einem vielfach mit kulturellen Codes operierenden Kapitalismus zu nutzen. Andernfalls stehen die Chancen sehr viel schlechter, neben vielerlei Verteidigungskämpfen in den nächsten Jahren gelegentlich die eine oder andere Offensivaktion zu lancieren.


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