Kunst und Maschinen

Ausstellung In Maschinen steckt vergegenständlichte, tote Arbeit. Der lebendigen tritt sie in der Regel feindlich gegenüber. Aber in Maschinen lagert auch viel ...

In Maschinen steckt vergegenständlichte, tote Arbeit. Der lebendigen tritt sie in der Regel feindlich gegenüber. Aber in Maschinen lagert auch viel menschliche Hoffnung, sie würden schwere Arbeit übernehmen und das Reich der Freiheit eröffnen. Und nicht fern dieses Wunsches lauert der Alptraum, demzufolge die ins Unübersehbare angeschwollene tote Arbeit übermächtig wird, und die Maschinen diejenigen, die sie einst bauten, erdrücken.

Seit der industriellen Revolution kehren diese Themen regelmäßig in der Kunstgeschichte wieder. Original und Reproduktion, das Genie und die Maschine, Mechanik und Leben. Warhol, der davon träumte, eine Maschine zu sein, Duchamp, der die Konfektionsware als von ihm signiertes Readymade museumstauglich machte, die industrielle Malerei der Situationisten, die den kulturellen Konsum wie den der Kunst kritisierten. Und auf der anderen Seite der Originalitätskult, der nach wie vor den Kulturbetrieb beherrscht. Das sind die Koordinaten und Gegensätze einer Ausstellung über Kunstmaschinen - Maschinenkunst in der Frankfurter Schirn. Sie öffnen ein reiches Assoziationsfeld, und es ist kein geringes Vergnügen anzusehen, wie das große Thema klein anfängt.

Das beginnt bereits bei der "Kunstmaschine" Museum. Wer durch die Räume der Schirn geht, begegnet direkt neben dem Eingang der Installation Die Preußische Brautmaschine von Rebecca Horn. In gut zwei Meter Höhe nehmen Pinsel in Minutenabständen blaue Farbe aus zwei Schalen auf und spritzen sie auf unter ihnen befestigte Hochzeitsschuhe. Nach wenigen Tagen bereits beschwerten sich Besucher, die Farbe würde auch ihre Kleidung beschmutzen. Seitdem werkeln die Pinsel trocken umher. Maschinen können eine ausgesprochen schmutzige Angelegenheit sein, monoton, dreckig, unangenehm. Schön ist das wirklich nicht.

Wer nun erwartet, dass ein Museum gepflegt spielerisch mit dieser industriellen Tatsache verfährt, sollte weitergehen und kräftig durch die große gelbe Röhre von Andreas Zybach stapfen. Ihre beweglichen Elemente sind mit Leitungen verbunden, die je nach Stärke der Erschütterungen ihre schwarze Farbe auf dem Boden verteilen und das Museum einsauen. Zu einer richtigen Maschinenwelt gehören schließlich auch das Reinigungspersonal und andere Arbeitskräfte, deren Tätigkeit in der bürgerlichen Öffentlichkeit im Verborgenen stattfindet. Hier kann man ihrer gedenken. Auch das Museumspersonal, das üblicherweise leblos die Ausstellungsstücke überwacht, läuft angeregt umher, erklärt, als wäre es von einem schrecklichen Zauber befreit, aufgeräumt bis weitschweifig, was es mit allem auf sich hat und wo Mitwirkung möglich ist. Das klingt kindisch? Das ist es auch.

Der Hinweis auf die Kindlichkeit der Ausstellung sollte aber in keinem Fall despektierlich verstanden werden. In der Frankfurter Schirn werden keine großen, neuen Thesen über das Verhältnis von Individuum und Technik, Originalität und Kopie aufgestellt. Viel eher findet sich hier der muntere Beweis, dass Maschinen eine vertrackte Sache sind, ambivalent, widersprüchlich. Außerdem stecken sie voller Überraschungen, wenn sich ihre Bedienung ein wenig ändert. Diese Ausstellung hat etwas Unbekümmertes - und Unbekümmertheit gegenüber den riesigen Mengen toter Arbeit, die den westlichen Konsum- und Arbeitsbürger umgeben, ist eine Haltung, die nur mit Anstrengung und viel Konzentration erreicht werden kann.

Was den Stand der Reproduktionstechnik heute angeht, sind viele der ausgestellten Objekte nicht mehr state of the art. Jean Tinguelys Installationen aus den fünfziger Jahren - mit ihren teilweise anfälligen mechanischen Versatzstücken, dem Fahrrad, das einen Stift bewegt - wirken in einer Zeit, in der Nam June Paik bereits im Pantheon der Reproduktionskunst ruht, wie Fossilien. Aber das hat nichts Nostalgisches. Entscheidend ist der Impuls, den Maschinen näher zu treten und zu schauen, ob die Fantasie ihnen etwas Brauchbares, vielleicht sogar Schönes abzuringen vermag.

Kunstmaschinen - Maschinenkunst. Kunsthalle Schirn, Frankfurt am Main. Noch bis zum 27. Januar 2008, Katalog, Kehrer, 24 EUR

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