Feministisch ein Café betreiben

Aktivismus Brüssel hat nun ein feministisches Café. Die Betreiber*innen wollen einen Ort für alle schaffen, mit Bier von Brauerinnen und vielen Veranstaltungen
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Feministisch ein Café betreiben
„Eine Frau braucht einen Mann wie ein Fisch ein Fahrrad“, sagte die australische Menschenrechtlerin Irina Dunn. Wo sie recht hat, hat sie recht

Foto: Windell Oskay/Flickr (CC BY 2.0)

  

An einem verregneten Samstagabend beleuchtet ein Scheinwerfer die kleine Bühne, auf der Leute selbst geschriebene Texte vortragen. Offene Bühne im poisson sans bicyclette. Das Thema des Abends ist ‚Revolte‘, und so geht es um Anfeindungen im Alltag, gesellschaftliche Zustände und Gewalt in der Beziehung. Die Organisator*innen wählten es, nachdem zwei Wochen vorher eine Demonstration gegen Sexismus im öffentlichen Raum von der Brüsseler Polizei gewaltsam aufgelöst worden war.

Das poisson sans bicyclette ist eines der ersten feministischen Cafés in Brüssel und ganz Belgien. Verschiedene Brüsseler Initiativen veranstalten Diskussionsabende und Konzerte hier. Etwa Guerrilla Resistance, ein Kollektiv aus queeren Menschen verschiedener Länder, das Literatur und Politik macht. Außerdem findet einmal im Monat ein ‘feministischer Apéro’ statt, der belgische Apéritif vor dem Abendessen, bei dem es Snacks und Käse zu belgischem Bier gibt. Bei diesen 'feministischen Apéros' werden aktuelle Themen rund um Feminismus besprochen. Eine Bibliothek stellt neben Büchern auch Podcasts zur Verfügung, Spiele von Frauenmannschaften der höheren Ligen in Belgien schauen Besucher*innen hier gemeinsam an. Das Konzept reicht bis zur Getränkekarte, auf der Weine und Biere von Winzerinnen und Brauerinnen stehen.

Die Idee für das poisson sans bicyclette, der Fisch ohne Fahrrad auf Deutsch, hatte eine Gruppe Feminist*innen letztes Jahr. Sie wollten einen Raum schaffen, wo Feminist*innen sich austauschen können, Diskussionen anstoßen oder weiterdrehen, und ohne Blicke oder Belästigung einen Drink zu sich nehmen können. Als ihnen dann die Gemeinde Räumlichkeiten im Haus der Frauen von Schaerbeek zur Verfügung stellte, konnte es im September 2017 losgehen. Benannt ist das Café nach dem Slogan der australischen Menschenrechtlerin Irina Dunn, die in den 1970er Jahren sagte: „Eine Frau braucht einen Mann wie ein Fisch ein Fahrrad“.

Hier, im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek, sind solche Projekte eher ungewöhnlich. Schaerbeek gilt weniger als Ausgeh- und Schaffensort für junge Leute als die Viertel Saint-Gilles oder Ixelles und ist weniger angesagt. Gleichzeitig ähnelt Schaerbeek mit seinen Studierenden-WGs, einem hohen Anteil von Bürger*innen, die seit ein bis vier Generationen hier wohnen, Gemüseläden und Künstler*innen dem Berliner Stadtteil Wedding. Von beiden Vierteln sagt man, dass sie „im Kommen“ seien, es hip wird, mehr Ausgehmöglichkeiten hinzukommen und die Mieten steigen.

Wer wäscht die Socken von Revoluzzern

Im poisson sans bicyclette kleben Sticker an den Säulen: „Mein Körper meine Wahl“, oder „Revoluzzer aller Länder, wer wäscht eure Socken?“ Seit der Eröffnung im September 2017 laufe es gut, sagt Amandine, eine der Mitgründer*innen. Anfangs hätten sie befürchtet, dass ihre Idee zu sehr eine Nische sei. Aber sowohl Gäste als auch die beteiligten Ehrenamtlichen würden positive Rückmeldungen geben. „Wir glauben, dass es auch der Zeitgeist ist, dass Feminismus ein wenig Mode geworden ist. Vor zehn Jahren hätten wir wahrscheinlich nicht die gleiche Resonanz gehabt“, vermutet Amandine. Kritik blieb bisher aus, über die Eröffnung berichteten viele belgische Medien, und meist positiv.

Das liegt auch daran, dass das poisson sans bicyclette zwar nicht das erste feministische Café Belgiens oder Brüssels ist, aber es bisher wenige Vorläufer gab. Lediglich ein Frauencafé in Liège in den 1980er Jahren und vereinzelt Bars für Lesben. Und andere Cafés, die auch, aber nicht explizit feministisch seien, wie das Le Space im Brüsseler Zentrum, das den antikapitalistischen Ansatz teile, sagt Amandine.

Aber warum braucht es ein Café, das sich feministisch nennt? „Cafés sind immer noch Freizeitorte, die oft sehr männlich besetzt sind, was die Betreiber und die Besucher angeht. Frauen fühlen sich manchmal nicht wohl, sexuelle Belästigung gibt es auch an diesen Orten“, sagt Amandine. Sie wollen einen Ort kreieren, der „so sicher wie möglich ist“, wo man keine Sorge vor Belästigungen oder Anmachen haben muss. „Viele Frauen und Transpersonen haben uns gesagt, dass sie sich hier wohl fühlen“.

Hier sollen nicht nur Leute herkommen, die sich bereits als feministisch verstehen. Sondern auch die, die sich dafür interessieren oder prinzipiell fänden, dass Frauenrechte ein Thema seien, meint Amandine. Es ginge nicht darum, nur eine Bar für Frauen zu machen. Und so kommen, wenn auch weniger, Männer zu Veranstaltungen. Meist solche, die bereits sensibilisiert seien für Feminismus, sagt die Mitgründerin.

Feminismus, das bedeutet für die Betreiber*innen „inklusiv, solidarisch und dekolonial“ zu sein. Das soll heißen, dass die Betreiber*innen sich Gedanken darüber machen, wie unterschiedlich Frauen von Ungerechtigkeiten betroffen sind. „Wir achten sehr auf Fragen von Transidentität, was unter Feminist*innen nicht immer der Fall ist. Deshalb haben wir einen Workshop organisiert, in dem es darum ging, transphobe Argumente im feministischen Milieu auseinanderzunehmen. Transpersonen werden nicht nur von patriarchalen Gesellschaftsstrukturen ausgeschlossen, sondern oft auch von feministischen Bewegungen.“

Neben diesem Fokus meinen sie mit „dekolonial“, zu beachten, dass zwar die Zeit von Kolonisierung, etwa Belgiens, vorbei ist, aber dass rassistische Strukturen immer noch in Europa verankert sind. Daher diskutieren Amandine und rund 15 weitere Ehrenamtliche untereinander, organisieren Weiterbildungen zu eigenen Privilegien, denn die Betreiber*innen sind hauptsächlich weiße Feminist*innen. Wenn man selbst nicht betroffen sei, gehe es darum, betroffenen Personen zuzuhören und Raum zu geben, sie sprechen zu lassen, findet das Team des Cafés.

Entscheidungen treffen sie gemeinsam, ohne Chef*innen oder Hierarchien. Weil sie sich als Feminst*innen fragen, wie Macht verteilt ist, auch untereinander, sagt Amandine.

15:37 15.06.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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