Kleine Schritte zur Vorbeugung

GROSSBRITANNIEN Brüder werden tatsächlich zu Beschützern ihrer Schwestern

Abdali spielt Fußball. Mit seinen somalischen Freunden gehört er zum Fußballteam des London Black Women Health Action Project (LBWHAP). In seiner Hosentasche klappert mit den Pennies eine kleine Münze, auf der die Telefonnummer dieser Organisation steht. Abdali lebt mit seinen Eltern und seinen Schwestern in Tar Hamlet, einem Stadtteil von London. Seine Eltern wissen nichts von Abdalis Notfallmünze.

Genitale Verstümmelung von Mädchen zu verhindern, Eltern aufzuklären und betroffenen Frauen und Mädchen zu helfen, das sind die Schwerpunkte des LBWHAP. Der von somalischen Frauen 1982 gegründete Verein ist unter den mehr als 27.000 Somalis im Großraum London bekannt. Shamis Dirie, die Geschäftsführerin, sagt: »Wir arbeiten auf der Graswurzelebene. Denn wenn du nicht die Eltern und Kinder erziehst und aufklärst, wirst du nichts erreichen.« Eltern treffen sich bei der LBWHAP, um über die Erziehung der Kinder zu reden. Dabei kommt das Gespräch auch auf fgm. Bei mehr als 90 Prozent der Somalis wird die Infibulation, die drastischste Form der weiblichen Genitalverstümmelung, praktiziert. Die Frauen des LBWHAP klären auf über die gesundheitlichen, manchmal lebensbedrohlichen Komplikationen. Gemeinsam mit den Eltern überlegen sie, was zu tun wäre. »Es ist die Strategie der kleinen Schritte«, sagt Shamis Dirie. Sie will die Menschen überzeugen, nicht bevormunden. Ihre Enkeltöchter sind alle intakt.

Abdalis Schwestern werden es auch bleiben, weil ihr Bruder weiß, was weibliche Genitalbverstümmlung heißt. Er hat in der Schule ein Video darüber gesehen. Auch der Jugendwart des LBWHAP, der mit ihm und seinen Freunden Fußball spielt, spricht mit den Jungen über die Folgen der weiblichen Genitalverstümmelung. Zu ihm hat Abdali Vertrauen. Und wenn Abdali merkt, daß seine Eltern seine Schwestern beschneiden lassen oder dafür außer Landes bringen wollen, ruft er bei den Menschen von LBWHAP an. Die kommen dann und reden mit den Eltern. Einerseits kann ein nicht verstümmeltes Mädchen nicht verheiratet werden. Andererseits stellen zwei Gesetze fgm unter Strafe. Der Female Circumcision Act, das Gesetz zum Verbot der Ausführung und Mithilfe der weiblichen Genitalverstümmelung, wurde 1985 verabschiedet. Der Children Protection Act zur Unterbindung der Verschleppung der Kinder zum Zwecke der Genitalverstümmelung wurde 1989 verabschiedet. Beide Gesetze sind noch nicht angewendet worden. Im Dezember 1997 wurde bekannt, daß ein Arzt in Manchester Mädchen verstümmelt. Bis heute hat weder die Staatsanwaltschaft noch die Ärzteschaft Anklage erhoben.

Für die Gespräche des LBWHAP mit den Familien ist es dennoch wichtig, daß die Gesetze zumindest existieren. Die Lösung, die Eltern und LBWHAP gemeinsam finden, ist oft ein Kompromiß. Mädchen wird »nur die Klitoris« entfernt, sie werden nicht mehr zugenäht. Die Komplikationen sind geringer, trotzdem handelt es sich immer noch um eine Genitalverstümmelung.

In Großbritannien leben mehr von fgm betroffene Frauen als in Deutschland. Sie kommen hauptsächlich aus Somalia und aus dem Sudan, aber auch aus westafrikanischen Ländern und aus dem Jemen. In London, Birmingham, Liverpool und Manchester ist LBWHAP aktiv, bemüht sich, fgm zu verhindern, Komplikationen nach der Verstümmelung zu behandeln. Vier Kliniken bieten inzwischen, sich auf die Vorarbeit von Nichtregierungsorganisationen stützend, spezielle Hilfe für die gesundheitlichen Probleme, die aus fgm resultieren.




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