Iwan der Schreckliche - reloaded

Philharmonie. Selten wurde bei einem Auftritt von Wladimir Kaminer so wenig gelacht und doch blieb manches Auge nicht trocken.
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Normalerweise steht er alleine auf der Bühne. Jetzt fand Wladimir Kaminer, der für seine lustigen Geschichten bekannt ist, eine neue Aufgabe. Als Moderator für klassische Musik, die lange nicht mehr in Deutschland gespielt wurde, schlüpfte er in die Rolle des Erzählers, Narr und Zar gleichzeitig.

Am letzten Wochenende wurde Prokofjews Oratorium Iwan der Schreckliche in der Berliner Philharmonie gespielt. Abram Stassewitsch stellte 1961/62 aus Prokofjews Partitur ein Oratorium zusammen, das die wesentlichen Teile der drei geplanten Verfilmungen des gleichnamigen Kinofilms von Sergej Eisensteins vereint. Ein Sprecher verbindet die Elemente.

Der Chefdirigent des Deutschen Symphonieorchesters Tugan Sokhiev, führte ein glänzendes Orchester, die Solisten Olga Borodina und Ildar Abdrazakov und den Erzähler souverän durch das einstündige Oratorium. “Ich musste dem Dirigenten Tugan Sokhiev versprechen, nichts Lustiges zu lesen”, grinst Kaminer, der vor allem durch seine Humoresken bekannt ist. Der sogenannte „Gottesnarr“, der in der russischen Literatur und Oper häufig vorkommt, hat die Freikarte, vor Zar und Volk das auszudrücken, was sonst niemand aussprechen darf und sagt dem Zaren schwere Zeiten voraus.

Der durch die Bojaren streng am Hof erzogene Waise Iwan, lässt sich im 16. Jahrhundert zum Zaren krönen und will das russische Reich bis ans Meer ausweiten und in sich vereinen. Während der Festlichkeiten seiner Hochzeit mit der schönen Anastasia Romanova verwüstet ein Brand Moskau und besiegelt ein furchtbares Omen. Iwans Plan, aus Moskau ein drittes Rom zu machen, scheitert im Krieg gegen die Tataren bei der Schlacht um Kasan. Doch schlimmer als die äußeren Feinde, sind seine Inneren. Iwans Cousine Ephrosinia vergiftet dessen Frau und will die Herrschaft ihres Sohnes Wladimirs besiegeln, indem sie auch nach Iwans Leben trachtet. Dieser vereitelt den Mordplan, zieht sich nach Alexandrow zurück und lässt sich dort durch die Opritschniki, eine Mischung aus Geheimpolizei und Privatarmee, beschützen, die im Volk Angst und Schrecken verbreiten.

Anders als der erste Teil des Films, der direkt vom Kreml bestellt wurde, weil Eisenstein es schaffte die Massen durch seine Bildersprache zu begeistern, wurde der zweite Teil, der die Schreckensherrschaft Iwans darstellte, von Stalin verboten. Mit dem Dreh zum dritten Teil konnte nicht einmal mehr begonnen werden, er sollte den Fall und die Reue Iwans zeigen. So blieben Musik und Film unvollständig und Eisenstein war der Kritik ausgesetzt, er hätte Iwan den Schrecklichen verherrlichend dargestellt.

Um dem opernhaften Pathos zu entgehen, der die Originalfassung sperrig und zeitgemäß veraltet machte, schrieb Kaminer eine eigene Textfassung, in der er versuchte, den wahren Sinn der Geschichte hinter den Zeilen zu finden und sie in eine unserer Zeit angemessenen Sprache zu übersetzen. Die Musik, des Films, der 1942 gedreht wurde, schrieb Prokofiev während des Weltkrieges. Die Bläser besiegeln den Aufstieg, Iwans Krönung und Hochzeit und mit schwerem Blech setzen sie den Kampf der Tataren auf Kasan durch, während die beinahe sphärische Töne eines großartigen Chores einsetzen, als Iwan sein Ende sieht.

Zar Iwan der Schreckliche war zwar ein gnadenloser Herrscher, aber doch eine schillernde Figur der russischen Literaturgeschichte, der das Land zusammenhalten und gleichzeitig vergrößern wollte. Das Volk litt, ohne dem Zaren zu widersprechen. Kaminer sieht dazu Parallelen in der heutigen Zeit Das Selbstbewusstsein der Bevölkerung sei damals wie heute in Russland nicht besonders ausgeprägt gewesen und die Menschen dachten, es wäre vielleicht besser, über längere Zeit einen und den selben Schrecklichen Zaren zu haben. „Irgendwie hatten sie aus der Geschichte gelernt, dass jeder neue Zar noch schrecklicher war als der Vorige. Bei dem neuen wussten sie nicht, wie schrecklich er sein würde, den Alten kannten sie schon."

Prokofjew schrieb die Musik während des Weltkrieges, als das russische Volk, geschunden durch die Deutschen, wieder näher aneinander rückte und sich vereinte. Kaminer glaubt, dass die Musik allein in einer solchen Situation hatte entstehen können, und die Stimme des Landes darstellt. Die Musik sei die Geste des Widerstandes „und das ist für mich der einzige Ursprung jeder vernünftigen Musik. Erst in der Situation der Not, kann der Gedanke von Solidarität entstehen.“

Das Publikum jedenfalls war begeistert. Ein schier nicht enden wollender Applaus trocknete manches glänzende Auge, beendete einen äußerst gelungenen und ergreifenden Abend und lässt auf Fortsetzung solcher interdisziplinärer Konzerterlebnisse hoffen.

15:56 14.01.2013
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