Denken mit den Sinnen

Informationsprozesse Die künstlerische Intelligenz der NaturWissenschaft bei der Erschließung ihrer Untersuchungsgegenstände und die Zukunft der Übersetzung hin zur künstlichen Natur II
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Denken mit den Sinnen
Ein „Netzwerk aus Ökosystemen“

Foto: Nasa/Getty Images

Ich denke überhaupt sehr selten in Worten. Ein Gedanke kommt und ich kann hinterher versuchen, ihn in Worten auszudrücken.“ Obwohl Ray Kurzweil in How To Create A Mind (2012) dieses Zitat Albert Einsteins an den Beginn eines Kapitels über seine eigenen Gedankenexperimente über das Denken voranstellt, geht es ihm im Folgenden um die Beschäftigung mit visuellen Eindrücken und deren sprachlicher Ordnung innerhalb der Informationsprozesse des Gehirns. Im Unterschied zu Kurzweils Ideen zur Erschaffung der Künstlichen Intelligenz hat Norbert Wiener für die Kybernetik die Bedeutung des Austauschs von Informationen durch Feedback-Schleifen zwischen sensormotorischen Organen betont. Entsprechend fragen Rolf Pfeifer und Josh Bongard How the Body Shapes the Way We Think? (2007).

Infrage stehen die äußere Aufnahme von Informationen, die inneren Informationsprozesse sowie die Definition von Intelligenz. Für den Psychologen Howard Gardner ist die Intelligenz nicht nur sprachlich und logisch, sondern es gibt ‚multiple Intelligenzen‘. Zu seinem Ansatz inspiriert hat ihn die Überzeugung, dass zum Verständnis der Entwicklung des Menschen künstlerische Fähigkeiten in Betracht gezogen werden müssen. In Frames of Mind (1983) veranschaulicht er dafür sprachliche, musikalische, logisch-mathematische, räumliche, körperlich-kinethische sowie eine personale Intelligenz. Damit spricht Gardner von Intelligenz gegenüber der Fähigkeit zum Fühlen und Mitfühlen und bezieht die körperliche Bewegung im Raum in seine Definitionen mit ein. Letztlich sind für ihn alle Definitionen von Intelligenz lediglich Fiktionen, denn die Natur sei von Verbindungen bestimmt. Anhand des Stichworts „enactive approach“ entwickelt der Philosoph Alva Noë in Action in Perception (2004) die Theorie, dass die Wahrnehmung auf ‚sensormotorischem Wissen‘ entstanden durch Bewegung, Interaktion und damit Formen der Berührung zwischen Mensch und Welt beruht. Wie er in Strange Tools (2015) ausführt, verlässt sich die Wissenschaft auf das Gesehene, während die Kunst darauf hinweist, dass das Sehen selbst aus dem aktiven Kontakt mit der Welt entsteht. Für Noë ist die Kunst eine natürliche Technik, die den Menschen hilft, durch Muster die Welt zu organisieren.

Mysteriöses Festhalten

Über die Praxis der Verarbeitung und Darstellung des Gesehenen in der Zeichnung nähert sich Omar W. Nasim in Observing by Hand (2013) der Beobachtung der Nebulae durch die Astronomen des 19. Jahrhunderts an. Er betont das Besondere dieser wissenschaftlichen Objekte, aufgrund der Schwierigkeit die mysteriösen Phänomene festzuhalten und darzustellen. Eine Beobachtung ist zu dieser Zeit nur sehr wenigen Menschen möglich, die Zugang zu Teleskopen besitzen.

Wie Nasim verdeutlicht ist für die Arbeit des Astronomen Sir John Herschel (1792-1871) beim künstlerischen Akt der Zeichnung während der Beobachtung des Nebels die Verbindung zwischen Auge, Hand und Geist bedeutsam. Wissenschaftliche Konzepte dienten Herschel dazu über den momenthaften Eindruck des Gesehenen hinaus, das Verborgene zu begreifen. Während das Auge nur für kurze Zeit den Nebel als einen Körper erfasse, übernehme der Geist mittels des wissenschaftlichen Konzepts die Aufgabe Verbindungen herzustellen, gehe dieser Prozess in die Hand über, die damit beginne, das Phänomen festzuhalten. Anstelle auf mathematische Kalkulation setze Herschel die Beziehung von Auge und Hand als Leitfaden für die Entscheidung. Es entstehe eine „descriptive map“ eines Objekts, im Sinne einer Synthese, die mehr sei als die Summe ihrer Teile und von der Fähigkeit zur ‚Plastizität‘ des Geistes zeuge. Das Erschaffen führe bei Herschel zu einer Kontinuität zwischen Körper, Geist, Welt, dem Sichtbaren und Nicht-Sichtbaren. Und der Raum werde zur ‚psychologischen Synthese‘ einer Wahrnehmung, die die Sinne des Sehens wie Berührens verbinde.

Karten für den Wald des Denkens

Mehr als zweitausendneunhundert Zeichnungen im Sinne wissenschaftlicher Untersuchungen hat der Begründer der Neurowissenschaft und Nobelpreisträger Santiago Ramón y Cajal (1852-1934) hinterlassen. In The Beautiful Brain (2017) sind achtzig davon zu finden. Seine Entdeckungen konnten erst mit der Erfindung des Elektronenmikroskops im Jahr 1950 bewiesen werden und seine Zeichnungen werden auch heute noch zur Veranschaulichung verwendet, weil eine von ihnen mehr Informationen beinhaltet als eine Vielzahl von Fotografien. Mit seinen Zeichnungen hat er gezeigt, dass das Gehirn aus getrennten Nervenzellen besteht, die durch Kontakt miteinander in Austausch stehen.

Lyndel King und Eric Himmel verweisen in ihrer Beschäftigung mit Cajals Zeichnungen auf die Gemeinsamkeit von Astronomen und Neurowissenschaftlern, einen Gegenstand zu untersuchen, der lediglich mit modernen technischen Instrumenten sichtbar wird. In Bezug auf das Gehirn bedeute das nicht nur das Mikroskop zur Vergrößerung, sondern auch die Verwendung von Chemikalien, denn das zerteilte Gehirn lasse als Masse grauer und weißer Materie keine Einsicht wie andere Bereiche des Körpers zu.

Es ist die Verbindung aus künstlerischer Hingabe und visuellem Vermögen, die Cajal dazu befähigt, viele Stunden am Mikroskop zu verbringen und das Gesehene mittels seiner Vorstellungsgabe zu interpretieren. Für Cajal ist seine Arbeit, wie durch die Ausführung Kings und Himmels anhand dessen Lieblingsmetapher deutlich wird, gleich dem Versuch sich mittels eines Zeichenbuchs in einem Wald mit Milliarden miteinander verbundener Bäume zurechtzufinden, um letztlich einen „field guide to the forest“ zu erstellen. Cajal kennzeichne eine Vermittlung von Denken und Zeichnung, Beobachtung und Argumentation. Seine Zeichnungen seien Synthesen, Sammlungen unterschiedlicher Beobachtungen, die zuweilen durch Vergrößerung bestimmte Regionen hervorheben. Obwohl King und Himmel Cajals Zeichnungen ästhetische Entscheidungen zusprechen, sie als „modern“ bezeichnen, hat sich Cajal selbst gegen derartige Einschätzungen gewehrt. Für ihn bedurfte die Natur nicht der Kunst, um Ideen und Gefühle auszudrücken.

Dekorative Zellen

Mit seinen Kunstformen der Natur hat Ernst Haeckel (1834-1919), Zoologe und Evolutionsbiologe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die Schönheit der Natur aufgezeigt, indem er sie zur Dekoration werden ließ. Die von der Natur vorgegebene Symmetrie wird von Haeckel, wie der Biologe Olaf Breidbach verdeutlicht, durch die kulturelle Wahrnehmung seiner Zeit interpretiert. Auf diese Weise gerieten die Ästhetisierung der Natur und die Naturalisierung der Ästhetik in ein Wechselspiel, bei dem jedoch die Kultur über die Natur die Übermacht gewinne. Nach Breidbach folgt Haeckel dem Zeitgeist, dem Glauben an den Sieg der Technik über die Natur. Allerdings eröffnet Haeckels Verhältnis zu Darwins Evolutionstheorie die Möglichkeit für eine andere Perspektive.

Auch für Haeckels Erforschung der Einzeller, Radiolarien sind Instrumente wie Lupe und Mikroskop Ausgang seiner Entdeckungen. Erst die Technik erlaubt neue Einsichten der Wissenschaft in die Natur. Breidbach betont Haeckels Bestreben nicht einfach die Zelle, sondern ihren Entwicklungsprozess innerhalb der Evolution in einem Ornament zusammenzufassen. Er interpretiere die Grundstrukturen des Organischen als Muster auf dem Weg zu höherer Komplexität durch die gegenseitige Beeinflussung von Vererbung und Anpassung. Für Haeckel werde alles Denken und Handeln des Menschen zum Teil der Natur, weil der Mensch selbst Produkt der Evolution ist. Als Teil dieses Prozesses begreife er sich als Werkzeug der Natur, die sich in seinem Schaffen abzubilden suche.

Von der Übersetzung zur Schöpfung

Mit der Entwicklung von Techniken, die eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Natur obsolet machen, scheint den Menschen der Sinn für die Natur verloren zu gehen; oder dieser Wechsel verdeutlicht ihr Ringen um vermittelnde Übersetzung und ersetzende Schöpfung. In seiner Argumentation für einen „enactive approach“ versucht Noë nicht allein gegenüber der alltäglichen Wahrnehmung die Bedeutung einer allumfassenden körperlichen Verbindung mit der Welt hervorzuheben, sondern das Erleben in der Welt von der virtuellen Welt abzugrenzen. Seiner Meinung nach kann der Cyberspace nur entwickelt werden, wenn es gelingt, die vielfältigen äußeren sinnlichen Möglichkeiten der Wahrnehmung zu wiederholen, die die Informationsprozesse innerhalb des Menschen bestimmen. Demgegenüber setzt der Künstler Roy Ascott in seinem Aufsatz Back to Nature II (1995) auf das Argument, dass die Natur immer reine ‚Metapher‘, Interpretation des Menschen aus seiner kulturellen Sicht dargestellt hat. Für ihn steht der Tod der Natur im 21. Jahrhundert und deren Ersetzung in der virtuellen Welt bevor – der Eintritt in die ‚post-biologische Ära‘. In Ascotts Vision entsteht eine neue Materialität aus einer parapsychischen Heraufbeschwörung durch die Zusammenarbeit von Künstlern, die über das Computer-Netzwerk verbunden werden, um die „Nature II“ zu erschaffen.

Mittels einer Übertragung der familiären Strukturen, einer Anlehnung an die Trennung von Körper und Geist, schreibt der Philosoph Max More im Transhumanist Reader (2013) einen Abschieds-Brief an die Mutter Natur‘. Er bittet sie, dem ewig-abwesenden Vater die Botschaft der Menschen auszurichten. Zwar bedankt sich More bei ihr für die ‚Qualitäten‘, die sie den Menschen geschenkt hat, gleichzeitig macht er sie für die Mängel der Menschen verantwortlich, die sie nun selbstständig zu überwinden suchen. Der Vater scheint von ihm als Gott dem Schöpfer imaginiert zu werden, gegenüber dessen Unerreichbarkeit die Hoffnung besteht, sich ihm über das eigene Schaffen annähern zu können. Auf ähnliche Kategorien greift Ascott in seinem Aufsatz Telenoia (1993) zurück. Er spricht von einer weit zurückliegenden Ersetzung der rechten Gehirnhälfte als derjenigen, die für das sinnliche, intuitive und gleichzeitige Denken steht, durch die linke Gehirnhälfte dem Bereich des linearen Denkens, der Logik und stellt diesen Vorgang in eine Parallele zur Ablösung des Matriarchats durch das Patriarchat. Im Begriff „Telenoia“ will Ascott das Intuitive mit der rationalen Ordnung vermitteln. Mit ihm verbindet er den „mind at large“ im Sinne eines Netzwerks aus Bewusstsein. Aber auch entgrenzt, bleibt er nicht allein aufgrund des Namens in erster Linie Geist, denn die intensive Liebe zur Erde und zum menschlichen Körper, die die Menschen einmal empfunden hätten, sei durch die Sehnsucht nach der Überwindung derselben ersetzt worden. Es gelte die Kunst und, so kann geschlossen werden, derart, die Schöpfung mit dem Leben gleichzusetzen.

Sollte es Menschen möglich sein die Mysterien des Kosmos, des Bewusstseins und des Lebens für derartige Projekte ausreichend zu verstehen, muss die Natur für sie mit einberechnet werden. Obwohl die Biologin Lynn Margulis ihre Forschung ihrer Idee der Evolution durch Symbiose und James Lovelocks Gaia Theorie gewidmet hat, erscheint es ihr passender gegenüber der Erde von einem ‚Netzwerk aus Ökosystemen‘ zu sprechen, anstelle sie mit ‚Mutter Gaia‘ zu personifizieren. Aus ihrer Sicht sind die Menschen nur eine Lebensform unter anderen, entstanden aus der Interaktion von Mikroben. Entsprechend wendet sie in Symbiotic Planet (1998) die Möglichkeit ein, dass sich die Erde vom menschlichen Handeln erholt, aber die Spezies Mensch nicht überlebt.

Literaturverzeichnis

Ascott, Roy (2003): Telematic Embrace. Visionary Theories of Art, Technology, and Consciousness. Berkeley: University of California Press.

darin:

- „Back to Nature II. Art and Technology in the Twenty-First Century (1995)“. S: 327-339. Vgl. S. 327f., S. 329, S. 331ff., S. 337.

- „Telenoia (1993)“, S. 257-275. Vgl. S. 259f., S. 263f.

Siehe auch: Ascott, Roy (2013): „Back to Nature II. Art and Technology in the Twenty-First Century“. In: More, Max/Vita-More, Natasha (2013): The Transhumanist Reader. Classical and Contemporary Essays on the Science, Technology, and Philosophy of the Human Future. Chichester: Wiley-Blackwell, S. 438-448.

Breidbach, Olaf (2016): „Kurze Anleitung zum Bildgebrauch“. In: Haeckel, Ernst (2016): Kunstformen der Natur. Kunstformen aus dem Meer. München: Prestel Verlag., S. 103-115. Vgl. S. 103ff.

—-(2016): „Vorwort“. In: Haeckel, Ernst (2016): Kunstformen der Natur. Kunstformen aus dem Meer. München: Prestel Verlag., S. 7-11. Vg. S. 7f., S. 9f.

Ramón y Cajal, Santiago (2017): The Beautiful Brain. The Drawings of Santiago Ramón y Cajal. New York: Abrams. Vgl. S. 8ff, S. 17.

Gardner, Howard (1993): Frames of Mind. The Theory of Multiple Intelligences. London: Fontana Press. Vgl. S. 69.

—-(1999): Intelligence Reframed. Multiple Intelligences. New York: Basic Books. Vgl. S. 28.

King, Lyndel/Himmel, Eric (2017): „Drawing the Beautiful Brain“. In: Ramón y Cajal, Santiago (2017): The Beautiful Brain. The Drawings of Santiago Ramón y Cajal. New York: Abrams, S. 21-28. Vgl. S. 22ff., S. 28.

Kurzweil, Ray (2013): How to Create a Mind. The Secret of Human Thought Revealed. New York: Penguin Books. Vgl. S. 25ff.

Margulis, Lynn (1998): Symbiotic Planet. A New Look at Evolution. New York: Basic Books. Vgl. S. 1, S. 33, „I prefer the idea the Earth is a network of ‚ecosystems‘ over any personification of Mother Gaia.“, S. 106; vgl. S. 4, S. 115.

Nasim, Omar W. (2013): Observing by Hand. Sketching the Nebulae in the Nineteenth Century. Chicago/London: Chicago University Press. Vgl. S. 4f., S. 35, S. 223, S. 125f. , S. 156, S. 159ff.

Noë, Alva (2006): Action in Perception. Cambridge: MIT Press. Vgl. S. 1ff., S. 215f.

—-(2015): Strange Tools. Art and Human Nature. New York: Hill and Wang. Vgl. S. xif., S. 19.

More, Max (2013): „A Letter to Mother Nature“. In: More, Max/Vita-More, Natasha (2013): The Transhumanist Reader. Classical and Contemporary Essays on the Science, Technology, and Philosophy of the Human Future. Chichester: Wiley-Blackwell, S. 449-450. Vgl. S. 449ff.

Pfeifer, Rolf/Bongard, Josh (2007): How the Body Shapes the Way We Think. A New View of Intelligence. Cambridge: MIT Press.

Wiener, Norbert (1954): The Human Use of Human Beings. Cybernetics and Society. Boston: Da Capo Press. Vgl. S. 24ff., S. 157.

Innerhalb des Textes werden Quellen mit dem Jahr ihrer Ersterscheinung genannt.

19:12 12.06.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marion Leuthner

(Dr. phil.), Publikationen: (2016) Performance als Lebensform. Bielefeld: transcript, (2018) SIOIS. KDP
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Marion Leuthner

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