Die Eroberung des Universums

Visionen Über Ideen der Menschen, im Weltraum zu leben, und deren Umsetzbarkeit in der nahen oder fernen Zukunft
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Die Eroberung des Universums
Unterwegs gen Mars: So stellt man sich das bei SpaceX vor. Doch die Idee des menschlichen Lebens im Weltraum blickt auf eine längere Tradition zurück

Foto: SpaceX via Getty Images

Infolge der entstandenen Möglichkeiten durch Space X und dem Drang dessen Gründers Elon Musk, so schnell wie möglich mit der Kolonisierung des Mars zu beginnen, mehren sich die Hoffnungen darauf, dass Menschen jenseits der Erde im Weltraum leben könnten. Musk erklärt in der Dokumentation Werner Herzogs Lo and Behold (2016), dass der Grund für seine Anstrengungen die Kolonialisierung des Mars voranzutreiben, durch die Angst begründet ist, der Mensch könnte durch ein natürliches oder mensch-gemachtes Unglück den mit der Technik erreichten Vorsprung für die Raumfahrt wieder verlieren.

Sechs Mal landeten bemannte Missionen des Apollo-Programms der NASA von 1969-1972 auf dem Mond und zwölf Menschen haben ihn im Zuge dessen betreten. Danach haben sich die Menschen, um Planeten auszukundschaften auf die Entsendung von Maschinen beschränkt. Seit 1977 befinden sich die Raumsonden Voyager 1 und 2 auf einer Reise, die sie in uns unbekannte Regionen des Universums führen soll. Der Astronom Carl Sagan und seine Mitarbeiter haben die Botschaft der Menschen entworfen, mit der die Maschinen den Menschen ins Universum vorauseilen. Es ist nicht sicher, inwiefern die Menschen in ihrer jetzigen Form in der Lage sind, beziehungsweise sein werden, das Universum zu bereisen. Aufgrund dessen haben sich Manfred Clynes und Nathan Klyne in ihrem Aufsatz Cyborgs and Space (1960) mit der Möglichkeit auseinandergesetzt, den Menschen mittels Technik zu erweitern und dabei den Begriff „Cyborg“ (Cybernetic Organism) geprägt. Der menschliche Organismus soll nach ihnen zu einem ‚selbst-regulierenden System‘ verwandelt werden, das sich automatisch an unterschiedliche Umwelten anpasst. Seit den Beginnen sind die Ideen für Reisen des Menschen ins Universum mit den Möglichkeiten einer Weiter-Entwicklung des Menschen durch die Technik sowie einer künstlichen Über- oder Ersetzung der Natur verbunden.

Rationale Wesen und Gewächshäuser

Der Lehrer und Autodidakt Konstantin Tsiolkovsky gilt als Pionier der Raumfahrt. Seine fantastischen Schriften thematisieren mögliche neue Lebensräume, deren Verwandlung, fremde Lebensformen, Reisen der Menschen in Raketen.

Mit der Vorstellung, welche Folgen ein plötzliches Fehlen der Gravitation hätte, wie sich ein solcher Mangel auf den menschlichen Körper auswirken würde, beschäftigt sich Tsiolkovsky in Dreams of Earth and Sky. Er sinnt weiter und erfindet eine „special race of rational beings“, die ohne Luft in einem Vakuum allein vom Sonnenlicht leben kann und beinah unsterblich ist, weil es in ihrer Umgebung keine Gefahren gibt. Für Tsiolkovsky sind sie der Höhepunkt einer Entwicklungslinie von Lebensformen, die zuerst im Wasser, dann in der Luft und letztlich in einem Vakuum leben können. Vorbild sind ihm Pflanzen auf der Erde, die sich durch Photosynthese ernähren. Trotz aller Unterschiede verbindet Tsiolkovsky die Menschen mit dieser vorgestellten Lebensform, wenn er feststellt, dass auch die Menschheit als Ganzes unsterblich ist und am Ende von der Sonne lebt.

In Outside the Earth (1920) treffen im Jahr 2017 die bedeutendsten Wissenschaftler der Erde auf einem Schloss im Himalaya zusammen. Sie bauen eine Rakete, um die Planeten des Sonnensystems zu bereisen und mögliche neue Orte für menschliches Leben zu erkunden. An ihre Rakete fügen sie eine weitere an, die Raum für ein „greenhouse“ bietet. Dieses, so die Idee Tsiolkovskys, versorgt die Weltraumreisenden mit Nahrung in Überfülle. In der Folge beginnen die Menschen tausende Raketen zu „greenhouses“ zu verwandeln, um in ihnen als einer künstlichen Wiederholung ihres natürlichen Lebensraums in der Nähe der Erde leben zu können.

Künstlicher Lebensraum und künstliche Menschen

Bei J. D. Bernal, Pionier der Röntgenkristallografie, gewinnt der Einfluss der Technik gegenüber Tsiolkovsky an Bedeutung. Sein Essay The World, The Flesh and The Devil (1929), ist der Versuch das natürliche Leben durch künstliches Leben zu ersetzen. In erster Linie ist die Bernal Sphäre eine Raumstation mit einem festen Platz in der Umlaufbahn der Sonne. Dort soll sie den Menschen als Lebensraum dienen, ständig weiterentwickelt werden und darüber hinaus sollen weitere Sphären entstehen. Als Folge der unterschiedlichen Entwicklung der einzelnen Sphären und des entstehenden Platzmangels werden nach Bernal einige von ihnen für Reisen in Regionen außerhalb des Sonnensystems aufbrechen.

In der Ablösung des „normal man“ vom „mechanical man“ sieht Bernal die notwendige Weiterentwicklung der Menschen. Mit Verweis auf J. B. S. Haldane beschreibt er den künstlichen Entwicklungsprozess der Menschen, die ihr Leben in einer Fabrik für Ektogenese beginnen und am Ende ihres natürlichen Lebens durch Operationen transformiert werden. Die Erscheinungsformen der mechanischen Menschen werden nach Bernal vielfältig sein. Ausgehend von einer Schwerpunktlegung des Gehirns baut er die Körperstruktur der Menschen neu auf. Das Material des Körpers werde durch moderne Materialien wie Plastik ersetzt werden, das Gehirn neue Organe kontrollieren, die sich selbst reparieren können, und für einen funktionierenden Organismus sorgen. Anstelle auf Glieder setzt er auf neue Sinnesorgane, die zur Telepathie und Telekinese dienen sollen.

Für Bernal muss die physische Veränderung mit einer Psychischen einhergehen, aufgrund dessen löst er den Sexualinstinkt über einen Prozess der Sublimierung in der wissenschaftlichen und der künstlerischen Praxis auf. Gefühle werden, so Bernals Annahme, mit dem Ziel rationalisiert werden: ‚Wir werden leben, um zu denken anstelle zu denken, dass wir leben.‘ Allerdings erfasst ihn selbst gegenüber seinen Ideen ein gewisses Grauen, weshalb er einlenkt und feststellt, dass es nicht möglich sein wird, eine Entwicklung für alle Menschen zu erzwingen. Bernals Vision endet mit der Trennung der Menschheit: Während die Einen mithilfe der Wissenschaft ein neues Leben in ihren Sphären beginnen, werden die Anderen, die sich der Entwicklung verweigern, auf der Erde bleiben.

Leben auf Raumstationen

Anstelle der Überlegungen einer Anpassung des Menschen an neue Habitate stehen die Raumstationen des Physikers Gerard O’Neill in The High Frontier (1976) im Zeichen des Versuchs, dem Menschen sein gewohntes Leben in der Erdumlaufbahn zu ermöglichen. Die Raumstationen sind nach O'Neill eine Antwort auf den drohenden Platzmangel auf der Erde. Bis zum Jahr 2010 sollte die „Island One“ fertiggestellt sein, weitere und größere Islands sollten ihr folgen und derart eine Kolonie aus O'Neill Zylindern entstehen.

Für 10 000 Bewohner geeignet, stellt Island One in der Vorstellung O’Neills allen dort lebenden Menschen Apartments mit Gärten bereit und bietet alle bekannten Unterhaltungsmöglichkeiten, die die Menschen von der Erde kennen. Den Menschen erwartet in O’Neills Vision ein luxuriöses Leben bei gleichzeitigem Neustart im Umgang mit den Ressourcen und Abfällen der Menschen. Die Technik werde den Menschen zu einem neuen Umgang mit ihrem Lebensraum verhelfen. Für die Landwirtschaft sieht O’Neill eigene Stationen vor, um ein für das Wachstum der Pflanzen geeignetes Klima, heiß, feucht und mit einem geringeren Anteil an Sauerstoff, zu schaffen. Der Mond und der Asteroidengürtel böten dem Menschen ausreichend Ressourcen und Energie könne in erster Linie von der Sonne gewonnen werden.

In Richtung einer (weit) entfernten Zukunft

Keine der genannten Visionen haben sich bisher erfüllt. Wie Rachel Armstrong in ihrer Anthologie Star Ark (2017) verdeutlicht, besitzen die Menschen derzeit nicht die Technik, um ihr Leben in einem künstlichen Lebensraum dauerhaft zu erhalten. Leben auf der Internationalen Raumstation, gliche einem Leben in einer ‚feuchten transportablen Toilette‘, mit Folgen für den menschlichen Organismus, weshalb der Aufenthalt der Astro- und Cosmonauten in der Regel auf ein halbes Jahr beschränkt ist. Die ISS ist von Lieferungen von der Erde abhängig, die aufgrund der Entfernung zum Mars nicht möglich sind. Auch für ein mögliches Terraforming, um den Mars zu einer Erde zu verwandeln, fehlt, so Armstrong, die Technik.

Rachel Armstrong, Professorin für Experimentelle Architektur, ist Leiterin des Projekts Persephone, einem geplanten Mehr-Generationenschiff, das gleichzeitig einer Mehr-Generationen Aufgabe gleicht. Es gehört einer Internationalen Organisation mit dem Namen Icarus Interstellar an, die eine Sammlung von Projekten beherbergt und innerhalb von 100 Jahren eine Plattform zur Erforschung von Raumschiffen in der Erdumlaufbahn erschaffen will. Das Raumschiff Persephone soll das funktionierende System für das Leben als einer Verbindung von Luft, Wasser, Sonnenlicht und Erde abbilden. Armstrongs Hauptinteresse liegt in der Entwicklung von speziellen Erden, die dem Menschen auf seinen Reisen nicht nur die Grundlage für seine Nahrung bieten sollen. Anstelle der Erde, wie wir sie kennen, wird nach Armstrong eine intelligente Erde benötigt die dazu dient, dem Equilibrium, über die Erschaffung eines lebendigen Lebensraums zu entgehen. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, schlägt sie „Bütschli Droplets“ vor, die ihren Namen von ihrem Erfinder Otto Bütschli erhalten haben. Sie basieren auf starken Alkalien, Wasser und Öl, besitzen einen Stoffwechsel und bilden bewegliche Körper, die Verbindungen mit ihrer Umgebung eingehen sowie eine Programmierbarkeit erlauben sollen. Für Armstrong sind sie Beispiel für die Entwicklung eines „natural computing system“.

Ihre Ideen stellt Armstrong in das Zeichen der „Ecocene“. Anstelle von einer „Anthropocene“ zu sprechen, die lediglich in der Vorstellung verhaften bliebe, dass die Menschen ihren Lebensraum zerstören, sieht sie in der Ecocene die Möglichkeit in einem andauernden Prozess der Untersuchung aus toter Materie lebendige Systeme zu schaffen. Neben einer Entschlüsselung der Geheimnisse des Lebens, die es erlaubt das Intelligent Design weiterzuführen, implizieren diese Ideen eine Entwicklung des Menschen, die sich bei einer Befragung der Erfahrungen des Zeitreisenden aus H. G. Wells Roman Die Zeitmaschine (1895) als nicht gesichert erweist. Viel Zeit verwendet er darauf, eine nie da gewesene Maschine zu erschaffen, um in der Zukunft angekommen festzustellen, dass die „Oberwelt-Menschen“ aufgrund fehlender Aktivitäten und vorherrschender Bequemlichkeit geistig verkümmert sind. Der „Traum“ vom „Verstand“ weicht der Trauer über dessen „Selbstmord“. Trotzdem schöpft der Erzähler im Gegensatz zum Zeitreisenden Hoffnung. „Weiße Blüten“ aus der Zukunft sind ihm Anzeichen für „Dankbarkeit“ und „Liebe“ als Vermögen, die weiterwirken – auch in Abwesenheit der Vernunft.

Literaturverzeichnis

Armstrong, Rachel (Hg.) (2017): Star Ark. A Living, Self-Sustaining Spaceship. Chichester: Springer.

darin:

- An ecological approach to interstellar exploration by Rachel Armstrong, S. 74-102. Vgl. S. 81ff., S. 99f.

- Building a worldship interior by Rachel Armstrong, S. 129-147. Vgl. S. 141, S. 139, S. 131, S. 144, S. 145.

- Choreography of embodiment by Rachel Armstrong, S. 164-183. Vgl. S. 167.

- Designing and engineering the infrastructure for life by Rachel Armstrong, S. 148- 163. S. 157.

- The Interstellar Question: an ecological view by Rachel Armstrong. S. 2-20. Vgl. S. 3., S. 6

Bernal, J. D. (2010): The World, The Flesh & The Devil. An Enquiry into the Future of the Three Enemies of the Rational Soul. Prism Key Press. Vgl. S. 21, S. 29.; S. 33; vgl. S. 31ff.; vgl. S. 52; S. 56; vgl. S. 46, S. 61f.

Clynes, Manfred E./Klyne, Nathan S. (2009): „Cyborgs and Space.“ In: Gray, Chris Hables (Hg.): The Cyborg Handbook. New York/Oxon: Routledge, S. 29-33. Vgl. S. 32f.

O’Neill, Gerard K. (2013): The Hight Frontier. Kindle.

Sagan, Carl (1980): Cosmos. New York: Random House. Vgl. S. 287f.

Tsiolkovsky, Konstantin (1979): „Dreams of Earth and Sky“. In: Starchild, Adam (Hg.): The Science Fiction of Konstantin Tsiolkovsky. Honolulu: University Press of the Pacific, S. 52-154. Vgl. S. 69ff., S. 93-105.

Tsiolkovsky, Konstantin (1979): „Outside the Earth“In: Starchild, Adam (Hg.): The Science Fiction of Konstantin Tsiolkovsky. Honolulu: University Press of the Pacific, S. 161-332. Vgl. 161, S. 249f., S. 270.

Wells, H. G. (2017): Die Zeitmaschine. München: dtv. Vgl. S. 56; S. 72, S. 109; vgl. S. 128.

Filmverzeichnis

Wovon träumt das Internet? (2016). Regie: Werner Herzog.

Internetquellen

https://www.nasa.gov/audience/forstudents/5-8/features/nasa-knows/what-was-apollo-program-58.html

https://voyager.jpl.nasa.gov/mission/interstellar-mission/

19:35 13.03.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marion Leuthner

(Dr. phil.), Publikationen: (2016) Performance als Lebensform. Bielefeld: transcript, (2018) SIOIS. KDP
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Marion Leuthner

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