DisHarmonische Austauschverhältnisse

Natur|Kultur Die Positionssuche der Menschen als Teil gegenüber der Biosphäre und über sie hinaus
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DisHarmonische Austauschverhältnisse

Foto: David McNew/Getty Images

Nachdem die Menschen infolge eines Krieges die Erde fast vollständig zerstört haben, begegnen die letzten Menschen einander wie der Natur mit Feindseligkeit. Ein Pilz verseucht den menschlichen Lebensraum. Zu den letzten Orten, an denen die Menschen überleben können, zählt das Tal der Winde (1984). Schuld an ihrer Situation sind aus Sicht der Menschen die riesigen, mit dem Pilz lebenden Insekten, weshalb sie zum ständigen Opfer menschlicher Angriffslust erklärt werden. Allein Prinzessin Nausicaä erkennt in der Zuwendung zur Natur und der Kommunikation mit den anderen Lebensformen, dass die Insekten nicht nur keine Feinde der Menschen sind, sondern sogar ihr Überleben sichern, indem sie für die Filterung des Wassers sorgen. Hayao Miyazaki kehrt die Geschichte seines Anime um und lässt Nausicaä die Legende erfüllen, nach der ein Mann die Vereinigung von „Schöpfung und Natur“ herbeiführen wird.

Wie neugierige Kinder, die noch nicht vom Spezialistentum der Gesellschaft verdorben sind, sollen nach R. Buckminster Fuller die Menschen wieder lernen die Welt zu sehen; Zusammenhänge überall da erschließen, wo Erwachsene nur Grenzen errichten. Für ihn sind die Menschen Astronauten, die sich auf dem Raumschiff Erde befinden. Das Problem dabei: Die Menschen besitzen keine Bedienungsanleitung für den Umgang mit der Erde, wie sie für die Instandhaltung von Maschinen erstellt werden. Aufgabe der Menschen sei es das fehlende Operating Manual for Spaceship Earth (1969), durch Einsicht in ihr Verhalten gegenüber der Erde zu ersetzen.

Aufmerksamkeit für den Planeten

Mit der Erweiterung des von Eduard Suess geprägten Begriffs Biosphäre zur Theorie fasst der Geochemiker Vladimir I. Vernadsky die lebendige Materie zu einem Mechanismus der Erdkruste zusammen. Auch wenn sich die Biosphere (1926) als eine Hülle oder Schicht lediglich auf einen Teil der Erde beschränkt, erinnert Vernadsky daran, dass Leben auf der Sonne beruht, sich Biomasse zu einer Gesteinsschicht verdichtet. Die Menschen begreift er als Teil des Mechanismus und gleichzeitig bezeichnet er sie als ‚geologische Kraft‘, der es gelte ihren Wunsch nach Freiheit mit der Biosphäre in Einklang zu bringen und sich auf diese Weise die Noösphäre zu vergegenwärtigen. Ein Begriff, den Vernadsky von Edouard Le Roy und Pierre Teilhard de Chardin übernimmt. Für Letzteren ist sie die „denkende Schicht“ oberhalb der Biosphäre, während Vernadsky sie als einen durch die Menschen hervorgerufenen evolutionären Status der Biosphäre versteht. Bereits 1944 warnt er vor den Folgen des vorwiegend unbewussten Handelns der Menschen, das drohe die Biosphäre zu zerstören. Es liege an ihnen, zu verstehen, dass in der Noösphäre ‚ihr Ideal von der Demokratie mit dem geologischen Prozess natürlicher Gesetze‘ vereint werden könne.

Ohne Kenntnis der Theorie von Vernadsky fasst der unabhängige Wissenschaftler James Lovelock das, was er unter dem Superorganismus Erde versteht unter dem Begriff Gaia zusammen. Für ihn ist sie ein sich selbsterhaltendes System dessen Teile, ob lebendig oder nicht-lebendig, über Rückkopplungs-Schleifen im Austausch stehen. Hielt es Lovelock im Jahr 1979 für möglich, dass die Menschen als Kollektiv das Bewusstsein Gaias verkörpern, stellt er im Laufe seiner fast fünfzig Jahre andauernden Beschäftigung mit Gaia fest, dass die Menschen ihr schaden, weshalb er in seinem im Jahr 2014 erschienenen Buch A Rough Ride to the Future schließt, sich geirrt zu haben; die Menschen seien noch nicht intelligent genug, um die Funktion eines Bewusstseins von Gaia zu erfüllen. Zu diesem Zeitpunkt hätten die Menschen weder die Mittel den Klimawandel im Einzelnen vorherzusagen noch ihn global mit Geoengineering zu bekämpfen. Die Zukunft der Menschen sieht er in der bereits andauernden Entwicklung der Vergrößerung der Großstädte, deren Klima reguliert werden soll, anstelle des Versuchs Geoengineering auf den ganzen Planeten anzuwenden und mit demselben Gaia möglicherweise weiter zu schaden. Lovelock glaubt an die Intelligenz der Menschen der Zukunft. Es müsse alles daran gesetzt werden, zumindest einen Teil der besonderen Spezies Mensch zu retten.

Begriffe für das Politische Handeln

Inspiriert von dem von Bruno Latour mit entwickelten Theaterprojekt Gaïa Global Circus (ab 2010), zuerst ausgearbeitet in Form von Vorträgen für die Einladung zu den Gifford Lectures mit dem Thema „Natürliche Religion“ (2013), ist das Buch Kampf um Gaia (2015) des Wissenschaftsanthropologen eine Vermischung aus künstlerischem Experiment, sprachlichem Vortrag, wissenschaftlichen Theorien Anderer und abschließender Reflexion. Als Ausgangspunkt dient ihm die Feststellung, dass sich aufgrund der Klimafrage die Beziehung zwischen Wissenschaft und Politik neu stellt und derart die Bedeutung einer Auseinandersetzung mit der Ablösung des Alten Regime vom Neuen Regime zutage gefördert wird.

Zwangsläufig führt nach Latour die Beschäftigung mit der Ökologie zum Wahnsinn, weil sie die Menschen auf ihre entfremdete „Beziehung zur Welt“ verweist. Wobei der Begriff Welt verdeutliche, dass den Menschen nicht klar sei, ob sie es mit der Natur oder Kultur zu tun hätten, weshalb Latour vorschlägt im Begriff Welt die Begriffe Natur/Kultur als Analogie zu vereinen und derart eine „metamorphische Zone“ offenzulegen. Der von Lovelock entlehnte Begriff Gaia ist ihm in diesem Zusammenhang das Sinnbild, für die notwendige Besinnung auf die Erde und als „Erdverbundene“ bezeichnet er diejenigen, die sich ihr widmen. Es gelte eine Ästhetik im Sinne einer Sensibilisierung zur Wahrnehmung und Betroffenheit zu entwickeln. Diese Sensibilisierung sei Voraussetzung für das Erkennen von Rückkoppelungs-Schleifen zwischen irdischer Wirklichkeit und Möglichkeit, um Fiktionen zu erzeugen und die notwendigen Wiederholungen sichtbar zu machen, die als Leitfaden zum politischen Handeln dienen können. Aufgabe in der Beziehung von Wissenschaft und Politik sei es, wie die Biologin Donna J. Haraway betone, „verantwortungsfähig zu werden“ als einem „fähig werden zu antworten“.

Haraway selbst sucht in Staying With the Trouble. Making Kin in the Chtulucene (2016) über eine Verwebung aus Wissenschaft, Erzeugnissen der Tierwelt, dem menschlichen Handwerk, persönlichen Erfahrungen und Science Fiction nach dem Ausweg aus dem Anthropozän. Die Begriffe ihres Titels Trouble, Making Kin, Chthulucene bilden gleichzeitig die Ausgangsbasis ihrer Argumentation.

Wenn alles in Bewegung ist, bedeutet das ständige Unruhe, weshalb aus Sicht Haraways die Einstellung bei den Menschen vorherrschen sollte, sich selbst als Teil dieser Unruhe zu begreifen. Verwandtschaft ist bei ihr nicht die durch Geburt festgelegte, familiäre Verwandtschaft, stattdessen verbindet sie mit „Making Kin“ die Idee, Verwandtschaft auch über die Grenzen der Spezies hinaus zu erkennen. Im Zeichen der Unruhe zu leben, die Bereitschaft zum Verbünden zu zeigen, bedeutet für Haraway nicht aufzugeben, weshalb sie dem deterministischen Begriff Anthropozän mit Chthulucene eine Aufforderung entgegensetzen will. Stehe Anthropozän nicht allein für die Zerstörung der Natur, sondern gebe den Menschen auch die Möglichkeit, sich hinter der angeblichen Unabwendbarkeit ihres selbstgeschaffenen Schicksals zu verstecken, soll Chthulucene (angelehnt an griechisch khthôn und kainos) die Menschen als zur Erde gehörende dazu aufrufen, für einen neuen Austausch von Mensch und Natur einzutreten, die Notwendigkeit einer Verantwortungsübernahme für das menschliche Handeln auch als Rücksichtnahme zu verstehen.

Natürlich bedarf es nicht nur Begriffe, sondern auch passenden Slogans für die Chthulucene. Neben dem Aufruf „Stay With The Trouble!“ – ‚Bleib‘ Teil der Unruhe!’, lautet ein weiterer Vorschlag Haraways: „Make Kin Not Babies!“ – ‚Verbünden Statt Vermehren!‘ Eine der Forderungen des Feminismus sei es immer gewesen, Frauen die Freiheit zu geben sich für oder gegen Kinder zu entscheiden. Aber neben der bedauerlichen Feststellung, dass sich diese und andere Forderungen nur geringer Umsetzung erfreuten, stelle sich nun zusätzlich das Problem des Bevölkerungswachstums. Es seien berechtigte Gründe, die Befürchtung, ‚Rassismus, Klassismus, Nationalismus, Modernismus und Imperialismus‘ zu schüren, aus denen der Feminismus wie die Wissenschaftsforschung eine Thematisierung bislang vermieden. Jedoch stünden sie nicht mehr im Verhältnis zur entstandenen Bedrohung in Anbetracht eines erwarteten Wachstums der Weltbevölkerung innerhalb von 150 Jahren bis zum Jahr 2100 von 2 auf 11 Milliarden Menschen, für die ‚nicht der Kapitalismus oder andere Hauptwörter‘ verantwortlich gemacht werden könnten. Anstelle ihre eigene Anzahl zu erhöhen, sollten die Menschen sich dafür einsetzen ihre Lebensqualität wie die anderer Lebensformen zu verbessern. Der Hoffnung der Menschen ihre Natur mittels der Technik zu überwinden begegnet Haraway mit der Feststellung: „We are compost, not posthuman“ – ‚Wir sind eine Komposition, nicht posthuman‘.

Anpassung der technischen Entwicklung an das Wachstum

Ausschlaggebend für den menschlichen Umgang mit der Erde erscheint die Einstellung der Menschen zur lebendigen Materie und die Positionierung der Menschen als solche auf dem Planeten. Zwar spitzt der Soziologe Steve Fuller in Humanity 2.0 (2011) den Transhumanismus mit Verweis auf Ray Kurzweil auf das Bestreben zu, den animalischen Körper dem Wunsch nach Unsterblichkeit zu opfern, stellt jedoch in Preparing for Life in Humanity 2.0 (2013) fest, dass die ‚Transhumanisierung‘ bereits im Gange ist. Aus seiner Sicht ist der Schritt von der Selbstdarstellung durch einen Avatar als einem ‚fantasierten Selbst‘ im Internet zu Kurzweils Vision, eine Maschine zur Hülle des Bewusstseins zu machen, nicht weit.

War die Beschäftigung mit der ökologischen Stabilisierung der Erde nach Fuller in den Siebzigerjahren von dem Problem der ‚Überbevölkerung’ geprägt, werde inzwischen auf die politisch korrektere Formulierung des ‚erhöhten Kohlenstoff Ausstosses’ zurückgegriffen. Entsprechend gibt es laut Fuller die Möglichkeit ein natürliches Gleichgewicht durch die Entwicklung von Techniken oder mit der Reduktion der Weltbevölkerung und deren Wünsche herzustellen. Um zu einer Vermittlung der Bedürfnisse der Menschen mit der Natur zu finden, schlägt Fuller vor, auf Techniken zu setzen, die sich an der Natur orientieren. Für diesen Versuch stehen die Ideen Rachel Armstrongs sowohl im Hinblick auf die Erweiterung des menschlichen Lebensraums im Universum als auch die Zukunft der Architektur auf der Erde im Zeichen der „Ecocene“. Mit „Protocells“ oder „Bütschli droplets“ verbindet sie die Möglichkeit durch „natural computing“ lebendige Systeme zu schaffen, die von den Menschen ausgestoßene Schadstoffe von Abfall in Energie verwandeln.

Angestrebte Überwindung unter Erhalt der Ursprünge

Für die Menschen gilt, nach den Schlussfolgerungen der Biologin Lynn Margulis und dem Autor Dorion Sagan in What is Life (1995) die Formel, sich nicht überzubewerten. Sie seien lediglich Teil der Biosphäre, deren Entwicklung nicht als eine Hierarchie, sondern ‚Holarchie’ verstanden werden sollte. Alles Leben auf der Erde arbeite zusammen und lasse derart mehr entstehen als die Summe der einzelnen Teile, weshalb sie mit Buckminster Fuller von der „Synergie“ allen Lebens sprechen. Nach ihnen sind es nicht allein die Menschen, die nach Überwindung streben, sondern es ist das Leben selbst, das sich immer weiter über sich hinaus zu entwickeln suche und dabei dennoch auf seine Ursprünge verweise, weil das Leben auf der Erde seit seiner Entstehung ohne Unterbrechung fortbestehe.

Verweist Margulis in Symbiotic Planet (1998) auf die Möglichkeit, dass Mikroben, Tiere und Pflanzen ohne die Menschen den Planeten Erde wieder übernehmen und ihn in ihre Kakophonien und Harmonien einhüllen, fordert sie mit D. Sagan in What is Life die Menschen auf, sich in die Melodien des Lebens einzufügen; wobei das Leben auf der Erde, wie mit dem Astronomen Carl Sagan erweitert werden kann, ‚eine Stimme in der kosmischen Fuge’ ist.

Literaturverzeichnis

Armstrong, Rachel (2017): Star Ark. A Living, Self-Sustaining Spaceship. Chichester: Springer.

darin

- An ecological approach to interstellar exploration by Rachel Armstrong, S. 74-102. Vgl. S. 82f., S. 99.

—-(2012): Living Architecture: How Synthetic Biology Can Remake Our Cities and Reshape Our Lives. Ted Conferences, LLC. Kindle-Version.

Fuller, R. Buckminster (2008): Operating Manual for Spaceship Earth. Baden: Lars Müller Publishers. Vgl. S. 26, S. 56, S. 59f.

Fuller, Steve (2011): Humanity 2.0. What it Means to be Human Past, Present and Future. Basingstoke: Palgrave Macmillan. Vgl. S. 79, S. 230.

—- (2013): Preparing for Life in Humanity 2.0. Basingstoke: Palgrave Macmillan. Vgl. S. 24, S. 49.

Haraway, Donna J. (2016): Staying with the Trouble. Making Kin with the Chtulucene. Durham/London: Duke University Press. Vgl. S. 1, S. 49, S. 2, S. 117, S. 102f., S. 6f., S. 97.

Latour, Bruno (2017): Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das Neue Klimaregime. Berlin: Suhrkamp. Vgl. S. 17, S. 27, S. 32, S. 36, S. 67, S. 113, S. 75, S. 432f., S. 249, S. 434, S. 56.

Margulis, Lynn (1998): Symbiotic Planet. A New Look at Evolution. New York: Basic Books. Vgl. S. 128.

Margulis, Lynn/Sagan, Dorion (1995): What Is Life?. New York: Simon & Schuster. Vgl. S. 17f., S. 177, S. 63, S. S.198f.

Lovelock, James (2016): Gaia. A New Look On Earth. Oxford: Oxford University Press.

—-(2015): A Rough Ride To The Future. Milton Keynes: Penguin Books. Vgl. S. 14, S. 88f., S. 104f., S. 109, S. 119, S. 131, S. 148, S. 169.

Sagan, Carl (1980): Cosmos. New York: Random House. „One Voice in the Cosmic Fugue.“ S. 23.

Teilhard de Chardin, Pierre (2010): Der Mensch im Kosmos. München: C. H. Beck. S. 183.

Vernadsky, Vladimir I. (1998): The Biosphere. New York: Springer Science + Business Media. Vgl. 91, S. 458.

—-(2007): Geochemistry and the Biosphere: Essays by Vladimir I Vernadsky. Santa Fe: Synergetic Press. Vgl. S. 407, S. 410, S. 415f., „But the important thing for us is the fact that the ideals of our democracy correspond to a spontaneous geological process, to natural laws – to the noösphere. So we can look at the future with confidence. It is in our hands. We shall not let it go.“ S. 417.

Filmverzeichnis

Nausicaä aus dem Tal der Winde. (2016). Regie: Hayao Miyazaki. Universum Film GmbH.

Innerhalb des Textes werden Quellen mit dem Jahr ihrer Ersterscheinung genannt.

19:21 16.10.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marion Leuthner

Publikationen: Performance als Lebensform (2016), SIOIS (2018)
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