Erste künstliche Biosphäre (2)

Experiment Um ein Zeichen für die Eroberung neuer Lebensräume zu setzen, tauschen 1991-1993 Mitglieder des Theater of all Possibilities die Bühne gegen das Labor Biosphere 2
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Zwei Jahre leben die acht sogenannten Biospherians, vier Frauen und vier Männer, in der mensch-gemachten Biosphere 2. Als erstes abgeschlossenes und sich selbsterhaltendes System soll sie zur Überprüfung der Möglichkeit verhelfen, einen Lebensraum für den Menschen nach Vorbild der Erde künstlich zu erschaffen und dem Menschen ermöglichen, den Mars zu kolonisieren sowie dazu dienen, Schlüsse zur Bewahrung und zum Schutz der Erde zu ziehen. Am Ende gibt es viele Gerüchte und negative Medienberichte über ein Experiment, das die Erfüllung seines Ziels der vollständigen Abgeschlossenheit und Selbsterhaltung nicht erreicht hat. Nach 12 Tagen verlässt Biospherian Jane Poynter für sechs-einhalb Stunden Biosphere 2, weil sie einen Teil ihres Mittelfingers bei der Arbeit mit einer Maschine verliert und im Krankenhaus versorgt werden muss. Nach über einem Jahr und kurz vor Ende des Experiments muss Biosphere 2 Sauerstoff zugeführt werden, weil der CO2 Gehalt in der Luft für die Biospherians lebensbedrohliche Ausmaße annimmt. Außerdem ist es ihnen nicht möglich für ausreichend Nahrung innerhalb der Biosphere 2 zu sorgen, weshalb sie sich nach einem Jahr Mangelernährung dafür entscheiden auf Notreserven, die für den Anbau gedacht waren, zurückzugreifen.

Obwohl die Ergebnisse des Experiments im Einzelnen von der Wissenschaft angezweifelt werden bezeichnet es Rachel Armstrong in der von ihr herausgegebenen Anthologie Star Ark (2017) als bisher einzigen in dieser Weise existierenden und weiterhin gültigen Beweis dafür, dass die Menschen noch nicht genügend wissen, um sich einen ihnen gemäßen Lebensraum selbst zu erschaffen. Armstrongs Urteil wirft wiederum ein Licht auf Elon Musks Pläne ab 2022, mit der Kolonisierung des Mars zu beginnen. Die International Space Station (ISS) wird regelmäßig durch Nahrung von der Erde versorgt. In der Regel wechseln Teams nach einem halben Jahr. Allerdings haben Astronaut Scott Kelly und Cosmonaut Mikhail Kornienko 2015-2016 ein Jahr auf der ISS verbracht. Den Rekord für den längsten Aufenthalt im All hält Valeri Polyakov mit 437 Tagen auf der Raumstation Mir.

Lebenskünstler

Das Theater of all Possibilities, die Gemeinschaft der Synergists oder wie Rebecca Reider sie in Dreaming the Biosphere (2010) bezeichnet "the anticommune commune", hat unter ihrem Gründer John Allen bereits vor dem Bau der Biosphere 2 eine Vielzahl an größeren Projekten gemeistert. Sie beleben die Wüste in New Mexico mit ihrer Synergia Ranch, bauen ein Schiff, die Heraclitus, mit dem sie die Ozeane bereisen und erkunden, ziehen als Theater of all Possibilities um die Welt... Zu Wasser zu Lande und über die Erde hinaus; denn Allen will nicht einfach fliegen er möchte das Universum erobern.

Er selbst ist, wie sein Idol und Freund William S. Burroughs, Absolvent der Harvard Universität. Allen hat einen MBA von der Harvard Business School, aber eigentlich will auch er Schriftsteller werden. Während Burroughs im "Cut-Up" die Befreiung von der Linearität in der beliebigen Aneinanderreihung der Bruchstücke des Geschriebenen feiert, entwickelt sich die Anzahl der Möglichkeiten der Verbindung unterschiedlicher Bereiche bei Allen zur Lebensbewegung. Anstelle des Werks bildet die Gemeinschaft einen Rahmen für alle einzelnen Projekte und gleichzeitig ermöglicht erst die Anzahl der Beteiligten seine Ideen umzusetzen. Biosphere 2 ist, wie Reider verdeutlicht, ihre "größte Theaterproduktion". Allen ist der Manager/Regisseur und die Biospherians sind seine Schauspieler.

Idee und Methode

Inspiriert von Vladimir Vernadskys Beschreibung der Biosphäre, beginnt Allen die Idee der Biosphere 2 zu entwickeln. In dem Unternehmen Space Biosphere Ventures kommen Allens Leidenschaften Theater und Biosphäre zusammen. Seine Autobiographie trägt den Titel Me and the Biospheres (2009). Die Biosphere 2 ist für ihn Symbol der Synergie von "biosphere" und "technosphere". Allerdings ist dieses Ziel nach Allen allein erreichbar, wenn sich die Menschen als ausreichend intelligent erweisen eine "noösphere" zu erschaffen, die es als Vermittlerin erlaubt, Natur und Technik in Einklang zu bringen.

Getrieben von "wanderlust" sammelt Allen Wissen nicht nur in Büchern, sondern an unterschiedlichen Orten der Welt. Er lehrt die Mitglieder seiner Gemeinschaft "learning by doing"; für bevorstehende Aufgaben suchen sie Rat und Unterstützung bei den Besten auf dem jeweiligen Gebiet. Entsprechend finden sich auf der langen Liste der Redner für Konferenzen im Zusammenhang mit der Biosphere 2 Namen wie Buckminster Fuller, Richard Evans Schultes, Richard Dawkins, Lynn Margulis und James Lovelock.

Allen verfolgt das Projekt Biosphere 2 nach seinem eigenen Verständnis von Chaos-Theorie anhand der "method of progressive approximation" aus der wiederum Ordnung entstehen soll. Sie steht dafür die Entwicklung des Projekts zu beobachten, bis es notwendig wird einzugreifen. Dennoch verfolgt er dabei auch klare Richtlinien, denn das Training der zukünftigen Biospherians soll ihnen zur Achtsamkeit gegenüber ihrem Handeln im Hinblick auf ihre natürliche Umgebung und technischen Möglichkeiten verhelfen. Nach Poynters Darstellung in The Human Experiment (2006) hat es sich sowohl als erfolgreich erwiesen die geeigneten Kandidaten auszuwählen als auch den zukünftigen Biospherians ermöglicht, für das Experiment notwendige Lehren zu ziehen. Während ihrer Zeit auf der Heraclitus lernt sie, das Bedürfnis nach Kontrolle loszulassen und aus dem isolierten Leben im Outback Australiens, Selbstmitleid zu überwinden.

Im künstlichen Kreislauf

Auf einem Areal von 728 Hektar entsteht von 1986-1991 in Arizona ein Gebäude von 1,27 Hektar aus Glas, Stahl und Beton. Errichtet wird die Biosphere 2 unter der Leitung von Architekt Phil Hawes und der Co-Architektin Margret Augustine, CEO von Space Biosphere Ventures. Die Kosten belaufen sich auf 150 Millionen Dollar, privat finanziert von Ed Bass, der als Mitglied der Gemeinschaft bereits zuvor für Projekte sein Kapital zur Verfügung gestellt hat.

Die Biosphere 2 ist eingeteilt in unterschiedliche Biome: tropischer Regenwald, Ozean/Korallenriff, Landwirtschaft, Wüste, Savanne, Sumpf, "Human Habitat". Mit Energie versorgt wird die Biosphere 2 durch ein eigenes Kraftwerk, betrieben mit Gas und Diesel, um Licht, den Regen, die Wellen im Ozean künstlich zu erzeugen, das Wasser zu recyceln. Alle Biospherians, namentlich: Abigail Alling, Taber Callum, Linda Leigh, Mark Nelson, Jane Poynter, Sally Silverstone, Mark Van Thillo, Roy Walford, bringen ihre besonderen Fähigkeiten in die Biosphere 2 mit, haben ihre eigenen Aufgabenbereiche und dennoch ist es notwendig, dass sie einander helfen, zusammenarbeiten.

In der Biosphere 2 sind die Menschen Schaffende wie Diener der Natur. Jede einzelne Handlung muss im Sinne des ganzen Systems überdacht werden. Der CO2 Gehalt der Luft wird ständig überwacht und wenn notwendig werden Schritte zur Regulierung eingeleitet. Menschen verrichten arbeiten, die gemeinhin die Natur übernimmt. Das Korallenriff muss täglich von grünem Schleim gesäubert werden; der Mangel an Wind und Insekten nötigt sie selbst, die Verteilung der Pollen der Reispflanzen auszulösen.

Neben der Fürsorge für die Biosphere 2 hilft ihnen die Kunst bei ihrer Sorge um sich. Wie Poynter ausführt, brechen sie zwar angesichts ihrer anstrengenden Arbeit, aber auch aufgrund des Zerwürfnisses der Biospherians untereinander, mit der Tradition der Gemeinschaft, am Wochenende ihre Gefühle in Theaterstücken auszudrücken, weil keiner die eigenen Abgründe gegenüber sich selbst oder den anderen öffnen möchte. Aber stattdessen wird die Kunst zum wichtigen Mittel alltägliche Arbeiten zu erhöhen, ihre Perspektive aus ihrem Alltag heraus in andere Richtungen zu lenken. Und auch das Theater Training erweist sich nach Poynter als nützlich, indem es ihnen zur grundlegenden Einstellung verholfen hat, ihre jeweilige Rolle wie Schauspieler im Experiment erfüllen zu können.

Wissenschaft gegen Kunst

Während des zweijährigen Experiments kommen Besucher zur Biosphere 2 und winken den Biospherians hinter dem Glas zu. Es ist den Biospherians möglich zu telefonieren, Videokonferenzen abzuhalten und dennoch geht durch sie wie alle anderen isolierten Gruppen, die anhand Beispielen der National Aeronautics and Space Administration (NASA) oder Antarktisexpeditionen belegt sind, nach einer gewissen Zeit ein Riss. Ihr Zerwürfnis äußert sich für Poynter in der Gegenüberstellung "science and management": diejenigen, die aus ihrer Sicht versuchen den wissenschaftlichen Standard zu erhöhen und denjenigen, die den Anweisungen des Managements Gehorsam folgen, das unter Druck gesetzt versucht, Probleme zu verschleiern. Es dauert über zehn Jahre, bis sie sich miteinander versöhnen. Kurz davor stirbt Biospherian Roy Walford im Jahr 2004.

Nach dem Ende des Experiments versucht der Investor Ed Bass die Kontrolle über die Biosphere 2 zu gewinnen und, letztlich erfolglos, einen Teil seines finanziellen Einsatzes zu retten. Für diese Aufgabe holt er sich Steve Bannon. In der Folge werden die Künstler enteignet, die zweite Mission mit neuer Besatzung wird vorzeitig abgebrochen und die Wissenschaft sucht einen Weg, um das Projekt Biosphere 2 auszufüllen. Von 1996-2003 versucht sich die Columbia University. Nach ihrem Scheitern übernimmt die University of Arizona ab 2007.

Die Wissenschaft zeigt Schwierigkeiten im Umgang mit dem von den Künstlern angestoßenen Projekt. Reider sieht seitens der Wissenschaft ein vorherrschendes Unvermögen das menschliche Leben in das Austauschverhältnis mit der Natur zu bringen, wie es den Mitgliedern des Theater of all Possibilities gelungen ist. Ihre Einschätzung wird bestätigt durch Poynters Bezeichnung der Biosphere 2 als "ninth biospherian". Für die Wissenschaftler ist die Biosphere 2 ein Untersuchungsgegenstand und nicht wie für die Künstler eine Lebensform.

Literaturverzeichnis

Allen, John (2009): Me and the Biospheres. A Memoir by the Inventor of Biosphere 2. Santa Fe: Synergetic Press. Vgl. S. 33 f., 160; S. 2; S. 49; vgl. S. 52, 54, 134f.; vgl. S. 116ff., 211.

Allen, John/Nelson Mark (1989): Space Biospheres. Oracle: Synergetic Press. Vgl. S. 50f.

Armstrong, Rachel (2017): Star Ark. A Living, Self-Sustaining Spaceship. Chichester: Springer.

darin:

- "An ecological approach to interstellar exploration by Rachel Armstrong", S. 74-102. Vgl. S. 92f.

- "Building a worldship interior by Rachel Armstrong", S. 129-146. Vgl. S. 140f.

- "The Interstellar Question: an ecological view by Rachel Armstrong", S. 2-20. Vgl. S. 17.

Burroughs, William S. (1979): "The Cut-Up Method of Brion Gysin by W. S. Burroughs." In: Burroughs, William S./Gysin, Brion: The Third Mind. London: John Calder (Publisher) Ltd.

Poynter, Jane (2006): The Human Experiment. Two Years and Twenty Minutes inside Biosphere 2. New York: Thunder's Mouth Press. Vgl. 309f., 41, 48, 209, 174f., 37f.; S. 208; S. 242.

Reider, Rebecca (2010): Dreaming the Biosphere. The Theater of all Possibilities. University of New Mexico Press: Alberquerque. S. 17, 78; vgl. S. 273, 276.

Internetquellen

www.spacex.com/mars

https://www.nasa.gov/1ym/about

19:36 16.01.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marion Leuthner

(Dr. phil.), Publikationen: (2016) Performance als Lebensform. Bielefeld: transcript, (2018) SIOIS. KDP
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