Gegenbewegungen zur Entropie

Ordnungen Es ist das Informationszeitalter und die Informationen sind auf die Maschinen übergegangen, die es zuallererst begründet haben
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Gegenbewegungen zur Entropie

Foto: Sean Gallup/Getty Images

„Was wollen Sie?“ – „Wir wollen Informationen!“ Nummer 6, die Hauptfigur der Mysteryserie The Prisoner (1967), ist Agent und damit Verkörperung geheimer Informationen. Als er kündigt, wird er auf eine Insel verschleppt, von der es kein Entkommen gibt. Einerseits, versucht man ihn einer Gehirnwäsche zu unterziehen und andererseits, Zugang zu seinen Informationen zu erlangen. Jede Folge beginnt mit einem Dialog zwischen Nummer 6 und der jeweiligen Nummer 2, die damit beauftragt ist, den Prisoner zu brechen. Am Ende des Vorspanns ruft Nummer 6: „Ich bin keine Nummer, ich bin ein freier Mensch!“ – womit er der Nummer 2 lediglich ein düsteres Lachen entreißt.

In der Folge Der General werden die Bewohner der Insel von einem Professor auf das „Speed Learning“ eingeschworen. Über das Starren auf den Bildschirm werden innerhalb von Sekunden Informationen mehrerer Bücher in die Gehirne der Menschen übertragen. Um sich gegen die Manipulation zu wehren, dringt Nummer 6 in die geheimen Räumlichkeiten des Geschehens vor und findet heraus, dass hinter dem Speed Learning kein Professor steckt, der als Lehrer für die Menschen die Informationen auswählt und bereitstellt, sondern eine Maschine, die angeblich jede Frage beantworten kann. Jedoch fällt Nummer 6 „die unlösbare Frage für Mensch und Maschine“ ein: „Warum?“ zerstört die Maschine und treibt sie nicht einfach wie die Menschen in die Verzweiflung.

Es stellt sich heraus, dass die Menschen mit ihrer Fähigkeit zur Verdrängung und Wahl gegenüber der Maschine klar im Vorteil sind und die Maschine keine Meta-Fragen beantworten kann. Damit wird die Frage nach der Möglichkeit der Beantwortung existenzieller Fragen durch die Maschine überflüssig. Stattdessen scheint sie zum Ort zu werden, an dem die Informationen unaufhörlich ansteigen. Es beginnt ein Wechselspiel zwischen in den Maschinen gefundenen Eigenschaften der Menschen und der Rückkoppelung der für die Maschine verwendeten Begriffe für den Menschen und das menschliche Leben.

Am Anfang war der Code

Bis zu zwei Jahre hat laut B. Jack Copeland die Entschlüsselung des Enigma Codes der Deutschen unter der maßgeblichen Mitarbeit Alan Mathison Turings den Zweiten Weltkrieg vorzeitig beendet. „Bombe“ nennen sie in Bletchley Park die Maschine, an der sie ab 1942 arbeiten, die Enigma entschlüsseln soll. Die Enigma Maschine verschlüsselt bereits die eingegebenen Buchstaben während der Empfänger die entschlüsselte Nachricht erhält. Täglich wird die Verschlüsselung verändert, zuletzt sogar alle acht Stunden. Eine der Komponenten, die letztlich zur Entschlüsselung führen, ist die Nachahmung durch „loops“ der Teile der Nachrichten, die bekannt sind, sogenannte „cribs“, eine Kette von Versuchen durch die Bombe in Gang zu setzen. Auch für die Frage Can Digital Machines Think? (1951) besteht Turings Ansatz in der wiederholten Nachahmung zum Lernen sowie der Idee den Computer vom Determinismus der Programmierung durch den Zufall zu befreien. Über den vollständigen Anteil der Mitarbeit Turings am Enigma Projekt wird aufgrund der Geheimhaltung erst im Jahr 2004 von Copeland erzählt. Im Jahr 1952 wird Turing zu zwölf Monaten Hormontherapie aufgrund homosexueller Aktivitäten verurteilt. Zwei Jahre später stirbt er an einer Zyanidvergiftung kurz vor seinem 42. Geburtstag.

Der Physiker Jim Al-Khalili und der Molekularbiologe Johnjoe McFadden halten es in Life on the Edge (2014) für möglich, dass der Begriff Code, wie er im Zweiten Weltkrieg verwendet wurde, die Entdeckung der Struktur der DNA durch Francis Crick und James Watson im Jahr 1953 beeinflusst hat. Crick gehörte während des Krieges dem Marineamt an und habe die entdeckte Informationssequenz für die Anleitung zur Vererbung zum genetischen Code erklärt. Allerdings verweisen Al-Khalili, McFadden sowie Ray Kurzweil in How To Create A Mind (2012) auch darauf, dass die Entdeckung durch Crick und Watson allein durch die Vorarbeit von Rosalind Franklin möglich war, die im ‚Foto 51’ mittels der Röntgenkristallografie zuerst die Doppelhelix festgehalten hat. Im Gegensatz zu Watson und Crick wurde sie nicht mit dem Nobelpreis für Medizin im Jahr 1962 bedacht.

Zusammengesetzte Fragmente

Während für Walter Benjamin an der Erzählung noch „die Spur des Erzählenden wie die Spur der Töpferhand an der Tonschale“ haftet, folge aus der medialen Entwicklung zunächst die exakt übermittelte Information dann die Sensation, mit denen der Verlust der Weitergabe von Erfahrungen einhergehe sowie mit der technischen Reproduzierbarkeit die Möglichkeit der Versenkung verloren gehe, was wiederum zu einem „Verfall der Aura“ führe. Dennoch findet er in der Destruktion eine Form der Befreiung von der Tradition, in deren Folge neue Möglichkeiten eröffnet werden; sieht Benjamin die „Aufgabe“ des historischen Materialisten darin „die Geschichte gegen den Strich zu bürsten.“

Für seinen Roman Berlin Alexanderplatz (1929) sucht Alfred Döblin nach einer Methode für die Darstellung der „entseelten Realität“, findet sie in der Entpersonalisierung und im Hineinversetzen in die großstädtischen Gegenstände wie den Laternen mittels des „steinernen Stils“, ersetzt das Erzählen durch das Bauen und führt derart die Collage in seinen Roman ein. Inspiriert von William S. Burroughs Aussage, dass die Literatur die Maltechniken ihrer Zeit übernehmen muss, stellt Brion Gysin im Jahr 1959 das erste „Cut-Up“ her. Beeinflusst von Gysin und Burroughs interpretieren John Allen und Genesis P-Orridge auf ihre eigene Weise die Cut-Up-Methode als einer Befreiung von der Linearität zur Lebensbewegung. Wird John Allen zum Theater of all Possibilities inspiriert mit dessen Mitgliedern er unter anderem das Projekt Biosphere II (1991-93) verwirklicht, ersetzt Neil Andrew Megson seine fremd bestimmte Identität durch den Kunstcharakter Genesis P-Orridge (1965), um das eigene Leben aus selbst gewählten Fragmenten zusammenzustellen. Zu diesem Zweck befolgt er den von Burroughs und Gysin gegebenen Rat, immer die neuesten Techniken seiner Zeit zu verwenden.

Die Körperlichkeit in der Muster-Erkennung

Im Jahr 1950 hat Norbert Wiener in The Human Use of Human Beings darauf hingewiesen, dass die Einführung der Wahrscheinlichkeitstheorie in die Physik und die damit verbundene Übertragung der Gesetze der Thermodynamik auf die Welt und den Kosmos verdeutlichen, dass das Chaos wahrscheinlicher ist als die Ordnung. Deshalb erscheinen die Informationen nicht statisch, sondern sich in ständigem Wandel sowie einer stetigen Vermehrung zu befinden. Da infolge dessen selbst die Botschaften eine Wahrscheinlichkeit hätten, verstanden zu werden, die der Entropie unterliege, sei die Informationstheorie im Sinne einer Kontrolle von Kommunikation nicht nur für die Kybernetik eine dringliche Aufgabe.

In die Zeit von Wieners Schrift fällt die Künstlerbewegung der New York School, deren Kunst der Neurowissenschaftler und Nobelpreisträger Eric R. Kandel in Reductionism in Art and Brain Science (2016) exemplarisch aufzeigt, um zu versuchen den Schwerpunkt des Strebens nach Reduktion der Wissenschaft und der Kunst zusammenzuführen. Obwohl die moderne Hirnforschung festgestellt habe, dass Regionen von denen man glaubte, dass sie allein für die visuelle Information verantwortlich seien, auch von der Berührung beansprucht würden, konnte bei weiteren Untersuchungen der erste Impuls bei der Betrachtung des Bildes oder Objekts der visuellen Information zugeordnet werden. Erst in der Folge käme es zur Anregung weiterer Sinne. Allerdings sind es nach Kandel diese verbundenen Sinnesinformationen, die, aufgrund der zentralen Bedeutung der Textur in Jackson Pollocks Bildern, angeregt werden. Pollock zeichne die Fähigkeit aus, das Gehirn zur Muster-Erkennung nutzen zu können und gleichzeitig mit seiner Arbeit die Frage nach der Ordnung im Chaos zu stellen. Grund dafür, dass Pollocks Bilder auf intensive Weise den Berührungssinn ansprechen, ist aus der Sicht Kandels dessen körperliche Intelligenz.

Übersetzte Natur und Kulturelle Definitionen

Es war der Mathematiker John von Neumann, der in The Computer and The Brain (1958) die Funktionen des menschlichen Gehirns und des Computers mittels der Gegenüberstellung digital und analog verglichen hat. Während er das Gehirn als vorwiegend parallel und damit analog definiert, ist für ihn der Computer seriell und damit vor allem digital. Trotzdem basiert nach von Neumann das Gehirn auf der grundlegenden Gegenüberstellung ‚feuert Impuls oder nicht‘ der Neuronen, die es als in erster Linie digital auszeichnet. An die Theorie von Neumanns anknüpfend sucht Ray Kurzweil in How To Create a Mind (2012) die Ideen des Mathematikers und Physikers Roger Penrose zu widerlegen, wenn er betont, dass das Gehirn bereits vom klassischen Computer erklärt wird, weshalb es aus seiner Sicht keines möglichen Quantencomputers bedarf. Demgegenüber spricht Penrose in The Emperor’s New Mind (1989) von dem Gefühl, dass etwas fehlt, wenn wir sagen, dass alle körperliche Aktivität nichts anderes als Berechnung ist, selbst wenn unsere geistige Aktivität auf ihrer Basis definiert werden kann.

Der Anthropologe Gregory Bateson sucht in Mind and Nature (1979) nach dem „pattern which connects“; einem Meta-Pattern, mit dem er den Sinn für die ‚Einheit von Biosphäre und Menschheit‘ verbindet. Die Welt sei eingeteilt in Nummern und Quantität. Erstere stünden für Muster, Gestalt und digitale Berechnung und Letztere für Analoge und Wahrscheinlichkeitsrechnung. Bateson erzählt von den Anfängen der Kybernetik in denen darüber diskutiert wurde, ob das Gehirn auf einem analogen oder digitalen Mechanismus basiere und letztlich habe man sich darauf geeinigt, dass alles auf der Entscheidung „all-or-nothing“ beruhe, obwohl diese Darstellung eine starke Vereinfachung der Gehirnaktivitäten darstelle und der digitale Computer die analogen Möglichkeiten in sich vereine. Nach Bateson sind es irrationale Präferenzen gewesen, die zur Unterscheidung geführt hätten: Während diejenigen, die, wie er, den Schwerpunkt auf die Sprache legten sich für die digitale Maschine entschieden, fiel die Wahl derer, nach denen die Körperlichkeit Bedeutung besaß auf die Analoge.

Von Bedeutung für Bateson ist die Eingliederung des Menschen in ein zweifaches System des Zufalls. Was für den einzelnen Menschen das Lernen sei, sei innerhalb der Bevölkerung die Evolution durch Vererbung, die beide auf den Prinzipien von Versuch und Irrtum beruhten. Obwohl das Denken und der Körper dem Zufall unterlägen, unterschieden sich Veränderungen im Nervensystem und in der DNA, die fast vollständig digital seien, vom Rest des Körpers, dessen Entwicklung analog verlaufe. Entsprechend sucht Bateson auch nach einer zweiteiligen Unterscheidung der Entwicklung des Denkens. Denken und Lernen entsprächen den Regeln des Zufalls der genetischen Variation durch Epigenese für die Evolution, die sowohl Gleichförmigkeit als auch die Möglichkeit der Veränderung beinhalte. Übertragen auf die Unterscheidung von digital und analog führt dies bei Bateson zum Problem der Beziehung von ‚Form und Prozess‘ und damit wieder zum Beginn: der Suche nach dem ‚übergeordneten verbindenden Muster‘. An diesem Ende angelangt wendet er sich gegen ‚Helldunkelmalerei‘ und schließt mit Verweis auf William Blake‚ dass ‚weise Menschen Umrisse sehen und sie deshalb zeichnen‘.

Literaturverzeichnis

Al-Khalili, Jim/McFadden, Johnjoe (2015): Life on the Edge. The Coming of Age of Quantum Biology. London: Transworld Publishers. Vgl. S. 61f.

Allen, John (2009): Me And The Biospheres. A Memoir By The Inventor Of Biosphere 2. Santa Fe: Synergetic Press.

Bateson, Gregory (1980): Mind and Nature. A Necessary Unity. New York: Bantam Books. Vgl. S. 12, S. 19, S. 54, S. 123f., S. 165, S. 202, S. 204, S. 210, „Chiaroscuro is all very well, but William Blake tells us firmly that wise men see outlines and therefore they draw them.“ S. 224.

Benjamin, Walter (1977): Illuminationen. Ausgewählte Schriften. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

darin

- Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, S. 136-169. S. 142.

- Der destruktive Charakter, S. 289-290.

- Über den Begriff der Geschichte, S. 251-261. S. 254.

- Über einige Motive bei Baudelaire, S. 185- 229. Vgl. S. 189

Döblin, Alfred (1963): „An Romanautoren und Ihre Kritiker“. In: Ders.: Aufsätze zur Literatur. Freiburg: Walter Verlag. S. 15-19.

Copeland, Jack (2013): „Enigma“. In: Ders. (Hg.): The Essential Turing. The Ideas that gave Birth to the Computer Age. Oxford: Oxford University Press, S. 217-264. Vgl. S. 218, S.220f., S. 250ff.

Copeland, Jack (2013): „Alan Turing 1912-1954“. In: Ders. (Hg.): The Essential Turing. The Ideas that gave Birth to the Computer Age. Oxford: Oxford University Press, S. 1-3.

Gysin, Brion (1973): „Cut-Ups: A Project for Disastrous Success.“ In: Ders.: Let the Mice In. West Clover: Something Else Press, S. 3-10.

Kandel, Eric R. (2016): Reductionism In Art And Brain Science. Bridging The Two Cultures. New York: Columbia University Press. Vgl. S. 35ff., S. 141f., S. 107f.

Kurzweil, Ray (2012): „Foreword to the Third Edition“. In: von Neumann, John: The Computer and the Brain. New Haven/London: Yale University Press. , S. xi-xliv. Vgl. S. xxii,

Kurzweil, Ray (2013): How to Create a Mind. The Secret of Human Though Revealed. New York: Penguin Books. Vgl. S. 16-17, S. 208.

Leuthner, Marion (2016): Performance als Lebensform. Zur Verbindung von Theorie und Praxis in der Performance-Kunst. Linda Montano, Genesis P-Orridge und Stelarc. Bielefeld: transcript. Vgl. S. 166-169.

von Neumann, John (2012): The Computer and the Brain. New Haven/London: Yale University Press. Vg. 44, S. 51.

Penrose, Roger (2016): The Emperor’s New Mind. Concerning Computers, Minds and The Laws of Physics. Oxford: Oxford University Press. Vgl. S. 521, S. 579.

Turing, Alan (2013): „Can Digital Computers Think?“. In: Copeland, Jack B. The Essential Turing. The Ideas that gave Birth to the Computer Age. Oxford: Oxford University Press, S. 476-486.

Wiener, Norbert (1954): The Human Use of Human Beings. Cybernetics and Society. Boston: Da Capo Press. Vgl. S. 11ff.

Filmverzeichnis

Nummer 6/ The Prisoner. Folge 6. (2010). Regie: Peter Graham Scott. Koch Media GmbH.

Innerhalb des Textes werden Quellen mit dem Jahr ihrer Ersterscheinung genannt.

19:30 11.09.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marion Leuthner

(Dr. phil.), Publikationen: (2016) Performance als Lebensform. Bielefeld: transcript, (2018) SIOIS. KDP
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Marion Leuthner

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