Lieben als „politischer Akt“

Freiheit Eine durch das Fühlen zur Revolte gewordene Technik zu leben anstelle der Wiederkehr-des-Ewig-Gleichen Kampfes um die Bestätigung der Trennung von Körper und Geist
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Lieben als „politischer Akt“
Körper

Foto: China Photos/Getty Images

„Ihre Umarmung war eine Schlacht gewesen, der Orgasmus ein Sieg. Es war ein gegen die Partei geführter Schlag. Ein politischer Akt.“ In seinem Roman 1984 aus dem Jahr 1948 lässt George Orwell die Liebenden Winston und Julia revoltieren in dem sie ihre Lust ausleben. Erweitert Sigmund Freud die beim psychisch impotenten Mann gefundene Diagnose „Wo sie lieben, begehren sie nicht, und wo sie begehren, können sie nicht lieben“ auf den Kulturmenschen, spricht Orwell von einer zukünftigen Politik, die die Sexualität allein in den Dienst der Fortpflanzung stellt und jegliche Form der Erotik verbietet. Julia erklärt Winston, dass die von der Partei erzwungene Unterdrückung des Begehrens Frustrationen hervorruft, die in Hass umgelenkt und für kriegerische Interessen genutzt werden. In der Welt in der Julia und Winston leben werden nicht mehr Kriege geführt, sondern es gibt einen „Kriegszustand“, in dessen Folge als einzige Konsequenz die Gleichung „Krieg ist Frieden“ übrig bleibt.

Führt Winston sein Wunsch nach Revolution zu Angst und Wut, feiert Julia lieber die Freiheit. „Jede organisierte Art von Revolte gegen die Partei, die sowieso zum Scheitern verurteilt sein mußte, fand sie idiotisch. Der Witz bei der Sache war, die Regeln zu brechen und trotzdem am Leben zu bleiben.“ Julia lässt Winston fühlen, am Leben zu sein. Die „über ihnen schwebende Todesdrohung“ bekämpfen sie mit ihrem Begehren. Wer von den beiden die Revolution gegen die Revolution ernster nimmt, derjenige, der gegen die Gedankenkontrolle oder diejenige, die gegen die Unterdrückung der Lust ankämpft, ist am Ende gleichgültig. Sie scheitern beide. Als Folge ihrer Revolte werden die Liebenden gefangen genommen. Im „Ministerium für Liebe“ wird ihre Liebe zu Tode gefoltert. Orwell sieht eine grundlegende zyklische Struktur in der menschlichen Geschichte, die er über die Verbindung des Titels mit dem Abschlussjahr des Manuskripts sowie durch alle Teile seines Romans zieht und aus der es kein Entkommen gibt.

Träumen, Fühlen, Schaffen

Als Wegbereiterin der Performance und Body Art hat Carolee Schneemann bereits in den sechziger Jahren ein Zeichen für die Befreiung des Körpers der Frau von den kulturellen Vorstellungen in ihrer Kunst gesetzt. Anstelle von Farbe nutzt sie als „painter“ ihren Körper und entgegnet derart der Künstlerwelt der Männer, ‚die Macht erlangen, in dem sie sich selbst durch das Benutzen Anderer idealisieren‘. Von Beginn an steht ihr Werk in der Kritik, männliche Fantasien zu bedienen. Sie setzt dagegen, dass ihre jahrelange Erfahrung mit ihrer eigenen Sexualität als heterosexuelle Frau zu ausreichendem Wissen über ihren Körper geführt hat, um eigene Entscheidungen fällen zu können.

Schneemann geht es darum ein Wissen zu erforschen, dass sie als „double knowledge“ bezeichnet, eine ‚geheime, weitere Geschichte, nach der gesucht und die untersucht werden kann‘ – die weitgehend nicht schriftlich festgehaltene Geschichte aus der Sicht der Frau. Die Entstehung ihrer Kunst ist in erster Linie ein innerer Prozess, den sie nicht in Worte fasst. Im Glauben an die Kraft der Sinne als Informationsressource, entstehen in einer Vermittlung aus Forschung, Traum, Unbewusstem und dem Nutzen erotischer Energien Kunstwerke in unterschiedlichen Medien: Filme, Installationen, Performances, Skulpturen, Bilder.

Der Film Fuses ist das Produkt eines intensiven Liebeslebens zwischen ihr und dem Komponisten James Tenney. Als „equals“ führen sie über dreizehn Jahre eine Beziehung in der sie einander bei ihrer Arbeit unterstützen und sich gegenseitig inspirieren. Zwischen 1964-1967 sammelt Schneemann Filmmaterial von ihrem „lovemaking“. Fuses ist eine rhythmische Zusammensetzung von Bildern bei der die „Flickers“ den Berührungssinn ansprechen sollen. Es verschwimmen die Grenzen zwischen den Liebenden als Subjekte und Objekte, Genitalien verwandeln sich ineinander. Tabubruch und Provokation sind für Schneemann lediglich Nebenprodukte ihrer Kunst, die aus den Urteilen anderer Menschen entstehen. Für sie geht es in ihrem Film vor allem um die Frage nach der Übereinstimmung von Gesehenem und Gefühlen während des intimen Akts der Liebe.

Befreiung durch Technik

In The Dialectic of Sex (1970) ruft Shulamith Firestone die feministische Revolution über eine Auseinandersetzung mit de Beauvoir, Marx, Engels und Freud aus. Anstelle der Abschaffung der Vorherrschaft des Mannes fordert sie ein Ende der kulturellen Unterschiede der Geschlechter. Ihr vorgeschlagenes Mittel: die Technik. Als Konflikte der Menschen hebt Firestone ‚Produktion’ und ‚Reproduktion‘ hervor, die durch ‚Kybernetik‘ und ‚Geburtenkontrolle‘ gelöst werden könnten. Wenn die Maschinen die Arbeit übernähmen, würde die ‚Jobdiskriminierung‘ abgeschafft und Menschen könnten sich nach ihren Fähigkeiten und Interessen entwickeln. Verhütung und Künstliche Reproduktion würden familiäre Strukturen aufbrechen, die Bevölkerung beschränken und Frauen von ihrer kulturell vorgeschriebenen Rolle erlösen. ‚Befreit von Abhängigkeiten und Klassenunterschieden basierten alle menschlichen Beziehungen allein auf Liebe.‘

In Firestones Vision gibt es keinen Versuch einer Vermittlung von Technik und Natur. Sie ist davon überzeugt, dass die Natur, die Materie transzendiert werden müssen. Die Ästhetik ist aus ihrer Sicht das klassische Gebiet der Frauen gewesen während den Männern der Bereich der Technik gehörte. Viel zu lange sei die Kunst hinter der Technik und Wissenschaft zurückgeblieben. Nach Firestone führt der Weg zu einem notwendigen, vollständigen Verständnis der Natur, die Möglichkeit dieselbe in die Ordnung der Menschen zu bringen, über die Verbindung der Ästhetik mit der Technik, um letztlich das Ende der bislang vorherrschenden Kultur zu erreichen und eine „‚pure’ high art“ entstehen zu lassen.

Zur Ausgleichung der Werte

Für Judith Butler liegt in Bodies That Matter (1993) in der ‚Rückkehr zur Materie‘ die Gefahr alte Vorurteile gegenüber Frauen zu bedienen und ihnen in der Konsequenz die Möglichkeit zu nehmen, sich auf dem traditionell männlichen Gebiet des Geistes zu beweisen. Innerhalb des allgemeinen Konsens, dass der Geist über dem Körper steht, schwingt jedoch auch die Vorstellung mit, dass er scheinbar unabhängig von demselben funktioniert. Auch wenn René Descartes Geist und Körper voneinander trennt, indem er dem Geist die Fähigkeit zuschreibt, die Menschen über ihre Existenz zu versichern, wohingegen er den Körper als Maschine bezeichnet, gilt die von ihm hervorgehobene Möglichkeit der Trennung des Geistes vom Körper lediglich für die Zeit der Meditationen (1641), aber nicht für den menschlichen Lebensalltag. Vielleicht muss Butlers Feststellung so lange aufrechterhalten werden, als dass Simone de Beauvoirs Satz gültig ist: „Die Wahrheit, daß für die Frau der Mann sexuell und körperlich anziehend ist, wurde nie verkündet, weil es niemanden gab, sie zu verkünden.“ Diese Verkündung von der de Beauvoir in Das andere Geschlecht (1949) spricht, setzt für sie voraus, dass Männer aufhören den Ekel gegenüber jedem Verweis auf ihre eigene Verbindung zur Natur auf Frauen zu projizieren, stattdessen beginnen ihre eigene „Fleischlichkeit“ zu akzeptieren, in der Folge ihren Tod hinnehmen und die Idealisierung ihrer geistigen Fähigkeiten aufgeben. Es stellt sich die Frage, ob es möglich ist, die Vorherrschaft des Geistes über den Körper durch eine Höherbewertung des Fühlens in der Kunst als Technik für das Leben, mittels einer dauerhaften Bewegung auszugleichen.

Die Abschaffung der kulturellen Unterschiede der Geschlechter ist nach Firestone, mit der Beendung der kulturellen Unterscheidung der Genitalien verbunden. Anstelle weiter mit Freud von der polymorphen Lust als Perversion zu sprechen, setzt sie die Idee einer „pansexuality“ führt sie jedoch nicht weiter aus. In Tausend Plateaus (1980) werten Gilles Deleuze und Félix Guattari den bei Antonin Artaud gefundenen „organlosen Körper“ vom Anzeichen der Schizophrenie zur Möglichkeit um, einen individuellen Umgang mit dem eigenen Begehren zu finden. Auch sie kämpfen derart gegen die von Freud auferlegten Verbote gegenüber der Lust an. Dabei setzen sie auf die Idee den Körper nicht ‚auszuhöhlen’, sondern mit Begehren ‚anzufüllen‘. Ähnlich wie mit dem Organismus verfahren Deleuze und Guattari mit dem Subjekt; für Letzteres gilt, sich im „Werden“ ständig neue Möglichkeiten zu erschließen. Organismus und Subjekt laufen bei ihnen jedoch Gefahr, einer endlosen Generierung von Wünschen zu erliegen. Deshalb weisen sie darauf hin, dass Reste im Sinne eines Kerns vom Organismus und vom Subjekt erhalten werden müssen, die als Ausgangspunkte für die Verknüpfung mit Neuem dienen können. Letztlich geht es bei ihnen darum, den Körper aktiv durch Wahl zur Maschine zu verwandeln. „Man hat sich seine eigene kleine Maschine gebastelt und ist bereit, sie je nach den Umständen an andere kollektive Maschinen anzuschließen.“

Mit ihren Ideen versuchen Deleuze und Guattari, der im Anti-Ödipus (1972) festgestellten Diagnose der Schizophrenie als Zeitkrankheit zu entgehen. Für sie ist die Schizophrenie nicht einfach das Resultat des modernen Lebens, sondern entstanden aus der Schwerpunktlegung des Kapitalismus auf „Produktionsprozesse“ anstelle von „Lebensweisen“. Wenn es jedoch mehr um Produktion als um das Leben selbst geht, folgt daraus, dass in der Überproduktion eine Ermangelung an Orientierung für eine Art zu Leben begründet liegt.

Hingabe der Revolte an die Lebensbewegung

Im Mittelpunkt Georges Batailles Unterscheidung der Sexualität von der Erotik steht die Befreiung der Lust von der Fortpflanzung. Die Erotik (1957) ermöglicht den Liebenden die „Überschreitung“, „die Erfahrung der Sünde“, das Gefühl der Einheit im Rausch der Ekstase. Wie Bataille in Der verfemte Teil (1949) verdeutlicht, sind das Begehren und das Leben auf der Erde Verschwendung von Energie und der Umgang der Menschen mit denselben von Gewalt bestimmt. Als die Grenze des Wachstums definiert er die Biosphäre, aber zum Weg aus der Gewalt, setzt Bataille lediglich an, führt die Idee am Ende jedoch nicht aus, weil kein erklärtes Ziel die Wahrheit beinhaltet.

Dagegen sieht Albert Camus in der „revoltierten Kunst“ den Versuch „einem Wert Form zu geben, der im ewigen Werden entflieht“ und ermöglicht derart über die Kunst und der ihr innewohnenden Leidenschaft, anstelle von einem statischen Leben im Werk Sinne, von einem Prozess des Übens als Lebensform zu sprechen, die das „Wir sind“ offenbart und sich ihrem Schaffen in „wilder Demut“ widmet. Camus entscheidet sich in Der Mensch in der Revolte (1951) gegen die Gewalt der Revolution als einem Umsturz zu einem „terroristischen Staat“ und akzeptiert mit der Wahl der Revolte als Lebensbewegung eine ungewisse Zukunft. Findet er im Glauben an eine ‚moralische und rationale Geschichte‘ die Utopie von Marx, so liegt seine im Glauben daran, dass die Liebe zum Leben und die Revolte zusammengehören. An die Stelle des Bedürfnisses Gott-zu-Sein setzt Camus, die Entscheidung zum gemeinsamen Lernen zu leben, den Willen zur Entwicklung in Austauschverhältnissen, die Hinnahme des eigenen Todes über ein Bekenntnis zur Erde, der Sphäre des Lebens, als Voraussetzung dafür, überhaupt Mensch-zu-Werden.

„In dieser Stunde, da jeder von uns seinen Bogen spannen muß, um seine Probe wieder abzulegen, mit und gegen die Geschichte zu erwerben, was er schon besitzt die karge Ernte seiner Felder, die kurze Liebe dieser Erde, in dieser Stunde, da endlich ein Mensch ins Leben tritt, muß man die Epoche und ihre unreifen Rasereien sich selbst überlassen. Der Bogen krümmt sich, das Holz stöhnt. Ist die höchste Spannung erreicht, wird ein durchdringender Pfeil abschnellen, das härteste und freieste Geschoß.“

Literaturverzeichnis

Bataille, George (2001): „Der verfemte Teil.“ In: Ders.: Die Aufhebung der Ökonomie. München: Matthes & Seitz. S. 33-234. Vgl. S. 38, S. 54.

—-(1994): Die Erotik. München: Matthes & Seitz. Vgl. S. 12, S. 40f., S. 166, S. 19.

de Beauvoir, Simone (2002): Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Hamburg: Rowohlt. S. 194ff.

Butler, Judith (1993): Bodies That Matter. On the discursive limits of Sex. New York: Routledge. „To return to matter requires that we return to matter as a sign which in its redoublings and contradictions enacts an inchoate drama of sexual difference.“ S. 49.

Camus, Albert (2001): Der Mensch in der Revolte. Hamburg: Rowohlt. S. 292f., „Die revoltierte Kunst enthüllt auch am Schluß ein ,Wir sind‘ und mit ihm den Weg einer wilden Demut.“ S. 312, vgl. S. 296, S. 202, S. 237, S. 342, S. 344f.

Deleuze, Gilles/Guattari, Félix (1977): Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S. 15, S. 45.

—- (2002): Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II. Berlin: Merve. Vgl. S. 209, S. 213, S. 38, S. 326, S. 220, S. 221.

Descartes, René (1994): Meditationen über die Grundlagen der Philosophie. Mit den sämtlichen Einwänden und Erwiderungen. Hamburg: Felix Meiner Verlag. Vgl. S. 67, S. 119, S. 207f.

Firestone, Shulamith (2015): The Dialectic of Sex. The Case for Feminist Revolution. New York: Verso. Vgl. S. 10f., S. 183f., „Thus all relationships would be based on love alone, uncorrupted by dependencies and resulting class inequalities.“, S. 209, S. 175, S. 157ff., S. 162f., S. 170, S. 11.

Freud, Sigmund (1992): „Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens.“ In: Ders.: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens und andere Schriften. Frankfurt am Main: Fischer. S. 18-29. Vgl. S. 18; S. 21; vgl. S. 23.

Juno, Andrea/Schneemann, Carolee/Vale, V. (1991): „Carolee Schneemann“. In: Juno, Andrea/Vale, V.: Angry Women. San Francisco: Re/Search Publications. S. 66-77. Vgl. S. 66f., „Actually, my main influences were secret – I had lived in and absorbed and survived and even done well within male culture, but what truly inspired me was what I called ‚double knowledge’: the existence of a secret separate history to research and investigate […].“ S. 68, S. 70.

Orwell, George (2007): 1984. München: Ullstein. S. 155, Vgl. S. 163, S. 232ff, S 241. S. 161, vgl. S. 184, S. 190. S. 266, S. 336-338, S. 343, S. 244.

Schneemann, Carolee (2002): Imaging Her Erotics. Essays, Interviews, Projects. Cambridge: MIT Press. „I would never direct or try to transpose to someone else. That was the male mode of mythologizing, taking power by recreating himself through an idealized other person.“ S. 124, vgl. S. 201, S. 21, S. 26, S. 43, S. 45.

Internetquellen

https://www.researchpubs.com/2018/02/22-carolee-schneemann/?mc_cid=eac67fc095&mc_eid=70cac9f02e. V. Vale Re/Search Conversations Podcast: Carolee Schneeman.

http://www.ubu.com/film/schneemann_fuses.html. Carolee Schneemann. Fuses.

Innerhalb des Textes werden Quellen mit dem Jahr ihrer Ersterscheinung genannt.

19:03 17.07.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marion Leuthner

(Dr. phil.), Publikationen: (2016) Performance als Lebensform. Bielefeld: transcript, (2018) SIOIS. KDP
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