Träumen Menschen von elektrischen Körpern?

Ewiger Geist Die Suche nach den Möglichkeiten unendlicher Steigerung der Denkkapazitäten, die Frage nach der Zukunft der menschlichen Materie und nach dem, was sich dazwischen bewegt
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Träumen Menschen von elektrischen Körpern?
Rachael in Blade Runner (1982)

Bild: Eva Maria Espejo alias Eva Mirror/Wikimedia

Bekannt ist Philip K. Dicks Roman Do Androids Dream of Electric Sheep? (1968) vor allem unter dem Titel der Ridley Scott Verfilmung Blade Runner. Dick stellt darin die Frage, welche Lücken ein möglicher Verlust der Natur hinterlässt, wenn der Mensch seine Technik weiterentwickelt; nicht nur in Bezug auf sich selbst im Sinne einer Bedrohung durch eine Ersetzung in Form von Androiden. Viele Tiere sind bereits ausgestorben, an ihre Stelle treten Mechanische. Der größte Wunsch von Rick Deckard ist ein lebendiges Schaf. Mehr als der Verweis auf das Schäfchen zählen verkörpert es eine Sehnsucht nach einer unberührten Natur jenseits der radioaktiv Verseuchten. Organische Tiere sind Prestigeobjekte, ihr Besitz versichert über die Fähigkeit zur Empathie und mit ihr über das tatsächliche Mensch-Sein. Mit seinen Prämien für das Töten von Androiden hofft Deckard, sich ein lebendiges Tier leisten zu können.

Seine Frau Iran verbringt den Tag zu Hause vor dem Fernseher. Ihre erste Handlung an jedem morgen ist die Wahl ihrer emotionalen Verfassung an der "Stimmungsorgel". Iran hat einen Weg gefunden das grundlegende Prinzip der Maschine, gegen sich selbst zu wenden. Als Folge der Feststellung, dass der Mangel an Gefühl gegenüber der Abwesenheit des Lebens einmal als "Geisteskrankheit" bezeichnet wurde, erscheint ihr die "Verzweiflung" als angemessene Reaktion auf ihre Lebenssituation, weshalb sie die "Depression" als festen Bestandteil ihrer wählbaren Gemütsverfassungen in der Stimmungsorgel installiert. Daneben entwickelt sich für Deckard die Schwierigkeit geisteskranke Menschen, von den Androiden mit dem "Voigt-Kampff-Empathietest" zu unterscheiden. Während einerseits die Maschine über das mangelnde Leben hinwegtäuscht, die Stimmung reguliert, misst die Maschine für den Test andererseits die empathische Reaktion, die die Menschen auf die vorgestellten Qualen des Lebendigen erwarten, um Menschen von Maschinen unterscheiden zu können.

Künstliche Evolution

Fragen nach der Zukunft führen nach John Desmond Bernal zu der Unterscheidung zwischen "desire and fate": Entwirft der Mensch die Zukunft oder ist er selbst Geworfener? Um die Zukunft wissenschaftlich zu betrachten, sucht er einen Mittelweg über die Untersuchung der Bereiche, die von ihm als Gefahren für die "Rational Soul" betrachtet werden: The World, The Flesh & The Devil (1929). Bernal sieht den menschlichen Körper an seinem natürlichen evolutionären Ende angelangt. Nach ihm ist es an den Menschen ihre Erweiterung in Bezug auf ihre Lebensumstände, auf entsprechende Weise vorzunehmen. Zwar könnten sie dafür die Natur durch ihre Technik wiederholen wären aber nicht grundlegend auf sie angewiesen und könnten sie entsprechend hinter sich lassen.

Im Jahr 2018 ist es noch nicht zur Norm geworden, dass sich die Menschen mittels Technik körperlich erweitern, in dem Sinne, dass sie sich über die Wiederherstellung der als gesund definierten Norm hinaus dauerhaft verbessern oder verändern. Darüber hinaus scheint in absehbarer Zeit kein Ersatz des menschlichen Körpers in einer Maschine in Aussicht. In Anbetracht Ray Kurzweils Darstellung der vielfältigen Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz auf unser Leben in The Singularity is Near (2005), ist es jedoch möglich, dass wir technische Veränderungen als selbstverständlich nehmen, weil sie so schnell mit unserem Alltag einhergehen, dass wir ihre Tragweite nicht einschätzen können. Kurzweil rechnet mit einer exponentiellen Entwicklung der Technik und prophezeit bis zum Jahr 2045 eine Konzentration von Erneuerungen, die er, in Anlehnung an John von Neumann, als "Singularität" bezeichnet. Obgleich Nick Bostrom Kurzweils Prognose nicht teilt, sieht er im Finden eines Umgangs mit den Möglichkeiten der Superintelligence (2014) die größte Herausforderung der Menschheit.

Mechanische Gehirne

Am Beginn der Entstehung des modernen Computers steht die Einschätzung der ersten Programmiererin Ada Lovelace, dass die Maschine nicht in der Lage sein wird, die Denkfähigkeiten des Menschen zu erreichen. Ihrer These widerspricht Alan Turing in seinem Aufsatz Computing machinery and intelligence (1950) mit der Idee seines Turing-Tests. Er ist das Sinnbild für den ersehnten oder auch befürchteten Moment, in dem wir das Denken der Menschen nicht mehr von dem der Maschinen unterscheiden können.

Auf der Suche nach Möglichkeiten des Computers, die Funktionen des menschlichen Gehirns zu wiederholen, stellt John von Neumann in The Computer and The Brain (1958) fest, dass es analoge und digitale Maschinen gibt und das Nervensystem des Menschen auf analogen und digitalen Prozessen der Informationsübertragung beruht. Nach Kurzweil ist von Neumanns hervorgehobene Vermittlung von analogen und digitalen Prozessen als Orientierung zur Erschaffung von intelligenten Maschinen auch weiterhin gültig. Obgleich die digitale Maschine die Analoge ersetzt hat, ist sie nicht vollständig obsolet geworden. Es ist möglich, die Analoge mittels der Digitalen zu simulieren.

In How to Create a Mind (2013) geht Kurzweil der Entwicklung Künstlicher Intelligenz, nicht allein für eine Wiederholung, sondern eine Erweiterung der menschlichen Denkfähigkeiten nach. Er spricht von einer "Pattern Recognition Theory of Mind, (PRTM)", um das zu erklären, was er unter dem "basic algorithm of the neocortex" versteht. Auf Basis der Fähigkeit des Menschen zum Denken innerhalb von Hierarchien, entstehen nach Kurzweil durch Erfahrungen Muster, die anhand Wiederholungen in unterschiedlichen höheren und niedrigeren Ebenen zu einem Lernen, einer Ansammlung von Wissen und zu einer Weiter- und Höherentwicklung des Menschen führen. Folgt man Kurzweil, wird das menschliche Denken in einer möglichen, zukünftigen Maschine aufgehen, durch sie verbessert und erweitert werden.

Körper-Tausch oder -Auflösung

Und wenn in einer greifbaren Zukunft der komplizierte Prozess des menschlichen Denkens von der Maschine nicht nur geleistet werden wird, sondern auch in gesteigertem Maße praktiziert werden kann, scheint es nur folgerichtig, dass der organische Körper der Menschen ersetzt werden wird. In Theorie und Praxis haben die Menschen begonnen, ein Zeichen für das Weiterleben des Menschen in der Maschine zu setzen. Bina Aspen hat vor ihrem Tod ihre Informationen in eine mechanische Büste, eine Version ihrer selbst, hochgeladen, die als Bina48 weiterlebt; Hiroshi Ishiguro hat sich eine lebensechte Wiederholung seiner selbst gebaut, um sich nun schönheitschirurgischen Operationen zu unterziehen, damit er, wie sein Android, nicht altert. Auf theoretischer Ebene setzt Hans Moravec in Mind Children (1988) anstelle der Unsterblichkeit des einzelnen Menschen mittels der Maschine die Idee, dass die Menschen in ihren Robotern auf eine mit ihren biologischen Kindern vergleichbare Weise weiterleben; wie sich Kinder von ihren Eltern entfernten, blieben die übermittelten Informationen der Individuen in den Maschinen nicht gleich, um der notwendigen Anpassung und Variation für das Überleben weiterhin gerecht zu werden.

Auch Ray Kurzweil sieht die Weiterentwicklung der Menschen in der Maschine. Geht es nach ihm bevölkern bald Nanoroboter unseren Körper, die ihn überwachen, von Krankheiten heilen sowie Schnittstelle zu anderen Maschinen sein werden und unsere Denkfähigkeiten erhöhen sollen. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang für Kurzweil die "Cloud", in die die Menschen bereits jetzt ihre Erinnerungen speichern und über die sie nach ihm in Zukunft denken werden. In seiner Vision geht er allerdings noch einen Schritt weiter. Kurzweil legt den Schwerpunkt seines Interesses, anstelle auf Energie, Materie oder Informationen, auf die Intelligenz, die die Grundvoraussetzung der Zusammenfassung von Informationen zu Ordnungen darstellt und damit die "patterns" ermöglicht. Sich selbst bezeichnet er als "patternist", der darauf hofft, dass uns die Muster zur "Transzendenz" führen werden. Bis es so weit ist, besteht die Aufgabe dem Anstieg der Informationen durch gesteigerte Möglichkeiten der Informationsprozesse, Rechenkapazitäten und Speichermöglichkeiten, in der Maschine entgegen zu wirken; Grenzen zu setzen, die Ordnungen oder wie unsere Körper, Gestalten bilden.

Das Begehren nach Berührung

"Da stehen Sie und drücken das neue Fleisch an sich, das ich Ihnen geschenkt habe", sagt die Borg-Königin in Star Trek 8: Der erste Kontakt zu dem Androiden Data, der sich nichts sehnlicher wünscht als zu fühlen wie die Menschen.

In Das Sein und das Nichts (1942) verbindet Jean-Paul Sartre grundlegend den Besitz des Fleisches mit dem Leben, um die Menschen von den Dingen zu unterscheiden. Einerseits lösen nach ihm Körper und Fleisch das Gefühl der Entfremdung aus, weil mit ihnen "Krankheit" und "Ekel" assoziiert werden, andererseits ist für ihn das Fleisch untrennbar mit dem Begehren verbunden, denn das Begehren ermögliche die Offenbarung des Fleisches über die gegenseitige Inbesitznahme der Körper in der Berührung, im "Streicheln" als einem Akt des "Formen[s]". "Die Begierde ist ein Verzauberungsverhalten." Körper würden in der Welt festgehalten, ihrer Freiheit beraubt, zum Verweis auf ihre "Transzendenz", um das Erlebnis eines neuen "Entwurf[s]" des Ichs zu eröffnen. "Trotzdem ist die Begierde selbst zum Scheitern verurteilt." Womöglich lässt sich das Begehren nicht im Fleisch allein erschließen. Im Übergang des Formens zur Verzauberung hin zu einem Vergehen der Sinne, verweist es auf die mögliche Berührung in unterschiedlichen Ebenen unserer Wahrnehmung.

Nicht nur unsere Gehirne, unsere Körper sind durchzogen von elektrischen Impulsen. Damit sind wir, wenn auch auf einer sehr niedrigen Frequenz, bereits elektrisch. Aloisius Galvani wollte die Elektrizität als Lebenskraft nachweisen und Erwin Schrödinger hat die Frage What is Life (1944) auf die Quantenebene verschoben. Im Zusammenhang mit ihrer Argumentation für eine Quantenbiologie verneinen Jim Al-Khalili und Johnjoe MacFadden in Life on the Edge (2015) in Bezug auf die Quantenverschränkung Niels Bohrs zwar die Möglichkeit der Telepathie, aber wer weiß... Vielleicht wird eines Tages Albert Einsteins spöttische wie poetische Bezeichnung der Quantenverschränkung als "spukhafte Fernwirkung" zu einem anderen Wort für die gegenseitigen Berührungen auf atomarer Ebene.

Literaturverzeichnis

Al-Khalili, Jim /MacFadden Johnjoe (2015): Life on the Edge. The Coming Age of Quantum Biology. London: Penguin Books. Vgl. S. 31.

Bernal, J. D. (2010): The World, The Flesh & The Devil. An Enquiry into the Future of the Three Enemies of the Rational Soul. Prism Key Press. Vgl. S. 7ff, S. 25ff., S. 49ff.

Bostrom, Nick (2016): Superintelligence. Paths, Dangers, Strategies. Oxford: Oxford University Press. Vgl. S. V.

Dick, Philip K. (2012): Blade Runner. München: Heyne Verlag. Vgl. S. 20, S. 40, S. 11ff., S. 48.

Kurzweil, Ray (2013): How to Create a Mind. The Secret of Human Thought Revealed. New York: Penguin Books. Vgl. S. 5-6, S. 2f., S. 62, S. 116, S. 122f.

---(2005): The Singularity is Near. When Humans Transcend Biology. New York: Penguin Books. Vgl. S. 10, S. 136, S. 149ff., S. 163f., S. 168f., S. 250ff., S. 247, S. 388.

Moravec, Hans (1988): Mind Children. The Future of Robot and Human Intelligence. Cambridge/London: Harvard University Press. Vgl. S. 121f.

von Neumann, John (2012): The Computer and the Brain. New Haven/London: Yale University Press. Vgl. S. 3, S. 68f.

Sartre, Jean-Paul (2001): Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie. Hamburg: Rowohlt. Vgl. S. 609, S. 626ff., S. 681; S. 681, S. 688, S. 692-693.

Schrödinger, Ernst (2015): What is Life? The Physical Aspect of the Living Cell/Mind and Matter/Autobiographcial Sketches. Cambridge: Cambridge University Press.

Turing, Alan (2013): "Computing Machinery and Intelligence (1950)." In: Copeland, B. Jack (Hg.): The Essential Turing. The Ideas that gave Birth to the Computer Age. Oxford: Clarendon Press, S. 433-464.

Internetquellen

http://www.hansonrobotics.com/robot/bina48/

http://www.geminoid.jp/en/index.html

Filmverzeichnis

Star Trek 8: Der erste Kontakt. Regie: Frakes, Jonathan. Paramount.

07:37 14.02.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marion Leuthner

(Dr. phil.), Publikationen: (2016) Performance als Lebensform. Bielefeld: transcript, (2018) SIOIS. KDP
Schreiber 0 Leser 4
Marion Leuthner

Kommentare 2