Über die Technik zur Natur

Gesinnung Maschinen beweisen Vermutungen, verhelfen zu einer veränderten Sicht auf den irdischen Lebensraum sowie andere Lebensformen und erlauben, den Menschen ihr Leben zu ändern
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Über die Technik zur Natur

Foto: Matt Cardy/Getty Images

Als die New York Times im April 2007 einen Artikel veröffentlicht in dem behauptet wird, Pflanzen wären Quantencomputer, bringt sie die mit diesem Gebiet befassten Wissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology zum Lachen. Sie sollen es bereuen. Wie Seth Lloyd vom MIT feststellt, verfügen Chlorophyll Moleküle über eine Strategie die Anzeichen der Quantenverschränkung aufweist. Der Physiker Jim Al-Khalili und der Molekularbiologe Johnjoe McFadden wiederholen diese Geschichte im Laufe ihres Buches Life on the Edge. The Coming of Age of Quantum Biology (2014) und betonen derart, dass das scheinbar Unmögliche bewiesen werden kann. Geht es nach ihnen beruht das Bewusstsein sowie alles Leben auf der Quantenmechanik.

Die Idee für den Quantencomputer hatte der Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman. Er wollte eine Maschine erschaffen, die über die Schnelligkeit der Berechnungen des elektrischen Computers hinaus die Fähigkeit zu höherer Komplexität durch eine Vielzahl an gleichzeitigen Prozessen besitzt. Wie Al-Khalili und McFadden ausführen, ersetzt das „qubit“ des Quantencomputers das „bit“ des digitalen Computers. Stark vereinfacht ausgedrückt ist das qubit nach ihnen flexibler, kann deshalb größere Mengen von Informationen aufnehmen und darüber hinaus, ist es imstande sich mit weiteren qubits über die Quantenverschränkung zu verbinden. Die Leistung des Quantencomputers steigere sich exponentiell, dagegen verhielte sich der klassische Computer lediglich linear. Jedoch sei diese Leistungssteigerung auch der Nachteil beim Bau des Quantencomputers, denn sie vergrößere gleichermaßen, die Aufgabe die Quantenkohärenz und -verschränkung zu erhalten. Während Zellen die Quantenprozesse meistern könnten, hätten die Menschen Schwierigkeiten eine Maschine zu bauen, die sich als funktionstüchtig erweist. Und da Feynman sagte „what I can’t make, I don’t understand“ werde ihre These, dass das Leben auf der Quantenmechanik beruht, erst beweisbar, wenn synthetisches Leben auf Basis der „quantum weirdness“ erschaffen wird.

Der Glaube an das Wissen

Ein Selbstversuch mit dem halluzinogenen Trank Ayahuasca unter Anleitung eines Schamanen in Quirishari am Amazonas führt den Anthropologen Jeremy Narby zu der Überzeugung, dass die indigenen Völker mittels derartiger Erfahrungen Informationen über die Natur erhalten. In der Folge entwickelt er die Hypothese, dass westliche Wissenschaft und indigenes Wissen eine gemeinsame Grundlage haben: was Erstere ‚Molekularbiologie‘ nennen ist für Letztere ‚Schamanismus‘. Während die Technik der Einen sie zur „DNA“ führt, gelangen die Anderen mittels Ihrer zu einer „animated essence“. Sowohl indigene Anführer als auch Schamanen zeigen sich an einer Zusammenarbeit mit Narby interessiert, dagegen weigert sich die westliche Wissenschaft, unbewiesene Vermutungen zu akzeptieren. In Intelligence in Nature (2005) versucht Narby, deshalb der wissenschaftlichen Pflichterfüllung des Beweises von Hypothesen nachzukommen und stößt dabei unter anderem auf den Mikrobiologen Anthony Trewavas.

Der Untersuchungsansatz von Trewavas in Plant intelligence and behaviour (2014) beruht auf der Theorie der Botanikerin und Nobelpreisträgerin Barbara McClintock, nach der die Pflanzen zeigen können, wie die Zelle Wissen verarbeitet. Auf diese Weise würde deutlich, dass der Besitz des Gehirns kein Alleinstellungsmerkmal für intelligentes Verhalten ist. Infolge des Vergleichs und der Zusammenfassung unterschiedlicher Definitionen von Intelligenz kommt Trewavas zu dem Ergebnis, dass sich die Intelligenz von Pflanzen sehr ähnlich wie die des Menschen durch die Fähigkeit zur Anpassung an die Lebensumstände anhand von Problemlösungen auszeichnet. Letztlich sei das menschliche Gehirn nichts anderes als eine ‚dezentralisierte jedoch selbst-organisierende Gesellschaft aus Trillionen von Zellen‘. Gene sorgten lediglich als ein Bestandteil unter anderen für das Überleben des Systems Zelle. Und damit entscheidet nach Trewavas die genetische Information zwar über den Besitz eines Nervensystems, aber nicht über die Intelligenz eines Organismus.

Lebensraum im Wandel

In The Dragons of Eden (1977) zeigt der Astronom Carl Sagan die 15 Milliarden Jahre andauernde Entwicklung des Universums, die Entstehung der Erde und von Leben auf derselben anhand des von ihm entworfenen kosmischen Kalenders. Der erste Januar steht für den Big Bang und jeder Monat repräsentiert etwas mehr als eine Milliarde Jahre. Ab Mitte September entsteht die Erde, und erst die letzten Sekunden des 31. Dezembers stehen für das, was über die Geschichte des menschlichen Lebens bekannt ist. Dieses Wissen hat Sagan jedoch nicht davon abgehalten, eine Parallele zwischen dem Treibhauseffekt auf der Venus und den möglichen Folgen des CO2 Ausstoßes der Menschen auf der Erde herzustellen und derart zur Entwicklung eines Bewusstseins, gegenüber den Auswirkungen der menschlichen Handlungen beizutragen.

Neben der Entwicklung von Ideen für lebendige Systeme, die zur Erschaffung von Lebensräumen in Raumschiffen dienen sollen, beschäftigt sich Rachel Armstrong in Living Architecture (2012) mit der Zukunft der Städte. Lebendige Materialien an Gebäuden könnten nach Armstrong die von den Menschen verursachten Schadstoffe wieder aus der Luft filtern und Energie erzeugen. Ihr Ansatz basiert auf der Idee von „Protocells“, chemischer Systeme im Sinne einer synthetischen Biologie basierend auf der Kombination von Öl und alkalischer Lösung, die programmierbar sein sollen. Da sie keine DNA besäßen und in der Folge dieselbe nicht vererben könnten, folgten sie nicht der biologischen Definition von Lebensformen und erzeugten im Gegensatz zu genetischen Methoden auch nicht die Angst, dass durch sie Leben verunreinigt werden könnte.

Armstrongs Protocells sind lebendig, ohne am Leben zu sein. Trotzdem scheinen sie auf der Hoffnung zu basieren, dass der genetische Code durch ihre Programmierbarkeit ersetzt werden kann. Aber das Attribut der Lebendigkeit kommt ihnen nicht nur durch die Definition der Menschen, sondern auch erst über ihre Hilfestellung zu, denn es ist nach Armstrong ihre Aufgabe sie am Leben zu erhalten, weil sie sich nicht selbst reproduzieren können. Mit den Protocells verfolgt Armstrong auf ihre Weise die Idee die natürliche Biosphäre als sich selbst erhaltendem und auf Leben basierendem System, anhand lebendiger Systeme zu unterstützen und letztlich die Erschaffung einer weiteren, einer künstlichen Biosphäre zu erreichen.

Verzicht auf Technik

„You can’t eat your cake and have it too.“ Dieses von Theodore J. Kaczynski verwendete Sprichwort kann im Zusammenhang mit seiner Technologiekritik auch auf die Formel ‚Man kann die Natur nicht zerstören und gleichzeitig in ihr leben wollen’ zusammengefasst werden. Zwischen 1978 und 1995 hat Kaczynski, der sogenannte Unabomber, eine Reihe von Anschlägen mittels Paketbomben verübt, um auf seine revolutionären Ideen gewaltsam aufmerksam zu machen und dabei 3 Menschen getötet und 24 verletzt. Er sitzt lebenslänglich im Gefängnis von Colorado. Seit 2017 zeigt Netflix die fiktionale Serie Manhunt: Unabomber, die sich mit seinem Leben und seinen Ideen beschäftigt, ohne seine Taten zu beschönigen.

In seinem Manifest Industrial Society and Its Future ruft der Mathematiker und Harvard Absolvent zum Kampf auf für eine Rückkehr zur „wild nature“ und damit für eine einfache auf Verzicht basierende Lebensweise, wie er sie selbst vor seiner Verhaftung praktiziert hat. Zwar erkennt er die Probleme des Überlebens primitiver Kulturen an, verweist jedoch auf die seelischen und sozialen Folgen in technologischen Gesellschaften, die die Menschen krank machten und ihrer Freiheit beraubten. Kritikern versucht er zu entgegnen, dass es ihm nicht um eine vollständige Abschaffung der Technik geht, denn diese, so weiß er selbst, war immer Bestandteil des menschlichen Lebens. Stattdessen unterscheidet er zwischen Technologie in „small scale“ und „organization-dependent technology“ und damit meint er die unvermeidbare Verwendung von Technologien in kleinen Gruppen und fordert eine Beendung der technologischen Nutzung durch ‚soziale Organisationen‘, die lediglich den Fortschritt vortäuschten, aber tatsächlich nur Abhängigkeiten erzeugten.

Vorwärts und Zurück in die Zukunft?

Bevor in Hans Moravecs Vision, wie er sie in Robot (1999) entwickelt, die Menschen durch die Maschinen ersetzt werden, der Cyberspace gegenüber der Erde als Lebensraum letztlich siegt, aber bereits während die Roboter andere Planeten eingenommen haben, werden die Menschen wieder zur Natur finden, denn das Lebensideal des Menschen sieht Moravec im indigenen Leben. Als Folge der Entfernung von ihren Ursprüngen hätten die Menschen vergessen, dass nicht die Arbeit ihr Leben gestaltet, sondern der Umgang mit ihrem Lebensraum. Obwohl die Menschen immer älter würden, führten sie ein Leben, das sie psychisch krank macht. Wenn die Maschinen die industrielle Arbeit übernähmen, hätten die Menschen wieder Zeit, sich Aktivitäten in der Natur zu widmen, um ihren Planeten wieder grün werden zu lassen. Den durch die Arbeit der Maschinen erwirtschafteten Gewinn sollen die Staaten nach Moravec an die Menschen verteilen, um deren verloren gegangenen Arbeitslohn zu ersetzen.

Sollte eine derartige Besinnung auf die Bedeutung der Beziehung zwischen Menschen und Lebensraum möglich sein, könnte sie über die Definition der Biosphäre als auf Leben basierender Hülle der Erde führen, wie sie von dem Geologen Eduard Suess im Jahr 1875 ein- und von Vladimir I. Vernadsky (1926) weitergeführt wurde. Mit der Biosphäre sind die Menschen als eine Lebensform neben anderen in einen Mechanismus eingebunden, demgegenüber sie sich als freie, selbstbestimmte, Intelligenz besitzende Lebensform zu positionieren suchen. In Der Mensch im Kosmos (1955) hat der Jesuit und Wissenschaftler Pierre Teilhard de Chardin die Biosphäre der Natur deshalb um eine „denkende Schicht“, die „Noosphäre“ erweitert, die sich zu einem „kollektiven Gedächtnis“ aus Traditionen verdichtet. Gegenüber der Noosphäre erscheint die Natur nicht mehr übermächtig, denn aus ihr ergibt sich das Künstliche als Weg der menschlichen Weiterentwicklung.

Während Teilhard de Chardin die Menschen über ihre geistigen Fähigkeiten zu einer sie selbst transzendierenden Entwicklung führt, liegt der Schwerpunkt der Gaia (1979) Theorie des unabhängigen Wissenschaftlers James Lovelock in der Beziehung der Menschen zu dem Planeten. Die Erde ist nach Lovelock ein ‚Superorganismus‘, dessen Bestandteile sich in stetiger Entwicklung befinden. Technik ist für ihn nicht künstlich im Sinne einer Abgrenzung von der Natur, sondern weil die Menschen Leben sind, ist für ihn alles, was sie erschaffen Teil der Natur. Gegenüber anderen Lebensformen zeichnen sich die Menschen nach ihm aus, weil es ihnen gelungen ist, Techniken zu erschaffen mittels denen sie in der Lage sind ‚Informationen zu sammeln, zu speichern und weiterzugeben‘. Lovelock bejaht die Frage: ‚Sind wir als kollektive Intelligenz das Nervensystem und das Gehirn von Gaia, das die Umwelt betreffenden Veränderungen bewusst vorhersagt?‘

Literaturverzeichnis

Al-Khalili, Jim/McFadden Johnjoe (2015): Life on the Edge. The Coming of Age of Quantum Biology. London: Transworld Publishers. Vgl. S. 143f., S. 176, S. 360, S. 332ff., S. 340, S. 429, S. 423.

Armstrong, Rachel (2012): Living Architecture: How Synthetic Biology Can Remake Our Cities and Reshape Our Lives. Ted Conferences, LLC. Kindle-Version. Positionen: 571-577, 265-284, 321-331.

Kaczynski, Theodore J. (2010): Technological Slavery. The Collected Writings of Theodore J. Kaczynski, a.k.a. „The Unabomber“. Port Townsend: Feral House. Vgl. S. 98, S. 97, S. 395f., S. 51, S. 70. S. 105.

Lovelock, James (2016): Gaia. A New Look On Earth. Oxford: Oxford University Press. Vgl. S. 143f., S. 74, S. 124,

„To what extent is our collective intelligence also part of Gaia? Do we as a species constitute a Gaian nervous system and a brain which can consciously anticipate environmental changes?“, S. 139.

Moravec, Hans (2000): Robot. Mere Machine to Transcendent Mind. New York/Oxford: Oxford University Press. Vgl. 7ff., S. 127-137.

Narby, Jeremy (2001): Die kosmische Schlange. Auf den Pfaden der Schamanen zu den Ursprüngen modernen Wissens. Stuttgart: Klett-Cotta.

—-(2006): Intelligence in Nature. An Inquiry Into Knowledge. New York: Penguin. Vgl. S. 1f., S. 83ff.

Sagan, Carl (1980): Cosmos. New York: Random House. Vgl. S. 102.

—-(1977): The Dragons of Eden. Speculations on the Evolution of Human Intelligence. New York: Random House. Vgl. S. 13ff.

Teilhard de Chardin, Pierre (2010): Der Mensch im Kosmos. München: C. H. Beck. Vgl. S. 183, S. 209, S. 230, S. 266, S. 282.

Trewavas, Anthony (2014): Plant Behavior and Intelligence. Oxford: Oxford University Press. Vgl. S. v, S. 196, S. 202, S. 219.

Vernadsky, Vladimir I. (1998): The Biosphere. New York: Springer Science+Business Media. Vgl. S. 91, S. 58.

Alle Quellen werden innerhalb des Textes mit dem Datum ihrer Ersterscheinung genannt.

19:11 15.05.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marion Leuthner

(Dr. phil.), Publikationen: (2016) Performance als Lebensform. Bielefeld: transcript, (2018) SIOIS. KDP
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Marion Leuthner

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