Verschwendung und Erhöhung

Gewissen Über ein paar mögliche Zusammenhänge zwischen intensivem Erleben und der Zustimmung zum Leben
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Neue technische Entwicklungen scheinen nicht nur, wie mit McLuhan deutlich wird, eine Erweiterung sowie den Verlust von Fähigkeiten mit sich zu bringen (vgl. McLuhan 2010, S. 49), sondern, in Anlehnung an Firestone, neben einer als von der Natur verstandenen Befreiung eine entsprechende kulturelle Gegenbewegung in Gang zu setzen (vgl. Firestone 2015, S. 131f.).

Im Jahre 1850 brachten Goodyear und andere Hersteller relativ sichere Kondome und Pessare zur Verhütung auf den Markt und verhalfen nach Gay der umstrittenen Theorie von Malthus aus dem Jahr 1798 zur Bevölkerungsbeschränkung zum Aufschwung in der bürgerlichen Gesellschaft (vgl. Gay 2000, S. 269f.). Des Weiteren kann mit Gay vermutet werden, dass sich in der Folge Männer und Frauen gleichermaßen von der Verbindung der Sexualität mit wirtschaftlichen Verhältnissen befreiten; Frauen diese Entwicklung ermöglichte die Sexualität auch unabhängig von der Furcht vor den Risiken der Schwangerschaft und der Geburt zu erleben (vgl. ebd., S. 285f.); und über den Verweis auf Beauvoir lässt sich der grundlegende Gedanke eröffnen, dass sich der Körper der Frau von dem Zusammenhang zur Fortpflanzung löste, was wiederum zu einem freieren Umgang mit der Sexualität führte (Beauvoir 2002, S. 216ff. u. S. 471f.).

Religion, Ökonomie und Kapitalismus

Gegenüber der Beförderung der Theorie von Malthus hebt Gay noch eine weitere Entwicklung hervor: Die geringere Bedeutung der Religion entlastete das Gewissen (vgl. Gay 2000, S. 274). Dennoch gibt es über Malthus, der zuerst Pfarrer wird und später dem Beruf des Professors der Ökonomie nachgeht, wiederum eine Verbindung zur Religion. Im Zeichen der Ökonomie steht in der Darstellung Gays die Geburtenkontrolle des Bürgertums: Weniger Kinder bedeutet bessere Ausbildung, Chancen und damit geringere Sorgen für die Eltern (vgl. ebd.).

Zieht man Weber und dessen Verbindung von protestantischer Ethik und Kapitalismus zurate, ist es möglich, dass diese Vorgehensweise besser mit dem Protestantismus als dem Katholizismus vereinbar ist; denn über Glaubens- und Lebensvorstellungen des Ersteren entsteht ein Mischungsverhältnis, dass es den Protestanten erlaubt sich der Ansammlung von Gütern sowie der von ihnen hervorgehobenen "Berufsarbeit" zu widmen, während, wie Agamben verdeutlicht, das Leben der Katholiken mit dem Ideal des Verzichts verbunden ist (vgl. Weber 2010, S. 65, S. 156 u. S. 193; Agamben 2012, S. 155 u. S. 194).

In dem Moment als die Geburtenkontrolle Klassen übergreifend praktiziert wird regt sich innerhalb der Staaten, wie Gay darlegt, Widerstand, mit dem sowohl aggressive außenpolitische Interessen als auch der Wunsch nach Revolution einhergehen (vgl. Gay 2000, S. 278ff. u. S. 285).

Inhalte des modernen Gewissens

In ihrer Sorge um das Befinden des Einzelnen löst die Psychologie das Christentum ab. Wie Foucault verdeutlicht, geht der Weg von der Beichte über zur Psychotherapie, die in der Folge der Erleichterung des Gewissens und dem Teilen von Geheimnissen dient (Foucault 1983, S. 65, S. 67 u. S. 71). Angesichts dessen kann vermutet werden, dass die Psychologie eine große Gewalt gegenüber dem Selbstverständnis des Einzelnen, seinen Bedürfnissen und Entscheidungen besitzt; die Folgerungen der frühen Sexualwissenschaften in das von Freud gefundene "Über-Ich"/"Gewissen" (Freud 2007, S. 237f.) des modernen Menschen eingegangen sind und dort, unbewusst, weitere Kreise ziehen.

Obwohl für Freud eine geringfügige körperliche Abweichung hin zum "Hermaphroditismus" innerhalb der Norm bleibt (Freud 1999, S. 44); er feststellt, dass es jenseits der Sexualität eine Form der Erotik, im Sinne von vielfältigen Berührungen gibt, werden alle sexuelle Handlungen jenseits des Geschlechtsakts, mit dem die grundlegende Zielrichtung der Fortpflanzung verbunden ist, als 'pervers' bezeichnet (Freud 1999, S. 52ff. u. S. 108ff.; ders. 2007, S. 88f.). Einerseits folgt aus dem Attribut der Perversion bei Freud nicht zwangsläufig eine seelische Erkrankung, denn 'pathologisch' wird es erst, wenn der Geschlechtsakt durch den "Fetisch" ersetzt wird (vgl. Freud 1999, S. 57); andererseits definiert Freud über den Begriff der 'Perversion' eine Norm. Trotzdem rufen Deleuze und Guattari dazu auf den eigenen Körper mit individuellen "Intensitäten" zu besetzen (Deleuze/Guattari 2002, S. 208ff. u. S. 215f.).

Leben und Tod

Sowohl Beauvoir als auch Bataille heben die Verbindung des Orgasmus mit dem Tod hervor (vgl. Beauvoir 2002, S. 218; Bataille 1994, S. 233). Mit Verweis auf Hegel führt Beauvoir aus, dass das Leben des Menschen endlich ist und er lediglich in der Fortpflanzung ein ewiges Leben findet. Als Konsequenz sehen Eltern in ihren Kindern sowohl ihren eigenen Tod als auch ihr Überleben; diese Tatsache macht das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern zwiespältig; aber Freud hat seinen Schwerpunkt auf ein anderes Problem innerhalb der Familie gelegt: den "Ödipuskomplex". Seine Bedeutung heben Deleuze und Guattari in ihrem zweiten gemeinsamen Buch über Kapitalismus und Schizophrenie hervor, in dem sie den Kampf gegen ihn aufgeben und ihr eigenes Versagen eingestehen (vgl. Deleuze/Guattari 2002, S. 15).

Unbegründet sind die Bedenken gegenüber der Abweichung vom Geschlechtsakt und dem damit verbundenen Ziel der Fortpflanzung Freuds nicht, denn er weiß, dass intensive Leidenschaften, die kein Ziel finden seelische Erkrankungen zur Folge haben können, und dennoch führt er die mögliche "Sublimierung" derselben auf andere Ziele, wie zum Beispiel die Kunst, am Ende wieder auf die Perversion zurück (vgl. Freud 1999, S. 108 u. S. 112; ders. 2007, S. 88ff. S. 227 u. S. 291f.). Auch in diesem Fall ist die Begründung für Freuds Folgerung nicht vollständig abzuweisen, denn den 'Sexual-/Lebenstrieben' stellt er die 'Ich-/Todestriebe' (vgl. Freud 2007, S. 237f.) gegenüber; und das bedeutet zugespitzt wie vereinfacht, dass diejenigen, die nicht an das Leben glauben und sich für es einsetzen, lediglich an sich denken und Gefahr laufen sich allein der Zerstörung zu zu wenden.

Entsprechend führt Batailles Bestreben der Sexualität eine Erotik der Liebenden entgegenzusetzen zu Verschwendung und Gewalt (vgl. Bataille 2007). Sein Versuch die Sexualität in der Erotik zu befreien, ihr an sich einen Wert in der "Ekstase" und in dem Gefühl der Einheit zu verleihen, findet keine Verbindung zum menschlichen Leben; vielleicht und gerade, weil er den Widerspruch der Lust in der "Überschreitung" des Tabus betont und die Erotik derart mit "Kontinuität" und Tod verbindet, während das alltägliche Leben des Menschen allein von dem Eindruck der "Diskontinuität" bestimmt ist (ebd., S. 18ff.). Gegenüber der "Verschwendung" in der Erotik steht bei Bataille die "Arbeit" (ebd., S. 166f. u. S. 42). Er deutet an, dass die Erotik einem Wandel unterliegt und wenn sie nicht allein der Zerstörung geweiht sein soll, einen Weg finden muss produktiv zu werden (vgl. ebd., S. 105).

Übersetzungen und Lebens-Möglichkeiten

Firestone hat (1969/70) gehofft, dass mittels Technik sowohl die Klassengesellschaft von den Klassen als auch die Geschlechter von ihren biologischen und kulturellen Rollen befreit werden (vgl. Firestone 2015, S. 11). Über die Alternative einer künstlichen Erschaffung der Kinder sollten sich die familiäre Bande und die mit ihr verbundenen Machtverhältnisse lösen, unterschiedliche Menschen sich der Sorge um die Kinder in einem 'Haushalt' annehmen, innerhalb dem die Unterscheidung zwischen 'genetischen, künstlichen erschaffenen sowie adoptierten Kindern' hinfällig werden würde (vgl. ebd., S. 297ff.). In ihrem Versuch sich den menschlichen Lebensmöglichkeiten unter dieser Idee anzunähern hat sie geahnt, dass den Menschen während dieses Prozesses ermöglicht werden muss, sich mit ihren Tätigkeiten zu identifizieren; den Begriff der Arbeit will Firestone in diesem Zusammenhang nicht mehr verwenden ( vgl. ebd., S. 213).

Obwohl für Nancy das "Seinsbegehren [...] auch den Namen Kunst [trägt]" (Nancy 2010, S. 56), schließt er sich am Ende der Definition Freuds an: Jede "Lust" jenseits der "genitalen Abfuhr" ist "pervers" (ebd., S. 69). Eine Diskriminierung möchte Nancy vermeiden, weshalb er versucht die Verbindung zur Fortpflanzung zu umgehen, aber diese erscheint bei Freud bedeutend, weil er mit ihr auf die Gefahr von Verschwendung und Gewalt verweist.

Womöglich wäre die Kunst eine geeignete Vermittlerin zwischen intensivem und alltäglichem Erleben, denn sie garantiert die Erhöhung über eine Steigerung von Gefühlen sowohl zu einem wirklichen Gegenstand als auch der Möglichkeit der Verkörperung und erreicht derart das schaffende Individuum mit anderen Menschen in den Prozessen der Entstehung über die Verinnerlichung, Zusammenarbeit, der anschließenden Teilnahme sowie des (gemeinsamen) Aus-Lebens, einzubeziehen (vgl. Leuthner 2016, S. 224ff. u. S. 335ff.). Ihr Vorteil gegenüber anderen mit intensiven Gefühlen verbundenen Praktiken und Überzeugungen, wie beispielsweise der Religion, sie ermöglicht – wenn auch nicht zwangsläufig – Raum für Humor und Selbstreflexion. Dabei müsste jedoch die Idee der Kunst in einem übergeordneten Sinne verwendet werden, damit alle Menschen ihr Leben in ihrem Zusammenhang erhöhen können und dann ist die Kunst nicht mehr Kunst, sondern bereits in etwas Neuem aufgegangen, das mit einer direkten Verbindung zum menschlichen Leben einhergeht.

Literaturverzeichnis

Agamben, Giorgo (2012): Höchste Armut. Ordensregeln und Lebensform. Homo Sacer IV, 1. Frankfurt a. Main: Fischer.

Bataille, George (1994). Die Erotik. München: Matthes & Seitz.

---(2007): Das obszöne Werk. Hamburg: Rowohlt.

Beauvoir, Simone de (2002): Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Hamburg: Rowohlt.

Deleuze, Gilles/Guattari, Félix (2002): Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie. Berlin: Merve.

Firestone, Shulamith (2015): The Dialectic of Sex. The Case for Feminist Revolution. New York Verso.

Foucault, Michel (1983): Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt a. Main: Suhrkamp.

Freud, Sigmund (2007): Das Ich und das Es. Metapsychologische Schriften. Frankfurt a. Main: Fischer.

---(1999): Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Frankfurt a. Main: Fischer.

Gay, Peter (2000): Die Erziehung der Sinne. Sexualität im bürgerlichen Zeitalter. München: Goldmann.

Leuthner, Marion (2016): Performance als Lebensform. Zur Verbindung von Theorie und Praxis in der Performance-Kunst. Linda Montano, Genesis P-Orridge und Stelarc. Bielefeld: transcript.

McLuhan, Marshall (2010): Understanding Media. The extension of man. London/New York: Routledge.

Nancy, Jean-Luc (2010): Ausdehnung der Seele. Texte zu Körper, Kunst und Tanz. Zürich/Berlin: Diaphanes.

Weber, Max (2o10): Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. München: C. H. Beck.

14:05 13.09.2017
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Geschrieben von

Marion Leuthner

Interessenschwerpunkt: die Verbindung von Kunst, Wissenschaft und Leben
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