Vorzeichen der Erhöhung

Streben Verhilft die Technik den Menschen zur Überschreitung ihrer selbst, Wiederholung von Irrtümern oder Vermittlung von Widersprüchen?
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Vorzeichen der Erhöhung
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Foto: Internet Archive Book Images/Flickr (Frei)

Superman ist die amerikanische Übersetzung für den deutschen Übermenschen. Eingeführt von Detective Comics in Action Comics #1 im Jahr 1938, ist Superman ein Außerirdischer vom untergehenden Planeten Krypton, der als Baby auf der Erde ausgesetzt und von Farmern erzogen wurde, um mit der menschlichen Moral ausgestattet und gleichzeitig mit Menschen übersteigenden Fähigkeiten begabt zu sein. In einer Zeit, in der die Bewohner New Yorks von Hochhäuserschluchten umgeben, von ihrem eigenen Schaffen bezwungen erscheinen, sehnen sich die Menschen nach der Möglichkeit ihrer Kultur körperlich gerecht zu werden, erfinden sie Superhelden, die über den Hochhäusern fliegen, sich mit Leichtigkeit an ihnen entlang hangeln und sich ihnen derart bemächtigen. Wenn King Kong im Jahr 1933, zwei Jahre nach der Fertigstellung des Empire State Buildings, in einem letzten Aufbegehren der Natur gegen die Kultur das zu diesem Zeitpunkt höchste Gebäude besteigt, erscheint dies als eine Mahnung aus einer vergangenen Welt. Am Ende steht der Sieg der Zivilisation gegenüber dem primitiven Leben.

So die Hoffnung der Menschen, die H. G. Wells in Menschen, Göttern gleich im Jahr 1923 vorsorglich erschüttern möchte. Mit ihren Autos eine gewöhnliche Landstraße auf der Erde entlang fahrend, findet sich ein kleine Gruppe Menschen plötzlich auf einem fremden Planeten wieder. Die auf Utopia lebenden Utopen, denen sie dort begegnen, widmen ihre Zeit der Wissenschaft, sind lediglich leicht bekleidet und leben die freie Liebe, weshalb die Menschen sich nicht entscheiden können, ob es sich um Götter oder Wilde handelt. Letztlich hält diese Irritation, die Menschen jedoch nicht davon ab zu glauben, sie könnten die Kontrolle und Macht über den Planeten erlangen, indem sie sich die Utopen unterwerfen.

Kultur als Voraussetzung für eine verbesserte Natur

Die Evolution der Natur nach Charles Darwin ist ein aus menschlicher Sicht langsamer und durch Zufall gekennzeichneter Prozess. Wie der Biologe Sir Julian Huxley in Evolutionary Humanism (1964) veranschaulicht, suchen die Menschen nach dem Ende des Einflusses der Natürlichen Selektion auf ihre Entwicklung, nach Möglichkeiten dieselbe an ihr eigenes Verständnis von Zeit anzupassen und damit zu beschleunigen. Kennzeichnend für die menschliche Entwicklung gegenüber anderen Spezies sei die Entstehung eines Bewusstseins, das die Bedeutung der Gene zurückdränge und ihnen erlaube, anstelle ihre Konzentration auf das biologische Überleben zu richten, ihre Aufmerksamkeit auf die Befriedigung ihrer selbstdefinierten Bedürfnisse zu lenken. Über den von Huxley als ‚Psychosozialisation‘ bezeichneten Prozess der Menschwerdung hinaus, besteht nach ihm für die Menschen die Notwendigkeit der Verbesserung ihrer Gene.

Während sein Bruder Aldous Huxley in Brave New World (1932) die Eugenik als eine staatlich erzwungene, das Individuum übergehende Gewalt darstellt, bezeichnet es Julian Huxley, als Vertreter der Verbindung der Evolutionstheorie Darwins mit der Genetik Mendels in der Modern Synthesis (1942), als die Aufgabe der ‚psychosozialen Selektion‘, die Eugenik zu ermöglichen. Zwischen Natürlicher und Künstlicher Selektion gibt es für J. Huxley keine Analogie. Unterliege Erstere dem Zufall, beruhe Letztere auf gezielter Spezialisierung, passe sich Erstere der biologischen Umgebung an, sei Letztere mit der vom Menschen geschaffenen ‚psychosozialen Umgebung‘ verbunden. In einem kleinen gleichnamigen Aufsatz prägt J. Huxley den Transhumanismus (1959) als einem Glauben in die Verbesserung der Menschheit als Ganze, nach dem sich die Menschen das von ihnen erlangte Mensch-Sein bewahren und gewonnene Erkenntnisse auf ihre Natur erweitern.

Von Menschen in Vergangenheitsform und Schöpfern

Geprägt von Ihab Hassan in Prometheus as Performer (1977), ist der Begriff Posthumanismus eine Art Behelfsmittel, um auf eine mögliche radikale und baldige Veränderung des Menschen hinzuweisen. Als Provokation nutzt Katherine N. Hayles den Begriff, in dem sie über die Feststellung How We Became Posthuman (1999) auf die Dringlichkeit hinweist, im Informationszeitalter Einfluss auf die Entscheidungen im Hinblick auf die Entwicklung des Menschen zu nehmen; dazu aufruft den fortschreitenden Glauben, an die Kontrolle der Natur aufzugeben und stattdessen Machtverhältnisse, zugunsten von Beziehungen zu ersetzen. Der Soziologe und Transhumanist Steve Fuller unterscheidet in Humanity 2.0 (2011) den Transhumanismus vom Posthumanismus an ihren Enden durch Ray Kurzweil und Peter Singer. Bliebe bei Ersterem vom Menschen allein die Intelligenz, für die ihre Materie unerheblich sei, suche Letzterer die menschliche Intelligenz für die Intensivierung der animalischen Sinne aufzugeben. Allerdings ist der Posthumanismus für einen Teil der Transhumanisten, wie sie beispielsweise im von dem Philosophen Max More herausgegebenen Transhumanist Reader (2013) versammelt sind, das tatsächlich angestrebte Ziel, über das der Transhumanismus führt.

Für die eigenständige menschliche Veränderung von Genen möchte Fuller anstelle auf die Evolutionstheorie Darwins auf die von Lamarck zurückgreifen, denn sie ließe Raum für genetisches Lernen und ermögliche jeder Spezies einen evolutionären Neubeginn. Grundlage von Fullers Theorie ist sein Glaube an die Erschaffung der Menschen als Ebenbilder Gottes. Ausgestattet mit dessen Kreativität sei es den Menschen möglich in Abgrenzung zur Maschine Natur, ihre Animalität zu ersetzen sowie selbst Maschinen zu erschaffen. Auch wenn More nicht den Glauben an Gott wie Fuller mit dem Transhumanismus verbindet, beruht seine Argumentation auf der den Menschen innewohnenden Möglichkeit, sich die schöpferischen Fähigkeiten anzueignen, die Gott zugeschrieben werden.

Behinderung als Folge der Leistungssteigerung

In der Gegenüberstellung Precautionary und Proactionary finden Steve Fuller und Veronika Lipińska in The Proactionary Imperative (2014) die zukünftige Ablösung der, aus der Sitzordnung der Französischen Nationalversammlung nach der Revolution von 1789 entstandenen, Unterscheidung politischer Richtungen in rechts und links. Stehe Precautionary für den Schutz des Menschen vor eventuellen Risiken der Technik und die Begrenzung der Menschen auf ihre Zugehörigkeit zur Natur, setze sich Proactionary für die Bereitschaft zum Risiko ein, anhand der Betonung des möglichen Nutzens der Technik sowie im Bestreben die Natur des Menschen zu überschreiten. Wie Fuller und Lipińska als Transhumanisten eingestehen, ist der auf der Wortschöpfung Julian Huxleys basierende Transhumanismus eine ‚Eugenik 2.0‘. Aber Fuller und Lipińska nehmen aus ihrer Sicht die Herausforderung an, eine soziale, dem Individuum gerecht werdende, wie weltoffene Variante zu finden und fassen ihre Ideen unter dem Begriff „hedgenetics“ zusammen. Darunter verstehen sie einen Zusammenschluss von Menschen mit gemeinsamen ‚Bio-Kapital‘-Interessen, für die sich wiederum ‚soziale Einheiten‘ auf Basis ihrer Interessen entscheiden können, um in sie wie in einen Hedgefonds zu investieren und derart, wissenschaftliche Forschung zu ermöglichen. Regeln sollen über geeignete Investoren, wie die Teilhabe der ihre Gene bereitstellenden Individuen entscheiden. Unter der Formulierung ‚horizontale Gleichheit‘ stellen Fuller und Lipińska sicher, dass Menschen ähnlicher Herkunft unter sich bleiben.

Während J. Huxley nach Techniken suchte, um die Menschen auf ihre genetische Verbesserung spirituell vorzubereiten, geht es dem Proactionary Imperative von Fuller und Lipińska darum, Risiken einzugehen. Ethischen Bedenken begegnen sie mit der Argumentation, dass mit dem Transhumanismus eine permanent vorherrschende Diskriminierung einhergehe, was bedeute, dass die Menschen immer bereits behindert seien, weil es immer ein aktuelleres Enhancement gebe, wodurch es unmöglich werde allgemein anwendbare Normen zu definieren. Nun sei es an den Menschen ihr Leben selbst zu bestimmen und sich für den „Willen zur Macht“ Nietzsches oder die „Angst“ Kierkegaards zu entscheiden, wobei sie sich mit Ersterem die Möglichkeit eröffneten ‚Gott zu spielen‘.

Zwischen Codierung und Beherrschung der Natur

Aus unterschiedlichen, auf ihren jeweiligen Bereichen beruhenden Blickwinkeln versuchen die Künstlerin und Aktivistin Shulamith Firestone in The Dialectic of Sex (1970) und die Biologin Donna J. Haraway in Nature as a System of Production and Reproduction (1991), zu einer ‚feministischen und sozialistischen Theorie der Befreiung zu finden’. Zwar würdigt Haraway Firestones bedeutenden Beitrag zum Feminismus, wirft ihr jedoch vor, in der Gegenüberstellung Produktion und Reproduktion den Schwerpunkt auf die Freudsche Sexualtheorie gelegt und in der Folge den weiblichen Körper der Reproduktion untergeordnet zu haben, wodurch es unmöglich geworden sei, einen natürlichen Umgang mit dem Körper zu finden und als einzige Möglichkeit für eine Befreiung von den Geschlechterrollen die Technik geblieben wäre. Stattdessen schlägt Haraway vor, die Betonung des Historischen Materialismus, wieder auf den Begriff der Produktion zu legen und in der Folge zum Marxschen Begriff der Arbeit, als einem bedeutenden menschlichen Prozess zu einem Verständnis gegenüber der Welt zu gelangen, zurückzukehren. Über die Arbeit kämen die Menschen zu einer Definition von Natur und Kultur, zu dem, was sie unter dem organischen oder sozialen Körper verstünden, aber mit diesen dialektischen Beziehungen sei nicht zwangsläufig die Entwicklung einer Vorherrschaft der Kultur gegenüber der Natur verbunden. Ausgangspunkt für eine Veränderung der kulturellen Sichtweise auf den Körper ist nach Haraway nicht die Technik, sondern die Neuübersetzung der bislang sexistischen Interpretation der tierischen sozialen Verhaltensweisen und deren Übertragung auf den Menschen.

Während Haraway nicht umhinkommt die bedeutende gesellschaftliche Stellung der Sexualität hervorzuheben und festzustellen, dass die sexuelle Reproduktion aufgrund der Zusammenkunft von Individuen mit unterschiedlichen Genen immer Wettstreit mit sich bringt, weshalb keine auf sexueller Reproduktion basierende Gesellschaft zu wahrem Frieden findet, widmet sich Firestone mit der gleichen Überzeugung der Reproduktion über die Geburtenkontrolle mittels Verhütung und Künstlicher Reproduktion wie der Produktion in der Abschaffung der Klassengesellschaft anhand der Übernahme der Arbeit durch die Maschinen. Ihre Hinterlassenschaft ist die Lücke, an die Stelle der Beherrschung und Überschreitung eine Durchdringung von Natur und Technik mittels der Kunst zu setzen.

In diesem Sinne versucht Haraway in ihrem Cyborg Manifesto anhand des Stilmittels der Ironie scheinbar widersprüchliches und doch zusammengehörendes, miteinander zu vereinen. ‚Obwohl beide in einer spiralförmigen Bewegung verbunden sind, wäre ich lieber ein Cyborg als eine Göttin.‘ Im späten 20zigsten Jahrhundert seien die Vereinigten Staaten durch die Trennung der Menschen vom Tier gezeichnet, an deren Bruchstelle sich der Cyborg als eine Realität wie Fiktion erhebe. Bewusst wählt Haraway den poststrukturalistischen Ansatz und setzt an die Stelle der Bedeutung der Lebenspraxis die Praxis des Codierens. Im Cyborg als Verwebung von Organismus und Maschine sieht sie die Möglichkeit nicht mehr von der Übersetzung der Welt, sondern von einer Codierung zu sprechen, um in der Folge eine neue von Kontrolle, Perfektion und Phallogozentrismus befreite Sprache zu finden.

Mit der Codierung verweist Haraway auf die Bedeutung eines Einschreibens von Erneuerung bedürftigen Denk- und Verhaltensweisen in die Materie, während Firestone versucht im Austauschverhältnis von männlicher Technik und weiblicher Kunst, in der ‚reinen hohen Kunst‘, einen veränderten Umgang der Menschen mit der Welt zu erreichen. Trotz Firestones Glauben an eine baldige Beherrschung der Natur, bedeuten ihr die Errungenschaften der Technik in erster Linie zusätzliche Möglichkeiten, die keine vollständige Ersetzung nach sich ziehen. Den Schwerpunkt ihrer Utopie legt sie auf die Lebenspraxis der Menschen und entwickelt die Idee einer ‚Hausgemeinschaft‘ in der ‚gezeugte, adoptierte und künstlich geschaffene Kinder‘ mit Erwachsenen zusammenleben, entwirft eine Gesellschaft, die es den Menschen ermöglicht, sich auszuschöpfen, indem sie nicht mehr die kindliche Neugierde erstickt.

‚Jedes Individuum beteiligte sich an der Gesellschaft als Ganzes, nicht für Lohn oder andere Antriebe von Prestige und Macht, sondern weil die Arbeit, die es wählte allein auf den eigenen Interessen beruhte, und vielleicht nur zufällig, weil sie sozialen Wert für andere hätte (so gesund egoistisch wie nur die Kunst heute ist). Arbeit, die allein sozialen Nutzen besäße und keinen persönlichen Wert, wäre von der Maschine ausgelöscht.‘

Literaturverzeichnis

Firestone, Shulamith (2015): The Dialectic of Sex. The Case for Feminist Revolution. New York: Verso. Vgl. S. 184, S. 170, S. 174, S. 207f., „Each individual would contribute to the society as a whole, not for wages or other incentives of prestige and power, but because the work he chose to do interested him in itself, and perhaps only incidentally because it had a social value for others (as healthily selfish as is only Art today). Work that had only social clue and no personal value would have been eliminated by the machine.“ S. 213.

Fuller, Steve (2011): Humanity 2.0. What it Means to be Human Past, Present and Future. Basingstoke: Palgrave Macmillan. Vgl. S. 79, S. 67, S. 154, S. 106, S. 170.

Fuller, Steve/Lipińska, Veronika (2014): The Proactionary Imperative. A Foundation of Transhumanism. Basingstoke: Palgrave Macmillan. Vgl. S. 12, S. 25f. S. 99, S. 92, S. 62, S. 113, S. 126, S. 135f., S. 132.

Haraway, Donna J. (2010): Simians, Cyborgs, and Women. The Reinvention of Nature. New York: Routledge.

darin

- Nature as a System of Production and Reproduction, S. 5-68. Vgl. S. 10f. S. 61, S.

- A Cyborg Manifesto, S. 149-181, Vgl. S. 149, „Though both are bound in the spiral dance, I would rather be a cyborg than a goddess.“ S. 181, S. 151f., S. 170, S. 176.

Hassan, Ihab (1977): „Prometheus as Performer: Toward a Posthumanist Culture? A University Masque in Five Scenes“ In: Benamou, Michel/Caramello, Charles (1977): Performance in Postmodern Culture. Madison: Coda Press. S. 201- 217. Vgl. S. 212.

Hayles, Katherine N. (1999): How We Became Posthuman. Virtual Bodies, Cybernetics, Literature, and Informatics. Chicago/London: The University of Chicago Press. Vgl. 288.

Huxley, Julian (1992): Evolutionary Humanism. Buffalo/ New York: Prometheus Books. Vgl. S. 20, S. 27ff., S. S. 33f., S. 254, S. 259, S. 265.

—-(2010): The Modern Synthesis. The Definitive Edition. Cambridge/London: MIT Press. Vgl. S. 586.

—-(1959): New Bottles for New Wine. Essays by Julian Huxley. London: Chatto & Windus.

darin

- Transhumanism, S. 13-17. Vgl. S. 17.

More, Max (2013): The Transhumanist Reader. Classical and Contemporary Essays on the Science, Technology, and Philosophy of the Human Future. Chichester: Wiley-Blackwell.

darin

- „The Philosophy of Transhumanism“, S. 3-17. Vgl. S. 4.

- „A Letter to Mother Nature“, S. 449-450.

Wells, H. G. (1993): Menschen, Göttern gleich. Wien: Zsolnay Verlag. Vgl. S. 29, 169ff.

Internetquellen

https://www.dccomics.com/characters/superman

https://www.britannica.com/topic/Superman-fictional-character

https://www.britannica.com/topic/King-Kong-film-1933

19:36 13.11.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marion Leuthner

Publikationen: Performance als Lebensform (2016), SIOIS (2018)
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