Kettensägenmassaker

Ökologie Im polnischen Białowieża kämpfen Umweltschützer gegen die Zerstörung durch die Holzwirtschaft
Kettensägenmassaker
Sein Freund, der Baum, ist bedroht: Waldschützer in Warschau

Foto: Zuma Press/Imago

Wer von Berlin aus mit dem Auto neun Stunden gen Süden fährt, kann in Konstanz ankommen. Wer nach Osten fährt, erreicht in derselben Zeit das polnische Białowieża an der Grenze zu Weißrussland. Der dortige Nationalpark beheimatet eines der letzten verbliebenen Urwaldgebiete Europas. Dass bei „Urwald“ vor allem tropische Landschaften vor dem inneren Auge erscheinen, kommt nicht von ungefähr. Zwar war Europa noch vor 2.000 Jahren dicht mit Wäldern bewachsen, doch die mussten fast vollständig der Landwirtschaft, menschlichen Siedlungen und der Holzwirtschaft weichen. Die heutigen Forste sind fast ausschließlich von Menschenhand angelegt. Viele von ihnen schon längst wieder verwildert – nur sind sie eben keine Urwälder mehr.

Diese hielten sich nur in schwer zugänglichen Regionen, in den Karpaten, im schwedischen Lappland, auf La Gomera oder eben bei Białowieża in Polen. Dort gibt es tausende Tier- und Pflanzenarten, bis zu 50 Meter große Baumriesen und verschiedenste Biotope. Dazwischen leben Wisente, die europäischen Bisons, die eine steigende Anzahl von Touristen anziehen.

Wisente, Wölfe, Waldarbeiter

Wer heute in Białowieża eintrifft, kann nicht nur Wisente oder gar Wölfe beobachten, sondern auch emsige Waldarbeiter und Holztransporter. Die seit 2015 in Polen regierende rechtspopulistische PiS-Partei verdreifachte die Obergrenze des zu schlagenden Holzes auf 188.000 Festmeter. Abgeholzt werden die Bäume zwar nicht im streng geschützten Nationalpark, der in den letzten 150 Jahren Kriege und Revolutionen überstand, doch in der direkt angrenzenden Pufferzone. Das Waldgebiet gehört zu den Natura-2000-Schutzgebieten der EU und ist auch als UNESCO-Weltnaturerbe anerkannt. Voraussetzung für die Auszeichnung war ein Bewirtschaftungsplan, der eine schonende Waldnutzung sicherstellen sollte. Doch an diesen Plan halten sich die Waldarbeiter nicht mehr. Statt einzelne Stämme zu fällen, werden größere Flächen kahlgeschlagen, umgepflügt und mit Monokulturen bepflanzt. Damit droht das Schutzgebiet zu einem gewöhnlichen Wirtschaftswald zu verkommen. Und die Abholzungen sind nicht nur ein ökologisches Desaster, sie sind auch ökonomisch wenig sinnvoll. Das geschlagene Holz wird zu normalen Preisen verkauft, die Waldarbeiten sind wegen des unwegsamen Geländes zudem recht aufwändig. Gleichzeitig gibt es in Polen riesige Waldflächen.

Warum wird gerade bei diesem besonderen Urwald die Kettensäge angesetzt? „Das wüssten wir auch gern“, sagt der Biologe Adam Bondan, der seit zehn Jahren in dem Wald arbeitet und sich an Blockaden gegen die Abholzungen beteiligt. „Zum einen will die PiS-Regierung ihr Wahlversprechen, die polnische Holzwirtschaft zu unterstützen, einhalten. Die Forstunternehmen sind äußerst einflussreich und stark mit den entsprechenden Behörden vernetzt.“ Wohl um Korruption vorzubeugen, werden die Beamten der Forstbehörden sehr großzügig entlohnt – der Direktor eines einzelnen Forstdistriktes verdient laut Bondan mehr als der polnische Premierminister. „Außerdem ist es durchaus möglich, dass die PiS-Regierung Brüssel ganz bewusst provoziert, als eine Art Rache wegen der Kritik an den Verfassungsreformen der PiS.“

Der Biologe ist einer von rund 30 Aktivisten, vornehmlich aus Polen, die den etwa 70 „Forest Guards“ der Waldarbeiter und ihren Drohnen gegenüberstehen. Sie blockieren Waldwege und machen Kontrollfahrten, um ein Monitoring der Abholzungen zu ermöglichen. Es ist dabei nicht in erster Linie die Staatsgewalt, die sie fürchten, sondern es ist primär das Sicherheitspersonal, welches die Blockaden äußerst rabiat auflöst. Die Polizei wird oft von den Aktivisten gerufen, um die gewaltsamen Auflösungen zu beobachten – allerdings kommt sie nur selten.

Die Brutalität des Sicherheitspersonals und teilweise auch der Polizei erklärt sich Adam Bondan mit fehlenden Erfahrungen im Umgang mit derartigen Widerstandsformen: „Wenn in Deutschland, etwa bei den Gorlebenprotesten, Aktivisten ihre Arme in Betonteilen oder Metallrohren zusammenketten, werden zunächst die Teile, dann die Aktivisten getrennt. Hier in Polen wird einfach an den Aktivisten gezerrt, bis ihre Hände blau und taub werden und sie sich freiwillig losketten.“ Tatsächlich ist dieses Vorgehen an den Handgelenken mehrerer Aktivisten sichtbar. Dennoch nehmen viele von ihnen die Ketten mit den Karabinern nicht ab und bleiben bei der Taktik. „Natürlich können wir die Abholzungen nicht stoppen, aber wir können die Zerstörung verlangsamen, teurer machen und für Aufmerksamkeit sorgen“, sagt eine weitere Aktivistin.

Das Verhältnis der Waldschützer zur lokalen Bevölkerung ist allerdings gespalten. Zwar sehen viele Bewohner die Abholzungen kritisch, weil sie um die Einnahmen aus dem Tourismus bangen, doch dagegen steht die traditionelle Achtung vor der Waldarbeit. „Manche diffamieren uns als Ökoterroristen“, sagt Bondan, „sowohl von Seiten der Regierung als auch von Seiten der Kirche. Doch es gibt immer mehr lokale Solidarität, schließlich ist deutlich, dass weitaus mehr abgeholzt wird als zunächst behauptet.“

Ursprünglich sollten nur Bäume gefällt werden, die Straßen blockieren könnten, wenn sie durch Stürme umkippen – ein häufiges Problem in der Region. Die Umweltaktivisten zweifeln diese Begründung an – schließlich werden bis zu einem Abstand von 200 Metern neben den Straßen Bäume gefällt. Dabei wachsen die größten Bäume in diesem Wald nicht höher als 45 Meter. Auch wird das Holz nicht, wie zunächst versprochen, vor Ort belassen, um den Tieren, Pflanzen und Pilzen, die auf verfallendes Gehölz angewiesen sind, Lebensraum zu bieten.

Viele dieser Arten kommen ausschließlich im Białowieża-Wald vor. Inzwischen wird auch abseits der asphaltierten Straßen in der Nähe kleiner Waldwege abgeholzt. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Straßennähe in erste Linie für den Abtransport der Bäume praktisch ist, und die Gefahr von Baumstürzen nicht der primäre Grund für die Rodungen ist. Zusätzlich wird der sich ausbreitende Borkenkäfer ins Feld geführt, um die Abholzungen zu begründen. Tatsächlich sind mehr und mehr Bäume von Käferbefall betroffen und sterben ab. Ein Grund für die Ausbreitung des Insekts liegt im Klimawandel, weil sich durch den Anstieg der Durchschnittstemperatur nun mehrere Generation pro Jahr entwickeln können.

Käfer, Knabbern, Kahlschlag

Doch der Umgang mit diesem Befund ist strittig. In einem der Natur überlassenen Wald würde der Borkenkäfer nicht durch die Entnahme befallener Bäume zurückgedrängt werden. Lässt man der Käferpopulation freien Lauf, kann das Ergebnis durchaus drastisch ausfallen, wie es im Nationalpark Bayerischer Wald zu beobachten war. Dort sorgten nicht Waldarbeiter, sondern Borkenkäfer für einen Kahlschlag. Inzwischen allerdings bildete sich dort auf betroffenen Flächen ein Primärwald – das Waldgebiet wurde insgesamt verjüngt.

Und nicht nur das Beispiel Bayerischer Wald macht deutlich, dass deutsche Überheblichkeit fehl am Platze wäre. Als Mitte September dieses Jahres ein Wisent nach Brandenburg einwanderte, wurde er noch am selben Tag auf Anordnung des Ordnungsamtes Lebus erschossen. Der Straßenverkehr sei gefährdet gewesen, so die offizielle Begründung. Aktuell läuft ein Verfahren gegen das Ordnungsamt wegen des Abschusses des Tieres, welches mehrere Jahre unfallfrei in Polen umherzog. Der Abschuss sorgt bei den polnischen Umweltaktivisten für bitteren Spott: „Es hatte wohl keinen Pass dabei!“

Die Begründung der Rodungen mit dem Borkenkäfer halten sie für fadenscheinig. „Es werden ganz klar auch Bäume gefällt, die weder betroffen noch gefährdet sind“, sagt Adam Bondan. Abgesehen davon, aus welchem Grunde die Waldflächen gerodet werden: Die Auswirkungen sind in jedem Fall enorm, weil auch Walderntemaschinen eingesetzt werden. Diese wiegen bis zu 20 Tonnen, sinken mit ihrem Gewicht bis zu einem halben Meter in den feuchten Boden ein und verdichten das Erdreich.

Manche Anwohner stören sich auch daran nicht. Andere fürchten eine Ausweitung des streng geschützten Nationalparks, da sie davon ausgehen, den Forst dann nicht mehr betreten zu können. Die Wisente dagegen verursachen im Urwald keinerlei Nutzungskonflikte: Die Raufutterverwerter fressen ausschließlich strohiges Gras.

06:00 29.11.2017
Geschrieben von

Marius Hasenheit

Arbeitet für Ecologic Institute & seebohm.berlin. Schreibt hauptsächlich für transform Magazin. @MariusHasenheit
Marius Hasenheit

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