Franziska Schutzbach: Über männliche Abwehr

Franziska Schutzbach In einem langen Interview mit der Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach im Online-Magazin FICKO geht es insbesondere über männliche Abwehr feministischer Kritik.
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Die nachfolgende Auseinandersetzung mit dem Interview gibt einen guten Einblick über die Widersprüche und Schwächen der Schutzbach‘schen Argumentation.

Das Interview im Online-Magazin FICKO ist wirklich sehr, sehr lange und wurde deshalb bei diversen Stellen gekürzt, die für eine thematische Auseinandersetzung nicht sonderlich fruchtbar sind.

Welches Geschlecht die Täter haben, ist für Schutzbach interessant

FS schreibt im Zusammenhang der Aufschrei-Kampagne:

Ja, es kamen Argumente wie, wir würden die Probleme der Männer vergessen und sie pauschal zu Tätern machen. Oder wir würden lügen. Aber nicht nur, es gab auch viel Solidarität von Männern, Bereitschaft zu kritischer Selbstreflexion. Es sind auch neue Verbindungen entstanden.

Die Kritik dürfte m.E. richtig sein, zumal Männer durch den „Aufschrei“ mehr oder weniger pauschal zu Tätern gestempelt wurden. Wie würde FS reagieren, wenn man pauschal erzählen würde, sämtliche Ausländer seien potentiell oder überdurchschnittlich kriminell oder alle Menschen darüber hinaus auffordern würde, über ihre Erlebnisse mit Ausländerkriminalität in den sozialen Medien zu berichten? Oder wie wäre es, wenn man über Kindstötungen einen Aufschrei lancieren würde und alle Menschen über das Internet einladen würde, sie sollten doch über Vorkommnisse und Erfahrungen berichten, zumal Frauen hier wohl zu 2/3 bis ¾ der Täter ausmachen? Wenn möglich noch sehr emotional, moralisierend und auf Empörungsbewirtschaftung aus.

Ausserdem wurde ebenfalls Kritik an diesem Aufschrei dahingehend geäussert, dass er populistisch ist, demnach dasselbe gemacht wird, wie wenn die Rechtspopulisten Ausländerkriminalität thematisieren: vornehmlich mit viel Emotionalität, Moralisierung und Empörungsbewirtschaftung. Der Mediensoziologe Kurt Imhof hätte möglicherweise von Bauchstalinismus gesprochen. Ausserdem: Die Rolle der Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer wurde vermutlich überhaupt nicht thematisiert. Obschon man weiss, dass neuere Studien darauf hinweisen, dass Männer annähernd so zahlreich Opfer von sexueller Gewalt werden wie Frauen oder dass Männer gleichermaßen häufig Opfer von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz werden wie Frauen. Das wird von Feministinnen wie FS schlichtweg nicht thematisiert, dass Frauen ebenfalls Täterinnen sind.

FS schreibt:

Und ja, auch Männer sind von sexualisierter Gewalt betroffen, keine Frage, aber das ändert noch nichts daran, dass auch die Gewalt an Männern meistens von anderen Männern ausgeht. Täter sind zu einem hohen Prozentsatz Männer.

Was hilft es den männlichen und weiblichen Opfern, wenn man weiss, dass, falls das überhaupt richtig sein sollte, Männer größtenteils die Täter sind? Was hilft das einem Opfer von Gewalt, wenn es weiss, dass der Täter eine Frau oder ein Mann gewesen ist? Gewiss: Für die Prävention von Straftaten mag das eine Rolle spielen, aber sicherlich nicht für die Opfer. Und abermals: weshalb eskamotiert FS Frauen als Täterinnen? Weshalb ist es kein Thema, dass Frauen wahrscheinlich genauso zahlreich Gewalt gegenüber Kindern und alten Menschen ausüben wie Männer? Oder die häusliche Gewalt! Wenn wir auf die Quantität fokussieren: weshalb werden Frauen als Täterinnen häufig aussen vor gelassen? Ich verweise einmal auf die Dissertation von Bastian Schwithal: „Weibliche Gewalt in Partnerschaften. Eine syntologische Untersuchung“.

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz geht vielfach ebenfalls von Frauen gegenüber Männern aus. Zudem, wenn wir die neueren Studien einbeziehen, bei denen Männer fast gleich häufig wie Frauen von sexueller Gewalt betroffen sind, dann dürfte hier ein erheblicher Anteil der Täterinnen Frauen sein. Es dürfte demnach ein erhebliches Tabu geben, dass Männer überhaupt als Opfer und Frauen als Täterinnen wahrgenommen werden.

FS schreibt:

Männer müssen akzeptieren, dass das strukturell ist, und dass sie daran arbeiten müssen. Männliche Gewalt ist ein Problem, das man nicht anderen in die Schuhe schieben kann. Sie hat unter anderem mit bestimmten Männlichkeitsidealen zu tun. Oft wenden Männer Gewalt an, wenn sie diese Ideale nicht erreichen, sie versuchen, ihre real erlebte Schwäche mit Gewalt auszugleichen.

Das ist eine interessante Aussage: Wenn z.B. von gewissen Feministinnen darauf hingewiesen wird, Frauen würden in bestimmten Bereichen benachteiligt bzw. diskriminiert (Gläserne Decke, Care-Arbeit, Gender Pay Gap), dann sind das vielfach Benachteiligungen, die strukturell erklärt werden und folglich müssen die Massnahmen, die Abhilfe schaffen sollen, auf die Strukturen wirken und nicht bloß am einzelnen Individuum ansetzen. Es wird folglich nicht gesagt, dass Frauen individuell selbst schuld sind, an dem beanstandeten Zustand, sondern strukturelle Begebenheiten werden ins Feld geführt und Massnahmen zur Verbesserung der Situation müssen an den Strukturen ansetzen.

Wenn aber Männer offenbar strukturell vermehrt Täter bei Straftaten sind, dann wird freilich anerkannt, dass wir hier bekanntermaßen ebenfalls ein strukturelles Problem haben, aber die Lösung des Problems wird individualisiert und die Schuld einzig und alleine dem individuellen Mann aufgebürdet oder ergänzend der Gesamtpopulation der Männer, obwohl es nicht intelligibel ist, weswegen nicht ebenfalls Frauen, gleichermaßen wie Männer, diese Strukturen aufrechterhalten. Wer sagt beispielshalber, dass nicht ebenso Frauen und Mütter dafür verantwortlich sind, zumal sie massgeblich zur Sozialisation und Erziehung der Männer beitragen?

Eine solche widersprüchliche Argumentation müsste eigentlich auch FS stutzig machen: Wo Frauen Probleme haben oder machen, sind vielfach Strukturen verantwortlich und schuld und vereinzelt bis nie die individuelle Frau selbst; bei den Männern gilt der umgekehrte Fall.

Sexualisierte Gewalt eine Form von Machtausübung?

FS schreibt:

Sexualisierte Gewalt ist aber auch eine Form der Machtausübung, bei der es gezielt um Herabsetzung und Demütigung von Frauen (manchmal anderen Männern) geht, und nicht um Sex.

Das mag sein, dass es bei sexualisierter Gewalt in gewissen Fällen um eine Form von Machtausübung gehen kann, aber ich halte es für einen Mythos, dass dies in den meisten Fällen so ist. Herabsetzung und Demütigung können demnach ohne Sex durchgeführt werden, dazu braucht es keine Vergewaltigung. Abgesehen davon, dass Herabsetzung und Demütigung ebenfalls mittels psychischer Gewalt vollzogen werden und sich die Frage stellen würde, wie oft Frauen hier Täterinnen sind.

Gibt es eine Kollektivschuld?

FS schreibt:

Männer sind dafür verantwortlich, sich zu fragen, was hier eigentlich abgeht. Klar geht es auch um die Frauen und ihre Rolle. Und auch darum, dass Männer sich als Opfer (einer bestimmten Männlichkeit) begreifen. Aber erstmal geht es um eine klare Übernahme von Verantwortung, ohne Wenn und Aber, darum, dass Männer selbstkritisch fragen: Was ist da los bei uns? Warum wird Männlichkeit und männliches Selbstbewusstsein oftmals über die Herabsetzung von anderen hergestellt?

Leider geht es hier abermals bloß um Frauen als Opfer und Männer als Täter und Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer werden gleichsam gänzlich ausgeblendet. Es ist indes richtig, dass sich ein Mann oder eine Frau, wenn sie eine Straftat begangen haben, fragen sollten, was ihre individuelle Verantwortung dabei ist. Gleichzeitig kann es für Täter sinnvoll sein, wenn man schaut, was sind gesellschaftliche Strukturen, die ein solches Tatverhalten begünstigen oder eher hemmen. Und es kann freilich ebenso sinnvoll sein, wenn Männer und Frauen, die keine Straftat begangen haben, darüber nachdenken, welches die gesellschaftlichen Ursachen für derartige Straftaten sind. Aber: Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb bei Straftaten, die vermehrt von Männern begangen werden, bloss Männer darüber reflektieren sollen, welche gesellschaftlichen Strukturen dafür verantwortlich sind, dass gewisse Männer vermehrt Straftaten begehen im Vergleich zu Frauen. Oder Männer hier quasi alleine in Sippenhaft genommen werden. Wer sagt, dass nicht Mütter und Erzieherinnen zu einem beträchtlichen Teil dafür verantwortlich sind, dass Männer im Vergleich zu Frauen überdurchschnittlich gewisse Straftaten begehen? Man weiss aus der Kriminologie, dass die Faktoren Alter, Geschlecht, soziale Schicht/Klasse/Milieu, sowie Wohnort und bei gewissen Delikten auch soziokulturelle Faktoren (z.B. relative Deprivation) eine zentrale Rolle spielen, die sich hemmend oder fördernd auf die Kriminalitätsbelastung auswirken können. Es ist nicht einsehbar, dass allein Jugendliche und junge Erwachsene, die überproportional in die Kriminalität verstrickt sind, gleichsam alleine reflektieren sollen, welche Strukturen und Interaktionen zu einer grösseren Kriminalitätsbelastung führen oder die unteren Schichten nun vor allem die Aufgabe erhalten, zu reflektieren, welche Strukturen und Interaktionen dafür verantwortlich sind, dass ihre Kriminalitätsbelastung überdurchschnittlich hoch ist. Wer sagt, dass nicht vielfältigste Faktoren dafür verantwortlich sind, dass schlussendlich Männer bei gewissen Straftaten überdurchschnittlich involviert sind im Vergleich zu Frauen und Frauen mithilfe ihres Verhaltens bzw. ihrer Interaktionen mit Männern derartige Strukturen mithelfen zu reproduzieren?!

Männer erleben auch Sexismus – trotzdem keine strukturelle Benachteiligung

FS schreibt:

Sicher erfahren Männer Sexismus, werden teilweise auf ihr Geschlecht reduziert, erleben Benachteiligung. Aber dass ihnen daraus als Gruppe ein gesellschaftlicher und struktureller Nachteil entsteht (zum bsp. ökonomisch, beruflich), stimmt nicht. Es ist einfach nicht so, dass dadurch ein gesamtgesellschaftliches Ungleichgewicht zuungunsten der Männer entsteht.

Selbstverständlich gibt es auch bei Männern Benachteiligungen die gesamtgesellschaftlich zu einem Ungleichgewicht führen:

Zumal Männer in der Regel viel härtere und gesundheitsschädlichere Arbeiten durchführen „müssen“ im Vergleich zu Frauen: Arbeiten (Strassenbau, vermutlich ein grosser Teil des Bausektors und industrielle wie handwerkliche Berufe), bei denen Männer in der Regel bereits mit 50-55 Jahren in die Frühpensionierung gehen müssen, weil sie invalid sind. Oder Männer eben 3x häufiger Selbstmord begehen oder 90% der tödlichen Berufsunfälle erleiden oder 4-5 Jahre früher sterben als Frauen, viel häufiger obdachlos sind als Frauen sind etc. Hier haben wir ein gesamtgesellschaftliches Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen und weshalb das nicht relevant sein soll, ist wahrlich nicht einsehbar.

Das Männlichkeits-Ideal ist schuld, dass Männer Benachteiligungen haben

FS schreibt:

Weiter ist es so, dass Benachteiligung von Männern oft aus dem vorherrschenden Männlichkeits-Ideals resultiert (sterben in Kriegen, werden krank und gehen nicht zum Arzt). Was ich sagen will: es ist nicht die Schuld der Frauen oder Feministinnen, dass Männer Schlachten führen. Oder sich als Manager zu Tode arbeiten. Oder zu schnell Auto fahren.

Woher weiss FS, dass Benachteiligungen von Männern oft aus dem vorherrschenden Männlichkeits-Ideal resultieren. Gibt es darüber vielfältige repräsentative empirische Studien, die alle zum gleichen Ergebnis gekommen sind? Und was ist ein Männlichkeits-Ideal genau? Und wer bestimmt, was ein Männlichkeits-Ideal ist? Gibt es nur ein Männlichkeits-Ideal oder mehrere? Wenn Präventionsmassnahmen gegen Unfälle im Strassenverkehr durchgeführt werden, spielt es da eine Rolle, ob die Autofahrer selbst Schuld sind oder nicht? Und werden solche Präventionsmassnahmen nur durchgeführt, wenn die Autofahrer nicht selbst Schuld sind und sonst ist es egal?

Wer ist schuld daran, dass Männer Schlachten führen? Frauen haben seit Jahrzehnten das Wahlrecht in den meisten Ländern Europas. Deutschland und viele andere Länder in Westeuropa sind repräsentative Demokratien, somit bestimmen auch die Frauen (sind mehr als 50% des Souveräns), was in der Politik geht und was nicht. Frauen sind also genau gleich mitverantwortlich dafür wie Männer, dass primär Männer in den Krieg ziehen müssen und nicht Frauen. Auch Frauen sind mehrheitlich dafür, dass es eine Armee gibt und dass offenbar vor allem Männer eine Militärdienstpflicht haben. Es ist schon interessant: Wenn Männer Benachteiligungen haben, dann sind Frauen absolut unschuldig daran und wenn Frauen Benachteiligungen haben, sind Frauen auch absolut unschuldig, aber die Männer sind schuld daran, wenn Frauen Nachteile haben und auch Schuld daran, wenn sie selbst Nachteile haben. Frauen sind immer Opfer und nie Täterinnen und Männer immer Täter und nie Opfer oder dann selbstverschuldete Opfer. FS soll doch mal diese Argumentationskette mit repräsentativ empirischen Studien belegen, sonst muss davon ausgegangen werden, dass dies leere Behauptungen sind.

Männer erfahren keine Unterdrückung, sondern nur Frauen

FS schreibt:

Männer müssten sich nicht aus weiblicher Unterdrückung befreien, ihr Befreiungskampf ist ein anderer, vor allem von eigenen Identitätskonzepten der Stärke und Überlegenheit.. Und das macht es vermutlich für Männer komplexer, sie können keine Unterdrückung beklagen durch eine weibliche Herrschaft. Weil sie sind es ja selbst, die mehrheitlich an den so genannten Schaltstellen der Macht agieren (die These von der angeblichen Feminisierung der Gesellschaft ist ein Mythos). Sie müssen also ein Stück weit an ihrem eigenen Ast sägen. Ein schwieriges Unterfangen. Weil sie ja auch immer wieder viele Credits bekommen in diesen Positionen.

Aus welcher männlichen Unterdrückung müssen sich heute Frauen befreien? Frauen stellen seit Jahrzehnten mehr als 50% des wahl- und stimmberechtigten Souveräns und sie können somit ganz legal und demokratisch alle Gesetze ändern, die dafür sorgen, dass Benachteiligungen aufgehoben werden, sollten sie irgendwo benachteiligt sein. Wenn sie das nicht machen, dann ist es kein Problem der Männer, sondern ein Problem der Männer und Frauen. Das Gleiche gilt für männliche Geschlechtsrollen und -identitäten und sonstige strukturelle Bedingungen, die die Sozialisation der Männer steuern. Frauen sind durch ihre Interaktionen und Handlungen mitbeteiligt an der Reproduktion von männlicher Identität, männlichen Geschlechterrollen und sonstigen Strukturen. Eine fein säuberliche Trennung von gesellschaftlichen Veränderungen ist, solange nicht eine vollständige Apartheid zwischen Männern und Frauen herrscht, ein Ding der Unmöglichkeit. Sollten alle Männer getrennt von Frauen leben, dann wäre ein solches Ansinnen von FS berechtigt, nicht aber, wenn sie auf Mikro-, Meso- und Makroebene mit den Männern in Interaktionen, Institutionen und überindividuellen Strukturen verbunden sind.

Strukturell können auch Frauen in Westeuropa keine Unterdrückung durch Männer mehr beklagen, weil sie politisch alle Möglichkeiten dazu haben, irgendwelche Unterdrückungsverhältnisse, sollte es diese geben, zu verändern, weil sie ja mehr als 50% des wahl- und stimmberechtigten Souveräns ausmachen.

Weshalb sind denn die Männer vermehrt an den Schaltstellen der Macht als Frauen? Und überproportional an den Schaltstellen der Macht zu sein, heisst noch lange nicht, dass diese Leute zum Vor- bzw. Nachteil eines Geschlechts agieren. Noch einmal: Die Frauen stellen mehr als 50% des wahl- und stimmberechtigten Souveräns dar. Das heisst, wenn Frauen nur Frauen in die Legislative wählen (Bund, Kanton [Länder], Gemeinde [Kommune]), dann haben sie innert kürzester Zeit eine satte Mehrheit von Frauen in der Legislative. Das Gleiche gilt für die Exekutive und Judikative: Entweder wird die Exekutive und Judikative direkt durch den Souverän gewählt oder durch die Legislative. Und wenn wir in Legislative, Judikative und Exekutive innert kürzester Zeit eine satte Frauenmehrheit haben, dann kann diese Frauenmehrheit auch in allen Politikfelder intervenieren: Sie kann Quoten im privaten wie im staatlichen Sektor festlegen für Führungspersonen usw. usf. Weshalb passiert das nicht: Weil dies offenbar nicht alle Frauen so wollen oder wünschen. Das heisst: Wenn die Schaltstellen der Macht vermehrt durch Männer besetzt sind, dann ist dies nun einmal Ausdruck der Mehrheit des Souveräns, bei dem Frauen mehr als 50% stellen und somit folglich vollständig mitverantwortlich an Unterdrückungen sind, sollte es irgendwelche Unterdrückungen geben.

Militärdienstpflicht der Männer ergibt kaum Nachteile

FS schreibt:

Die Wehrpflicht in der Schweiz für Männer kann man zum Beispiel durchaus als Sexismus sehen. Gleichwohl sind damit ja auch Karrieren und gesellschaftliches Prestige möglich. Es erwachsen einem keine schwerwiegenden Nachteile, im Militär gewesen zu sein, während man das eben als Frau ökonomische und andere Nachteile erfährt, wenn man 10 Jahre lang auf die Kinder aufgepasst hat.

Nun kann man sich fragen, weshalb Frauen 10 Jahre lang auf ihre Kinder aufpassen. Es ist keine Frau dazu gezwungen, Kinder auf die Welt zu stellen, ist vollständig freiwillig. Ausserdem könnte die Frau sagen, der Mann solle zu Hause bleiben oder der Mann soll genau gleich viel Arbeit in die Care-Arbeit investieren wie die Frau selbst auch. Wenn dies der Mann nicht macht, dann sollten Frauen halt vorher schauen, dass sie nicht mit einem solchen Mann ein Kind haben oder eine Familie gründen. Des Weiteren gilt das Gleiche wie oben: Frauen haben politisch alle Mittel in der Hand, um Änderungen einzuleiten, sollten sie irgendwo benachteiligt sein.

Auch beim Militärdienst fehlt leider bei FS die Empathie für Männer, die sie sonst immer bei Frauen aufbringt: Es gibt Männer, die wollen aus unterschiedlichsten Gründen keinen Militärdienst leisten: das können ethische, religiöse, politische oder psychische Gründe sein. Als es in der Schweiz noch keinen Zivildienst gab, mussten Männer entweder schauen, dass ein Arzt sie untauglich für den Militärdienst schreibt oder sie mussten den Militärdienst verweigern, was jedoch hiess, dass sie in der Regel eine unbedingte Gefängnisstrafe von ca. 5-9 Monaten erhielten. Sie waren also nachher vorbestraft und waren in der bürgerlichen Welt geächtet oder bekamen teilweise auch keinen Job mehr. Es ist auch heute noch so, wer keinen Zwangsdienst leisten will (Militärdienst, Zivildienst, Zivilschutz) etc,, bekommt eine Gefängnisstrafe. Für eine bestimmte Anzahl von Männern hat somit die Dienstpflicht sehr einschneidende Auswirkungen auf ihr Leben, die die Frauen eben nicht haben. Und selbstverständlich tragen auch Frauen dazu bei, dass Männer weiterhin Zwangsdienste leisten müssen, von denen Frauen befreit sind.

Männer sind das Allgemeine – Partikularität ist nicht ihr Ding

FS schreibt:

Es fällt Männern viel schwerer, sich als partikular zu begreifen, kulturgeschichtlich hat der Mann kein Geschlecht. Die Rolle der Partikularität haben Frauen, sie sind der Körper, das Geschlecht, der Mann steht für Geist, für Vernunft, Objektivität und Neutralität. Der Mann steht für das Allgemeine, die Frau für das Partikulare, das Andere. Deshalb waren ja Frauen auch bei der Deklaration der Menschenrechte nicht mit gemeint. Mit Mensch war der Mann gemeint. Der Mann als Mensch hat kein Geschlecht, das ist, was viele Männer bis heute empfinden, sie erleben sich als geschlechtlos, ihre Position als unmarkiert. Nur die anderen sind markiert. Und sie erleben es als Degradierung, wenn sie über ihre Geschlechtlichkeit nachdenken sollen, über ihre eigene Partikularität. Über die eigene Geschlechtlichkeit nachzudenken bedeutet, zu realisieren, dass unsere Wahrnehmung von der Welt eben gerade nicht neutral oder allgemein ist.

Es stellt sich schon einmal die Frage, ob diese Kulturgeschichte überhaupt richtig ist. Wenn man das Buch „Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der Negativen Andrologie“ von Christoph Kucklick heranzieht, ergibt sich eben eine andere Kulturgeschichte und der Mann ist sehr wohl markiert:

„Hinter der Gender-Debatte steht die Überzeugung: In der Moderne inszeniert sich der Mann als rationales Alphatier, die Frau gilt als seine andere: als emotional und minderwertig. Diesen Mythos dekonstruiert Christoph Kucklick mit einem systemtheoretischen close reading kanonischer Texte zum Geschlechterverhältnis aus der Zeit um 1800. Er bringt eine ganz andere Redeordnung ans Licht: die negative Andrologie, in der der Mann als abschreckendes Produkt der Modernisierung erscheint: als gewalttätig, unmoralisch und triebgesteuert. Sogar Fichtes Deduktion der Ehe - bislang gelesen als Manifest des Machismo - kann so neu verstanden werden: als Anleitung zur Zivilisierung der "bösen Männer".“

Abgesehen davon, dass es im Mittelalter und Neuzeit die Ständegesellschaft sowie später Klassen und Schichten gab, sodass auch hier wohl jedem Mann klar werden musste, dass seine Sichtweise (des jeweiligen Standes oder der jeweiligen Schicht und Klasse) nur eine partikulare sein konnte und nicht Allgemeingültigkeit beanspruchen konnte. Des Weiteren ist fraglich, ob die Kulturgeschichte der Moderne überhaupt die unteren und mittleren Klassen ausreichend repräsentiert, zumal diese nur rudimentär schreiben und lesen konnten und noch viel weniger Zeit hatten, dicke Bücher zu schreiben, sodass die Kulturgeschichte eben vor allem eine Kulturgeschichte des Adels, des Klerus oder des Bürgertums ist, aber sicherlich nicht primär die der Bauern, Arbeiter, Handwerker etc. Ferner ist es fraglich, eine diskursive Ordnung, die im 18., 19. und 20. Jh. vielleicht eine gewisse Wirkmächtigkeit hatte, einfach „freihändig“ auf die heutige Zeit zu übertragen und zu sagen, diese Geschlechterordnung würde auch heute noch die Sozialisation der Geschlechter nachhaltig bestimmen. Um hier überhaupt valide Aussagen machen zu können, müssten empirische Untersuchungen getätigt werden.

Viel wirkmächtiger scheint mir der auch heute noch dominante Sozialisationsmodus der Externalisierung bei Männern zu sein: Das heisst, das „Innen“ wie Gefühle, Emotionen, Hilflosigkeit, Trauer etc. sind für den Mann eher gefährlich, er holt sein Selbstvertrauen, seine Selbstbestätigung, sein Selbstbewusstsein also nicht aus dem „Innen“, sondern aus äusseren Tätigkeiten wie Berufserfolg, Schulerfolg, materielle Symbole wie Auto, Motorrad, Immobilien, Besitz, Sport etc.

FS schreibt:

Als Mann oder männlich sozialisierte Person entwickelt man spezifische Perspektiven auf die Welt, das einzugestehen, fällt nicht leicht, wenn man sich gewöhnt ist, die eigene Sicht für neutral und allgemein zu halten.

Wie gesagt, halte ich bereits die Prämissen dieser Aussagen für nicht zutreffend oder zumindest ohne jegliche empirische Absicherung und ad hoc ist nicht nachvollziehbar, weshalb es schwierig sein sollte, die eigene Sichtweise als eine partikulare anzusehen.

FS schreibt:

Ich halte es aber für einen entscheidenden Schritt, die Begrenztheit, Partikularität und auch Gewordenheit der eigenen Perspektive zu reflektieren. Ich glaube, man kann sich nur auf andere wirklich einlassen, andere verstehen, wenn man die eigene Sicht nicht für universell hält. Wenn man also den Radius öffnet, indem man die eigene Begrenztheit erkennt.

Ja, man kann die andere Sicht der Menschen verstehen, wenn man eine gewisse Empathie hat, die nicht nur eine kognitive Perspektiveübernahme impliziert, sondern desgleichen eine emotionale etc. Aber wie gesagt: Empathie heisst hier das Losungswort und wer keine Empathie für sich selbst aufbringen kann/darf, der wird ebenfalls Schwierigkeiten haben, Empathie bei anderen Menschen für deren Perspektive zu zeigen.

FS schreibt:

Weil zum Beispiel Männer selten sexualisierte Belästigung erleben, denken sie, es wäre kein Thema. Und halten diese Sicht für universell. Sie sehen nicht, dass die andere Hälfte der Menschheit andere Erfahrungen hat. Beziehungsweise sie halten diese Erfahrungen von anderen für ein Partikularproblem, mit dem sie sich nicht identifizieren und folglich nicht befassen müssen (da sie es ja nicht erleben). Ähnliches gilt für das Thema Gebären, unterbezahlte Care-work, Sexarbeit und vieles mehr. Diese Themen werden von Männern gern „verandert“. „Ach, das sind diese ‚Frauenthemen‘; höre ich oft.

Zur sexualisierten Belästigung am Arbeitsplatz bei Frauen und Männern gibt es auch eine neuere Studie in der Schweiz: Diese sexualisierte Belästigung scheint eben bei Männern nicht so unbedeutend zu sein. Und vermutlich dürfte es hier noch viel eher ein Tabu geben, Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer wahrzunehmen. Wie gesagt, ob die unterbezahlte Care-Arbeit tatsächlich so unterbezahlt ist, wäre dann eine andere Frage. Und wenn eine Frau alleine wohnt, wem will sie ihre Care-Work für sich in Rechnung stellen? Und noch einmal: wer zwingt Frauen dazu, unterbezahlte Care-Arbeit, wenn diese dann wirklich unterbezahlt ist, zu leisten? Selbstverständlich gibt es auch männliche Sexarbeiter. Aber mal anders gefragt: Wie viel Männerforschung wird wohl in der Geschlechterforschung betrieben: 10% oder 20%? Ich vermute, mehr wird es nicht sein, der Rest wird mal primär Frauenforschung sein.

FS schreibt:

Aber das sind nicht einfach Frauenthemen, sondern sie haben etwas mit dem Ganzen, mit der Gesellschaft als Ganzes zu tun, mit Ökonomie, mit Herrschaftsverhältnissen usw. und betreffen alle. Das kann man aber nur verstehen, wenn man sich klar macht, dass die eigene Lebenswelt nur ein Ausschnitt ist von dem, was Menschen erleben. Wenn man den eigenen begrenzten Blick eingesteht. Aus einer solchen selbstreflexiven Perspektive ließe sich auch erkennen, dass nicht nur Sexismus, sondern auch Rassismus, Homophobie usw. nicht einfach das Problem dieser betroffenen ‚anderen’ sind, sondern die Gesellschaft als Ganzes betreffen.

Genau: wie Männerthemen eben auch mit dem Ganzen zu tun haben, was ich bereits weiter oben ausführlich dargelegt habe. Jedoch FS das Gefühl hat, Männergewalt würde nur die Männer angehen und nicht auch die Frauen, wenn es beispielsweise um die gesellschaftlichen Bedingungen geht, die Männergewalt fördern oder hemmen.

Männer wollen sich nicht von Frauen aufklären lassen

FS schreibt:

Ja, weil Männer denken, es sei Sache der Frauen, über Sexismus nachzudenken, forschen oder schreiben oder äußern sie sich nur selten zum Thema Geschlecht. Das bedeutet, dass Männer sich bei der Reflexion über Geschlechterverhältnisse auf bereits vorhandene gesellschaftliche Analysen von Frauen, gar Feministinnen berufen müssen. Sie müssen also zuhören, rezipieren, was Frauen dazu seit langem zu sagen haben, und das ist nicht leicht, weil im männlichen Selbstverständnis mann sich alles selbst ausgedacht, selbst erfunden, von selbst aus drauf gekommen sein sollte. Das Eingeständnis, dass die Kritik am Patriarchat, an Sexismus bereits auf der Vorarbeit von unzähligen Frauen beruht, fällt schwer. Mein Eindruck ist, dass es Männern oft auch deshalb schwer fällt, zu Sexismus zu sprechen, weil sie dann auch sagen oder eingestehen müssen: ich beziehe mich hier auf Analysen, die ich mir von Frauen angeeignete habe, ich selber bin nicht drauf gekommen. Das kratzt am Ego. Es kratzt am männlichen Ego, sich in weibliche Genealogien zu stellen.

Die These, dass Männer Mühe haben, sich auf Geschlechterforschung zu beziehen, die von Frauen verfasst wurde, ist eine Vermutung bzw. Behauptung bzw. Hypothese, die empirisch zu prüfen wäre. Ich will damit nicht sagen, dass dies ausgeschlossen ist, aber ich halte sie ebenfalls bloß teilweise für überzeugend. Bloß habe ich zumindest den Eindruck, dass gewisse Teile der Geschlechterforschung keineswegs ideologiefrei sind, sondern vielfach politisch bzw. ideologisch motiviert und Männer dann gewissermaßen Mühe dadurch haben, wenn sie den Eindruck erhalten, dass vorzugsweise Frauenforschung betrieben wird und keine Männerforschung oder bloß Männerforschung, die wiederum sehr einseitig vorgeht oder mit ideologischen Verzerrungen behaftet ist. Dazu gibt es ja ebenfalls einen bemerkenswerten Text von Stefan Hirschauer: „Wozu Gender Studies? Ein Forschungsfeld zwischen Feminismus und Kulturwissenschaft“. Dabei lautet der Vorspann wie folgt:

Der Begriff ‚Gender ­Studies‘ wird derzeit auf mindestens drei Weisen verwendet: als Bezeichnung ­eines transdisziplinären kulturwissenschaftlichen Forschungsgebietes, als beschwichtigende Umbenennung der feministischen Geschlechterforschung und als rhetorisches Mäntelchen für bürokratische Frauenfördermaßnahmen. ­Eine kritische Bestandsaufnahme aus soziologischer Sicht.

FS schreibt:

Aber ich habe wirklich das Gefühl, für Männer ist es ein unbewusstes No Go, sich von Frauen was sagen zu lassen. Männer können sich ja untereinander teilweise hart anfeinden, streiten. Das Spiel der Konkurrenz wertet das Gegenüber in ihren Augen auf, wenn Männer von Männern kritisiert werden, fühlen sie sich wichtig und ernst genommen. Kritik von Frauen hat nicht diesen Effekt. Weil Frauen einfach nicht dieselbe Subjektposition haben. Sie sind nicht auf Augenhöhe.

Kann alles sein, müsste allerdings empirisch erforscht werden, ob dem wirklich so ist, wie FS behauptet.

FS schreibt:

Deshalb fühlen Männer sich von feministischer Kritik oft auf den Schlips getreten: Sie fühlen sich doch gar nicht mächtig! Sie wurden grad von der Frau verlassen, haben Geld verloren, sie sind gestresst oder depressiv. Und da kommen diese Feministinnen und behaupten, es gäbe ein Machtsystem, in dem Frauen diskriminiert sind. Wo sich doch die realen Männer oft ebenfalls schwach fühlen.

FS soll doch einmal genau aufzählen, wo Frauen diskriminiert sind gegenüber Männern: Wie bereits mehrere Mal gesagt: Eine Ungleichheit heisst nicht automatisch Diskriminierung, sondern die Ungleichheit kann durch freiwillige Entscheidungen (Präferenzen) zustande kommen.

Sollte es Diskriminierungen gegenüber Frauen wie Männern geben, sind alle politischen Mittel vorhanden, diesen Diskriminierungen ein Ende zu setzen. Wenn das nicht passiert, dann sind Frauen wie Männer offenbar mehrheitlich der Auffassung, dass sie diese Diskriminierung so belassen wollen. Es können folglich Frauen wie Männer diskriminiert werden und aufrechterhalten würde diese Diskriminierung von Frauen und Männern. Und: objektive Lage bzw. objektive Deprivation ist vielfach keineswegs kongruent mit subjektiver Wahrnehmung der objektiven Lage oder der objektiven Deprivation: demzufolge gibt es auch die relative Deprivation. Auch relative Deprivationen können nun mal zu Depressionen und psychischen Krankheiten und Beeinträchtigungen führen.

FS schreibt:

Aber auch real schwache Männer stützen das Patriarchat, weil sie sich am Phallischen als gesellschaftlicher Maßstab orientieren.

FS sollte doch mal den Begriff oder das Konzept Patriarchat definieren und dann operationalisieren, damit wir wissen, an welchen Indikatoren sie in der Realität ein Patriarchat ausmacht. Ich halte diesen Begriff für die heutige Zeit in den westlichen Industriestaaten für völligen Unfug.

Das Phallische ist der Massstab der Welt

FS schreibt:

Die Flexibilisierung der Geschlechterverhältnisse hat zwar Veränderungen möglich gemacht, Frauen treten selbstbewusst in der Öffentlichkeit auf, aber das Phallische ist immer noch der Maßstab, und zwar für alle, auch für Frauen oder andere Nicht-Männer. Wie Elfriede Jelinek mal sagte: „Ich bin ja nicht Feministin, weil ich Männer bekämpfe, die Frauen verprügeln und vergewaltigen. Dass man dagegen ist, ist ja klar. Ich bin Feministin, weil dieses erdrückende phallische, phallokratische Wertesystem, dem die Frau unterliegt, über alles gebreitet ist. Die Unterwerfung unter das taxierende männliche Urteil ist für mich eine ewige narzisstische Kränkung“.“

Dasselbe gilt hier: Allein umfangreiche empirische Untersuchungen würden Auskunft darüber geben, ob die Aussagen von FS einen gewissen Realitätsgehalt aufweisen; dies bloss zu behaupten, hilft durchaus nicht viel weiter. Wenn wir ferner wieder Christoph Kucklick zu Rate ziehen, dann sieht die Situation gänzlich anders aus: Kucklick hat sich ebenfalls in den Leitmedien dazu geäussert:

Das verteufelte Geschlecht. Wie wir gelernt haben, alles Männliche zu verachten. Und warum das auch den Frauen schadet. Ein Essay

FS schreibt:

Die Gleichheit de jure schwächt nicht die Herrschaft de facto: der Mann ist das soziale Maß der Welt, selbst wenn er zugibt, dass Frauen ihm in einer abstrakten und juristischen Perspektive gleich seien.

Auch diese Aussage ist de facto fehlerhaft! Der gesamte politisch-juristische Komplex der Gleichberechtigung hilft sehr wohl, erhöhte Geschlechtergerechtigkeit herbeizuführen und zwar insbesondere ökonomisch, institutionell, politisch und auf Gesetzesebene (Lohngleichheit, Frauenquoten, Rechtsgleichheit, Stimm- und Wahlbeteiligung, neue gesetzliche Regelungen, was Straftaten anbelangt usw., usf.). FS spricht hier die symbolische Ordnung an. Bloß müsste FS mit repräsentativ empirischen Studien zeigen, dass dem wirklich so ist, wie sie behauptet: Bloß kann eine symbolische Ordnung tatsächlich nie ausnahmslos über den politisch-gesetzlichen Komplex verändert werden, weil es nun einmal die Gedanken- und Meinungsfreiheit und sonstige Freiheiten gibt und jeder Mensch die Freiheit hat, seine persönlichen Bewertungen über die Menschen vorzunehmen, solange diese keine Straftat oder sonstige zivilrechtliche Persönlichkeitsverletzung darstellen. Man wird nie völlig unterbinden können, dass Menschen andere Menschen nicht als weniger wert bzw. als minderwertig betrachten oder als nicht gleichwertig wahrnehmen. Abgesehen davon, gibt es unterschiedlichste Bereiche in der Gesellschaft, in denen Personen oder Gruppen eben vermehrt symbolisches Kapital besitzen: Leute, die vermehrt kulturelles, ökonomisches, politisches und soziales Kapital etc. aufweisen, haben vielfach auch vermehrt symbolisches Kapital und sind somit in der symbolischen Ordnung besser gestellt als andere Menschen. Menschen, die eine Chefposition im Beruf innehaben, werden vermutlich vielfach auch grösseres symbolisches Kapital besitzen als andere. Dies lässt sich jedoch durch gesetzliche Regelungen nicht abschaffen, sondern hier würden allenfalls Sensibilisierungsmassnahmen halbwegs nützen, aber mittels Zwang lässt sich das keineswegs verändern.

FS schreibt:

Sexismus-Kritik richtet sich gegen das phallokratische System, nicht gegen Männer. Ich mache oft den Vergleich mit Rassismus, auch wenn man mit solchen Vergleichen vorsichtig sein muss, aber einige Mechanismen sind ähnlich: Weiße beziehen einen Teil ihrer Macht und Selbstbewusstseins aus einem System, das von rassistischen, hierarchischen Strukturen durchzogen ist. Gleichwohl sind nicht alle Weißen intendierte Rassisten, aber es muss uns als Weiße klar sein, dass wir grundsätzlich von einem System profitieren, das uns bevorteilt.

Ob es dieses „eindimensionale“ phallokratische System eigentlich gibt, wäre eine empirische Frage. Wenn wir Christoph Kucklick zu Rate ziehen, sieht die Sache bereits viel anders aus. Es kann sein, dass in der symbolischen Ordnung, hier in Europa, Menschen mit weisser Hautfarbe über anderen Hautfarben stehen, aber auch das müsste wiederum empirisch geprüft werden und kann nicht einfach „freihändig“ behauptet werden. Ausserdem: Muss nicht jeder Unterschied beispielsweise hinsichtlich des ökonomischen, kulturellen, politischen Kapitals etc. zwischen „Ethnien“ etc. eine Diskriminierung sein; wie nicht jeder Unterschied zwischen Ländern in Europa etwas mit Diskriminierung zu tun hat. Ausser man geht davon aus, dass Menschen keinen „freien Willen“ haben und alles schlussendlich sozial determiniert ist. Das heisst: Unterschiede können auch aus unterschiedlichen Präferenzen entstehen: z.B. unterschiedliche Work-Life-Balance: Es könnte z.B. sein, dass die Italiener im Durchschnitt lieber ein, zwei Stunden pro Tag länger Siesta machen im Vergleich zu den Franzosen und deshalb die wirtschaftliche Produktivität in Italien geringer ist und was dazu führt, dass sich die Franzosen im Durchschnitt mehr leisten können als die Italiener.

Noch einmal: Sippenhaftung und Kollektivschuld?

FS schreibt:

Rassismus ist nicht erst dann ein Problem, wenn ein Schwarzer Mensch direkt attackiert wird, das ist ein viel zu reduzierter Blick auf das Problem. Und es ermöglicht, sich selbst als nicht-beteiligt zu imaginieren. Ähnlich läuft es beim Sexismus. Wenn Männer als erstes rufen: Aber doch nicht alle Männer! Dann haben sie das Problem nicht verstanden.

Richtig: Straftaten allgemein betreffen fortwährend auch die gesamte Gesellschaft und den Staat. Aber: Man muss zwischen strukturellem Rassismus und rassistischen Handlungen unterscheiden. Von strukturellem Rassismus kann man auch profitieren, wenn man auf der Handlungsebene antirassistisch eingestellt ist. Aber rassistische Handlungen haben nun wiederum neben der gesellschaftlichen Dimension ebenfalls jeweilig etwas mit der Person zu tun. Und selbstverständlich kann struktureller Rassismus außerdem dazu führen, dass auf der Handlungsebene verstärkt rassistisch gehandelt wird.

Wer feministische Kritik nicht annimmt, will nicht reflektieren

FS schreibt:

Feministische Kritik „persönlich“ zu nehmen, als „männerfeindlich“ zu bezeichnen, zeigt eine Weigerung, strukturelle Machtungleichheit zu sehen und eigene Anteile zu reflektieren.“

Dann wird für FS sicherlich auch folgendes gelten: Männerrechtliche Kritik „persönlich“ zu nehmen, als „frauenfeindlich“ zu bezeichnen, zeigt eine Weigerung, strukturelle Machtungleichheit zu sehen und eigene Anteile zu reflektieren. Übrigens: So etwas nennt man übrigens Immunisierungsstrategie, wenn man Kritik nicht mehr selbst kritisieren darf oder Kritik gleich umgedeutet wird in Abwehr.

FS schreibt:

Ich meine damit nicht, dass eine persönliche Täterschaft ausgegraben werden und im Sinne eines Schuldbekenntnisses zu Kreuz getragen werden muss. Wir müssen nicht in Selbsthilfegruppen gehen, sondern verstehen, dass mit der Kritik an Männlichkeit oder an ‚Whiteness’ nicht die Personen gemeint sind, sondern deren Positionalität. Es geht um die Position in einer Struktur, die einem als Mann oder als Weiße oder ‚Oberschicht’ ja auch gesellschaftlich zugeschrieben wird. Dafür können wir als Individuen nichts, ich habe nicht gewählt, als Weiße geboren zu werden. Aber ich muss doch verstehen, dass es eine Struktur gibt, die mich als Weiße in eine bestimmte, oftmals hierarchische Position gegenüber anderen bringt. Und dass, selbst wenn ich selber nicht (bewusst) rassistisch handle, ich als Weiße qua dieser Positionalität eine Verantwortung habe, damit diese Machthierarchien nicht immer weiter reproduziert werden.

Ich kann mich hier bloß wiederholen: Ungleichheit beim ökonomischen Kapital beispielweise zwischen zwei Gruppen heisst noch lange nicht, dass hier auch eine Diskriminierung vorliegt, sondern die Ungleichheit kann ebenso auf selbstgewählten Präferenzen beruhen.

Ausserdem: Es mag ev. sein, dass z.B. die Gruppe der Weissen im Durchschnitt mehr ökonomisches Kapital besitzt als die Gruppe der People of Color: Bloß wird es ebenfalls zahlreiche Weisse geben, die weniger ökonomisches Kapital als der Durchschnitt der People of Color haben: Diesen nun quasi vorzuhalten, sie würden ebenfalls strukturell profitieren, weil sie Weisse sind, ist m.E. nun wirklich Blödsinn. Das heisst, diese Konzepte sind m.E. äusserst undifferenziert, wenn eine gesamte Gruppe wie die Männer oder die Weissen in einen Topf geworfen wird. Da wird ebenfalls das Konzept der Intersektionalität nicht viel weiterhelfen, zumal dieses ja bloß feststellt, ob keine, eine oder mehrfache Diskriminierung vorliegen könnte. Jedoch ebenfalls nur holzschnittartig, ohne jegliche empirische Absicherung, Vermutungen aufstellt und überhaupt nicht in Rechnung stellt, welche Möglichkeiten eine Bevölkerungsgruppe hat, bestimmte Benachteiligungen bzw. Diskriminierungen aufzulösen.

Es ist m.E. ein wesentlicher Unterschied, ob hier in Westeuropa Frauen oder Männer diskriminiert werden oder People of Color. Frauen machen, wie gesagt, mehr als 50% der wahl- und stimmberechtigten Bevölkerung aus, sie können demnach mittels Politik aus eigener Kraft die Diskriminierung stoppen, wenn sie wollen und wenn es nicht für eine Mehrheit reicht, dann sind die Frauen zu einem grossen Teil mitverantwortlich. Anders sieht es bei den People of Color aus, die sind größtenteils nummerisch eine Minderheit und können nicht aus eigener Kraft politische Veränderungen herbeiführen, sondern sind auf Solidarität mit anderen Populationen angewiesen.

Wut gegen Männer ist berechtigt

FS schreibt:

Gleichwohl ist manchmal eine gewisse Wut gegen Männer natürlich vorhanden, gerade wenn es um Gewalt geht. Diese Gewalterfahrung von Frauen durch Männer, die Jahrtausende lange Herabsetzung und Degradierung zu Menschen zweiter Klasse (wie das ja auch andere erfahren haben und erfahren, Nicht-weiße Menschen zum Beispiel) sitzt tief und geht tief.

Ach so und Männer wurden nicht entwertet? Es gab keine Klassen, keine Schichten, keine Stände, keine Sklaven, keine männlichen People of Color etc.. Männer haben selbstverständlich ebenfalls keine Gewalt erfahren, Männer mussten niemals in den Krieg ziehen, Männer mussten nie die ansässige Bevölkerung beschützen etc., usw. Und Frauen waren allemal alle brav, gesittet, anständig und nett: Keine körperliche und nie psychische Gewalt ausgeübt: gegen Männer, andere Frauen, Kinder, ältere Menschen etc? Und es gab keine weissen Frauen und keine Frauen im Adel oder im Bürgertum oder in der Bourgeoisie oder in der upper class? Bei Frauen gab es niemals Antisemitismus, keinen Faschismus, keinen Stalinismus, keinen Rassismus? Dementsprechend waren Frauen nur Opfer, lieb, angenehm und ehrenhaft? Weshalb haben eigentlich Frauen keine Revolution angezettelt? Demnach: Das Narrativ, das uns FS hier erzählt, ist eben gänzlich einseitig und verzerrt: manichäisches Schwarz-Weiss-Denken: Die Leiden der Männer werden mehr oder weniger negiert und ebenso Frauen als Täterinnen.

Feminismus will Gerechtigkeit

FS schreibt:

Aber Feminismus fordert nicht, Männer zu benachteiligen, sie werden vielleicht kritisiert, manchmal wütend und vorwurfsvoll, aber es geht in keiner Weise darum, eine Welt zu schaffen, in denen Männer nicht gleich sind, also quasi die Verhältnisse umgedreht werden, wie dem Feminismus manchmal unterstellt wird.

Dem Feminismus wird unterstellt bzw. vorgehalten, dass er vielfach Frauen als Täterinnen nicht thematisiert, die Benachteiligungen, Diskriminierungen, Leiden der Männer negiert und infolgedessen männliche Opfer aussen vor lässt. Das heisst: es wird kritisiert, dass der Feminismus vielfach eine sehr einseitige und verzerrte Sichtweise auf die Geschlechterdebatte hat und vielfach auch noch eine Dämonisierung der Männer ausübt.

FS schreibt:

Es geht nicht darum, eine „Femokratie“ zu errichten, in der Männer unterdrück werden. Jedenfalls kenne ich keine feministische Strömung, die das fordert. Feminismus, wie ich ihn verstehe und lebe, möchte eine Gesellschaft der Vielfalt und der sozialen Gerechtigkeit, da sind ‚Hausfrauen’ möglich und schwule Machos, aber eben auch lesbische Präsidentinnen of color. Oder Hausmänner. Es geht darum, wirklich eine Wahl zu haben.

Diese Anliegen sind für außerordentlich viele Männer in Ordnung. Keinesfalls in Ordnung ist das, was ich weiter oben bereits geschrieben habe: Einseitige Sichtweise, Dämonisierung der Männer, Männer als Opfer und Frauen als Täterinnen negieren.

Pauschalurteile müssen akzeptiert werden

FS schreibt:

Dass Männer, manchmal pauschalisierend, kritisiert werden, ist so, das muss man aushalten. Denn wie gesagt ist es so, dass auch Männer, die nicht vergewaltigen oder Frauen herabsetzen, mit grosser Wahrscheinlichkeit schon vom sexistischen System profitiert haben, es – ungewollt – stützen.

Verständlich, wenn Frauen mal pauschalisierend als Sozialschmarotzer benennt werden, dann ist das keineswegs so folgenschwer, zumal sie ja schliesslich ebenfalls vom sexistischen System gegen Männer profitieren: also dass Männer Zwangsdienste wie Militärdienst, Zivildienst und Zivilschutz leisten müssen und Frauen nicht, dass Männer 3x häufiger Selbstmord begehen als Frauen, dass Männer 1,5x häufiger von Mord, Totschlag, Raub und Körperverletzung betroffen sind als Frauen. Und wenn die Rechtspopulisten Ausländer oder Flüchtlinge pauschal als kriminell diffamieren, ist das gewiss nach der Logik von FS desgleichen nicht so misslich. „Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil“ oder „wo gehobelt wird, da fallen natürlich auch Späne“ und „der Zweck heiligt die Mittel“ und „Kollateralschäden gibt es halt, die muss man in Kauf nehmen“ lautet offenkundig die Devise von FS.

Frauen geht es immer beschissener als Männern

FS schreibt:

Selbst die schwächsten Männer, zum Beispiel Obdachlose, sind oft besser dran als obdachlose Frauen (im Einzelnen kann es anders sein, aber statistisch gesehen).

Ach so?! Und dazu gibt es gewiss diverse empirisch repräsentative Studien, die exakt das festgestellt haben? Inwiefern geht es denn den obdachlosen Männer besser als den obdachlosen Frauen? Haben die weniger kalt oder regnet es bei diesen weniger oder wie muss man sich das vorstellen?

FS schreibt:

Oder Männer of Color erfahren zwar rassistische Diskriminierung, profitieren aber innerhalb der eigenen Communities oder Gruppe oft von sexistischen Strukturen.

Ach so? Und wie profitiert ein Mann von einer sexistischen Struktur innerhalb einer Gruppe? Was genau ist eigentlich hier mit der sexistischen Struktur gemeint? Sexismus gegen Männer? Oder gibt es das nicht? Und wieder und wieder: Gibt gewiss diverse repräsentativ empirische Studien, die exakt das bestätigen, was FS sagt?!

FS schreibt:

Ähnlich ist es beim Arbeiter, der ausgebeutet wird. Aber immer noch besser verdient als seine Frau oder Schwester.

Und hierzu gibt es gewiss auch diverse empirische Studien, die fortwährend zum exakt gleichen Ergebnis kommen? Vielleicht verdient der Mann zurecht mehr als die Frau oder seine Schwester: zumal er ev. noch eine Ausbildung absolviert hat oder mehr Berufserfahrung hat oder sogenannt reichlich „Humankapital“ besitzt, ev. weitere Arbeitswege in Kauf nimmt, Überstunden leistet oder Nachtschicht bzw. im Schichtbetrieb arbeitet etc., usw., usf.

FS schreibt:

Auch schwule Männer erfahren zwar Benachteiligung, können aber ihre Anliegen oft dennoch besser durchsetzen als lesbische Frauen.

Was für Anliegen können sie bekanntermaßen besser durchsetzen? Und dafür gibt es außerdem mehrere repräsentativ empirische Studien, die ausnahmslos zum gleichen Ergebnis kommen?

Frauen und ihr Wut-Bonus

FS schreibt:

Ich bin der Meinung, Frauen haben eine Art Wut-Bonus. Ich meine hier nicht im Sinne von Wutbürgertum, beim Wutbürgertum geht es ja stark darum, als völkisch einheitliche Gruppe in Erscheinung zu treten (wir, das Volk, haben genug!). Es gibt aber gerade nicht die „Wut-Frauen“, weil es eben keine einheitliche Kategorie Frau gibt, sondern sehr unterschiedliche Erfahrungen und Probleme.

Ich bin übrigens ebenfalls der Auffassung, dass Männer viele Gründe haben, wütend zu sein.

Aha! Wutbürger geht schon mal gar nicht, das würde möglicherweise doch zu stark Rechtspopulismus ins Gedächtnis rufen, hier muss sich FS selbstverständlich sofort abgrenzen. Und Wutbürger darf man folglich nur sein, wenn man sich nicht als einheitliche Kategorie sieht? Dann müsste man das den rechtspopulistischen Wutbürger aber sagen, sie sollten sich doch als Wutbürger mit ausnehmend unterschiedlichen Erfahrungen sehen und dann würden sie auch von FS Beifall abbekommen.

Wut als visionäre Kraft

FS schreibt:

Wut kann eine visionäre Kraft haben, wie Audre Lorde es beschrieben hat. Die persönlichen Verletzungen können politisiert und in die Gesellschaft getragen werden. Das heisst aber auch, dass Frauen untereinander Verletzungen, Konflikte und Differenzen austragen, und eben klar sein muss, dass wir feministische Wut intersektional denken müssen.

Das ist gewiss eine gute Idee, wenn jeder Mensch und jede Gruppe seine Verletzungen, seinen Ärger und seine Wut in die politische Arena, also die Öffentlichkeit trägt. Das machen bekanntlich bereits die Rechtspopulisten und wir sehen ja, was für eine konstruktive politische Kultur daraus geworden ist! Der Mediensoziologe Kurt Imhof sagte in einem Interview diesbezüglich folgendes:

"Keine Frage: die Indifferenz hat zugenommen. Sie hat allerdings aus meiner Sicht mehr mit der grassierenden Boulevardisierung zu tun. Human Interest, Personalisierung, Skandalisierung und Moralisierung fluten die Öffentlichkeit mit Belanglosem. Ursprünglich beruhte der Journalismus auf der Darstellung von Sachverhalten, die erst die Basis für normative Schlüsse bildet. Wenn wir nun aber die Debatten betrachten, über die alle etwas wissen, Strauss-Kahns Liebesleben, das antiquierte Balzverhalten von Brüderle mitsamt den 100 000 Tweets der #aufschrei-Kampagne oder die in ihrer heissen Phase ausgeprägt auf die Empörungsbewirtschaftung einer Einzelperson fixierte Abzockerauseinandersetzung beobachten, sehen wir hingegen eine moralisch-emotionale Überfrachtung des Öffentlichen. Diese dient nicht mehr der sanften Gewalt des besseren Arguments, sondern erzeugt möglichst viel Empörung und betreibt systematisch moralische Diskreditierung. Nun ist aber Moral keineswegs weltanschauungsfrei. Sie tut nur so und kann sich erst noch um Argumente drücken."

FS schreibt:

Wenn wir zum Beispiel bedenken, dass Frauen in der Schweiz erst 1971 (in manchen Kantonen erst 1990!) das Stimmrecht bekommen haben, und dass es bis heute kein wirkliches Unrechtsbewusstsein darüber gibt, dass der Hälfte der Bevölkerung die Mitbestimmung enthalten wurde, kann frau schon richtig wütend werden. Die Einführung des Frauenstimmrechts wird bis heute in der Schweiz als Nebensache betrachtet. Würde man es als Kernelement der Schweizer Demokratiegeschichte betrachten, müsste auch die massive Grundrechtsverletzung ernst genommen werden. Und es würde sofort klar, wie fundamental exkludierend unsere so genannte Demokratie lange war – und bis heute ist (vgl. „Ausländer_innen“-Stimmrecht, 25 Prozent der in der Schweiz lebenden Bevölkerung darf nicht abstimmen, weil Einbürgerung nur zögerlich möglich ist usw.).

Aber das wird in der Regel unter den Tisch gekehrt, weil man das Märchen von der demokratischen Top-Schweiz aufrecht erhalten will. Es wird nicht gesagt, dass die Schweiz keine Demokratie war (und ist). Diese kritische Demokratiegeschichte wird an Schulen nicht wirklich unterrichtet, man erfährt das dann irgendwie per Zufall. Darüber kann man schon ganz schön wütend werden, auch weil Frauen deshalb immer wieder von vorne anfangen müssen. Wenn das Wissen über Unrecht nicht kanonisiert wird, nicht in die allgemeine Bildung dringt, muss jede Generation sich wieder mühsam alles selbst aneignen, ein Geschichtsbewusstsein entwickeln, um die eigenen Ungleichheitserfahrungen einordnen zu können.

Selbstverständlich war und ist die Schweiz eine Demokratie: aber eine Demokratie, bei der man gewisse Abstreiche machen muss. Aber es ist m.E. typisch, dass FS diese Differenzierungen nicht macht und gleich das „Kind mit dem Bade ausschüttet.“ Vielfach ein manichäisches dualistisches Denken und Weltbild.

Das ist freilich so, dass es keineswegs in Ordnung war, dass Frauen national erst ab 1971 wählen durften. Es durften übrigens auch nicht alle Männer im Jahre 1848 wählen, sondern ca. 20% wurden ebenfalls ausgeschlossen. Und: wenn man in der Geschichte weiter zurückgeht, dann gab es vor 1848 gleichsam überhaupt keine Demokratie und der grösste Teil der Männer war ebenfalls von politischer Partizipation ausgeschlossen. Aber dieses „Unrecht“ interessiert FS nicht, sie schaut bloß, wo wurde Frauen „Unrecht“ angetan, jedoch nicht, wo ebenfalls Männern Unrecht angetan wurde. So entsteht vielfach ein gänzlich einseitiges und entstelltes Bild.

Der Aufschrei

FS schreibt:

Und plötzlich haben wir einen Aufschrei (oder andere Ereignisse) und es wird deutlich, dass Frauen immer noch begrabscht, objektiviert, entwürdigt werden. Und alle scheinen irgendwie überrascht, und wir fangen wieder von vorne an mit all den Analysen, die die Systematik dahinter erklären, sichtbar machen. Als ob das nicht schon tausende vorher gemacht hätten. Jetzt stehe ich per Zufall in den Schweizer Medien, weil ich Dinge öffentlich sage und per Zufall zum richtigen Zeitpunkt initiiert habe, und auch, dass ich gehört werde, andere nicht… ist mit Privilegien verbunden. Ich kann es vielleicht einigermassen gut vermitteln, aber inhaltlich, mal ehrlich: Ich sage nicht viel Neues, nichts, was nicht unzählige Frauen, Feministinnen vor mir gesagt hätten. Anne Wizorek und die ganze Aufschrei-Debatte in Deutschland, das war wichtige Vorarbeit, vor deren Hintergrund wir in der Schweiz den Hashtag lancieren konnten. Ich war während dem Aufschrei in Deutschland, und habe viel gelernt, auf das ich jetzt in der Schweiz zurückgreifen kann. Und deshalb ist mir auch total bewusst, wie wiederholend das alles dauernd ist.

Es geht fortwährend um Frauen: Wie oft werden wahrscheinlich Männer objektiviert, aufgrund des Geschlechts schlecht gemacht, erfahren ebenfalls sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt. Und wie gesagt: Der Aufschrei erinnert an populistische Empörungsbewirtschaftung, Bauchstalinismus und populistische Kriminologie. Es geht um Moralisierung, Emotionalisierung, Feindbilderzeugung, Dämonisierung und nicht um eine sachliche Analyse und Aufklärung und Prävention. M.E. ist der Aufschrei nicht viel anderes als wenn die SVP (rechtpopulistische Partei in der Schweiz) einen Aufschrei um Ausländerkriminalität machen würde: Die gleiche Empörungsbewirtschaftung und der gleiche Bauchstalinismus und dieselbe populistische Kriminologie. Ich verweise noch einmal auf den Text von Kurt Imhof mit dem Titel: „Schluss mit dem Bauchstalinismus!

Verletzungen, Wut und Emotionen gehören in die Öffentlichkeit

FS schreibt:

Es gibt also Gründe, wütend zu sein. Die Wut der Frauen hat mit einer Geschichte der Verletzung zu tun, zum Beispiel die Verletzung, nicht gehört zu werden, oder nur sehr temporär. Verletzungen, die wir auch erben, die wir in unseren Körpern und Psychen tragen. Es gibt Forschung über das so genannte Post Traumatic Slave-Syndrome (Joy DeGruye), das heißt Psycholog_innen haben gezeigt, dass die rassistischen Gräuel der Vergangenheit als Trauma über Generationen vererbt werden. Das kann man natürlich nicht eins zu eins vergleichen, aber die Verletzung, als Menschen zweiter Klasse behandelt worden sein, das sitzt tief und wird über Generationen Frauen weiter vererbt. Was meine Großmütter oder Urgroßmütter erfahren haben, das trage ich in mir. Davon bin ich überzeugt. Und wenn ich mir ihre Geschichten verhinderter Abtreibungen, unglücklicher Ehen und Gewalterfahrungen anschaue, dann denke ich: die haben das weiter gegeben. Natürlich haben sie nicht nur das Leid weiter gegeben, sondern auch Widerborstigkeit, die Kraft zu überleben und all das. Was ich sagen will: Ich sehe mich stark in einer Genealogie. Ich trage nicht nur eine eigene individuelle Wut oder Erfahrung in mir, sondern Erfahrungen von vielen Frauen vor mir.

Ob diese „Post Traumatic Slave-Synrom-Theorie“ überhaupt einen realen Gehalt hat, wäre sodann eine empirische Frage. Zumal man beispielsweise weiss, dass objektive Deprivation und subjektive Deprivation nicht kongruent sein müssen und vielfach keineswegs kongruent sind. Das heisst: Die objektiven Verhältnisse werden subjektiv unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert, erlebt und verarbeitet: objektive Lage führt nicht gleichsam deterministisch und monokausal zu einer subjektiven Deprivation, sondern hier können viele andere Einflussfaktoren ebenfalls eine Rolle spielen. Ohne nun der FS zu nahe zu treten, wer aber gleichsam den Eindruck hat, dass diese Theorie des PTSS richtig ist, der wird möglicherweise, rein schon durch einen Placebo-Effekt tatsächlich das Gefühl haben, dass er diesem Syndrom unterliegt. Der Theorieeffekt kann folglich als eine selbsterfüllende Prophezeiung wirken und bestätigt wiederum die PTSS. Was bei FS vor allem aufstösst, ist, dass sie gewissermaßen nur Empathie für Verletzungen von Frauen aufbringen kann, für Verletzungen von Männern ist sie m.E. nahezu unsensibel. Und was weiter aufstösst, ist diese ubiquitäre Opferposition: FS ist angeblich desgleichen Opfer, zumal sie offenbar einem PTSS unterliegt: Hier dürfte man sich dann schon die Frage stellen, ob hier nicht eine Selbst-Viktimisierungsstrategie, wie dies der Rechtspopulismus immer wieder macht, vorliegt: Ich verweise einmal auf folgende Seite: NA LOGISCH! DIE SELBST-VIKTIMISIERUNG.

Und auch das Konzept vom primären und sekundären Krankheitsgewinn wäre zu prüfen!

Frauen nicht nur Opfer, sondern auch Täterinnen

FS schreibt:

All das bedeutet nicht, Frauen seien durchwegs Opfer, Frauen handeln. Auch wenn sie Opfer von Gewalt wurden, sind sie handelnde Subjekte, die ihr Leben gestalten. Sie haben „agency“ und gestalten nicht nur ihr eigenes Leben, sondern, wenn auch oft unbemerkt, die Welt und die Geschichte mit. Sie haben Handlungsmacht, sie handeln – und zwar bei weitem nicht nur „gut“. Nicht zuletzt sind Frauen auch, wie viele Beispiele zeigen, Täterinnen. Frauen sind nicht un-kritisierbar! Als weiße Frau ist man zum Beispiel in einer rassistischen Gesellschaft oft auch Täterin. Frauen können auch manipulieren, Macht ausüben, andere schlecht behandeln. Logisch.

Bloß sollte man einmal darlegen, was man exakt unter Täterin versteht. Wie soll das gehen, wenn jemand nicht rassistisch handelt, dass sie dann dennoch Täterin ist? Man könnte höchstens sagen, dass, wenn man z.B. eine weisse Frau ist, strukturell in bestimmten Bereichen Privilegien aufgrund der Hautfarbe geniesst (z.B. auf dem Wohnungs- oder Arbeitsmarkt), aber ob es sich hier wirklich um strukturelle Privilegien handelt, müsste empirisch nachgewiesen werden, was keineswegs einfach ist. Und sollte es strukturelle Privilegien geben, dann ist man auf der Handlungsebene noch lange keine Täterin, wenn man sonst im Leben alles Zumutbare macht, dass diese strukturellen Privilegien aufgebrochen werden.

Das phallokratische System

FS schreibt:

Dennoch: wenn Frauen das fortbestehende „phallokratische System“ und dessen unterschiedliche Effekte kritisieren, finde ich es falsch und anmaßend, als erstes mit dem Argument zu kommen, Männer seien aber doch auch schlecht dran, Frauen seien schließlich auch „böse“, oder Frauen gar vorzuhalten, sie würden umgekehrten Sexismus betreiben. Damit entzieht man sich der Auseinandersetzung über ein grundlegendes Herrschaftsverhältnis.

Ob dieses Konstrukt/Konzept des „phallokratischen Systems“ eigentlich einen realen Gehalt besitzt, wäre eine empirische Frage und müsste mithilfe umfangreicher repräsentativer empirischen Studien nachgewiesen werden. Das heisst: FS müsste vorerst eine stringente Definition dieses Konstrukts/Konzepts darlegen, dann eine Operationalisierung vornehmen, damit man weiss, wie man dieses Konstrukt überhaupt empirisch erfassen kann. Ausserdem gehe ich davon aus, dass FS damit gleichsam die „symbolische Geschlechterordnung“ meint. Eine symbolische Geschlechterordnung lässt sich allerdings nicht mittels Zwang verändern, weil es bleibt jedem Mensch freigestellt, wie er einen anderen Menschen wahrnimmt und bewertet, solange er nicht gegen zivil- und strafrechtliche Normen verstösst. Wie bereits weiter oben dargelegt, gibt es eine Vielzahl verschiedener „symbolischer Ordnungen“ und die „symbolische Geschlechterordnung“ ist eine von vielen anderen. Sollte FS mehr als eine „symbolische Geschlechterordnung“ meinen, dann haben die Frauen alle politischen Mittel in der Hand, um Veränderungen erfolgreich vorzunehmen und wenn sie hierfür keine Mehrheit finden, dann wollen die Frauen offenbar keine Veränderung oder zumindest ein grosser Teil davon.

FS schreibt:

Oft wird Frauen vorgehalten, sie sollten ihre Kritik nicht so konfrontativ formulieren, es wird ihnen gesagt, wie sie ihr Anliegen besser formulieren sollten, damit sie auch von Männern gehört werden kann. Aber der Punkt ist, dass auch eine nett formulierte Kritik nicht hörbar ist, nicht gehört werden will von jenen, die mehr Macht haben. Das ist ja die Logik von Machterhalt, diese Kritik abzuwehren.

Wenn man natürlich alles so deutet: „wer unseren Standpunkt nicht teilt, dem geht es nur um Machterhalt und Abwehr“, der betreibt selbst eine Immunisierungsstrategie. Männerrechtler könnten sinngemäß gleich argumentieren: „wer es nicht so sieht wie wir, der will nur seine Macht konsolidieren“.

Abwehr als Zeichen für richtige Kritik

FS schreibt:

Meine Erfahrung ist, dass, egal wie du es formulierst, ob akademisch, freundlich, diplomatisch oder aktivistisch wütend oder beides, es wird versucht, gerade wenn es von Frauen kommt, noch mehr, wenn es von Frauen of Color kommt, ein Grund zu finden, sich nicht darauf einzulassen. Aber man muss verstehen: Würden unsere Anliegen oder Kritiken mit offenen Armen empfangen, bräuchte es sie wohl nicht mehr. Gerade diese Abwehr zeigt ja, wie nötig die Kritik ist. Und wie sehr hier ein Punkt getroffen wird. Ich finde die Forderung, Feminismus müsse sexy sein, komisch. Da landen wir schnell im Gefälligkeitsfeminismus, der versucht, es allen recht zu machen, auch denen, die man eigentlich kritisiert. Aber das ist ja unmöglich! Egal was und wie du forderst, es wird als ‚übertrieben‘, gar ‚autoritär‘ diskreditiert.

Ich finde es ohnehin interessant: Wenn man Kritik an feministischen Positionen übt, diese dann gleichsam bloß als „Abwehr“ umdeutet, was so viel heisst wie: „Unsere Sicht oder unsere Perspektive ist sakrosankt und wer es nicht genau gleich sieht wie wir, der kann bloß in einer Abwehrposition sein“. Das würde ich eine von mehreren Immunisierungsstrategien des Feminismus bezeichnen, weil jegliche Kritik nur noch als Abwehr gedeutet wird. Warum wehren eigentlich gewisse Feministinnen männerrechtliche Anliegen so beharrlich ab? Haben wir hier ebenfalls eine Abwehr von berechtigten Anliegen durch Feministinnen?

Lann Hornscheidt als Beispiel für Abwehr

FS schreibt:

Zum Beispiel Lann Hornscheidt: Hornscheidt hat einen Lehrstuhl für Gender Studies und Sprachanalyse an der Humboldt Universität in Berlin und hat einen Vorschlag gemacht, wie eine gender-inklusivere, nicht-binäre Sprache aussehen könnte. Es war ein Vorschlag, und Hornscheidt hat das gleich ausprobiert, und die Vorschläge selbst angewendet. H. hat nicht gefordert, dass alle eingesperrt werden, die nicht folgen. Hornscheidt hat lediglich den Wunsch geäußert, man möge sie_ihn so ansprechen. Die Heftigkeit der Reaktionen war enorm. H. wurde angefeindet, bedroht,usw. – als habe Horschneidt gefordert, ab sofort Zoo-Tiere mit Babys zu füttern. Ein häufig hervorgebrachtes Argument war, die Sprache sei unveränderbar. Man bezog sich auf die Natur der Zweigeschlechtlichkeit. Da muss ich sagen: Wenn man sich über diese Natur so sicher ist, könnte man es doch gelassen nehmen, weil diese Natur ja alles richtet, oder? Warum ist Hornscheidt so eine Provokation? Wenn man doch so sicher ist, dass die Natur unumstößlich ist und alles richtet? Dass Vorschläge zur Veränderung so hart angegangen werden zeigt, dass viele Menschen hier eben gerade nicht sicher sind. Sie spüren vielleicht eigene homosexuelle Tendenzen, die nicht sein dürfen, sie spüren, dass geschlechtliche Lebensweisen und Sexualität eben nicht einfach feststehen, und deshalb muss umso vehementer das Argument der Natur, der Ewigkeit bemüht werden.

Zu Hornscheidt: Sie darf allemal Vorschläge machen, aber sie muss ebenso mit Kritik rechnen! Und wie wäre es mit meinem Vorschlag, dass man Geschlecht als Kategorie ausnahmslos abschaffen würde, anstatt zwei, drei, vier, 100 Geschlechter aufzustellen? Und wenn die tausend verschiedenen Geschlechtern fortwährend anders angesprochen werden wollen, wie will man das lösen? Abgesehen davon: Selbstverständlich ist es keineswegs in Ordnung, wenn Hornscheidt bedroht wird, aber auch Männerrechtler werden verleumdet, bedroht etc.! Auch Feministinnen sind nicht immer nur konstruktiv mit ihren „Gegnern“.

Asymmetrien im Geschlechterverhältnis

FS schreibt:

Asymmetrien, die sich besonders drastisch beim Thema der sexualisierten Gewalt zeigen. Aber auch in der Care-Arbeit: Trotz Gender-Flexibilisierung wird diese ganze Sorge-Arbeit nach wie vor gratis und/oder unter oft prekären Umständen erledigt, und zwar fast ausschließlich von Frauen, zunehmend von nicht-weißen Frauen, Frauen mit Migrationshintergrund. Diese Tätigkeiten sind abgewertet, weil sie so lange als Gratisarbeit an Frauen delegiert wurden, und werden auch heute an die schwächsten Gesellschaftsmitglieder delegiert. Das hat damit zu tun, dass sie nicht kommodifizierbar sind in der vorherrschenden ökonomischen Logik. Auch diese Aspekte sind in der Erfolgsnarrationen über Frauen wie Sheryl Sandberg, Angela Merkel oder anderen untergegangen.

Es stellt sich die Frage, was alles unter Care-Arbeit subsumiert werden soll. Ausserdem würde sich die Frage stellen, ob es den Staat irgendetwas angeht, wie diese Care-Arbeit zwischen den Menschen oder den Geschlechtern aufgeteilt wird. M.E. ist das vorrangig eine Privatangelegenheit und der Staat hat bloß in Ausnahmefällen einzuschreiten oder bestimmte Rahmenbedingungen bereit zu stellen.

Es ist keine Frau gezwungen, mit einem Mann im selben Haushalt zu leben und Care-Arbeit für diesen zu übernehmen. Wenn Kinder da sind, dann wäre es sicherlich wünschenswert und gerecht, wenn beide Elternteile zu je 50% die Arbeit rund um das Kind aufteilen oder sonst eine monetäre Vergütung erfolgt, aber wenn sie es anders regeln wollen, ist das ihre Privatsache. Der Staat hat allenfalls dafür zu sorgen, dass ausreichend Betreuungsangebote für Kinder bereitgestellt werden, damit beide Elternteile zu 100% arbeiten können, wenn sie es wünsche oder dass genügend Teilzeitstellen verfügbar sind. Zusätzlich gibt es ferner die Care-Arbeit in der Betreuung von älteren Menschen (Verwandten: meist Vater und/oder Mutter): auch hier wäre es wünschenswert, wenn die Care-Arbeit vergütet wird, wenn ausreichend Geld verfügbar ist oder dass sich alle Geschwister diese Arbeit gerecht aufteilen würden oder eine monetäre Vergütung, wenn die Arbeit wesentlich von einer Person erledigt wird. Aber ansonsten geht das schlussendlich den Staat nichts an, wie das geregelt wird.

Zur Gratisarbeit: Die Care-Arbeit wird vielfach nicht unentgeltlich ausgeübt. Wenn ein Mann mit einer Frau zusammen wohnt und sie ferner Kinder haben und der Mann 100% und die Frau z.B. 50% arbeitet, dann wird gewöhnlich der Mann ebenfalls viel mehr an die Haushaltsausgaben (Wohnungsmiete, Essen, Versicherungen, Steuern, Anschaffungen, Kleider etc.) bezahlen, es finden somit „Transferleistungen“ statt. Ferner gibt es noch zahlreiche staatliche Transferleistungen, bei denen Männer viel mehr einbezahlen als sie zurückerhalten (Staatausgaben, Krankenkasse, AHV/IV) im Vergleich zu den Frauen.

Abgesehen davon, kann die Frau ja die Care-Arbeit verweigern, wenn ein Mann seinen Teil nicht mitbeiträgt oder keine monetäre Entschädigung leisten will.

Und was Asymmetrien bei der sexuellen Gewalt heissen soll, ist mir ein Rätsel. Will FS nun bei jeder Straftat aufrechnen, wie viel Frauen und Männer jeweilig betroffen sind? Können wir machen: Bei Mord, Totschlag, Raub und Körperverletzung sind Männer 1,5 mal häufiger belastet als Frauen. Da besteht eine beachtenswerte Asymmetrie. Ich verweise auf Stefan Schleim: „Wer ist hier eigentlich das typische Opfer?

Silencing

FS schreibt:

Neben der Unbedarftheit agieren aber natürlich auch wirklich gefährliche Rechtsextreme. Auch das ist ja verpönt, zu sagen, mit wem wir es bei der SVP eigentlich zu tun haben: Weil es mehrheitsfähig ist und folkloristisch daher kommt, kann es nicht extrem sein. Ist es aber! Die Feldzüge gegen angebliche „Sozialschmarotzer“, Invalidenversicherung, Geflüchtete, Gleichstellungsbeauftragte, kritische Wissenschaftlerinnen… All das ist überhaupt nicht unbedarft, das ist ideologisch gezielt und geplant: Es geht um Silencing, es geht um die Verdrängung von bestimmten Menschen, um die systematische Durchsetzung einer anti-pluralen und unsozialen Haltung, die in der Schweiz nun seit über 10 Jahren zunehmend Diskurs-bestimmend ist.

Es gibt gegenwärtig zwischen Faschismus, Neuer Rechte, Rechtspopulismus, Konservatismus und Rechtsextremismus analytisch mehr oder weniger klare Unterscheidungen; es gibt allerdings ebenso Schnittmengen zwischen diesen Gruppierungen. Aber es macht keinen Sinn, die SVP als Ganzes als rechtsextrem einzuordnen, insbesondere wenn dies der grösste Teil der Wissenschaft ebenfalls nicht macht. Bemerkenswert ausserdem, dass FS die Feldzüge gegen die Invalidenversicherung oder angebliche „Sozialschmarotzer“ gewissermaßen gleichsetzt mit Kritik oder „Feldzügen“ an kritischer Wissenschaft oder Gleichstellungsbeauftragten, zumal Invalide bzw. Sozialhilfeempfänger sicherlich zu einem grossen Teil keineswegs privilegiert sind und geringere Chancen haben, sich adäquat dagegen zu wehren im Vergleich zu Wissenschaftlern oder Gleichstellungsbeauftragten. Es zeigt jedoch gut auf, dass sich FS fortwährend als Opfer sehen möchte.

Fazit:

Es geht FS offenbar um die politische Instrumentalisierung der männlichen Täter! Man bekommt den Eindruck, dass es ihr nicht primär um die Opfer geht, sondern nur darum, dass die Täter vornehmlich männlich sind. Das erinnert stark an rechtspopulistische Parteien, denen geht es wesentlich auch nicht um die Opfer, sondern vorrangig darum, dass die Täter entweder Ausländer oder Flüchtlinge sind, um diese dann für ihre Politik instrumentalisieren zu können. Bei FS: Politik mittels Dämonisierung und Instrumentalisierung der Männer, wenn sie Täter sind. Zugleich will sie die Population der Männer als Ganzes in Sippenhaftung nehmen, um die gesamte Population dämonisieren zu können, um diese besser für ihre politische Zwecke zu instrumentalisieren.

Dasselbe gilt für den Aufschrei: Es geht vor allem um Empörungsbewirtschaftung, Moralisierung und Emotionalisierung, jedoch nicht um Analyse und Aufklärung: Auch hier vor allem ein rechtspopulistischer Politikstil, bei dem es vor allem um Instrumentalisierung für eigene politische Ziele geht. Emotionalisierung, Moralisierung und Dämonisierung um gewisse politische Ziele zu erreichen.

Frauen sind vielfach nur Opfer und keine Täterinnen. Und obwohl sie an der Sozialisation und Erziehung der Männer mitbeteiligt sind (als Mütter, Erzieherinnen, Kolleginnen, Freundinnen etc.), werden von Schutzbach vollständig aus ihrer Verantwortung entlassen, als ob sie selbst keinen Anteil an der männlichen Sozialisation haben, bzw. den staatlichen Institutionen, den Präventionskonzepten, den politischen und gesetzlichen Massnahmen etc.

Strukturelle Nachteile als Gruppe gibt es für FS bei Männer nicht, die gibt es nur bei Frauen, ebenso hier ein einseitig verzerrter Blickwinkel

Es wird von Diskriminierung, Unterdrückung und Benachteiligung der Frauen gesprochen, obwohl der wahl- und stimmberechtigte Souverän aus mehr als 50% Frauen besteht und Frauen somit in jedem Politikfeld und jeder staatlichen Institution aus eigener Kraft jegliche wünschenswerte Veränderung erreichen könnten, wenn sie nur wollten. Frauen haben demzufolge alle politischen Mittel in der Hand, um irgendwelche Nachteile auszugleichen, sollten sie Nachteile haben. Aber: Sie inszenieren sich viel lieber als Opfer und wollen ihre Mitverantwortung für ihr eigenes Leben nicht sehen bzw. übernehmen.

19:40 13.01.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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