„Gefällt mir“ heißt hier „Wau“

Netzgeschichten Seit August vernetzen sich Haustiere aller Arten auf "My Social Petwork". Wird das soziale Netzwerk wirklich der Park, in dem die Generation Facebook Gassi geht?

Gassigespräche im Herbst: „Mag Ihrer auch so gerne Kastanien?“ – „Hören Sie bloß auf! Der schleppt die immer mit nach Hause!“ – „Ach, tatsächlich? Meiner zerbeißt sie immer gleich.“ – „Ist das nicht schädlich fürs Gebiss?“ Fast identisch gibt es diesen Dialog auch im Warmen und Trockenen. Man kann ihn bei My Social Petwork nachlesen. Einziger Unterschied: Hier schlüpfen Frauchen und Herrchen in die Rolle der Tiere. Das klingt dann so: „Ach, ich könnte stundenlang Kastanien zerbeißen“ – „Juhu Kastanien! Manchmal nehme ich die mit nach Hause.“ Erwachsene Menschen sitzen vor dem Rechner und geben sich als Hund, Katze, Meerschweinchen oder Wellensittich aus.

Seit August ist das soziale Netzwerk für Heimtiere online. Betreiber ist der Klambt-Verlag aus Speyer, der sich bisher vor allem mit Frauenzeitschriften wie Frau mit Herz, Grazia oder Die schönsten Obstkuchen hervorgetan hat. Aber ist My Social Petwork wirklich der Park, in dem die Generation Facebook zukünftig Gassi geht? Ein Probespaziergang mit Oskar, einem virtuellen Mischlingsrüden frisch aus dem Online-Tierheim. Das Design der Webseite ist schlicht, die Navigation so simpel, dass sie auch Webnovizen schnell durchschauen. Es ist Facebook 1.0: ein Profil mit den nötigsten Informationen zum Tier und seinem Halter, den üblichen Bildergalerien, einer Pinnwand mit Kommentar­funktion, „Gefällt mir“ heißt „Wau“ und das Pendant zum „Anstupsen“ ist „Kraulen“.

Die Eroberung des Internets durch unsere Haustiere hätte man sich etwas spektakulärer vorgestellt. Die Zielgruppe aber – die Besitzer – mag es wohl eher gemütlich. Nur keine Überraschungen. Hundefreunde sind jedenfalls schnell gefunden. Sie heißen Sofawölfin, Teddybär 14 oder Chilli. Die Konversation ist meist auf belanglose Nettigkeiten beschränkt. Chilli findet Oskar „mega sweet“, Teddybär 14 kommentiert Oskars Profilbild mit „Wau“. Der Verdacht drängt sich auf, dass My Social Petwork nicht so sehr ein Kontakthof für Fellträger ist, sondern eher eine Flirtbörse für die Zweibeiner am anderen Ende der Leine.

Inhaltlich richtig zur Sache geht es in den Diskussionsgruppen. Sie heißen „Angsthase und stolz darauf!“ oder „Hilfe, mein Fressnapf ist schon wieder leer!“ Hier werden Erfahrungen mit Tieren ausgetauscht, hier mischen sich auch Händler unters Volk. Denn einen offiziellen Markt- und Anzeigenplatz gibt es bei My Social Petwork noch nicht. Doch er wird kommen, wenn sich die Cäsars und Minis nicht bald einen neuen Online-Park suchen.

Dieser Text ist Teil unseres Tierspezials. Was es damit auf sich hat, erfahren Sie durch einen Klick auf den spionierenden Hund




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