Copy & Pastor

Netzgeschichten Deus ex machina: Ein Dozent für Predigtsprache prangert an, dass Pastoren sich ihre Predigten aus dem Internet kopieren. Aber kommt man vom Abkupfern in die Hölle?

Man stelle sich den Pastor einer kleinen Gemeinde vor. Er sitzt in seinem Büro vor dem Computer, die Haushälterin hat ihm gerade frischen Kaffee gekocht. Es ist Donnerstag, außer einem Geburtstagsbesuch bei einer betagten Dame steht nichts an. Zeit zum Chillen also, Zeit zum Surfen. Erst kicker.de, dann ein wenig auf kirchenbedarf-friedrich.de. Doch der Gedanke an die Predigt am Sonntag stört den Frieden. Der 13. November ist der vorletzte Sonntag im Kirchenjahr, eher ein No-Name-Termin. Welche Botschaft unters Volk bringen, mit welcher Bibelstelle die Gläubigen erreichen? Der Pastor wählt ein spezielles Lesezeichen: predigten.de. Hier wird jeder Gottesmann fündig, dem gerade nichts Eigenes einfällt. Wegen ein bisschen Abkupfern ist noch keiner in die Hölle gekommen, oder?

Das Kopieren im Namen Gottes ist offenbar ziemlich beliebt. Der Schriftsteller Heinz Kattner, der auch als Dozent für Predigtsprache arbeitet, hat diese Praxis jüngst angeprangert. Durch das Verwenden von Textbausteinen oder gar ganzen Predigten, die auf zahlreichen Online-Datenbanken zum Download angeboten würden, gefährde der Geistliche seine Glaubwürdigkeit. Der Hauptkritikpunkt: Die Predigt habe überhaupt keinen persönlichen Bezug mehr zum Vortragenden, ent­halte oft theologische Floskeln, die die Gemeinde nicht erreichten. „Die Hörer wissen zwar, das gehört dahin, aber es bedeutet nichts für sie“, sagte Kattner dem Evangelischen Pressedienst.

Und tatsächlich, klickt man sich durch Online-Archive wie predigten.de oder kanzelgruss.de, stößt man auf eine riesige Anzahl fix und fertig getexteter Predigten. Die Seite predigten.de gibt es schon seit 13 Jahren. Sie dient den Nutzern als Plattform für theo­logische Diskussionen („Gibt es zu Lk 10,38-42 eine ausgesprochen feministische Auslegung, die sich von den herkömmlichen unterscheidet?“). Auf ihr finden sich aber auch 10.000 Kanzelvorträge, auf Wunsch chronologisch sortiert nach dem Programm des Kirchenjahres. Warum sich also noch den Kopf zerbrechen? Merkt doch eh keiner, oder auch: Hört doch eh keiner zu!

Für Heinz Kattner steht der Ethos eines ganzes Standes auf dem Spiel. Er hat daher in einem Zisterzienserkloster die „Werkstatt für Sprachgestaltung“ gegründet, die spezielle Seminare für Pastoren und Vikare anbietet. Sie sollen dort ihren eigenen Stil finden und das Handwerkszeug für die fromme Rede lernen. Einer von Kattners Tipps: Beim Schreiben über das Reich Gottes an schöne Dinge wie Baden, Sauna und Golfspielen denken. Ist ja auch viel netter als Surfen im Internet.

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