Gut gemeint

Kampagnenkritik Die Kampagne "One Warm Winter" wirbt im Netz um Spenden, um Obdachlosen in Berlin warme Jacken zu kaufen. Dafür setzt man auf die Eitelkeit der Spender. Eine gute Idee?

Ein Kettenbrief wanderte vor Kurzem durch Facebook: Man solle Obdachlosen seine Hilfe anbieten und einen Kältebus bestellen. Die Ansprechpartner in Großstädten mit ihren Telefonnummern standen dabei. Bloß: Die Nummer für Hamburg war schon mal falsch. Die Obdachlosen-Zeitung Hinz Kunzt versuchte, den Fehler mit einem Gegen-Posting zu korrigieren. Doch da war die Lawine bereits auf dem Weg ins Tal der Anschlusslosen. Gutes tun zu wollen, ist eben gut – es gut zu tun, aber besser.

Auch die Aktion One Warm Winter, die das Berliner Pendant Straßenfeger zusammen mit einem Internet-Start-up und einer Werbeagentur zurzeit veranstaltet, ist gut gemeint: Sie will Obdachlose in der Hauptstadt mit winterfesten Jacken ausrüsten. Auch sie nutzt die sozialen Online-Netzwerke. Das Prinzip: Wenn dreißig Leute jeweils mindestens einen Euro spenden, ist das Geld für eine Jacke beisammen.

Dafür haben sich die Initiatoren allerdings eine sehr fragwürdige Illustrierung auf der Website einfallen lassen: Ein als Obdachloser konnotierter Mann mit Bart und Mütze wird nach und nach von den Porträtbildern der Spender eingekleidet. Wie ein Formel-1-Fahrer im wilden Logomix seiner Sponsoren steht er da, sein Körper eine Pinnwand für den guten Zweck, auf dem sich seine Mäzene präsentieren können. Musste das sein? Sind die Leute nur über ihre Eitelkeit zu mobilisieren? Die Kampagne, das soll nicht verschwiegen werden, hat Erfolg. Schon über vierzig Jacken wurden erwirtschaftet. Und wem kalt ist in diesen Tagen, den stört keine Kampagne.

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