Und Schnitt!

Kopfkino Um einen Film zu sehen, muss man nicht ins Kino gehen. Wer sich bei Gleb Lenz die Haare schneiden lässt, kann die Augen schließen und in eine Geschichte eintauchen

Die Geschichte beginnt so: Ein Mann steht in der Kälte und raucht. Er steht dort den ganzen Tag, von morgens bis abends, immer an der gleichen Stelle. Sein Gesicht ist bärtig, seine Hose voller Löcher. Die Menschen im Viertel kennen ihn vom Sehen. Einer weiß seinen Namen: Florian. Ein anderer sein Alter: 48 Jahre. Man erzählt sich, dass er früher einmal Polizist war. Dass er nie verheiratet war und lange bei seiner Mutter gelebt hat. Als die starb, hatte er niemanden mehr. Er ist nicht obdachlos. Irgendwo hat er eine Wohnung, aber dorthin geht er nur zum Schlafen. Florian habe ein Problem im Kopf, heißt es. Irgendetwas treibt ihn jeden Tag aus dem Haus, in die Kälte.

„Wollen Sie eigentlich noch schneiden?“, fragt eine Kundin. Gleb Lenz schaut runter und setzt die Schere an. Wenn er eine Geschichte erzählt wie jene von Florian, wird sein Friseursalon zur imaginären Leinwand. Die Figuren flitzen als Schatten durch den Raum. Manchmal vergisst Lenz darüber Lockenwickler und Schaumfestiger. Ein Besuch in seinem Salon im Hamburger Stadtteil Altona erzählt viel über das Kino als Traummaschine, über die kleinen Fluchten des Alltags und die große Macht der Fantasie.

Aus seiner neuen Geschichte soll ein Drehbuch für einen richtigen Film werden, aus Florian ein Leinwandheld, sagt Lenz. Der Friseur sieht alles genau vor sich. Das Wieder- und Wiedererzählen verändert die Geschichte dabei jedes Mal ein wenig. So wird sie immer runder und reicher.

Die Kunden dürfen mitreden

Die meisten Kunden, vorwiegend ältere Damen mit verwelkten Dauerwellen, lieben Lenz’ Kino für den Kopf. Es lässt sie träumen. Oft sind sie Mitautoren, geben dem Friseur Anstöße, diskutieren mit ihm Wendepunkte der Story und fangen seine Fantasie ein, wenn er übertreibt oder wieder einmal den Faden verloren hat.

„Der Kunde ist König“, sagt Lenz. Wenn das Aufgeschnappte und Ausgedachte nicht gefällt, frisiert er es um wie eine Locke, die nicht richtig sitzt. Und wenn einer partout nur zum Haareschneiden gekommen ist und nichts hören will, schweigt er. „Ein guter Friseur muss auch Psychologe sein“, sagt Lenz. Er weiß, wann er etwas erzählen soll, wann zuhören und wann nichts von beidem. Er ist ein guter Friseur.

Wie Gottlieb, der andere Protagonist seiner Geschichte. Gottlieb ist kräftig gebaut und hat blonde Strähnchen im Haar. Jeden Morgen kommt er auf dem Weg zu seinem Salon an dem traurigen Mann mit den löcherigen Hosen vorbei. Jeden Morgen fragt er sich, was dem wohl den Boden unter den Füßen weggerissen hat. Gottlieb will Florian helfen. Er spricht ihn an und bekommt keine Antwort. Am nächsten Tag versucht er es wieder und erntet nur Schweigen. Doch er bleibt stur und hat irgendwann Erfolg: Florian erzählt, was ihm widerfahren ist. Er war als Polizei-Ausbilder in Afghanistan und hat Menschen sterben sehen. Das hat ihm die Seele verschattet. Gottlieb will Florian wieder ins Leben zurückholen. Er weiß auch schon, wie.

Lenz schnallt seine Bauchtasche ab, in der Scheren in verschiedenen Größen stecken. Die braucht er für Hausbesuche. Heute war er bei seiner ältesten Kundin, einer 92-jährigen Frau, die nur ein paar Häuser weiter wohnt. Er schneidet ihr nicht nur die Haare, sondern kauft für sie ein und erledigt Behördenkram. Die Frau hat sonst niemanden mehr. Ihr Mann ist schon lange tot, Kinder hat sie keine. „Ich frage die Leute oft: Haben Sie jemanden, mit dem Sie sprechen können? Sehen Sie Ihre Nachbarn? Die Einsamkeit ist heutzutage wie ein ansteckender Virus“, sagt Lenz.

Es müsste eine staatliche Behörde gegen Einsamkeit geben, findet er. So wie das Arbeitsamt sich um Arbeitslose kümmert, sollte das Einsamkeitsamt allen Einsamen Partnervorschläge machen. Fünf Versuche hätte jeder. Das wäre zumindest ein Anfang. Es klingt naiv, aber auch hoffnungslos romantisch. Das Thema beschäftigt Lenz.

Er selbst kam vor 20 Jahren aus Weißrussland nach Deutschland, ohne ein Wort Deutsch zu können. Heute spricht er es fließend, mit diesem singenden russischen Akzent. Er wuchs in Minsk auf und wanderte als Kind gerne mit dem Finger über den Globus. Irgendwann würde er die kleine Welt Weißrusslands verlassen.

Nachdem er als Bildhauer gearbeitet und Partisanen-Denkmäler für Kolchosen und Sowchosen gebaut hatte, bewarb er sich an der Kunsthochschule in Minsk. Den praktischen Teil der Aufnahmeprüfung schaffte er mit Bravour. Er spielte ein Gute-Nacht-Lied auf der Gitarre, das Auswahlgremium war begeistert von so viel Chuzpe. Doch bei der theoretischen Aufgabe trieb es Lenz zu weit. Er hatte einen Spickzettel dabei und flog auf. Der Traum von der Künstlerkarriere war vorbei. Das Träumen nicht.

Lenz fegt ein paar Haare auf dem Boden zusammen und erzählt seinen Film weiter: Claudia sitzt bei Friseur Gottlieb vor dem Spiegel. Sie kneift die Augen zusammen, weil sie sich nicht so gerne sehen mag. Claudia hat Übergewicht. Sie ist nicht besonders groß und wiegt 148 Kilo. Vielleicht auch 158 oder 159. So genau weiß Lenz das dann doch nicht. Claudia trägt eine Brille mit dicken Gläsern, die ihre Augen größer machen. Aber ihr Gesicht ist schön.

Wie Florian, der einsame Mann draußen in der Kälte, hat Claudia niemanden, an den sie sich wenden kann. Außer Gottlieb, den Friseur. Wenn sie sich von ihm die Haare schneidet lässt, blüht sie auf, erzählt von ihrem Job in der Bank und den Fernsehsendungen, die sie gesehen hat. Claudia weiß nicht, wie es ist, einen Mann zu küssen. Das hat sie noch nie gemacht. Gottlieb will aus ihr eine Prinzessin machen. Den Prinzen dazu hat er schon.

„Wann kommt eigentlich mein Verwöhnprogramm?“, fragt eine ältere Dame und wirkt etwas ungehalten. Das Verwöhnprogramm sei eigentlich schon vorbei, sagt Lenz, aber er massiert ihr noch einmal den Kopf. Noch in Weißrussland ließ er sich zum Friseur ausbilden. Als er nach Deutschland kam, musste er die Lehre noch einmal machen, 2001 folgte der Meister. Im gleichen Jahr übernahm er den Laden, mitten in einem Wohngebiet, das einzige Geschäft der Straße. Bei der Eröffnung war jemand von der Zeitung. Lenz drang auf die Überschrift „Attraktivitätsaktivator“. Den Begriff hatte er sich ausgedacht und er wurde auch so gedruckt. „Ein Friseur ist ein Manager der Schönheit und des Glücks“, sagt er.

Lenz hat sein Glück gefunden, sagt er. Es gibt aber Momente, in denen ihm die verpatzte Aufnahmeprüfung bei der Kunstakademie nachhängt. Dann träumt er davon, die Menschen nicht nur als Erzähler zu verzaubern, sondern auch als Schauspieler. Er hat sich darin schon versucht. Vor einiger Zeit spielte er in einem Laien-Theaterstück einen Arzt. Das nächste Ziel ist eine Rolle in einem Film, mit Text und ausgeprägter Mimik. Als bloßer Komparse hinten durchs Bild zu laufen, ist ihm zu wenig.

Seine Traumrolle: ein Friseur

Die Rolle gibt es schon. Lenz hat sie sich selbst auf den Leib geschrieben: Gottlieb, der fiktive Friseur, organisiert ein Treffen zwischen Florian und Claudia. Vorher hat er Florian noch schön gemacht, ihm die Haare geschnitten und den Bart abgenommen, alles kostenlos. Sie gehen zunächst zu dritt aus, spielen Karten. Gottlieb zeigt Florian, wie man einer Frau in den Mantel hilft und nette Dinge sagt. Er ist ein Lehrer der Liebe. Er zeigt den beiden sogar, wie man sich küsst und anfasst.

Das wollen die alten Damen im Salon aber dann doch nicht hören. Lenz dachte, ein bisschen Erotik würde der Geschichte gut tun. Das hat er so im Kino gelernt. Doch der Kunde ist König. Der erste Kuss, die erste Nacht finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Auch unter Ausschluss von Florian und Claudia, die es im wirklichen Leben so ähnlich gibt. Sie heißen nur anders. Florian steht immer noch den ganzen Tag draußen in der Kälte gleich um die Ecke und raucht eine Marlboro nach der anderen. Und Claudia ist immer noch keine Prinzessin und guckt nach der Arbeit den ganzen Abend Fernsehen.

Doch in Lenz’ Fantasie nimmt ihr Leben eine märchenhafte Wendung. Florian wird ein Gärtner, der die Blumen zum Blühen bringt, Claudia ein erfolgreiches Model für Übergrößen. Und Gottlieb, das Alter Ego von Lenz, erwirbt sich den Ruf eines Gurus. Erst pilgern die Menschen aus Altona zu ihm, dann aus dem übrigen Hamburg, danach aus ganz Deutschland und schließlich aus aller Herren Länder, weil sie gehört haben, dass er sie von ihrer Einsamkeit befreien könne. Ein Schluss wie in einem Hollywood-Film. Doch ist damit Lenz’ Geschichte tatsächlich zu Ende?

Eine neue Kundin betritt den Laden. Lenz führt sie zum Waschbecken und dreht den Wasserhahn auf. „Ist die Temperatur so angenehm?“, fragt er. Dann schließt er die Augen. „Ich kenne eine Geschichte von zwei Menschen, die ihr Glück suchen. Wollen Sie sie hören?“

Der Traum von der Kinoleinwand ist für den Hamburger Friseur Gleb Lenz, 42, in gewisser Weise Wirklichkeit geworden. Der halbstündige Dokumentarfilm Glebs Film zeigt den Alltag in Lenz Salon und beobachtet den Friseur bei seiner Lieblingsbeschäftigung: dem Geschichtenerzählen. So ist ein humorvolles Porträt über einen Friseur entstanden, der seinen Kunden nicht nur auf den Kopf schaut, sondern sie zum gemeinsamen Fantasieren und Fabulieren einlädt. Der Nachwuchsregisseur Christian Hornung, 33, wurde von einem Gespräch zwischen zwei Frauen in einer U-Bahn zu dem Film inspiriert. Das U-Bahn-Gespräch endete mit dem Satz: Das ist doch mal eine gute Filmidee, die müsstest du eigentlich aufschreiben. Hornung machte sich auf die Suche nach Filmideen und Kinoträumen von Menschen, die nicht in der Filmbranche arbeiten oder professionell Geschichten entwickeln. Dazu schaltete er Aufrufe in mehreren Stadtteilzeitungen. Viele Laien-Autoren meldeten sich mit ihren Ideen, darunter auch Gleb Lenz. Christian Hornung gefiel dessen Geschichte so gut, dass er seinen ursprünglichen Plan verwarf, mehrere Protagonisten vor die Kamera zu holen und ihre Erzählungen miteinander zu verweben. Glebs Film läuft am 13. und 14. Februar bei der Berlinale im Rahmen der Reihe Perspektive Deutsches Kino.

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21:30 09.02.2010
Geschrieben von

Mark Stöhr

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Ausgabe 43/2021

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