Wann wird man spießig?

Alltagskommentar Die Freiheit des Anderen ist die Freiheit des Nachbarn, nachts laut zu sein, Bierflaschen in den Flur zu stellen und herumzuschreien. Aber wo endet sie denn endlich mal?

Unser Nachbar von unten heißt Adam. Ja, er ist Pole. Wir treffen uns manchmal bei den Müll­tonnen oder an der Bushaltestelle. Dann nicken wir uns zu. Adam hat keine Frau, dafür viel Besuch. Da wird palavert, getrunken und geraucht, dass es fast durch den Boden qualmt. Meine Freundin und ich sind Multikulturalisten. Wir sind das vor allem, weil wir uns die Mieten in den monokulturellen Vierteln der Stadt nicht leisten können. Aber Adam und seine Freunde gehen uns tierisch auf den Keks. Bisher konnten wir uns mit der Aussicht beruhigen, dass die polnische Party irgendwann wieder vorbei ist. Sie begann immer ungefähr zwei Wochen vor Heiligabend und endete kurz danach. Das konnte man sogar poetisch finden: Die schwermütige osteuropäische Seele säuft sich den Weihnachtskummer weg. Aber das alte Jahr ging – und der Besuch blieb.

Im Untergeschoss, so scheint es, hat sich mittlerweile eine Wohngemeinschaft gebildet. Adams Family. Weiß eigentlich unser Vermieter davon? Ich hätte große Lust, es ihm zu erzählen. Auch die Sache mit der lauten Musik und den leeren Bierflaschen im Flur. Ich will andererseits nicht der Denunziant sein, der hinterm Vorhang lauert. „Sprich mit Adam“, rät meine Freundin. Wie stellt sie sich das vor? Wie sähe ein solches Zur-Rede-Stellen aus? Ein Beschwören im Guten, ein hilfloses Ringen um Worte, das Weichei von oben kann nicht schlafen. Ich kann‘s nicht hart, nur höflich. Leider. Denn die Verwahrlosung unten schreitet unaufhaltsam voran. Neulich trat eine Hochschwangere aus Adams Tür, im Mund eine Zigarette! Ich ging weiter. Stellte mir aber sofort Jugendamts­besuche und Kindesenteignung vor.

Anderntags hörte ich im Hausflur furchtbares Geschrei, ein Körper klatschte gegen die Wand. Durch den Vorhang sah ich, wie zwei Männer das Haus verließen, Adams Family hinterher. Die Männer hatten drohend die Fäuste erhoben. Ja, sie waren schwarz. Ich ging Zähneputzen. Wenig später nahm ich wieder meinen Platz hinter dem Vorhang ein. Die beiden Männer luden seelenruhig ein Dutzend fabrikneuer Fernseher in einen Kleinlaster.

Seither verfolgen mich Bilder von Polizeirazzien und Menschen, die mit Handschellen abgeführt werden. Manchmal wünsche ich mir, dass Adams Family unten richtig Terror macht oder die Typen mit den Fern­sehern zurückkommen. Damit ich noch einmal die Wahl habe zwischen Ignorieren oder Denunzieren. Gestern traf ich Adam mal wieder bei den Mülltonnen. Wir nickten uns zu. Wer will schon Spießer sein?

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16:00 18.02.2012
Geschrieben von

Mark Stöhr

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Ausgabe 39/2020

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