Ein letzter Jakobiner

KOMMENTAR Chevènement geht

Er spielt zum letzten Mal seine Nummer vom Minister, der die Papptür mit dramatischer Geste hinter sich zuschlägt, um im nächsten Akt noch größer und strahlender wieder auf die Bühne zu kommen. Jean-Pierre Chevènement gibt einmal mehr den letzten Jakobiner und Linksnationalisten, denn Frankreichs Staatsideologie von der »einen und unteilbaren Republik« liegt in den letzten Zügen. Weil er die Korsika-Politik seines Regierungschefs und Freundes Jospin nicht mittragen will, hat der Innenminister eigenhändig den finalen Strich unter seine Karriere gezogen. Weit mehr als eine Personalie und weit mehr als ein Streit darüber, ob die Korsen nun selbst ein paar Gesetze erlassen dürfen und nicht mehr allein die Regierung in Paris.

Frankreich ist ein Hexagon, lernen die kleinen Franzosen bereits in der Schule. Sechs Ecken und darum herum Meer und Gebirge, die Pyrenäen im Südwesten, die Alpen im Südosten, die Vogesen im Osten. Alles, was außerhalb liegt, gilt als Ausland, spricht nicht Französisch, hat weder Revolution noch Republik. Chevènement treibt die Furcht, diese konservative Lesart der Republik könnte nun definitiv zu Grabe getragen werden und mit ihr die gaullistische Idee von einer vollkommenen, unantastbaren Nation. Von den Rechtsextremen und der alten französischen Rechten abgesehen, läuft heute niemand mehr dieser Vorstellung hinterher. Regierung und Opposition sind mittlerweile pro-europäisch. Jospin wie die Bürgerlichen lassen sich mittreiben im Strom der Integration - selbst die Globalisierung ist als Phänomen akzeptiert, wenn auch kritischer als anderswo in Europa. Insofern wurde Chevènement als Sozialist und Nationalist mehr und mehr zu einem Anachronismus.

Vor zehn Jahren warf er die Brocken hin, weil er als Verteidigungsminister unter Francois Mitterrand keinen Krieg führen wollte. Er tat es nicht aus pazifistischer Läuterung, sondern weil er meinte, ein Golfkrieg unter amerikanischer Führung widerspreche französischen Interessen in der arabischen Welt.

Mit Wolfgang Schäuble führte Chevènement zu Kohl-Zeiten gern öffentliche Streitgespräche auf - sein Fazit dabei: Deutschland und Frankreich hätten ein unterschiedliches Verständnis der »Nation« - die völkische Blut-und-Boden-Idee der Deutschen führe leider direkt in den Faschismus. An diesem Punkt begann die Kontroverse mit dem letzten Jakobiner fruchtlos zu werden, wertete der doch zwischenzeitlich jede politische Entscheidung wahlweise als Verdrängung der Vergangenheit oder als Beweis für neues Vormachtstreben in Europa.

Dennoch, für diesen Politiker gleichgewichtigen Ersatz zu finden, dürfte nicht leicht sein. Vor allem muss die Personalentscheidung so fallen, dass Frankreichs Linke damit jene Idee der Bürgerrepublik besetzt, die Chèvenement und die alte Rechte für sich in Anspruch genommen haben.

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