Generation Hopeless

Digitalisierungsliteratur Können Lena Dunham, Mira Gonzalez und andere Social Media affinen Jungautorinnen unserer Zeit als Stimmen einer Generation begriffen werden? Und wenn ja, welcher?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

“Unsere Generation” ist zum Schlagwort für unsere Generation geworden. Überzogen gesprochen scheinen im Moment alle neu erschienenen Bücher, die ich zu kaufen in Betracht ziehe, die Worte: “…fängt das Lebensgefühl einer ganzen Generation ein”, auf dem Rücken zu tragen. Ich stelle mir dann gerne vor, wie Literatur- und Gesellschaftskritiker Ende 30/Anfang 40 in kratzigen Pullovern umgeben von Topfplanzen vor ihren MacBooks sitzen und an eine anästhetische Jugend denken, völlig verblödet von all den leuchtenden elektronischen Geräten, verwöhnt und verloren in der Welt der tausend Möglichkeiten. Und dann Neuerscheinungen mit hübschen Einbänden voller neonfarbenen Buchstaben von Jungautoren auf ihrem Schreibtisch landen, die schrullig-witzig, abgedreht und ein bisschen anders von Drogenexzessen, sexuellen Missgeschicken und der einen großen Liebe erzählen, die hier aber natürlich weit entfernt ist von gesellschaftlich erwartbaren Formen von Verliebtheit/Liebe/Hochzeit/Kinder/Burn-Out/Spirituelle Findung/Alter/Tod. Dann blättern sie ein bisschen herum und freuen sich nicht nur an den erfrischenden Erzählweisen dieser jungen Leute sondern auch an den spritzigen Designs und denken sich: “Ja, das ist die Jugend von heute, das ist eine neue Generation, die da heranwächst - stumpf und technologisiert, aber ständig auf der Suche und manchmal auch sehr witzig dabei.”

Das Schlimme an der ganzen Sache ist, dass mir zwar ein bisschen schlecht wird, wenn ich mir das Bild ansehe, das da von dieser Generation gezeichnet wird, der auch ich rein rechnerisch (bzw. nach sozialwissenschaftlich brauchbaren Kriterien) angehöre - mir aber auch nicht wirklich Gegenargumente einfallen. Ich hatte auch meinen Spaß, als ich Lena Dunhams Buch “Not That Kind of Girl” gelesen habe - ich muss zugeben, ich habe es sogar fast in einem Rutsch gelesen, aber trotzdem habe ich mich die ganze Zeit gefragt: Kommt da noch was? Was steckt denn jetzt dahinter? Was ist da mehr als das Leben und Leiden einer Mittzwanzigerin aus der New Yorker Künstlerszene? Klar, sie geht offen mit ihrer Sexualität um und protestiert auf gewisse Art und Weise unter dem bon mot des Feminismus gegen gesellschaftliche Schönheitsideale. Irgendwie scheint sie diese aber auch immer mal wieder zu affirmieren, wenn sie lang und breit über ihre zahlreichen Diäten und die Imperfektionen ihres Körpers redet - und allgemein hatte ich das Gefühl, eher ein amüsantes Tagebuch zu lesen als einen Roman, in dem sich die Themen und Träume einer ganzen Generation widerspiegeln. Und wenn Mira Gonzalez, eine amerikanische Jungschriftstellerin ähnlichen Schlags, Gedichte schreibt, in denen Zeilen wie “Ich wünsche mir Orgasmen in meiner Nasenspitze und auf der Rückseite meines Ohrs” die provokativsten sind und anschließend auch als Stimme einer Generation beschrieben wird, frage ich mich doch ernsthaft, was das eigentlich für eine Generation ist.

“Generation” ist ein in den Sozialwissenschaften viel diskutierter Begriff, den es sich so leicht gar nicht benutzen lässt (wie die meisten anderen natürlich eigentlich auch nicht), aber um sich hier nicht weiter zu verrennen, ist die wichtige Frage ja eher: Was meinen Journalisten und Rezensenten damit, wenn sie von dieser Generation reden? Im Falle Lena Dunham und Mira Gonzalez geht es wahrscheinlich tatsächlich um eine “weiße, urbane und privilegierte Bohéme” (siehe Freitag-Artikel: "Was Lena liked" vom 08.08.2015). Aber wenn man sich mal darauf einlässt, und “unsere Generation” so begreift, wie die beiden sie beschreiben (ohne dabei ihr soziales Milieu und ihren familiären Hintergrund zu vernachlässigen) dann ist das ein Bild, das mir Angst macht. Leicht bildstürmerisch gedacht könnte man dann tatsächlich von einer Generation voller Lethargie, Selbstdarstellungsdrang und konsumwahnsinniger Sinnsucherei sprechen - und das ist etwas, was ich ungern akzeptieren möchte.

Hoffe ich also weiter, dass Lena Dunham, Mira Gonzalez und Co. keine Präzedenzfälle darstellen, sondern nur ein gefundenes Fressen für eben jene Literatur- und Gesellschaftskritiker zwischen Topfpflanzen, und es irgendwo da draußen noch eine andere “Generation” gibt, die wild ist und lebendig und uneingebildet, die Werte hat und sich mehr wünscht als Orgasmen in ihrer Nasenspitze.

18:08 24.08.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marle

Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 1