Alles Gute, du Wrack!

Jubiläum Sexist, Macho, Chauvi? Er war vieles. Charles Bukowski zum 100. Geburtstag
Alles Gute, du Wrack!
Prost, du Sack! Bukowski im September 1978 in Kalifornien

Foto: Leemage/Imago Images

Jubiläumsjahr 2020. Wie wir erfreut feststellen dürfen, befinden sich Hölderlin und Beethoven in bester Gesellschaft: Auch Mr Charles Bukowski ist ein Jubilar. 100 Jahre alt wäre er in diesem August geworden. Dass einer mit seiner Lebensweise – viel Suff, viele Weiber – tatsächlich so alt wird, das ist freilich eher unwahrscheinlich.

Es ist ja überhaupt nicht originell, den deutsch-amerikanischen Schriftsteller und Kolumnisten Bukowski einen Sexisten, Macho oder homophoben Chauvinisten zu nennen. Machen muss man es natürlich trotzdem, was ich hiermit erledigt habe. So können wir uns den relevanten Dingen widmen: seinem Werk. Das besteht aus Gedichten, Short Storys und einer ganzen Reihe von Kolumnen. Ihre Helden sind Huren und Hurensöhne, allen voran einer – Bukowski selbst, in Gestalt seines literarischen Alter Egos „Hank“. Es gerät auf seltsame Sexpartys, verläuft sich in Boxringe und unternimmt Roadtrips. Der Leser steckt mittendrin, schnupft harten Tobak, viel härter als bei Hunter S. Thompson.

Kein Blatt nimmt er vor den Mund, das gilt für Hank wie für Charles. „Ich ließ einen Dicken in die Schüssel platschen.“ OK Boomer (er ist freilich keiner!). Man muss schon ein waschechter Cis-Mann sein, um mit Geschichten übers Defäkieren, Saufen und Herumhuren ein literarischer Weltstar zu werden und eine riesige Fangemeinde zu gewinnen. Hierzulande muss man damit rechnen, für weit weniger vom Innenminister mit einer Klage bedroht zu werden.

Der typische Bukowski-Fan, so jedenfalls will es mir scheinen, ist ein leicht selbstverliebter Germanistikstudent Marke Beau, mit etwas zu bewusst liederlich frisiertem Haar und leicht schmutzigen Fingernägeln. In Bukowski will er ein Genie der kleinen Form erkennen, eines, das sich nicht um die Regeln des Literaturbetriebs schert. Man weiß gar nicht recht, wer einem unsympathischer ist: Hank oder seine Leser? Jedenfalls habe ich mich bisher nicht ohne Grund von beiden ferngehalten. Beim Lesen für diesen Text wurde mir Bukowski dann aber doch ziemlich sympathisch. Und was für Perlen ich bisher verpasst habe! „Es lief gerade ganz gut, als sich plötzlich etwas zwischen meine Arschbacken rammte.“ Ach Charles, wer kennt das nicht?

Charles Bukowski gilt übrigens als der meistgeklaute Autor in amerikanischen Buchhandlungen. Wer wohl seine Bücher klaut? Die Möchtegern-Machos, die ihm in seinen Fußstapfen folgen und hässliche Ausgaben seiner Gedichte in der Brusttasche ihrer Fake-Armeejacken mit sich führen? Oder eher Frauen, die irgendwie nicht zugeben wollen, dass sie Bukowski doch ganz gerne lesen und ihn dabei hassen? „Ich bin ein Arschloch. Sie haben mich trotzdem gern“, heißt es in seinen Aufzeichnungen eines Außenseiters von 1969. Yep, Charles, da hast du wohl recht.

An seinem Hundertsten jedenfalls sollten wir ein Fläschchen Bier zu seinen Ehren leeren, rülpsen, uns am Hintern kratzen und uns daran erinnern, dass es der Sohn eines Milchmannes mit seiner Lebensphilosophie des Gar-nicht-erst-Versuchens zu literarischer Unsterblichkeit brachte. „Don’t try“, so steht es auch auf seinem Grabstein in Kalifornien.

„Ich saß einfach am Fenster, kippte mein Bier und ließ es kommen.“ Ach Hank, am Ende taugst du ja beinahe zum Sympathen. Happy Birthday, altes Wrack!

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06:00 16.08.2020
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack
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