Angriff der Heulsusen

Bilderstreit Ost-Kunst is back: Das MdbK in Leipzig kündigt die Ausstellung „Point of no return“ an
Angriff der Heulsusen
Raus aus dem Depot und ran an die Wand: DDR-Kunst war lange Zeit kaum sichtbar (hier im Staatlichen Museum Schwerin)

Foto: Fotoagentur Nordlicht/Imago

Der Point of no Return, also der Punkt ohne Wiederkehr, beschreibt den Moment, in dem ein Ereignis nicht mehr aufzuhalten ist, an dem es keine Möglichkeit der Rückkehr zum ursprünglichen Zustand des Systems gibt. Man könnte hier an Revolutionen denken. Zugleich wiederholen sich die Ereignisse unendlich oft (siehe Nietzsche). Ähnlich verhält es sich auch mit dem deutsch-deutschen Bilderstreit, der seit der Wiedervereinigung schwelte, und immer mal wieder zum kleinen Brand entfachte. Dass auch hier nun ein Point of no Return ansteht, verspricht das Museum der bildenden Künste in Leipzig (MdbK), wenn es für 2019 eine Ausstellung zu ostdeutscher Kunst mit eben jenem Titel ankündigt. Kuratiert wird sie von dem Kunstwissenschaftler Paul Kaiser. Eine Personalie mit Signalwirkung.

Zur Erinnerung: In seinem Artikel Wende an den Wänden hielt Kaiser der Chefin des Albertinums Dresden, Hilke Wagner, im Herbst 2017 vor, sie verbanne die DDR-Kunst sukzessive ins Depot und mache diese damit unsichtbar. Gänzlich neu waren die Vorwürfe nicht. Was überraschte, war die Schärfe des Tonfalls – Kaiser attestierte „koloniale Attitüden“. Damals zeigte sich auch der Direktor des Leipziger Museums der bildenden Künste, Alfred Weidinger, überrascht über so viel Emotionalität so lange nach der Wende.

Es ging um mehr als einen Streit um kuratorische Praxis. Paul Kaiser traf mit seinem Text offensichtlich einen Nerv vieler Ostdeutscher, die eine Form der Enteignung beklagen, die umso schwerer wiegt, weil viele, gerade der älteren Generation, sich explizit über ihre kulturelle Bildung definieren. Jedenfalls da, wo sie sich im besten Sinne des Wortes als (kritische) Staatsbürger, als Citoyens begreifen.

Das Fehlen der Kunst berührt Identitätsfragen und – wieder mal – die ostdeutsche Seele, deren vermeintliche Heulsusigkeit der Westen bisweilen beklagt. Die Bilder – egal ob sie nun von Staatskünstlern oder Dissidenten stammen –, symbolisieren kulturelle Fäden, deren Durchtrennung noch immer schmerzt. Wie wichtig die Wiederaufnahme dieser Fäden ist, zeigte auch im Januar die Ausstellung Schnee von gestern der Galerie Holger John in Dresden, die einen regelrechten Besucheransturm erlebte, als sie in einer zunächst für zwei Wochen konzipierten, dann verlängerten Ausstellung ostdeutsche Kunst präsentierte.

130 Werke, drei Generationen

Die Leipziger Ausstellung wird ihren Fokus auf die Wendejahre richten und auf Arbeiten, die thematisch Bezug auf die Friedliche Revolution nehmen. Über 130 Werke von 60 Künstlern aus drei Generationen werden zu sehen sein. Neben Kaiser und Weidinger bildet Christoph Tannert, der für das Albertinum bereits die Ausstellung Geniale Dilletanten, mit einem besonderen Fokus auf ostdeutsche Subkultur, kuratierte, den Dritten im Bunde.

Man kann nur hoffen, dass sich die angekündigte Ausstellung so souverän und selbstbewusst des Themas Ostkunst annimmt, wie es das Kunstmuseum Moritzburg Halle mit seiner im Februar eröffneten Schau vormachte (siehe der Freitag 12/ 2018). Übrigens zog auch das Albertinum mit einer aus Depotbeständen gespeisten Sonderausstellung zu ostdeutscher Kunst nach. Hilke Wagner dämpfte jedoch sogleich die Erwartungen; eine große Überblicksausstellung könne man nicht präsentieren. So wirkt der kleine Peter im Tierpark von Harald Hakenbeck, der nun wieder gezeigt wird, auch eher wie ein niedliches Trostpflästerchen für die aufgebrachten Gemüter. Leipzig muss es besser machen.

06:00 07.08.2018
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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