„Bankenregulierung muss ein Thema sein“

Feminismus Katrine Marçal zeigt in ihrem Buch den größten Fehler der Ökonomie: den Ausschluss der Frauen

In Großbritannien trägt ihr Buch den Titel Who Cooked Adam Smith’s Dinner?, was ziemlich gut auf den Punkt bringt, worum es Katrine Marçal geht: Frauen und ihre meist unbezahlte Arbeit in ökonomische Betrachtungen zu integrieren. Die 33-jährige schwedische Autorin und Wirtschaftsjournalistin schreibt darin über fehlgeleitete Wirtschaftswissenschaften, absehbare Krisen und die Rolle des Patriarchats. In diesem Jahr ist ihr Buch unter dem Titel Machonomics. Die Ökonomie und die Frauen auch auf Deutsch erschienen.

der Freitag: Frau Marçal, was war denn die ursprüngliche Intention Ihres Buches: eine Geschichte der Ökonomie zu liefern oder deren Ausklammerung der Frauen zu thematisieren?

Katrine Marçal: Ich habe im Zuge der Finanzmarktkrise viel über Ökonomie und die Frage, warum wir Ökonomen so sehr vertrauen, nachgedacht. Besonders hat mich die Sprache der Ökonomie beschäftigt und wie die verwendeten Fachbegriffe „normale Menschen“ entfremden. Also entstand die Idee, ein Buch über Ökonomie zu schreiben für Menschen, die normalerweise nicht den Economist oder das Wall Street Journal lesen. Dass dieses Buch eine feministische Perspektive enthalten würde, war für mich selbstverständlich und ergab sich aus dem Nachdenken über den economic man. Im Zusammenhang mit der Finanzmarktkrise wurde mir klar, dass deren Ursachen ohne die Behebung des fundamentalen Fehlers der Ökonomie – der Ausschluss von Frauen – nicht behoben werden können.

Vielleicht erläutern Sie zunächst, was der „economic man“ ist.

Der economic man ist die Annahme, die ökonomische Standardtheorien über Menschen in der Wirtschaft machen. Es geht also um den Teil menschlicher Entscheidungen, der ökonomisch relevant ist. Zu den Grundannahmen gehört, dass Menschen rational agieren, egoistisch und autonom handeln und dass weder Familie noch Beziehungen unsere ökonomischen Entscheidungen beeinflussen. All diese Annahmen wurden spätestens seit den 70er Jahren kritisiert. Offenkundig agieren Menschen nicht so. Jedenfalls nicht ausschließlich.

Dieselbe Rationalität, die dem ökonomischen Menschen unterstellt wird, wird ja auch für „die Märkte“ angenommen.

Ja, der Markt ist immer rational, der Markt hat immer recht. Das ist die Ideologie, die die Finanzmarktkrise erschaffen hat. Also ging ich zurück zum Begründer der modernen Ökonomie, Adam Smith, und zu seinem Buch Der Wohlstand der Nationen von 1776, in dem er fragt: Wie bekommt man sein Abendessen auf den Tisch? Die berühmte Antwort lautet: Es ist nicht das Wohlwollen des Kochs, des Metzgers, des Bäckers; es ist das Eigeninteresse der ökonomischen Akteure, das uns unser Abendessen beschert. Das Eigeninteresse wurde eine grundlegende Kategorie der Ökonomie. Aber man muss nur Smiths Leben betrachten und die Tatsache, dass seine Mutter seinen Haushalt organisierte und ganz sicher etwas damit zu tun hatte, dass er sein Abendessen bekam. Dann stellt sich die Frage: Tat sie das aus Eigeninteresse?

Zur Person

Katrine Marçal, 33, arbeitet als Journalistin und Autorin. Ihre Kolumnen in der schwedischen Tageszeitung Aftonbladet thematisieren Feminismus, Ökonomie und internationale Politik. Für die schwedische Originalausgabe ihres Buches Det enda könet (Das einzige Geschlecht, 2012) erhielt sie den Lagercrantzen-Preis. Auf Deutsch ist das Buch 2016 unter dem Titel Machonomics. Die Ökonomie und die Frauen (C. H. Beck, 206 S., 16,95 €) erschienen. Marçal lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in London

Wenn die Theorie einen so entscheidenden Fehler hat, warum hält sich das Bild des „economic man“ bis heute?

Er ist eine schöne Idee. Es ist, wie wenn wir einen Hollywood-Film mit Clint Eastwood als Cowboy ansehen. Ein wenig wollen wir alle so sein: kühl, unabhängig. Vielleicht hat jeder von uns einen kleinen Clint Eastwood in sich. Natürlich handeln wir oft wie der ökonomische Mensch. Wir können sehr rational agieren, zum Beispiel, wenn wir das Gehalt mit dem Chef verhandeln oder im Supermarkt einkaufen. Man kann viele Vorgänge mit diesem Modell betrachten. Aber es beschreibt eben nur einen Teil unseres Verhaltens; wir haben diesen kleinen Teil genommen und ihn zum grundlegenden Erklärungsmodell für alle ökonomischen Entscheidungen gemacht und den Menschen darauf reduziert. Aufgrund dieser falschen Grundannahme erhalten wir ein völlig verfälschtes Bild von unserer Ökonomie.

Schon im Begriff „economic man“ fallen Mann und Mensch zusammen. Geht es eher um ein Bild vom Menschen oder eines vom Mann? Gibt es einen Unterschied zwischen Frauen und Männern, der sich dann eben auch in der Ökonomie zeigt?

Wenn Sie sich Studien ansehen, dann kommen einige – nicht alle – zu dem Ergebnis, dass Frauen Risiken eher scheuen. Egal, ob etwa am Finanzmarkt oder als Führungskräfte in der Wirtschaft, in der Politik. Denken Sie an Angela Merkel oder Theresa May. Allerdings ist es schwer, zu sagen, wie viel davon wirklich in unserem Gehirn verankert ist und welchen Anteil die Gesellschaft hat. Das ist aber gar nicht die entscheidende Frage. Denn weder Frauen noch Männer entsprechen dem Bild des ökonomischen Mannes. Auch Männer haben einen Fürsorge-Instinkt und wollen ihre Kinder versorgen. Es ist das Patriarchat, das menschliche Grunderfahrungen zwischen den Geschlechtern aufteilt. Einige Erfahrungen stehen dann auf dieser Seite – Rationalität, Egoismus – und andere Erfahrungen stehen auf der anderen Seite wie Altruismus und Fürsorglichkeit. Es erscheint fast so, als hätten wir Angst davor, dass Menschen immer beides sind. Wir sind all das, und das ist es, was Modelle kompliziert und unordentlich macht, was Gesellschaft schwierig und unordentlich macht. Wir trennen so gern in weibliche und männliche Verhaltensweisen, weil das Ordnung in das System bringt. Das Gleiche gilt für die Ökonomie: Die Annahme von Rationalität macht das Modell so viel einfacher.

Auf dem Arbeitsmarkt sieht es immer noch so aus, dass die Care-Jobs, die sozialen Berufe, mehrheitlich von Frauen ausgeübt und schlecht bezahlt werden. Sind wir Frauen selbst schuld, wenn wir die falschen Berufe wählen?

Ich denke nicht, dass Frauen die falschen Berufe wählen. Es handelt sich um sehr wichtige Berufe, die leider viel zu wenig wertgeschätzt werden. Über den größten Teil der Geschichte hinweg wurden diese Jobs zu Hause ausgeübt und waren unbezahlte Tätigkeiten. Erst in den letzten 100 Jahren wurden sie Teil des Arbeitsmarktes. Aber weil Frauen diese Berufe zuvor kostenlos ausgeübt hatten, war und ist der Anreiz, sie heute leistungsgerecht zu entlohnen, sehr gering. Umgekehrt geht es nicht nur um die Berufswahl: Wenn Frauen ein männerdominiertes Berufsfeld erobern – in Schweden zum Beispiel den Beruf des Vikars, der heute eher von Frauen ausgeübt wird –, dann sinkt oft die Entlohnung.

Müssten wir nach einem halben Jahrhundert Frauenbewegung nicht viel weiter sein?

Vielleicht muss der Feminismus besser darin werden, die ökonomischen Zusammenhänge zu kritisieren. Ich fände es toll, wenn mehr Feministinnen in der ökonomischen Debatte mitmischten. Wir sind sehr gut darin, sexistische Werbung oder die Mode-Industrie zu kritisieren. Wir mischen uns viel weniger ein, wenn es etwa um die europäische Bankenrichtlinie Basel IV geht. Aber genau dort sollten Feministinnen mitreden. Andererseits müssen wir die Dinge auch in die richtige Perspektive setzen: Der Feminismus ist die erfolgreichste soziale Bewegung der letzten 200 Jahre. Die Veränderungen, die sich für Frauen in den letzten 60 Jahren ergeben haben, sind unglaublich. Und die Dinge haben sich in den letzten 60 Jahren wahrscheinlich stärker verändert als in den letzten 6.000 Jahren.

Aber wie Sie schon sagten: Gerade in der ökonomischen Debatte sind feministische Stimmen rar. Warum haben dort feministische Ökonomen und Ökonominnen keinen stärkeren Einfluss?

Das ist eine sehr wichtige Frage. Feministische Ökonominnen und Ökonomen waren bis jetzt nicht in der Lage, aus ihrem Bereich auszubrechen und in die Mainstreamökonomie einzudringen. Auch ganz konkrete Vorschläge wie der, Hausarbeit in das Bruttoinlandsprodukt einzubeziehen, stoßen noch immer auf sehr vehemente Ablehnung. Seit 40 Jahren gibt es diese konkrete Forderung, aber es heißt immer noch, sie sei aus technischen Gründen unmöglich zu erfüllen. Tatsächlich aber wird das einfach nicht gewollt.

In Deutschland begann man vor einigen Jahren, die klassische „Hausfrau“ als „Familienmanagerin“ zu bezeichnen. Trägt das nicht die ökonomischen Ideen dorthin, wo sie nichts zu suchen haben – in die Familie?

Ja, das stimmt. Aber um bestimmte Themen in der öffentlichen Debatte setzen zu können, ist es sinnvoll, sie in einer Sprache zu artikulieren, die von Menschen ernst genommen wird – in diesem Fall in der ökonomischen. Natürlich müsste man idealerweise einen ganz eigenen Begriff erfinden, der die harte Arbeit, die geleistet wird – ich habe ein Baby, ich weiß, dass das harte Arbeit ist –, anerkennt, ohne die Sprache aus der Arbeitswelt zu benutzen, aber das ist sehr schwierig. Wenn ich aber wählen müsste zwischen „Hausfrau“ und „Familienmanagerin“, würde ich definitiv die Familienmanagerin wählen.

In einem Jennifer-Lopez-Song heißt es: „I ain’t gon’ be cooking all day, I ain’t your mama“. Eine Absage an das Lebensmodell von Adam Smiths Mutter. Um die ökonomische Welt zu verändern, müssen wir als Mütter also vor allem bei der Erziehung unserer Söhne etwas ändern.

Ja, es geht nicht nur darum, unsere Mädchen ein wenig mehr „wie Jungs“ zu erziehen, sondern auch darum, unsere Jungs mehr wie Mädchen zu erziehen. Im Feminismus geht es darum, alle Menschen zu befreien und uns zu erlauben, das ganze Spektrum menschlicher Erfahrungen unabhängig von unserem Geschlecht zu erleben. Aber es geht nicht nur um einen Einstellungswandel. Wir reden schließlich über ein ganzes ökonomisches System, das global existiert und auf unbezahlter Frauenarbeit basiert. Es geht nicht nur um Sie und mich und unsere Einstellung. Es geht um die globale Ökonomie und um die Interessen der Mächtigen, die vom bisherigen System profitieren.

06:00 07.12.2016
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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