Bauchfrei zur Nabelschau

Narzissmus Das Netz wimmelt von Autorinnen, die ihr Ich in scheinbar belanglosen Texten exponieren. Ist all das nur alberne Nabelschau? Oder glaubt das nur die Herrenriege?
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Bauchfrei zur Nabelschau
Typ Tagebuchschreiberin: Die amerikanische Schauspielerin Rochelle Hudson in den frühen 30er Jahren

Foto: Keystone View/FPG/Getty Images

Michael Angele, seines Zeichens (wem sage ich das hier?) stellvertretender Chefredakteur beim Freitag, forderte auf Facebook eine Debatte über das Phänomen junger Autorinnen, die aus der Ich-Perspektive Feuilleton-Texte verfassen, die nicht nur vollkommen narzisstisch, sondern auch belanglos seien.

Als ein Beispiel für diesen narzisstischen Schreibstil mag der Beitrag von Katharina Link im Stern gelten. Aber taugt ein Beitrag (oder meinetwegen auch fünf oder sechs) zum Erheben eines Generalverdachtes?

Nun, wenn Sie eine Debatte wünschen, Herr Angele, dann sollen Sie die natürlich auch haben. Obwohl: Die Debatte, die Sie führen möchten, ist eigentlich die falsche.

Wir sollten nämlich gar nicht erst anfangen, nach dem Belang von Feuilleton-Texten zu fragen. Ja, das meine ich wirklich. Sonst herrschte bald gähnende Leere im Feuilleton. Beispiele?

Ich schlage jede Woche meine ZEIT auf und frage mich dabei, ob die Rubrik Ostkurve, regelmäßig von Clemens Meyer bespielt, wirklich von Belang ist. Meistens erzählt Meyer von Leipzig-Ost und seiner Arbeitswohnung (im Arbeiterviertel!!), aber was will er mir damit sagen? Ist das subtile Form der Gesellschaftskritik? Da finde ich seine Romane, ganz ehrlich, deutlich vielsagender. Mir ist übrigens noch nie zu Ohren gekommen, dass Meyer narzisstisch sei, obwohl er stets über sich selbst schreibt.

Oder denken wir mal an Fritz J. Raddatz, den guten alten Onkel des Feuilletons: Sind Puffbesuche mit Literaten, für deren Schilderung er posthum in der Süddeutschen und anderswo zelebriert wurde, für den Leser von Belang? Ja, heißt es überall, weil es ein Sittengemälde der alten BRD und ihrer Literatenwelt zeichne. Na, dann lassen wir die jungen Frauen, die da - meinetwegen auch bauchfrei - ihr Ich produzieren, doch auch ein Sittengemälde zeichnen. Vielleicht lässt sich erst aus gewisser zeitlicher Entfernung ausmachen, um welche Sitten es sich konkret handelt.

Bauchfrei zur Nabelschau

Reden wir also lieber davon, dass das weibliche Plaudern über eigene Erfahrung als nichtssagende Nabelschau verhöhnt wird. Und warum Männer sich mit solchen Vorurteilen nicht herumschlagen müssen. Es hat sich ja mittlerweile eingebürgert, dass Texte von Autorinnen, die die eigene Lebenswelt schildern, generell unter den Verdacht des Narzissmus geraten.

Lena Dunhams Not That Kind of Girl wurde übrigens ebenso als belanglos und narzisstisch abgetan. Man scheint ihre Probleme ja inzwischen zu kennen: Sex, Beziehungen, Gewicht – das ermüdet doch auf die Dauer? Haben Frauen denn nichts anderes im Kopf? Aber andererseits: Irgendjemand muss die Bücher ja kaufen. Und zu der Stimme der eigenen Generation wird man auch nicht so ohne Weiteres.

Laurie Penny, die englische Bloggerin, die sich den Ruf als bekannteste der jungen Feministinnen erschrieben hat, rät ihren Leserinnen, falls sie journalistisch arbeiten, übrigens ausdrücklich davon ab Artikel zu personalisieren. Warum? Vermutlich genau deshalb, weil das weibliche Ich per se angreifbarer ist. Und weil jemand, der sich als Frau - und zwar ausdrücklich als Frau (aus der Ich-Perspektive)! - journalistisch exponiert, weitaus angreifbarer ist als ein Mann. Jedes Ich im Text bestätigt dann nur das Vorurteil, hier kreise jemand mal wieder nur um sich selbst.

Narzissmus pur?

Aber eigentlich muss man die Ich-Setzung der Frau nicht verteidigen. Hinterfragen wir lieber den Vorwurf des Narzissmus. Mit dem Begriff des Narzissmus wird ja – bewusst oder unbewusst – eine Ich-Schwäche angedeutet, die dann zu einer Überkompensation führt, bei der sich das Ich in den Vordergrund rückt.

Ärgerlich also, dass Autorinnen eine Pathologie unterstellt wird: Hier kreist jemand krankhaft um sich selbst, aus einem Mangel, einem Komplex heraus.

Die Gefahr bestünde nun darin, den „diagnostizierten“ Narzissmus der schreibenden jungen Frauen analysieren oder zum Gegenstand einer Debatte machen zu wollen („Warum sind junge Frauen so unsicher? Ist das Folge gesellschaftlicher Prozesse?“) - auf diesem Wege also eine ganze Generation schreibender Frauen zu pathologisieren. Stattdessen sollten wir gar nicht mehr über Frauen diskutieren. Jaja, das meine ich so.

"Sind Sie sich dessen bewusst, daß Sie vielleicht das am meisten diskutierte Wesen des Universums sind?"

(Virginia Woolf, Ein Zimmer für sich allein, F. a. M. 1989. S. 32)

Wenn Männer jahrhundertelang über das Wesen der Frau schreiben durften, auch wenn sie hierfür keine andere Qualifikation besaßen, „außer der, keine Frau zu sein“ (Ebd.), warum sollten dann nicht auch Frauen über sich schreiben dürfen, auch wenn es auf den ersten Blick keinen anderen Nutzen erzeugt, als das eigene Ich zu reflektieren? Vielleich besteht der Nutzen ja gerade in der Reflexion des Ichs, der Ich-Setzung, der Zuschreibung von Bedeutung an jedes noch so belanglose Ich, eben weil es von Belang ist, sich als Ich zu behaupten.

Ich ich ich – jawohl!

Dabei hat das weibliche Subjekt allen Grund, sich schreibend Raum zu erobern. Und es ist auch kein Zufall, wenn dieses Subjekt dann ausdrücklich von dem eigenen Ich ausgeht, sich dabei nicht als „man“ verkleidet und hierdurch scheinbar objektiviert (denn nicht alles, was ein „man“ behauptet, ist auch tatsächlich objektiv). Dabei handelt es sich nämlich um einen Akt der Selbstvergewisserung, und nicht weniger um einen der Selbstbehauptung. Dass das weibliche Ich Raum einnehmen darf, denkend, schreibend – um nichts anderes geht es ja auch in Virginia Woolfs „A Room of Ones Own“ - ist in der Literaturgeschichte eben nicht selbstverständlich.

Apropos: Die Literaturgeschichte von Frauen beginnt vor allem mit dem Tagebuch. Denn es wird im 18. und 19. Jahrhundert zu einem Medium, das zwar nicht primär der Veröffentlichung gewidmet ist (also gar nicht erst die Frage nach Verleger und Veröffentlichung aufwirft), zugleich aber durchaus Optionen des Veröffentlichens beinhaltet – vor allem im (romantischen) Freundeskreis, in dem Tagebücher und Briefe regen Austausch finden.

Der Blog ist übrigens wiederum solch ein „weibliches“ Medium, nicht, weil es keine männlichen Blogger gäbe. Sondern weil er in seiner Form, dem Tagebuch ähnlich, weibliche Schreibtraditionen zitiert und imitiert.

Es bleibt einem als Autorin – wie auch als Autor – schlicht nichts anderes übrig, als sich in die Tradition des eigenen Geschlechtes einzuschreiben. Und es ist kein Zufall, dass der Briefroman, das Tagebuch oder, mehr schlecht als recht, als "Roman" getarnte Versuche der Bewältigung der eigenen Kindheit oder Jugendjahre dabei immer wieder als literarische Formen dienen.

Lassen wir Frauen ihre Stimme. Lassen wir auch zu, dass manche unter ihnen (auch hospitierende Jung-Autorinnen) ihre noch finden müssen. Und, lieber Herr Angele: Gleichberechtigung ist wohl erreicht, wenn Frauen irgendwann so viel belangloses Zeug schreiben dürfen wie Männer.

21:48 02.03.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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