Marlen Hobrack
Ausgabe 4916 | 14.12.2016 | 06:00 8

Besser gehorchen

Gesellschaft Die Autoritäten haben an Autorität verloren, aber ohne sie geht es auch nicht. Paul Verhaeghe hat eine Lösung

Kürzlich an der Bushaltestelle.Ich beobachte drei Teenager, die einem Mädchen das Fahrrad wegnehmen. Ihr Anführer fährt ein paar Kreise mit dem Rad, springt von der Bordsteinkante auf die Straße. Das Mädchen läuft hilflos hinterher. Ich gucke den Jungen eine Weile lang böse an. Nichts passiert. Irgendwann platzt mir der Kragen: „Du gibst jetzt sofort das Fahrrad zurück!“ Die drei Teenager merken auf. Dann stellen sie sich um mich herum auf. Einer sagt: „Entschuldigen Sie bitte, aber ich denke nicht, dass Sie das Recht haben, sich in unsere Angelegenheiten einzumischen.“

Mit Autorität muss man Kindern von heute gar nicht erst kommen. Ihre Eltern haben aus zig Erziehungsratgebern gelernt, dass man mit einem Kind auf Augenhöhe redet. Zwang, gar Autorität, grenzt in der Super-Nanny-Welt an Gewalt.

Und hier setzt Paul Verhaeghes Buch Autorität und Verantwortung an. Verhaltensauffällige Jugendliche und politikverdrossene Erwachsene seien das Produkt des gleichen beklagenswerten Verlusts von Autorität, sagt Verhaeghe. Nun erschienen in den letzten Jahren durchaus einige Erziehungsratgeber, die mehr Autorität forderten. Gemeint war aber meist mehr blinder Gehorsam.

Genau darum geht es dem Psychoanalytiker Verhaeghe nicht. Die alte Form der Autorität, nach deren Wiederherstellung sich so mancher sehnt, ist für Verhaeghe untrennbar mit der patriarchalen Ordnung verbunden. In ihr erhält der Vater qua Geschlecht die Vormacht über Frau und Kinder. Mit dem Untergang des Patriarchats aber wurde die väterliche Autorität entkernt. Zu Recht, meint Verhaeghe, weil es sich letztlich um eine schlechte Form der Autorität handelte.

Deliberative Demokratie

Aber was genau wäre dann gute Autorität? Verhaeghe nimmt uns mit durch ihre Begriffsgeschichte, die ihn von Immanuel Kant über Sigmund Freud bis zu Hannah Arendt führt. Deren Autoritätsverständnis macht er sich zur Arbeitsgrundlage. Vor allem vom Begriff der Macht sei die Autorität abzugrenzen: Macht sei eine Zweierbeziehung, bei der der Mächtige Gewalt und Zwang gegen einen anderen ausüben könne, ohne sich vor einem Dritten verantworten zu müssen. Autorität beinhalte zwar auch Macht; der Unterschied bestehe aber darin, dass Autorität mit Verantwortung einhergehe. Am besten lasse sich das am Beispiel der Autorität der Eltern gegenüber ihren Kindern zeigen, die kein Selbstzweck ist, sondern auf Verantwortung für Kind und Gesellschaft beruht.

Verhaeghe lässt es mit der Analyse der Eltern-Kind-Beziehung aber nicht bewenden. Er widmet sich auch dem Verhältnis von Bürgern und Demokratie und kommt zu einer schlüssigen Diagnose der aktuellen Krise der Politik. Das derzeitige politische System sei eines der Mächtigen. Diese Mächtigen sind aber gar nicht die Politiker, sondern die Märkte. Da die Märkte Macht haben, aber keine Verantwortung tragen, da die Politiker Macht beanspruchen, aber keine gute Form der Autorität verkörpern, entfremden sich Bürger und Politik voneinander. Paul Verhaeghe konstatiert zu Recht, dass eine machtlose Politik, die Autorität behauptet, wo keine ist, zwei Formen des Auswegs produziert: Entweder verfallen die Wähler den Populisten, die sich auf alte Formen der Autorität berufen, immer um den Preis der Ausgrenzung von vielen; oder aber die Politik tritt die Macht an die Technokraten ab, die vorgeben, als Sachverständige die politischen Geschäfte besser leiten zu können. Beide beanspruchen Autorität, ohne dabei Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen.

Dass Volksentscheide einen Ausweg aus der Demokratiemüdigkeit bieten könnten, hält Verhaeghe für unwahrscheinlich. Da komplexe politische Fragen bei Volksentscheiden auf einfache Ja-oder-nein-Fragen heruntergebrochen würden, seien sie keine Grundlage für verantwortungsvolle Politik. Als Ausweg aus der Politikverdrossenheit sieht Verhaeghe die deliberative Demokratie. Er orientiert sich am Modell des Kommunikationswissenschaftlers James Fishkin, dem deliberative poll, bei dem eine für die Bevölkerung repräsentative Gruppe von Wählern zusammengestellt wird, die nach gründlicher Beratung durch Experten über ein Vorhaben der Gemeinschaft entscheidet. Die ausgewählten Bürger haben kein Mandat durch die Wähler erhalten, sollen aber deren Interessen repräsentieren. Ihre Autorität erwächst aus der Verantwortung, die sie für die Gruppe tragen.

Hier nun hat das Buch eine Schwachstelle: Das Thema des Deliberationsforums wird angerissen, aber nicht gründlich diskutiert. Gerade über die Praktikabilität würde man gern mehr erfahren. Denn auch das hier favorisierte Modell setzt eine Auswahl von Wahlbürgern voraus. Was nicht weniger heißt, als dass derjenige, der auswählt, die Entscheidungen maßgeblich beeinflussen kann. Und da die Bürger als Entscheidungsträger auf Experten angewiesen sind, die sie informieren, wird auch hier die Macht der Experten nicht eliminiert. In diesem Sinne kann man Verhaeghes Buch als interessanten Stichwortgeber verstehen, der dazu beitragen kann, unser Verhältnis zur Autorität zu normalisieren.

Info

Autorität und Verantwortung Paul Verhaeghe Antje Kunstmann 2016, 320 S., 24 €

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 49/16.

Kommentare (8)

na64 14.12.2016 | 09:08

Wie ging das mit dem Fahrrad und dem Ringeltanz nun zu Ende!?. Das interessiert mich viel mehr, da es ein Beispiel der Praxis darstellt und nicht die eigene Auslegung von diesem Buch widmet und sich da eh jeder nur das vor Augen hält was er sehen will. Meine eigene Verantwortung zur Autorität ist das was ich daran ausgrenze oder nicht und dies geschieht willkürlich und Situationsbedingt.

Und was macht man mit dem Fahrrad!?. Ein Geschäftsmodell. Wir bauen Abwehrmechanismen ein und über falschen Daumenabdruck bekommt man einen Stromschlag. Das ist dann auch eine Form von Autorität über die elektronik der Dinge. Somit bestimmt der Markt und der elektronische freigeschaltete Besitzanspruch an Güter was ich darf und was nicht. Seien Sie sich gewiss. Jeder steht unter elektronischer Beobachtung und daran ist dann zu erkennen, was ich darf und was nicht.

nym3 14.12.2016 | 12:50

Autorität zu erwerben, bedeutet m.E., sich Respekt, verbunden mit Anerkennung zu verschaffen, nur eben nicht durch autoritäres Verhalten oder gar Gewalt und Unterdrückung, sondern durch kluges Argumentieren (Erklären) und verantwortungsvolles Handeln, beides erzeugt Vertrauen. Eltern sollten damit bei ihren Kindern ganz früh beginnen und auch Konsequenz an den Tag legen, ferner sich einig sein darin und auch die Verwandten einbeziehen (Großeltern, Onkel, Tanten, die gesamte „Mischpoke“). Wenn das in der frühkindlichen Prägephase versäumt wird, dann haben es nicht nur die Erzieher in Kindertagesstätten und die Lehrer an den Schulen schwer, sondern auch die Sprösslinge im Laufe ihrer Leben – sie sind schließlich potenzielle Eltern... Ein wirksames Prinzip ist das der positiven Bestärkung, ein weiteres besteht im Setzen von Grenzen, die wiederum verständlich zu begründen sind. Das schließt keineswegs eine gewisse Augenhöhe aus, sobald bei Kindern die Bewusstseinsbildung beginnt, die nahtlos in die Persönlichkeitsbildung übergeht. Niemand z.B. verliert in den Augen des Nachwuchses „eine Nadel aus seiner Fichte“, wenn er Fehler begangen hat, diese ohne Selbstzerfleischung eingesteht und erläutert, weshalb er sich geirrt hat, und sich gegebenenfalls sogar entschuldigt – im Gegenteil! So lernen Kinder, mit Fehlern umzugehen sowie, dass man aus ihnen lernen kann – dann können sie sogar von gewissem Nutzen sein... Gleiches gilt nicht minder für das „Führungspersonal“ aller Hierarchie-Ebenen in der Wirtschaft, der Politik und in den Parteien, es wird berufen, oft ungeachtet dessen, ob es überhaupt die Berufung (Eignung) dazu hat. In der Politik gibt es freilich Wahlen, jedoch auch eine gewisse „Hackordnung“, Konkurrenz, „Parteiräson“ und schier gigantische Manipulations-Möglichkeiten. Dass sich immer die besten Persönlichkeiten durchsetzen, ist zu bezweifeln. Emotionen sind meist triebgesteuert („bedürfnis-orientiert“ und deshalb manipulierbar) und erweisen sich eigentlich immer stärker als die Vernunft. Deshalb wird es wohl auch weiterhin bei dem Prinzip von „Versuch und Irrtum“ bleiben, und dabei ereignen sich eben auch von Menschen erzeugte Katastrophen...

Columbus 14.12.2016 | 16:08

Das Verhaeghe- Modell der Beteiligung erinnert doch sehr an das Modell der Auswahl für die "Grand and Trial juries" im US- Strafprozess.

Da hat, ob der problematischen Validierung und Spezifizierung der Auswahl und des einfließenden emotionalen Bias, bei der Entscheidungsfindung der Laienkollegiate, lange schon, eine heftige Kritik eingesetzt.

Die "Twelve Angry Men" sind nur auf der Bühne und im Film idealtypisch beeinflussbar, durch Fakten für das Recht und die Gerechtigkeit.

Als Ergänzung, kann ich mir politische deliberative Gremien durchaus vorstellen, wie eben auch direktdemokratische Abstimmungen, sofern es gesicherte Grund- und Minderheitenrechte gibt, die dadurch nicht angreifbar werden.

Vielleicht wäre noch wichtig, ein wenig einzugrenzen, was denn jeweils Autorität verschaffen soll? Wissen, Gefühle, Zufall, die Qualität oder Quantität öffentlicher Rede, .... Das <<ihre Autorität erwächst aus der Verantwortung, die sie für die Gruppe tragen>>, ist eine eher mutige Annahme.

Leider sind Autorität und Verantwortung viel weniger eng miteinander verknüpft, als es der Buchtitel suggeriert.

"Gottvater" verantwortet nichts, hat aber global durchaus Autorität. Erwählte Politiker verantworten nur so lange etwas, wie sie regieren, egal wie weitreichend ihre Entscheidungen über diesen Zeitraum hinausreichen. Bestimmte oder erwählte Bürger, deliberativ beteiligte Bürger oder jene die gerade Zeit und Lust haben (Entscheidungsfindungsversuche der Piraten- Partei), teilen ein erhöhtes Unverantwortlichkeitspotenzial.

Wer auf das Wissen als Autoritätsfaktor und auf die öffentliche Rede, das Schreiben, als Möglichkeit, Autorität zu erlangen, verzichten will, lebt sicher bald einmal in einem sehr ungemütlichen Staat und muss vielleicht dereinst flüchten, wenn er noch kann.

Tatsächlich, kommt es auf die Mischung der Beteiligungsformen und auf die (gegenseitige) Kontrolle der Autoritäten an. Leider schwindet auch dafür die Geduld, die dieser Selbstverständlichkeit lange Autorität verschaffte.

Beste Grüße

Christoph Leusch

luddisback 14.12.2016 | 16:22

"Da die Märkte Macht haben, aber keine Verantwortung tragen, da die Politiker Macht beanspruchen, aber keine gute Form der Autorität verkörpern, entfremden sich Bürger und Politik voneinander.

...

Als Ausweg aus der Politikverdrossenheit sieht Verhaeghe die deliberative Demokratie. Er orientiert sich am Modell des Kommunikationswissenschaftlers James Fishkin, dem deliberative poll, bei dem eine für die Bevölkerung repräsentative Gruppe von Wählern zusammengestellt wird, die nach gründlicher Beratung durch Experten über ein Vorhaben der Gemeinschaft entscheidet."

da das aber rein gar nichts an der macht der märkte ändern würde, könnte man es getrost auch marionettenwechsel mit ansage nennen.

"In diesem Sinne kann man Verhaeghes Buch als interessanten Stichwortgeber verstehen, der dazu beitragen kann, unser Verhältnis zur Autorität zu normalisieren."

mein absoluter lieblingssatz! schamloser kann sich untertanendenke nicht ausdrücken.

Prinz 14.12.2016 | 17:25

"... bei dem eine für die Bevölkerung repräsentative Gruppe von Wählern zusammengestellt wird, die nach gründlicher Beratung durch Experten über ein Vorhaben der Gemeinschaft entscheidet. Die ausgewählten Bürger haben kein Mandat durch die Wähler erhalten, sollen aber deren Interessen repräsentieren... Hier nun hat das Buch eine Schwachstelle: Das Thema des Deliberationsforums wird angerissen, aber nicht gründlich diskutiert. Gerade über die Praktikabilität würde man gern mehr erfahren. Denn auch das hier favorisierte Modell setzt eine Auswahl von Wahlbürgern voraus. Was nicht weniger heißt, als dass derjenige, der auswählt, die Entscheidungen maßgeblich beeinflussen kann."

Hä? Am einfachsten erhalte ich eine statistisch repräsentative Gruppe durch Zufallslosung. Der Zufall ist unparteiisch und vorausgesetzt die ausgeloste Gruppe ist groß genug erhält man ein Spiegelbild der Gesellschaft im Kleinen. Viel besser als das derzeitige auf Wahlen basierende System. Das sie dann im Interesse der Bevölkerung handeln ist klar und hat wenig mit Verantwortung zu tun, man kann schließlich erwarten das sie im eigenen Intresse handeln, das dank Statistik mit dem der Bevölkerung identisch wäre.

Das dies nichts für die Macht der Märkte bedeuten würde, würde ich nicht unterschreiben. 2008 hätte ein gelostes Parlament den Finanzsektor eventuell tatsächlich vergesellschaftet, statt mit öfentlichen Geldern Private Verluste zu finanzieren.

Ihdefix 15.12.2016 | 22:53

Mir fallen dazu ein Haim Omers Konzept der "Stärke statt Macht. >Neue Autorität< durch Beziehung" für Familie, Schule und Gesellschaft einerseits sowie der Befund von der juvenilen Gesellschaft andererseits. Beides sehr spannende Ansätze um ein besseres Verständnis von der Setzung und der Durchsetzung bzw. vom Umgang mit Normen des Zusammenlebens zu gewinnen.