Botschaft ist das Medium

Presse Die Auswahl in Dresdner Kiosken scheint geschrumpft zu sein. Ist das eine Folge von Pegida?
Marlen Hobrack | Ausgabe 28/2016 1
Botschaft ist das Medium
Leitmedium in Sachsen ist noch immer die konservative „Sächsische Zeitung“
Foto: epd/Imago

Irgendwann gab’s um die Ecke keine Zeit mehr, keinen Spiegel. Tages- und Wochenzeitungen sind an Dresdner Kiosken ohnehin Bückware, man muss auf Knöchelhöhe nach der entsprechenden Ausgabe suchen. FAZ, SZ und Welt bilden einen Haufen, in dem ich meist vergeblich nach dem Freitag oder der Zeit wühle. So wie neulich. „Haben Sie den Freitag?“, frage ich den hinter einem DHL-Paketschalter verschanzten Inhaber. „Freitag?“, blafft er. „Heute ist Donnerstag.“ Heiseres Gelächter vom Kunden mit zu großem Bauch und zu kurzem T-Shirt, der neben ihm steht. „Der Freitag erscheint ja am Donnerstag“, entgegne ich dem Lachen, das in asthmatisches Husten übergeht. Also kein Freitag. Aber es wurmt mich doch.

Denn auch aus vielen Zeitungsregalen in den Supermärkten sind Spiegel und ähnliche Blätter verschwunden. Ist es Zufall oder doch Ergebnis des „Lügenpresse“-Geredes? Oder werden die Blätter in Dresden einfach nicht gekauft? Ein Leitmedium in Sachsen ist noch immer die Sächsische Zeitung. Bisweilen als CDU-Parteiblatt verschrien, flaggt sie politisch jedenfalls konservativ. Als Pegida ausgerechnet am 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, eine Kundgebung in Dresden veranstaltete, war dies der Zeitung am Folgetag gerade einmal eine Meldung auf der vorletzten Seite wert.

Am Morgen nach dem skandalösen Pegida-Aufmarsch war die Stimmung in der Stadt schlecht. Was ja nicht verwundert, angesichts einer wie gelähmt wirkenden Mitte, die in großen Teilen den Leitmedien ihr Vertrauen entzog. Vielleicht aufgrund eines diffusen Misstrauens, das durch die „Lügenpresse“-Rufe, die über den Theaterplatz hallten, genährt wurde. Oder einfach nur deshalb, weil man sich beleidigt fühlte von jenen „Westmedien“, die in den Sachsen nur Nazis und maulende Wendeverlierer erkennen wollten? Auch der Kiosk an der Ecke und dessen Angebot sind immer nur Abbild seiner Kunden.

In der benachbarten Dresdner Neustadt finde ich all meine Blätter immerhin. Sie ist ja auch Heimathafen all jener, die „mitte-links“ sind. Allesamt also nicht repräsentativ für Sachsen 2016, schon gar nicht für das ländliche, das vor allem alt und männlich ist, also AfD-Land. Vielleicht ist es aber auch ganz anders. Der im Feuilleton gemobbte Sachse formuliert womöglich nur Protest gegen „Systemmedien“. Und System ist schlecht, das weiß man noch aus DDR-Zeiten. Spiegel, Freitag und Verwandte gelten dabei eben als Repräsentanten jener vermeintlich „linksversifften“, gender (sächsisch: tschchändor) – verwirrten Eliten, die Björn Höcke oder Tatjana Festerling gern mit Mistgabeln aus den Redaktionen vertreiben würden.

Mehr noch, ihnen stehen Chefredakteure vor, die sich lautstark in politische Debatten einmischen. Ein O-Ton von Festerling in Richtung Giovanni di Lorenzo hieß deshalb etwa: „Was für ein Arschloch du bist, fick dich!“ Die Zeit legte vergangenen Sommer folgerichtig einen Säxit nahe. Das traf bei den Sachsen wiederum auf gemischte Gefühle. Unfreiwillig komisch auch eine Äußerung von Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, der eingestand, dass man wohl bisweilen einen verengten Blickwinkel habe und man gern diverser berichten würde, schließlich sei die Hamburger Perspektive nicht identisch mit jener in Neu-Delhi oder Dresden. Man weiß gar nicht, was ihm dabei als der fernere Osten gilt. Vielleicht fremdelt hier also nicht nur der pöbelnde Sachse mit der Mitte-links-Medienlandschaft. Vielleicht beruht die Sache auf Gegenseitigkeit.

06:00 25.07.2016
Geschrieben von

Marlen Hobrack

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Marlen Hobrack

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