Das Leben als Sprachnachricht: Status – „die Tochter von jemand“

Roman Ihr Manuskript zu „Alte Mädchen“ wurde mit dem Robert-Gernhardt-Preis prämiert. Wie Julia Wolf Frauenbiografien mittels Sprachnachrichten erzählt, ist grandios
Die drei Damen im Roman „Alte Mädchen“ wollen gern Topmodel werden
Die drei Damen im Roman „Alte Mädchen“ wollen gern Topmodel werden

Foto: Anne Schönharting/OSTKREUZ

Im Altersheim träumen drei Frauen von einer Karriere als Models. Drei junge Frauen verbringen ein gemeinsames Wochenende, bevor eine von ihnen Mutter wird. Und drei weitere Frauen treten eine Autoreise nach Polen an, wo sie eine neue alte Heimat suchen.

Für das Manuskript zu Alte Mädchen erhielt die 1980 in Groß-Gerau geborene Julia Wolf 2018 den Robert-Gernhardt-Preis. In ihrem Roman fächert die Autorin nun drei mal drei Frauenbiografien auf, die zwischen Erzählen und Schweigen oszillieren.

Die drei Damen im Heim wollen nichts sehnlicher, als zu Werbefiguren für ihre Seniorenresidenz zu werden. So schön sei diese, dass selbst die Enkel sie hier besuchen würden, heißt es im Werbeslogan. Natürlich kommt niemand. So vertreibt man sich die Zeit mit dem Schauen von Heidi Klums Germany’s Next Topmodel.

Abrechnung mit der Mutter

Im Englischen nennt man Werbefiguren auch Testimonials – eine Figur, die Zeugnis über etwas ablegt. Tatsächlich dreht sich der erste Teil dieses Romans, überschrieben mit dem Titel Marjellchen, um all das, was die alten Damen bezeugen wollen. Oder auch nicht. Krieg und Flucht tauchen bruchstückhaft in ihren Erinnerungen auf. Nur von Verstrickung und Schuld wollen sie nichts wissen.

Bemerkenswert ist die Sprache, in der dieser erste Teil daherkommt. Wie zerrupft wirken die Sätze. Neben- und Nachsätze werden mit Punkten abgetrennt, sodass man den Eindruck hat, einem Bewusstsein zu folgen, das permanent stockt. Während für gewöhnlich der erste Satz eines Romans alles dafür tut, den Leser in die Geschichte zu ziehen, stolpert man förmlich über diese so ungewöhnliche Roman-Eröffnung: „Steht in der Tür, ist die Tochter von jemand.“ Hier bremst eine Autorin bewusst den Lesefluss, zerbricht und zerstört die Sprache.

Zunächst ist man versucht, diese Technik auf das Bewusstsein der alten Damen zu beziehen: Das Denken in Sprüngen, plötzliches Verstummen oder Abbrechen eines Satzes sind ja nicht ungewöhnlich für einen alternden Verstand. Doch als Instrument benutzt Wolf die Satzzerpflückung auch im zweiten Teil, der mit Neue Heimat, altes Haus überschrieben ist. Hier begeben sich drei Frauen auf eine Reise nach Polen. Gudrun, ihre Schwester und ihre polnische Putzfrau reisen in die Heimat der Polin. Auf dem Weg versucht Gudrun, ihrer Nichte eine Nachricht vom Tod der Großmutter zukommen zu lassen. Die Nichte hat jedoch den Kontakt zur Familie abgebrochen, will weder vom Tod der Großmutter noch von deren Erbe etwas wissen. Gudrun soll sie nicht anrufen, behilft sich aber mit einer Sprachnachricht. Das gesamte Kapitel besteht aus gescheiterten Kommunikationsversuchen in einem rasenden Auto, das sich die Frauen gegen jede Vernunft leisteten. Auch weil sie hoffen, dass ihnen nach dem Ableben der Mutter der Hausverkauf etwas Geld einbringt.

Doch es kommt anders. Aus den Sprachnachrichten an die Nichte wird auch eine verkappte Abrechnung mit der Mutter. Offensichtlich war die eine ungnädige Frau, gegen ihre Töchter, auch gegen die Hausangestellte Olga, der sie buchstäblich die Butter auf dem Brot nicht gönnte.

Wie Wolf diese Frauenbiografien in immer wieder abbrechenden Sprachnachrichten erzählt, ist grandios, auch weil vieles in der Schwebe bleibt. Kann man mit gutem Recht vielen deutschen Gegenwartsromanen vorwerfen, dass sie aber auch jedes Gefühl ausbuchstabieren oder gleich ganz darauf verzichten, tatsächlich etwas zeigen zu wollen, sprüht dieser sprachlich eigentümliche Roman nur so von Szenen, die Bände sprechen.

Die Seniorin Anni wird in ihr Bett gelegt und umklammert die Schultern ihres Pflegers, bis dieser sie zärtlich streichelt. Was anderswo kitschig wirken könnte, wird hier aufgeladen zu einer reizenden Versprechung, hat sogar eine subtile erotische Konnotation. Jenny, die werdende Mutter, tastet ihren Bauch jeden Tag mit einem tragbaren Ultraschallgerät ab, um die Herztöne ihres Kindes zu erforschen, weil ihr das Vertrauen fehlt, dass das Ungeborene auch an diesem Tag weiterleben wird. Das sind eigentlich kleine, tatsächlich große Szenen, die ungeheuer wuchtig aus dem Leben der Protagonistinnen erzählen.

Wankelmütige Männer

Im dritten Teil, der mit MILF betitelt ist, stellt sich die werdende Mutter Jenny die Frage, ob die Freundschaft mit ihren kinderlosen Freundinnen auch dann bestehen bleiben wird, wenn sie ihr Kind bekommen hat. Freundin Undine, nicht zufällig mit dem Namen der Sagenfigur ausgestattet, verweist auf ein Leitmotiv im Text: Angeblich gehen die Undinen den untreuen Männern an den Kragen, und von untreuen, lieblosen, wankelmütigen Männern strotzt dieser Text nur so. Auch der Vater von Jennys Kind spielt keine Rolle mehr in ihrem Leben. Damit aber rücken die Frauenfreundschaften sowie die familiären Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern sowie Schwestern in den Vordergrund. Im dritten Teil des Romans erscheint dann manche Beziehung oder Nicht-Beziehung bedrohlich.

Bedrohlicher ist nur die Abwesenheit der Mutter, wie sie in der Figur der kleinen Kay aufschimmert, auf die Jenny für ein Wochenende aufpassen soll. Der eigentliche Witz ist nun, dass Kay, die als Ich-Erzählerin auftritt, die wissendste und reifste Erzählerin unter den versammelten Frauen ist. Eigentlich ist sie das „alte Mädchen“, im Sinne einer reflektierten und verständigen Erzählerin ihrer Selbst. Die anderen „Marjellchen“ dagegen haben sich zu lange selbst betrogen oder betrügen lassen, gehen an ihren Lebenslügen zugrunde. Kay, mutterseelenallein, führt zurück zum Beginn des Romans. „(...) ist die Tochter von jemand.“ Das sind wir ja alle, müssen es aber nicht bleiben.

Alte Mädchen Julia Wolf Frankfurter Verlagsanstalt 2022, 288 S., 24 €

Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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