Die Hosen gestrichen voll

Flüchtlinge In Freital bei Dresden wird ein Asylheim zur Kampfzone von rechten und linken Aktivisten. Die Flüchtlinge stehen zwischen den Fronten. Von Zivilgesellschaft: Keine Spur
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  • Seit dem 22. Juni demonstrieren vor dem ehemaligen Hotel Leonardo in Freital bei Dresden „besorgte Anwohner“ gegen die vorübergehende Unterbringung von 280 weiteren Asylbewerbern. Bis dato lebten 86 Asylbewerber in dem Heim.
  • Die Initiative „Freital wehrt sich. Nein zum Heim“ verkündet am 22.6. auf ihrer Facebook-Seite, auch „Lutz B.“ sei anwesend. Gemeint ist Lutz Bachmann, der Pegida-Organisator, der nach Angabe der Intitiative jedoch nur als „Gast“ die Demonstration besuchte und diese nicht etwa organisiert habe. Bachmann selbst spricht auf seiner Facebook-Seite von der Übernahme der friedlichen Anwohnerproteste durch NPDler – und versucht dadurch offenkundig, Pegida und die Anti-Asyl-Bewegung von den „Rechten“ abzugrenzen.
  • Am Mittwoch stehen sich in Freital nach Angaben der Polizei circa 80 Asylbefürworter und bis zu 160 Asylgegner gegenüber. Die Polizei unterschätzt offenkundig die Brisanz der Ereignisse. Es kommt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen nach der Demo, Flaschen fliegen, ein Pro-Asyl-Demonstrant wird verletzt.
  • Der Freitaler OB Klaus Mättig ist derweil im Urlaub. Am Mittwoch jedoch besucht der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich das Heim.

Soweit die Fakten bis Freitag. An diesem Tag soll eine größere Pro-Asyl-Veranstaltung in Freital stattfinden. Ich will mir selbst ein Bild von der Lage machen.

Vor der Fahrt nach Freital habe ich reichlich Bammel, die Hosen gestrichen voll. Ich reise ja nicht mit Fotograf oder Kameramann an oder mit anderen Journalisten.

Auf Facebook und auf den Unterstützer-Websites wird gewarnt: Nicht alleine unterwegs sein. Man könne ja nie wissen. Ich will aber auch nicht unmittelbar in der Gruppe der Demonstranten und Aktivisten reisen. Ich will so neutral wie möglich beobachten.

Ich informiere mich im Netz, wie ich am besten zum Hotel Leonardo komme. Auf ihren Facebook-Seiten geben die Pro-Asyl-Demonstranten Treffpunkte bekannt. Ich steige in die Regionalbahn nach Freital, vergrabe meine Nase in einem Buch, während die Aktivisten am Dresdner Hauptbahnhof einsteigen.

Im Zug schnappe ich Gespräche auf. Ich höre einen jungen Mann zum anderen sagen: „Das sind ordentliche Leute, die sind sauber, die stinken nicht, ja?! Die sind höflich. Die meisten sprechen Deutsch, das ist doch Wahnsinn angesichts der Tatsache, dass die erst so kurze Zeit hier sind, ja?! Die geben sich echt alle Mühe. Die wollen was leisten, ich habe mich mit denen unterhalten.“

In Freital folge ich dem Treck zum Leonardo. Ein bisschen wie Klassenfahrtswanderung, denke ich kurz. Vor dem Leonardo herrscht nun eine seltsame Atmosphäre. Eine Mischung aus Demo und Volksfest, garniert mit Journalisten. Die Gruppe der Asylgegner sieht nicht freundlich aus. Die Kameraden sind gewiss auch keine besorgten Bürger. Die Polizei trennt beide Protestgruppen, Rufe der Asylgegner schallen herüber.

Lokale Bands spielen, Aktivisten wie die Einhörner von "Einhorn Power"sind anwesend. Kleine Geschenke werden an die Flüchtlingskinder verteilt. Seifenblasen tanzen durch die Luft.

Ich stehe etwas nutzlos in der Gegend rum. Ich überlege, ob ich jemandem Fragen stellen soll. Ich beschließe, mir nur ein Bild zu machen, im Hintergrund zu bleiben.

Ich betrachte die Flüchtlingskinder, die ausgelassen spielen und so wirken, als verwirre sie all das Spektakel nicht. Ich weiß nicht, ob ich das bewundern soll: Die Resilienz dieser Kinder, die geflüchtet sind, durch Berge, über's Meer.

Ich frage mich, ob die Kameraden da drüben, die verächtliche Parolen skandieren, bis sie von der Musik und dem Lachen übertönt werden, ein Fünkchen Menschlichkeit besitzen. Ein bisschen Herz.

Was für eine bedrohliche Situation für ein Kind, denke ich. Die Flüchtlinge gerieten mitten zwischen die Fronten, als sie am Mittwoch hier ankamen, Pöbler, Aktivisten, Ministerpräsident, Journalisten. Was für ein Bild von Deutschland!

"Du bist Deutschland!", hieß es mal in einer Kampagne. Wer oder was bestimmt, wer Deutschland ist?

Deutungsversuche, Deutungshoheit

Was in Freital passiert, kann man auf verschiedene Arten interpretieren. Man kann das Geschehen als Protest der Freitaler gegen Asylbewerber deuten. Man kann es als Aufstand der Zivilbevölkerung gegen die Anti-Asylbewegung lesen. Die Wahrheit ist aber wohl eine andere.

An den ersten Tagen stehen sich auf beiden Seiten ein paar Dutzend Aktivisten gegenüber. Freital hat 40 000 Einwohner und liegt nur einen Katzensprung von Dresden mit seinen über 530 000 Einwohnern entfernt. Es ist also nicht Freital, das sich hier gegen Asylbewerber wehrt. Zumindest nicht im offenen Protest. Es ist aber eben auch nicht die Zivilgesellschaft, die sich gegen den Anti-Asyl-Protest stellt.

Auf ihren Facebook-Seiten schreiben die Pro-Asyl-Aktivisten, Unterstützer aus Leipzig, Frankfurt und Berlin wären angereist. Für die Gegenseite ist ähnliches anzunehmen.

Die Zivilbevölkerung aber bleibt unsichtbar, ebenso, wie der Oberbürgermeister sowie sein Stellvertreter, die im Zusammenhang mit den Protesten keine Farbe bekennen. Will man keine Stellung beziehen, weil man Angst hat vor Drohungen durch Asylgegner? Haben auch sie die Hosen gestrichen voll? Wer wollte es ihnen verdenken? Oder ist es viel banaler und trauriger: Man will keine asylkritischen Wähler vergraulen?

Auch als Stanislaw Tillich Freital besucht, lautet die Botschaft lediglich: Gewaltdrohungen gegen die Bewohner oder Politiker sei inakzeptabel. Dialog mit den Bürgern, eine Botschaft für Mitmenschlichkeit? Fehlanzeige.

"Bild dir deine Meinung"

In Freital agieren linke und rechte Gruppierungen, die vor allem eines auskämpfen: Die Deutungshoheit darüber, was das wirkliche Deutschland ist und ob dieses Deutschland Fremde willkommen heißt oder nicht. Artikulieren Rechte die Meinung der schweigenden, inaktiven Mehrheit? Werden linke Aktivisten dort aktiv, wo die Mehrheit passiv bleibt aus Desinteresse, Angst?

Wer darf für sich reklamieren, für Deutschland zu sprechen? Und: Wer darf überhaupt sprechen?

Wenn man in Freital vor dem Leonardo steht, dann wird eines deutlich: Es geht hier um Medienwirksamkeit und die Frage, welche Bilder in die Welt gesendet werden. Wir sehen Bilder von Skins, die auf Plakaten ihr Nein zum Asyl bekunden, Protestierende, die Deutschlandfahnen schwenken. Wir sehen aber auch das Bild von Multikulti, einem friedvollen Miteinander - alles eine große Party! Probleme? Gibt's hier nicht.

Nach Sonnenuntergang bricht man gemeinsam das Fasten: Ab jetzt wird gegessen, getrunken. Der Islam gehört zu Deutschland, so die Botschaft.

Das Freitaler Asylbewerberheim ist auch ein Schauplatz im Krieg der Bilder. Die Kinder der Asylbewerber spielen dabei eine Schlüsselrolle. Auf dem Fest tanzen sie in erster Reihe, sie kommen zu Wort und erzählen Geschichten von ihrer Flucht. Das ist hart an der Grenze zur Instrumentalisierung und schafft – natürlich – einprägsame Geschichten, medienwirksame Bilder.

Es gibt diesen bittersüßen Moment: Ein kleiner Junge greift sich ein Mikro. Er singt We will rock you von Queen, man hätte sich diese Szene nicht besser ausdenken können. Er singt und rockt, alle singen und rocken begeistert mit.

Buddy you're a boy make a big noise
Playing in the street gonna be a big man some day

Seit ich selbst ein Kind habe, bin ich peinlich nahe am Wasser gebaut, mir schießen Tränen in die Augen. Ich gucke nach unten, ich will jetzt hier nicht offen rumheulen, was habe ich denn für einen Grund zu heulen? Ich bin nicht die einzige, die Tränen verdrücken muss.

Diese Kinder entkräften das Bild, dass es vor allem junge männliche Asylsuchende seien, die hierherkommen, um die armen deutschen Mädchen zu belästigen, wie es immer wieder kolportiert wird.

Es sind zudem Kinder aus Syrien. Pegida hat oft verlautbart, dass echte Kriegsflüchtlinge willkommen seien (eine Zeitlang zumindest), dass man nur keine Wirtschaftsflüchtlinge aufnehmen wolle. Die Kinder entkräften also jedes Pegida-Argument, und prompt ätzten Asylgegner auf Facebook, man habe die Kinder medienwirksam inszeniert.

Natürlich wird hier inszeniert! Das ist zunächst auch nicht verboten. Pegida hat sich in Dresden schließlich auch als Repräsentant der schweigenden Mehrheit in Szene gesetzt und eine Kontinuität zur friedlichen Revolution von 1989 behauptet, sogar deren Parolen verwendet.

Auch das Zentrum für Politische Schönheit hat kräftig inszeniert. Und nicht wenige Kommentatoren haben genau das kritisiert. Politische Schönheit, politische Ästhetik: Die Grenze zwischen einprägsamem Bild/Text und Propaganda ist schmal. Das wird besonders deutlich angesichts eines Zettels, den ein kleiner Junge trägt: „Danke Deutschland, dass ich hier bleiben darf“, steht darauf.

Kloß im Hals, gerötete Augen. Aber dann überlege ich: Wer hat ihm den in die Hand gegeben?

Der Kampf um das beste Bild

Ein Blick auf die Facebook-Seiten der Pro-Asyl-Aktivisten: Immer wieder sieht man auf den Bildern die Kinder. Sie sind nicht unkenntlich gemacht, sondern werden in Nahaufnahmen gezeigt. In einem Land, in dem man Kritik dafür erntet, wenn man Bilder der eigenen Kinder unter Freunden auf Facebook teilt, ist das ein sehr offener Umgang mit dem Recht am eigenen Bild. Wurde um das Einverständnis der Eltern gebeten? Und waren diese sich – auch aufgrund möglicher sprachlicher Barrieren – der weitreichenden Konsequenzen bewusst?

Besonders bizarr wird es, wenn Aktivisten zum Hochladen von Bildern der Veranstaltung aufrufen, zugleich aber zu bedenken geben, nicht jeder Aktivist wolle vielleicht erkannt werden – man solle also im Zweifelsfall Gesichter unkenntlich machen.

Natürlich macht man die Gesichter der Kinder schon deswegen nicht unkenntlich, weil ihnen die Herzen der Erwachsenen zufliegen sollen. Süße Kindergesichter mit traurigen Augen sind da ungemein wirksam. Die an und für sich richtige Strategie – an die Herzen der Menschen zu appellieren – darf aber nicht dazu führen, Menschen zu instrumentalisieren. Genau das geschieht hier aber. Das hat einen fragwürdigen Beigeschmack.

+++

Die Eindrücke an diesem Tag überfluten mich, nach zwei Stunden möchte ich gehen. Aber über Live Ticker und Mund-zu-Mund-Propaganda wird klar: Alle sollen geschlossen abreisen, nicht alleine auf den Weg nach Hause machen! Den Heimweg trete ich erst nach Einbruch der Dunkelheit an. Gemeinsam mit den Aktivisten. Schiss habe ich immer noch, jetzt, in der Dunkelheit, erst recht. Denn die linken Aktivisten haben in der Schlacht um die besten Bilder gewonnen. Welche Schlacht folgt in der Nacht?

13:02 28.06.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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