Ein kleines rotes Buch

Engagement Der Schauspieler Clemens Schick ist in die SPD eingetreten. Unsere Autorin überlegt, ob sie ihm folgen soll
Marlen Hobrack | Ausgabe 37/2016 4
Ein kleines rotes Buch
Die sozialdemokratische Familie gibt auch ihnen ein Zuhause: Schick, Gabriel, Berben
Foto: Future Image/Imago

Clemens Schick ist also in die SPD eingetreten. Da läuft die Wortspielproduktion auf Hochtouren. Der „Genosse der Geschosse“ jubelt die B.Z., „Schick, der Genosse“, freut sich die SPD. Halleluja. Nun gut, vielleicht taugt der Schauspieler ja zum Vorbild. Vielleicht sollten wir alle uns mehr engagieren? Aber dafür gleich in eine Partei eintreten? Seien wir ehrlich: Die Sache hat wenig Sexappeal.

Ich stelle mir Clemens Schick mal kurz zwischen erprobten bis altgedienten SPD-Genossen vor, bei einer Ortsvereinssitzung, wo man über die korrekte Anzahl von Fahrradständern vor der Bibliothek oder fehlende Kindergartenplätze debattiert. Bei schlechtem Filterkaffee und trockenen Keksen. Hat er sich das gut überlegt? Gut, ich muss nachfragen und rufe ihn an. Herr Schick, Ihre Mitgliedschaft ist doch eher so symbolischer Natur, oder nicht? „Nö, überhaupt nicht.“ Er habe schon Kontakt aufgenommen zu den Genossen vor Ort und freue sich darauf, mit Menschen zusammenzukommen, die er in seinem Berufsalltag nicht unbedingt kennenlerne. Überhaupt sei es doch spannend, herauszufinden, wie eine Partei wirklich funktioniere.

Der Zynismus des Teenagers

Hm, da hat er natürlich recht. Klar: Auch ich kenne Parteiarbeit nur aus Gesprächen mit Bundes- oder Landtagsabgeordneten, die unsere Gemeinschaftskundelehrer in den Unterricht schleppten. Politik „zum Anfassen“ sollte das sein, es blieb aber seltsam dröge. Als ich 15 war, kam Katja Kipping einmal zu uns in die Klasse, ein kommunistischer Mitschüler mit Josef-Stalin-Gedächtnisfrisur hatte sie eingeladen. Wir debattierten über den Schuldenerlass für die „Dritte Welt“ (damals sagte man das noch so). Sie forderte uns auf, Briefe an den Bundestag zu schreiben. Ich sagte ihr, dass das doch albern sei. Wen kümmere denn, was naseweise Gymnasiasten so denken und schreiben? Ich war ein zynischer Teenager. Später wurde ich Mitglied der Grünen Jugend, was sich nun wirklich nicht mit Zynismus verträgt. Ich besuchte nie ein Treffen, bestellte mir aber ein paar Anti-Nazi-Sticker und kleisterte damit den örtlichen Punkclub zu. Ich bin vielleicht nicht gemacht für die Basisarbeit in einer Partei.

Ach ja, das ist Clemens Schick vielleicht auch nicht, aber er habe riesigen Respekt vor den Leuten, die von Tür zu Tür gehen und genau das leisten: Basisarbeit. Ich schaue mir ein Bild an, auf dem Schick das SPD-Parteibuch in die Kamera hält, seine stahlblauen Augen strahlen. Da bemerke ich erst, dass ich gar nicht wusste, dass es diese Dinger tatsächlich gibt – ganz real, als kleines, handfestes Büchlein. Man hätte ja meinen können, es sei längst durch eine digitale Kopie abgelöst worden. Wie er da so das rote Büchlein vor sich hält, schießen mir die Bilder von 68er-Studentenprotesten in den Kopf, fast will ich „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!“ rufen, aber nein, das war ja ein anderes rotes Büchlein.

Im weiteren Gespräch mit Schick fällt ein Wort ganz häufig: Werte. Es gehe darum, sich unserer europäischen Werte bewusst zu werden, sagt er, Toleranz und Gleichberechtigung tatsächlich zu leben. Er erzählt von seiner Komiteemitgliedschaft bei Human Rights Watch. Da seien viele Menschen aus dem Adel und dem Großbürgertum vertreten. Dieses Engagement sei ja auch wichtig und habe eine lange Tradition. Aber man könne es nicht nur bestimmten Kreisen überlassen. Diese Werte seien schließlich Teil der bürgerlichen Kultur, ganz grundsätzlich, sagt Schick. Das zeige doch das ganze ehrenamtliche Engagement für Geflüchtete. Die Citoyenne in mir hüstelt kurz und betreten: Wann habe ich eigentlich zuletzt mal was bewegt?

Dann plädiert Schick für ein anderes Politikverständnis. Seit bald 40 Jahren bestehe es hierzulande nämlich in einer Art Anspruchshaltung: Politik sei für viele etwas, das man passiv entgegennehme und über das man sich beschwere, zum Beispiel wenn die Rentenpolitik oder die Sozialgesetzgebung nicht nach eigenem Gusto ausfallen. Das Meckern über „die da oben“ sei aber zu einfach. Ich muss kurz an die Gespräche im Familien- und Freundeskreis denken, mir fällt da kaum jemand ein, der in einer Partei engagiert wäre. Vielleicht braucht es auch dafür Traditionen, familiäre, meine ich. Ich habe aber zwei Schulfreunde, die beide schon als Jugendliche der SPD beigetreten sind, zwei gescheite Menschen, die Sachen in die Hand nehmen. Eigentlich, das ist das Skurile, konnte ich sie mir immer besser in der FDP vorstellen, aber vielleicht ist das auch nur ein Vorurteil den Sozialdemokraten gegenüber – nämlich dass die SPD etwas trutschig ist, etwas fürs Herz. Nicht unbedingt die Partei der Macher.

Also, Herr Schick: Warum sollte ich ausgerechnet die alte Tante SPD wählen? Überzeugen Sie mich mal! Die persönliche Ebene sei entscheidend, antwortet er. Michael Müller, den Regierenden Bürgermeister Berlins, schätze er menschlich sehr. Gleiches gelte für Heiko Maas, der sich gegenüber der AfD so deutlich wie kaum ein anderer Politiker positioniert habe. Oder Frank-Walter Steinmeier und Andrea Nahles. Es komme gar nicht darauf an, alles, was diese Politiker tun, immer toll zu finden. Aber der Solidaritätsgedanke werde in der SPD eben am stärksten gelebt. Nicht zuletzt geht es Schick aber auch, ganz persönlich und alltagsnah, um die Stadt, in der er lebt, um Berlin. Zu schnell sei vergessen worden, in welchem Zustand die CDU die Stadt zurückgelassen habe. Und wie hart der Weg zur Stabilisierung der Finanzen gewesen sei. Jetzt, da Berlin die Stadt der Start-ups und der Kreativwirtschaft sei, komme es darauf, das richtige Umfeld für diese Leute zu schaffen. „Und mal ehrlich“, fragt er lachend, „was wäre die Alternative?“

Da zucke ich zusammen. Die Sache mit der Alternativlosigkeit kennt man ja. Vielleicht konnte die Alternative für Deutschland nur deswegen so erfolgreich werden, weil sie die Absage an die Politik der Alternativlosigkeit gleich im Namen führt. Neulich, beim Geburtstagsfest eines Freunds, entspann sich eine politische Debatte zwischen einem Partygast und mir. Er lehnte die AfD ab, aber Merkel sei eben auch zu weit gegangen mit der Grenzöffnung vor einem Jahr. Reiner Populismus sei das gewesen, Populismus, der zur alternativlosen Politik erklärt wurde. Ich widerspreche ihm. Ich bin kein großer Merkel-Fan, aber ich halte sie nicht für eine Populistin.

Wenn man Gesetze so einfach über Bord werfe, dann sei es doch kein Wunder, wenn man Parteien wie der AfD in die Hand spiele, sagte der Partygast. Aber wenn Politik ihre Handlungen an der Frage ausrichtet, was der AfD nützt oder nicht, dann sind wir doch schon bei einem CSU-Populismus angekommen, nicht wahr? Man braucht so etwas wie einen moralischen Kompass, unverrückbare Werte. Und dieser Werte, da hat Schick schon recht, müssen wir uns auch wieder bewusster werden.

Verhärtung und Hysterie

Das ist vielleicht das Erschütternde an meiner Heimat Sachsen: dass man dort eine Verhärtung der Menschen feststellt, die manchmal in Herzlosigkeit mündet. Oft hört man die Frage: „Wer hat uns denn was geschenkt?“ Sie ist gegen Geflüchtete gerichtet. Da ist der Wertekompass zerbrochen, und der Aufstieg von einer wie Frauke Petry, die das „Völkische“ neuerdings aus seiner „Stigmatisierung“ befreien will, kann einem Angst und Bange machen. Genauso wie der konsequente Mangel an historischem Bewusstsein der AfD-Anhänger – bei gleichzeitiger hingebungsvoller Angstlust. Und zugleich ist da die Hysterie der Medien, die wie elektrisiert jeden Halbsatz, der aus AfD-Reihen kommt, aufnehmen und prominent weitertragen und so die Angstspirale beschleunigen. Ängste lassen sich eben gut verkaufen, hier wie dort.

„Ängste sind etwas Unkonkretes“, sagt Clemens Schick. Es sei erschreckend, dass sich eine Art allgemeine Hysterie in politischen Debatten breitgemacht habe. „Das macht mich fassungslos.“ In Mecklenburg-Vorpommern hätten doch rund 80 Prozent der Wähler nicht für die AfD gestimmt!

Ich verstehe: Bloß keine Weltuntergangsstimmung aufkommen lassen. „Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut“, oder wie genau heißt es noch in Jakob van Hoddis’ expressionistischem Gedicht Weltende? „Und die Eisenbahnen fallen von den Brücken ...“ Aber nein, ganz so weit ist es ja noch nicht in Berlin, auch wenn vielleicht bald die Flugzeuge vom Himmel stürzen, wegen heilloser Überlastung des Flughafens Tegel. Aber selbst diese nimmt der Berliner ja mit reichlich Langmut hin. Man kann sich wirklich eine Scheibe abschneiden von ihm. Und von Clemens Schick. Also: Noch habe ich kein SPD-Parteibuch. Kann ja noch kommen.

06:00 12.10.2016
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 4

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community