Beobachten Sie die Entwicklung Ihres Kindes ganz genau!

Erziehung Ob durch Nachbarn, Erzieher oder Ärztinnen – ständig wird der Entwicklungsstand von Kindern untersucht und bewertet. Von der ewigen Ratgeberliteratur ganz zu schweigen. Für Eltern bleibt da nur eine Lösung
Na, baut ihr Kind auch schon artig mit Klötzchen? Schön normal!
Na, baut ihr Kind auch schon artig mit Klötzchen? Schön normal!

Foto: agefotostock/IMAGO

Falls Sie Elternteil sind, kennen Sie vermutlich nur zu gut Entwicklungsratgeber, die nach Lebensmonaten aufgeschlüsselt alle entscheidenden Entwicklungsschritte eines Kindes auflisten. Stets oszillieren die Texte zwischen starrem Normativismus und der Beruhigung der dauerbeunruhigten Ersteltern: Okay, Ihr Kind sollte das können, aber noch ist nicht alles verloren.

Die Botschaft ist trotzdem klar: Es gibt die Norm, und es gibt die Abweichung, und je größer die Abweichung, desto umfangreicher die nötigen korrektiven Maßnahmen. Man könnte an dieser Stelle eine breite Debatte über die gesellschaftliche Tendenz, jede Abweichung zu quantifizieren und als Störung zu benennen, aufmachen. Für Eltern ist das allerdings gar nicht so leicht, schließlich könnte es doch eine Ursache für die verzögerte Entwicklungen geben. Spricht das Kind nicht, weil es schlecht hört? Das muss man abklären! Krabbelt es nicht, weil es ein Rückenproblem hat? Lieber mal einen Röntgencheck machen. Niemand will sich vorwerfen lassen, eine Entwicklungsverzögerung ignoriert zu haben.

Außerdem existiert eine Vorstellung, wonach es Entwicklungsfenster gibt, in denen Kinder etwas besonders gut lernen – etwa der Mythos, in den ersten drei Jahren könnten Kinder leichter Sprachen lernen (richtig ist, dass sie sehr viel Zeit für den Spracherwerb aufwenden, und dass Erwachsene beim selben Zeitaufwand ebenso gut eine Sprache lernen). Und so schlittern Eltern von der Beruhigung durch die einen zu nachgerade harschen Vorwürfen: „Und ihr wart deswegen noch nicht beim Arzt?“ Gewöhnliche Krippenkinder werden heute so gründlich unter die Lupe genommen, dass man meint, sie bereiteten sich auf Olympia oder einen Aufenthalt auf der internationalen Raumstation vor. Bei Entwicklungsgesprächen legt uns die Erzieherin unseres Sohnes einen umfangreichen Datenerhebungsbogen mit Diagrammen vor. Wo unterläuft das Kind die Norm?

Kinder als Erweiterung der Eltern?

Bei meinem großen Sohn, inzwischen sechzehn, verliefen die Gespräche anders. Zwar gaben seine Erzieher Hinweise, was man üben sollte, aber nie fühlte es sich an, als stünde das Kind vor einer entscheidenden Prüfung, die über Wohl und Wehe seines restlichen Lebens entscheiden würde. Ich wundere mich, wie sehr in der zeitgenössischen Pädagogik das Kind als Erweiterung der Eltern begriffen wird: Was es nicht kann, ist Folge elterlichen Versagens, was es gut macht, ist das Ergebnis optimaler Förderung. Umgekehrt werden mit dem Kind gleich auch noch die Eltern erzogen.

Nun haben meine beiden Söhne eine Tendenz zu selektiver Entwicklung. Gemeint ist, dass ihre Entwicklung sich sehr früh auf die sprachlich-symbolische Ebene konzentrierte. So kommt es, dass mein Zweieinhalbjähriger zwei Dutzend Lieder auswendig weiß und das Schriftbild von „Mama“ und „Papa“ wiedererkennt, aber bis vor zwei Wochen nicht laufen konnte. Man kann sich nicht ausmalen, wie viele Gespräche ich mit besorgten Nachbarn führen musste! Untersuchungen und Tests ergaben keine Auffälligkeiten, aber in der Kinderkrippe stieg die Beunruhigung stetig, bis man uns schließlich zu einem runden Tisch einlud. Es scheint mir nur ebenso aussichtslos, mit einem Zweijährigen über das Laufen zu verhandeln wie mit Putin über den Truppenabzug an der ukrainischen Grenze – egal, ob man es nun an einem runden oder einem außergewöhnlich langen Tisch tut.

Aber die Verhandlungen richten sich ja gar nicht an den Zweijährigen, sondern an uns Eltern. Zum Glück, denn obgleich er über kein Atomwaffenarsenal verfügt, ist er doch recht impulsiv. Eltern dagegen sollten sich Stoizismus antrainieren. Am Ende läuft’s doch immer.

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Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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