Goodbye, Leib

Trauma Bei Han Kang sprechen die verstorbenen Opfer eines Massakers

Was muss geschehen sein, damit die Toten nun sprechen? Und was muss geschehen, damit sie endlich in Frieden ruhen können? Das sind zwei Fragen, die dem Leser durch den Kopf gehen, wenn er Han Kangs Roman Menschenwerk liest. Das Buch schildert die Ereignisse rund um das Massaker in der südkoreanischen Stadt Gwangju im Jahre 1980. Auf Studentenproteste, mit denen Teile der Bevölkerung sympathisierten und die bis zu 200.000 Menschen mobilisierten, reagierte das Militärregime unter Machthaber Chun Doo-hwan mit Massenmord und Folter. Es kamen mehr als 200 Menschen ums Leben (wobei die Zahlen hier differieren, manche Quellen sprechen von 2.000 Todesopfern), Tausende wurden in wenigen Tagen schwer verletzt oder verschleppt.

Plötzlich schießen die Soldaten

Die Schriftstellerin Han Kang stammt selbst aus Gwangju. Wie oft nach Massakern und Menschlichkeitsverbrechen herrscht unter den Überlebenden lange das Schweigen vor. Da ist das Entsetzen und zunächst auch die Angst vor den Repressionen des Regimes. Später kommt die Scham. Warum hat man selbst überlebt, die anderen aber nicht? Vielleicht ist es da nur naheliegend, dass die Toten in Menschenwerk erzählen und das „Du“ an Zuhörer richten, die natürlich stellvertretend für den Leser stehen.

Es wird nicht immer klar, wer hier zu wem spricht. Und erst mit der Zeit entwirren sich die Fäden der Geschichten der wechselnden Erzähler und verweben sich zu einer gemeinsamen Erzählung. Einer von ihnen ist Dong Ho. Als Soldaten plötzlich in die Menge schießen, verliert der Schüler seinen Freund in der aufkeimenden Panik unter den Protestierenden. Ob er noch lebt? Dong Ho weiß es nicht, die Ungewissheit quält ihn. Mit anderen Schülern hilft er, Leichen zu bergen und sie in einer Schule aufzubahren, wo sie von den verzweifelt nach den Vermissten suchenden Verwandten identifiziert werden sollen. Auch die Schule, in der Schüler den weiteren Protest organisieren, wird schließlich gestürmt.

Han Kang schildert den Anblick der Erschossenen, den süßlich-faulen Geruch verwesender Leiber, die in Folien eingewickelt werden, um den Gestank in der Halle irgendwie erträglich zu halten. Allerdings wird von den Leichen stets in einem distanziert, beinahe sachlich wirkenden Ton erzählt. Dass dieser Ton weder empathielos noch kalt wirkt, ist eine besondere Stärke des Textes. Erreicht wird dieser Effekt dadurch, dass die Toten selbst ihre Geschichten erzählen. Der deutsche Leser mag sich vielleicht an Gert Ledigs Vergeltung aus dem Jahr 1956 erinnert fühlen, in dem die Verstorbenen ebenfalls Zeugnis ablegen. Geschildert wird ein Luftangriff auf eine deutsche Stadt im Juli 1944, verdichtet auf den Zeitraum einer Stunde. Nur überwiegt im Falle Ledigs beim Leser der Schock angesichts des Barbarischen.

Durch die von Han Kang gewählte Erzählperspektive kommt es freilich zu besonderen Situationen, in denen die Ich-Erzähler sich selbst von außen betrachten: „Nach hinten gekippt, den Mund offen, schien mein Gesicht in der Dunkelheit des Waldes noch fahler als zuvor.“ Sie können das, weil ihre Seelen ihre Leiber verlassen. Zugleich steht es symbolisch für eine Dissoziation von Leib und Seele, die so häufig vorkommt bei Traumatisierten.

Es ist nicht das erste Mal, dass Han Kang von Gewalt erzählt. In ihrem Roman Die Vegetarierin, für den die Koreanerin 2016 hierzulande als literarische Entdeckung gefeiert wurde, löst die simple Entscheidung einer durchschnittlichen Frau, auf Fleisch zu verzichten, Gewalt und Ablehnung ihres familiären Umfeldes aus. Wie auch in Menschenwerk steht ein Individuum einer Macht gegenüber, die letztlich dessen Auslöschung erzwingt. Grund für den Fleischverzicht scheint ein Trauma zu sein. Die Vegetarierin hungert und löst sich dadurch mehr und mehr von ihrem Körper, der letztlich das ist, was sie an die Gesellschaft bindet. In Menschenwerk verlässt die Seele eines Getöteten dessen verwesenden Körper im Leichenberg und betrachtet die wiederkehrenden Soldaten, die immer mehr Leichen abladen und schließlich den Berg von Körpern anzünden. Die Seele will nichts mehr, als in die Stadt zurückzufinden, zurück zu den geliebten Menschen, um endlich Gewissheit zu erlangen, ob diese noch leben.

Während die eigentümliche Erzählperspektive im Text durchaus aufgeht, muss man, was die sprachliche Ebene anbelangt, einige Fragezeichen setzen. So stolpert man beim Lesen immer wieder über die im Beamtendeutsch so beliebten Substantivierungen, die gemeinsam mit den kurzen, einfach gebauten Sätzen recht ungelenk wirken. Soldaten „sitzen in Hockstellung“, statt zu hocken, und nachgelagerte Partizipien erzeugen seltsam holprige Satzkonstruktionen: „Du bätest sie um Verzeihung, ihre Schläge einsteckend.“

Wer holpert hier?

Was als Kritik kleinlich wirken mag, wirft ein Schlaglicht auf die sprachliche Qualität des Originaltextes. So war ein Vorzug der Vegetarierin, dass die Übersetzung aus dem Koreanischen ins Englische eine kongeniale war. Dass die souveräne Übersetzerin Deborah Smith den Text stilistisch umwandelte und ausschmückte, trug möglicherweise viel zu seinem Überraschungserfolg bei. Ob Menschenwerk nun deswegen sprachlich etwas holprig wirkt, weil die Übersetzerin Ki-Hyang Lee es näher am koreanischen Original beließ, vermag nur zu beurteilen, wer das koreanische Original lesen kann.

Sei’s drum. Der Roman über die Sinnlosigkeit menschlicher Gewalt und ihre Nachwirkungen unter Überlebenden ist trotz allem lesenswert. Vielleicht bringt er sogar das schlechte Gewissen der Überlebenden zum Schweigen.

Info

Menschenwerk Han Kang, Ki-Hyang Lee (Übers.), Aufbau 2017, 224 S., 20 €

06:00 25.12.2017
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

Kommentare 1