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Literatur Jürgen Meier sorgt sich um den Fortbestand der Kultur und schreckt vor keiner Verfeinerung zurück
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Risse im Fundament: Ist Kulturzerstörung gleichzeitig die Zerstörung der materiellen Lebensgrundlage?

Foto: Imago Images

Wenn Universitätsdozenten versuchen, Erstsemester der Kulturwissenschaft ins Schwitzen zu bringen, bitten sie, den Begriff der Kultur zu definieren. Kultur, das ist... irgendwie alles? Alles, was nicht Natur ist? Jürgen Meier bietet in Wider die Kulturzerstörer eine eigene Definition. Für ihn ist Kultur ein Prozess, der zwischen Einzelnem und Allgemeinem vermittelt. Kultur ist ihm Entwicklung des Menschen zum Menschsein, so paradox es klingt.

Sie ist aufs Engste verwoben mit gesellschaftlichen und ökonomischen Prozessen, und deshalb von diesen Prozessen bedroht. Kulturzerstörer wirken zweifach: Wo sie Grundlagen der kulturellen Entfaltung untergraben und wo sie den Kulturbegriff selbst von Moral und Ethik isolieren. Kultur wird zum schnöden Suffix. Ess-, Trink-, Wohn- oder Unternehmenskultur sind aber keine Kultur, sondern unter deren Einfluss entstandene Praktiken, Sitten und Gewohnheiten.

So definiert, kann Kultur nie Leitkultur sein. Denn es gibt nur eine Kultur des Menschen. Leitkultur ist für Meier nicht mehr als die unscharfe Verallgemeinerung, die Aufwertung von spezifischen Sitten und Gebräuchen gegenüber anderen. Ist die Leitkultur bei der AfD ohnehin nur Surrogat für die unaussprechlich gewordenen Metaphern von Blut, Boden und Volkskörper, ist sie bei der CDU nicht wesentlich mehr als der Verweis auf bürgerliche Lebenspraxis und deren Grundlage, das bürgerliche Recht. Das, so Meier, ist aber selbst schon ein Entfremdungsphänomen und in dieser Form in keiner Weise identisch mit Kultur.

Ziel der Kultur ist für Meier, den Einzelnen zu verfeinern, ihn zum Subjekt zu machen. Die materielle Grundlage dafür ist Arbeit. Unter kapitalistischen Vorzeichen steht diese aber im Widerspruch zur Kultur. Den Kulturzerstörer, gegen den die Kultur geschützt werden muss, identifiziert Meier folgerichtig in der spätbürgerlichen, neoliberalen Ökonomie, die auf entfremdeter und entfremdender Arbeit basiert. Denn sie hat wesentlichen Anteil daran, das Subjekt an seiner Selbstverwirklichung zu hindern.

Eine schöne Pointe. Man hätte hinter dem Titel auch einen Angriff auf Verwaltung und Politik erwarten können, die allenthalben Kulturmittel kürzen. Theater, Tanz und Museen aber sind selbst Stabilisatoren eines Systems, das Kultur als Ganzes gefährdet: „Kultur wird als ideologisches Fundament verstanden, das die herrschenden ökonomischen Maxime stabilisieren und schützen soll“, so Meier, der selbst als PR-Chef am Stadttheater Hildesheim Erfahrungen im Bereich geförderter Kultur sammeln konnte.

Der bürgerlichste Begriff ever

Es marxt und hegelt gar sehr in diesem Buch. Der Geist des dialektischen Materialismus und eine Geschichts- oder besser: Kulturteleologie durchwehen die Argumentation. Gedacht wird in dichotomen Begriffspaaren: Objekt und Subjekt, Partikulares und Ganzes, sinnstiftend und entfremdend. Begriffe wie „Entfremdung“ und „Dekadenz“ wirken jedoch wie von Halbtoten in und zwischen die Zeilen geraunt. So vernutzt und verbraucht, wie die strapazierte Lukács‘sche Rede von der „transzendentalen Obdachlosigkeit“ in der (spät)bürgerlichen Gesellschaft.

Bräuchte es heute nicht andere Begriffe? Zumal der elaborierte Kulturbegriff wie auch die verwendeten Analysekategorien geografisch wie historisch mit der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte verknüpft sind? Sind sie wirklich global und überzeitlich? Meier will Kultur ja gerade universell und somit global verstehen. Was sie bedroht – Ausbeutung, Naturzerstörung und Faschismus – ist eine weltweite Gefahr.

Unzeitgemäß wirkt auch die Vorstellung eines Telos von Kultur als Verfeinerung und Subjektivierung – vielleicht die bourgeoiseste Kategorie ever. Ist die Gefahr einer Abwertung jener Kulturkreise, die als wenig verfeinert gelten, hier nicht außerdem vorprogrammiert – auch wenn der Autor gerade das vehement von sich weist?

Wenn Kulturzerstörung Zerstörung der materiellen und ideellen Lebensgrundlagen des Menschen ist, bräuchte es zu ihrem Verständnis vielleicht gar nicht den so sorgsam entfalteten Kulturbegriff Meiers. Wenn er ihn doch einführt, dann um zu zeigen, dass Kultur nicht nur im Kleinen, sondern eben im sehr großen Maßstab bedroht wird. Das ist ein Verdienst. Doch was wäre die Antwort auf die drohende Kulturzerstörung? Wohl nur das Ende des globalen Kapitalismus.

Info

Wider die Kulturzerstörer Jürgen Meier PapyRossa Verlag 2019, 231 S., 18 €

06:00 23.06.2019
Geschrieben von

Marlen Hobrack

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