Hillary Hitler auf Killer-Heels und Baerbock?

Politikerinnen Macht korrumpiert – ganz besonders Frauen. Über sexistische Erzählungen in filmischer und Realpolitik
Bereit, weil ihr es seid – oder etwa nicht?
Bereit, weil ihr es seid – oder etwa nicht?

Foto: Political-Moments/IMAGO

Typischerweise beschäftigt sich diese Kolumne mit konkreten Themen der Mutterschaft, ergänzt um die Klassenfrage; dieser Tage, kurz vor der Wahl, müssen wir mutti politics wörtlich nehmen. Wir müssen über politische Mutterschaft sprechen. Mutterschaft als soziale Praxis ist immer hochpolitisch. Mit politischer Mutterschaft meine ich aber die Mutterwerdung oder das Muttersein der Politikerin. Bei Angela Merkel handelte es sich um eine symbolische Mutterwerdung: Die Kinderlose stieg zur nationalen Mutti auf; aus der verächtlichen Mutti-Anrede wurde bald ein neues Bild für Staatlichkeit. Das Bild war so flexibel, dass es sowohl die gütige, schützende Hand einer Mutter wie auch die verheerende, bevormundende Macht der Übermutter beinhalten konnte.

Zum Nachdenken über die Nation als symbolisches Kind und die Rolle der politischen Mutter brachte mich die Serie House of Cards, in deren letzter Staffel Claire Underwood, die Frau des verstorbenen Präsidenten, zur POTUS aufsteigt, zur Präsidentin der Vereinigten Staaten. Claire mausert sich innerhalb nur einer Staffel von einer machthungrigen Frau zu einer Despotin. Sie verkörpert Lady Macbeth goes Basic Instinct goes Hitler. Noch versucht man, der irren Präsidentin die Atomcodes zu entziehen, da arbeitet sie schon daran, einen Skandal durch einen präventiven Atomschlag auszumerzen.

Claire, die eigentlich zu alt ist für biologische Mutterschaft (nicht so alt wie die biblische Sara, aber fast), erwartet ein Kind von ihrem Ex-Mann. Die Serie spielt implizit die Frage durch: Ist Tyrannenmord legitim, wenn der Tyrann ein Kind erwartet? Claires Gegenspielerin, ebenfalls eine politische Mutter, sieht da kein Problem. Wir lernen: Machtpolitik korrumpiert Mutterschaft; umgekehrt kommen keine der positiven, Müttern zugeschriebenen Eigenschaften im Politischen zum Tragen.

Die Serie inszeniert einen misogynen und radikal antipolitischen Gemeinplatz, wonach Macht immer korrumpiert, aber Frauen in ganz besonderem Maße. Dass die Figur der Claire, die ihrem Mann auf das erste Amt im Staat folgen will, an Hillary Clinton angelehnt sei, haben die Serienmacher dementiert, was man wohl als Bestätigung interpretieren darf. Nicht zufällig kehrt Claire zu ihrem Mädchennamen Hale zurück, sprich: „hail“ („heil“) – Sie wissen schon. Claire ist Hillary/Hitler in Bodycon-Dress und Killer-Heels. Ihr totalitäres Regime wird nur von ihrem totalen Beauty-Regime übertroffen.

Wie leite ich jetzt von Claire Hale/Hitler zu Annalena Baerbock über? Bevor man der Kandidatin allerhand Versäumnisse vorwerfen konnte, versuchten einige Erzkonservative, Baerbock als Mutter zu attackieren. Wie soll man denn bitte zugleich die Hausaufgaben zweier Kinder betreuen und Wladimir Putin in Schach halten? Aus der Mutterschaft einen Strick zu drehen, geht wahltaktisch jedoch nicht auf, schließlich gibt es zu viele Mütter, die neben dem Wäschewaschen auch wählen gehen. Baerbocks Fehler, über die sie sich ja selbst am meisten ärgert, auch weil eine gute Mutter an Selbstkritik nicht spart, sind ihren politischen Gegnern auch deswegen so willkommen, weil sie das lästige Mutterthema beiseiteschieben. Wir müssen jetzt gar nicht darüber reden, ob eine echte Mutter auf die symbolische Mutti im Kanzler_innen_amt folgt. Bei Baerbock können wir uns getrost auf die üblichen sexistischen Argumente konzentrieren: Die Frau ist naiv, inkompetent, verlogen, uninformiert (habe ich naiv erwähnt?). Wem das nicht reicht, der stellt ACAB eben als klimaextremistische Sozialistin dar. Der Sozialismus – das ist ja das andere Gesicht des ewig Bösen. Fast so schrecklich wie Hitler.

Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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