Höcke im Off

Bühne Alle spielen – 120 Profis und Amateure verwandeln den Dresdner Theaterplatz mit einem Stück von Peter Handke und begeistern

Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten, sie beginnt mit Warten. „Das hat man auch nicht alle Tage, mit einem Stuhl auf dem Theaterplatz zu sitzen“, sagt meine Sitznachbarin zu ihrer Freundin und man merkt ihr die Vorfreude an. Eine rote Kordel trennt uns Zuschauer auf den Stühlen von den anderen, den Paaren, Passanten und Touristen. Ein erster Effekt dieses Freilufttheaterabends stellt sich schon vor Vorstellungsbeginn ein: Man betrachtet den Platz und fragt sich, wer Darsteller ist und wer nicht. Der Mann dort hinten, der sich so auffällig vor dem Reiterstandbild König Johanns verrenkt, um ein schönes Selfie zu machen – nur ein Tourist? Und das kleine Mädchen in dem rosafarbenen Tutu? Und, ach ja: Der Mann, der wie ein buddhistischer Mönch aussieht, ist der wirklich einer?

Passanten erschrecken

Dann erklingt Musik, die Darsteller beginnen ihr Spiel. Sie staksen mit Verrenkungen über den Platz, tun Sinnloses, Alltägliches, Seltsames. Hier werden große Pappmaché-Pilze aufgestellt, dort Pappbecher ausgekippt. Eine Schwangere macht Kopfstand und eine verzweifelte Kellnerin sucht nach dem Auftraggeber ihrer Bestellung. Eine alte Dame schleppt drei kurzbeinige Luther-Figuren heran; in einem mit Stöcken ausgetragenen Rentnerstreit wird später ein Lutherchen den Kopf verlieren. Dann rollt ein Segelboot über den Theaterplatz, und Fitzcarraldo, oder jedenfalls Ensemble-Mitglied Claudius von Stolzmann, dirigiert mit wirrem Kinski-Haar die Ziehenden. „Die Bühne“ weitet sich immer stärker aus; die Darsteller entfernen sich von uns Sitzenden. Einige sind bald von den Stühlen aus nicht mehr zu sehen, dafür von den unbeteiligten Passanten, die an der Hofkirche vorbeiziehen und erschrecken, als der Fitzcarraldo-Verschnitt nackt und wie wahnsinnig über den Platz rennt.

Der Theaterplatz verwandelt sich hier gleich mehrfach, er verbindet die klassische Funktion des Theaters als Spielort bürgerlicher Verständigungsstücke mit dem öffentlichen Raum, der zu Begegnungen einlädt. Natürlich weiß man, dass dies hier ein geschichtsträchtiger Ort ist, direkt vor der Semperoper gelegen, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Außerhalb von Dresden ist er berühmt-berüchtigt für die Pegida-Aufmärsche. Für den Fall, dass es jemand vergessen hat, erinnern eingespielte Text- und Musiksamples daran: Björn Höcke kündigt vom Tausendjährigen Reich. Später stolpert eine Frauke-Petry-Darstellerin auf den Platz. Sie taumelt, als würde sich der Boden unter ihren Füßen wegdrehen. Geschichte wird jetzt erst einmal von anderen gemacht. Die montäglichen Spaziergänger sind zu Dauerläufern geworden, spazieren nicht länger am Theaterplatz vorbei. Die fleißigen Hausmeister kehren und kehren, nur haftet der Schmutz am Kopfstein. Dann kommt Hitler. Er macht am Mikrofon Turnübungen mit dem rechten Arm, und die Darsteller auf dem Platz folgen ihm. Man schmunzelt und lacht, Hitler ist eine Witzfigur, wenn auch eine diabolische. Einst war er Namensgeber dieses Platzes, der nicht für tausend Jahre, aber immerhin eine Zeit lang „Adolf-Hitler-Platz“ hieß.

Diesen Theaterabend in Text zu übersetzen ist knifflig, schließlich lebt er von seinen Bildern, mahnt die Anwesenden ausdrücklich: „Bleib in dem Bild!“ Um also mal im Bild zu bleiben: Die Magie von einem Dutzend Radfahrern, die plötzlich wie in Zeitlupe fahren, kann man in Worten nicht reproduzieren. Nur ist das im Text, also der Vorlage von Peter Handke, ja bereits angelegt. Was man vielleicht reproduzieren kann, sind die Freude und die Verzückung, die das Publikum angesichts der Bilder und Gestalten erlebt. Auch die Erfahrung, sozusagen Teil eines Happenings zu sein, oder die Effekte sozialer Plastik hautnah mitzuerleben. Denn hier wird nicht nur ein Platz als Ort, Raum und Symbol verformt, auch mit den Bürgern geschieht etwas. Werden sie doch nicht nur vom Zuschauer zum Betrachter, sondern auch zum Betrachter ihrer selbst, wie der traurige Clown am Platzrand, der den Selfie-Stick vor sich herträgt. Wir alle spielen Theater, nie wurde Erving Goffmans Diktum schöner visualisiert; in ungezählten Alltagsmasken und den Rollen, die wir spielen, drohen wir zu erstarren. Und hier, am Theaterplatz, schauen wir Dresdner uns nun selbst dabei zu.

Regisseur Uli Jäckle choreografiert ein Stadtlandschaftstheater, das Darstellende und Raum verschmilzt. Erfahrung mit Großprojekten dieser Art – 120 Darsteller sind beteiligt – hat er. Auch in der Sächsischen Schweiz inszenierte der gebürtige Hildesheimer bereits zwei Landschaftstheaterprojekte. Mit den Stücken nimmt er auch Neubesetzungen der Orte vor; sowohl Sächsische Schweiz als auch Theaterplatz sind Symbolorte für das braune Problem der Sachsen. Unter den Darstellern der Bürgerbühne Dresden sind vom Kleinkind bis zum Senioren alle Altersstufen vertreten, nur so bunt, wie wir’s gerne wären, sind wir nicht. Es handelt sich, auch das wird sichtbar, um eine recht homogene Stadtgesellschaft, was dann wohl auch erklärt, warum man sich mit dem Fremden nach wie vor so schwertut.

Trotzdem hat sich der Blick auf den Anderen in der Stadt gewandelt. „Waren die auch Darsteller in dem Stück?“, fragt eine Frau ihren Mann an der Straßenbahnhaltestelle und deutet auf zwei stark tätowierte junge Frauen auf Fahrrädern. Wer kann das schon sagen?

Info

Die Stunde da wir nichts voneinander wußten Regie: Uli Jäckle Bürgerbühne Staatsschauspiel Dresden

06:00 17.06.2017
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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