Höhlenmensch

Antimoderne Botho Strauß lässt sich immer weiter aus unserer Zeit fallen
Marlen Hobrack | Ausgabe 45/2016 2

Neulich fuhr ich nachts aus dem Schlaf hoch. Ich hörte das Rattern eines Karrens, der draußen über das Kopfsteinpflaster gezogen wurde. Der Karren kam näher und mit ihm Rufe. Ja, da rief ein Mann: „Allahu akbar!“ Wie ein Schmerzensschrei klang das. Ich ging ans Fenster und schaute hinaus. Da stand er, ein alter weißer Mann, im Licht der Laterne, zu der er hochschaute, und schrie dieses „Gott ist groß“. Wie der liebe Gott in Comics sah er aus: langer weißer Bart, kauziges weißes Haar. Eine verspätete Antwort auf Nietzsches tollen (also: verrückten) Menschen. Ringsum öffneten sich die Fenster, ein junger Mann rief: „Klappe, Mann!“ Der alte Mann verstummte augenblicklich, griff nach dem Karren und zog weiter.

Der erleuchtete Rufende in der Nacht, der Untergangskünder, der Mahnende. Ich weiß nicht, warum ich im Zusammenhang mit der nächtlichen Szene an Botho Strauß denken muss. Vielmehr: Ich weiß es schon. Natürlich liegt es daran, dass Strauß Gefallen findet an der Rolle des mönchischen Dichters, Deuters und Propheten. Nun hat er ein neues Prosawerk vorgelegt. Oniritti Höhlenbilder lautet der Titel. Schon der ist so verwunderlich, dass der Autor uns zunächst über seine Wortschöpfung aufklären muss. „Oneiros“ ist das griechische Wort für „Traumgesicht“. Dieses Wort nun, verwoben mit „Graffiti“, könne gelesen werden als „Bildschriften auf der Höhlenwand der Nacht“. Bildschriften, in der Tat!

Der Aphorismus ist erste Wahl

Wie ein Rebus, ein Bilderrätsel, erscheint der Text. Denn die wiederkehrenden Stichwörter im Text – die Höhle, das Theater, die Alchemie, die Quantenphysik – ergeben ein Gewebe aus Anspielungen und Zeichen, das weder Anfang noch Ende kennt, fragmentarisch bleibt. Wie in einem Musikstück werden Motive gesetzt und variiert. Und als intertextuelles Spiel verweist der Text auf sein bisheriges Werk. Auffallend stark ähnelt er dem Text Beginnlosigkeit (1992). Auch in Oniritti Höhlenbilder spielen Kosmologie und Quantentheorie als Stichwortgeber eine Rolle. Daneben kehren Motive aus Der junge Mann (1984) wieder, insbesondere dann, wenn es um das Theater geht. Auch Paare, Passanten, jene Agenten der Zwischenmenschlichkeit, werden mit dem typischen straußschen Blick für Feinheiten seziert.

Obgleich es erzählerische Passagen gibt, verschwimmt der Erzähler in seinen Reflexionen, Aphorismen, Prosaskizzen. Nicht einmal die Textform lässt sich genau bestimmen. So ist die Unbestimmtheit das prägende Merkmal eines Texts, der eine verrätselte Welt darstellen will. Der Aphorismus war schon bei Nietzsche erste Wahl, wenn es darum ging, den Leser ins Spiel zu ziehen. Wer nicht mitspielen will, wird diesen Text eher befremdlich finden.

Lässt man sich indes ein, kristallisiert sich ein Thema heraus: das des Ursprungs der Kultur. Die Höhle ist tellurischer Ursprungsort. Man muss nicht C. G. Jung gelesen haben, um zu verstehen, dass sie auch der Mutterboden ist, ein Schoß in der Erde. Der weiblich konnotierte Ort gebiert die männlich konnotierte Kultur. Bei Platon findet der zum Philosophen gewordene Mensch den Ausgang aus der Höhle. Hinter dem straußschen Höhlengleichnis aber steckt noch mehr. Es greift einen Topos aus dem Werk von Hans Blumenberg auf, der in Höhlenausgänge (1989) die Höhle aus dem platonischen Gleichnis als Medienraum auffasst, der in seiner Totalität den Menschen umfängt. Auch hier geht es ja um den Gegensatz von Schein und Sein (ein Problem, dem sich auch Wilhelm Meister auf dem Theater stellen muss!), zwischen den Schatten an der Wand und den „wirklichen“ Dingen. Mit den Bildern an den Wänden der Höhle betritt der Mensch eine Welt, die über das Hier und Jetzt hinausweist. Es öffnet sich der symbolische Raum im Sinne Ernst Cassirers. Der Mensch betritt das mythische Zeitalter.

Die Arbeit am Mythos ist das Lebensthema von Botho Strauß. Er ist ein Agent der mythischen Zeit und wirkt damit nicht zufällig wie aus der Zeit gefallen. Dass sein Weltbild hinter seine ästhetische Arbeit zurückfällt, darf man ihm vorwerfen. Tatsächlich denkt er in einem starren Links-rechts-Schema, wobei er die Linken mit der kulturellen Mehrheit identifiziert, während er die Rechten, auch im Wortsinn von „richtig“, auf der Seite eines überzeitlich Wahren begreift. So bezeichnete er sich selbst fast schon albern als der „Rechte in der Richte“. Dass er damit provozieren würde, wusste er natürlich, und die Rechnung ging ja auch auf.

Als Provokation wurde auch sein Essay Der letzte Deutsche, mit dem er sich vor rund einem Jahr wieder zu Wort meldete, gelesen. Man sah eine irgendwie geartete Nähe zu rechtsextremen Kräften. Als ob ein Strauß sich mit dumpfen Fleischmützen gemein machen würde! Nein, vulgär rassistisch ist seine Angst vor dem „Fremden“ nicht. Vielmehr vermischen sich Bilder und Wirklichkeit zu Archetypen. In den straußschen Untergangsfantasien, die er mit Autoren wie Michel Houellebecq zu teilen scheint, wird die Kulturnation von Kulturfremden überrannt. Die Fremden treten als Masse auf, sind in den Untergangsbildern gesichts- und geistlos. Ihr einziges Merkmal ist die Virilität, die sich in dem immer wieder thematisierten Fortpflanzungsdrang von vitalen jungen Männern niederschlägt. Ein Schelm, wer annähme, just diese Virilität sei der eigentliche, unbewusste Stein des Anstoßes.

Der Letzte macht das Licht aus

Nun weiß der schlaue Strauß gut genug, dass die Mehrzahl der Deutschen ihren Goethe und Schiller, ihren Strauß und Kirchhoff nicht besser kennt als die „kulturfremden“ Geflüchteten. Die Hochkultur (schon dieser Begriff ist ja sehr deutsch) war noch nie die Sache der „Viel-zu-Vielen“, wie sie Nietzsche nannte. Ob die Kassandrarufe nun Untergangsgefechte einer Altherrenkultur sind oder eher Geburtswehen eines neuen Deutschlands, das sich endlich von der Vorstellung befreit hat, Deutscher sei, wer eine deutsche Mutter habe, kann man noch nicht sagen. Wirft man den Dichtern sonst so gern den Rückzug aus der Welt in den elfenbeinernen Turm vor, so steht es hier noch schlimmer: Wie gebannt sitzt Strauß in seiner Höhle und starrt auf die albtraumhaften Schatten der politischen Welt. Wie wäre es denn, wenn er den Höhlenausgang fände und die Dinge mal bei Tageslicht betrachtete?

Info

Oniritti Höhlenbilder Botho Strauß Hanser 2016, 288 S., 22 €

06:00 23.11.2016
Geschrieben von

Marlen Hobrack

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Marlen Hobrack

Ausgabe 13/2020

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