James Last sei Dank

Krach Charly Hübner schildert, wie Motörhead zur Band seines Lebens wurde – mitten in Mecklenburg
Lemmy Kilmister in Fürth, Sänger der Band Motörhead
Lemmy Kilmister in Fürth, Sänger der Band Motörhead

Foto: Imago/Isslerimages

Bandbiografien können ein verteufelt langweiliges Genre sein. In Buchform zu lesen, was man ebenso gut auf Wikipedia in aller Kürze nachprüfen könnte. Und eigentlich geht es nie um die Ereignisse der Bandgeschichte, sondern darum, was die Band mit ihrem Hörer macht. Wo sie ihn abholt, ihn errettet oder ihm einen Hörsturz verpasst.

Das nun hat Schauspieler Charly Hübner für die KiWi Musikbibliothek – ein wundervolles, weil freies Format – aufgeschrieben. Über Motörhead. Aber er widmet den englischen Legenden keine Biografie; vielmehr schreibt er sie auf hoch amüsante Art in seine Biografie ein. Ein anderer hätte womöglich die Leidenschaft des Motörhead-Frontmannes Lemmy Kilmister für Weltkriegs-Memorabilia zum Ausgangspunkt seiner Betrachtungen gemacht. Nicht so Hübner, für den seine eigene Motörhead-Geschichte in der mecklenburgischen Pampa beginnt, und so richtig in einem DDR-Festsaal, der einmal wöchentlich zur Jugenddisco wird. Hier trifft er auf die beiden Metalheads Lennz und Donner (ahh, man denkt an Werther! Klopstock! Das Landleben!), die ihm ein magisches Ding zuspielen: einen Kassetten-Sampler mit dem Titel Metal IV. Darauf eifern Judas Priest und AC/DC um die Aufmerksamkeit des Jungen, aber die B-Seite beginnt nun einmal mit Motörhead und deren Song The Hammer. Und nun nimmt die Geschichte ihren Lauf. „Motörhead ist für mich gleichzeitig Rettungsanker und Rakete im Arsch, und ein Abstandhalter zwischen der Welt und mir.“

Die Welt, das ist im Grunde die heile Schlagerwelt der Eltern, der James-Last-Sound, der aus dem Kassettendeck des Familienautos, vom Vater liebevoll „Taiga-Wanze“ getauft, wabert. Dass nun ausgerechnet in diesem Auto eine Geschichte über Motörhead, buchstäblich eine Band auf Speed, beginnt, ist skurril.

Noch eigentümlicher, dass es just der Teufel ist, der Hübner in die Rock-’n’-Roll-Urszene im Auto zurückbefördert: Die Eltern hören James Last, man singt feierlich mit – ist da eine Träne im Knopfloch des Vaters erkennbar? –, und der Sohn kotzt dem Vater in den Nacken, was wohl nicht die Reaktion auf die Musik an sich ist, sondern Produkt des unguten Zusammenwirkens von Benzingeruch und Holperstraße. Aber das Kind liegt im Brunnen, der Auswurf im Auto, und so mündet die Geschichte in ein erhebliches Eltern-Kind-Zerwürfnis, an dessen Ende der Junge für immer dem Schlager abschwört. Wenn das mal keine Story ist!

75 Ostmark für ein Album

Und wer ist dieser Teufel, der Hübner – wie der Geist der Weihnacht – an verschüttete Erinnerungsorte zurückführt? Er nennt sich Memphis und hat für Lucifer und Mephisto nur Spott und Häme übrig. Womöglich ist dieser Memphis gar nur ein Wiedergänger von Mr Kilmister persönlich? Zuzutrauen wär’s ihm ja. Zum Schluss bekommt Hübner, vom Teufel höchstpersönlich eingefädelt, sogar ein Kneipendate mit Lemmy, den er auch in der realen Welt beinahe einmal interviewt hätte, aber dann doch nicht ganz. Lemmy fühlte sich unwohl und las lieber Krieg und Frieden.

Motörhead gilt als lauteste Band der Welt, ihr legendärer Slogan Everything Louder Than Everyone Else ist der Superlativ schlechthin – na gut, übertroffen nur noch von Knorkators Das nächste Album aller Zeiten. Apropos Album. Das erste selbst erstandene Album ist der geheiligte Moment in der Rock-’n’-Roll-Karriere eines Menschen, bei Charly Hübner ist es Motörheads Orgasmatron, das er für 75 Ostmark ersteht. 75 Mark, das ist mehr als eine Monatsmiete, und der arme Junge hat das Geld gerade noch mit dem Aushub von Schlammgräben und einem, jedenfalls für den Leser, sehr amüsanten Kampf mit einer panischen Bisamratte verdient. Aber natürlich braucht er dieses Album, und Geld ist auch nur Geld, und wie sagte schon Karl Marx: jedem nach seinen Bedürfnissen. Und die Hübner’schen Bedürfnisse sind seit den Abenden in der Jugenddisco (einmal geraten Altrocker und Metalheads über Judas Priest in eine handfeste Kneipenkeilerei) geklärt. Na dann: Ohropax ins und Orgasmatron aufs Ohr!

Charly Hübner über Motörhead oder Warum ich James Last dankbar sein sollte Charly Hübner Kiepenheuer & Witsch 2021, 161 S., 12 €

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Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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