Vom Chaos zur Literatur

Sachbuch „Mary Shelleys Zimmer: Als 1816 ein Vulkan die Welt verdunkelte“: Timo Feldhaus hat eine Chaostheorie in kühne und heitere Literatur übersetzt
Alles hängt mit allem zusammen, etwa ein Vulkanausbruch auf Indonesien mit der Himmelsfarbgebung europäischer Maler
Alles hängt mit allem zusammen, etwa ein Vulkanausbruch auf Indonesien mit der Himmelsfarbgebung europäischer Maler

Foto: Richard Bouhet/AFP/Getty Images

Den monströsen Helden ihrer Geschichte kennt jedes Kind. In einer finsteren Sturmnacht – Blitze illuminieren den Himmel – wird die Idee zu einem literarischen Wettbewerb geboren, der Mary Godwin alias Shelley zur weltbekannten Autorin machen wird. Sie, ihr zukünftiger Mann Percy Shelley, Lord Byron und Marys Stiefschwester Claire bilden eine Gemeinschaft in der Villa Diodati am Genfer See. Dort debattieren sie über das Menschengeschlecht und die moderne Wissenschaft, und schon ist sie geboren, die Idee für einen Schauerroman, der eigentlich Science-Fiction ist. Frankenstein oder Der moderne Prometheus wird den Weltruhm der Autorin begründen. Selbst beinahe noch ein Kind, hat sie bereits zwei Kinder geboren, und nun folgt ein drittes, das monströse.

Vielleicht gäbe es das Werk gar nicht ohne eine grenzenlose Naturkatastrophe: Am 10. April 1815 explodiert im Indonesischen Archipel der Vulkan Tambora. Es ist ein Ereignis kataklysmischen Ausmaßes. Fast alle Inselbewohner verlieren ihr Leben. Die Asche wird ein Jahr ohne Sommer, einen Sommer ohne Sonne erzeugen – und das perfekte Klima für eine unheilvolle Geschichte kreieren.

Autor und Journalist Timo Feldhaus ist Mary Shelleys Geschichte, die auf seltsam schicksalhafte Weise mit der Klimakatastrophe des Jahres 1815 verbunden ist, nachgegangen. Das furiose Debüt des früheren Freitag-Redakteurs tanzt auf der Schwelle zwischen Sachbuch und Roman, Kolportage und Bricolage. Der Autor bastelt aus scheinbar unverbundenen Ereignissen eine sinnhafte Großerzählung über literarische Produktion, menschliche Hybris, Klimakatastrophen und Froschschenkel. Heiter, mit Augenzwinkern und Mut zum literarischen Eigensinn: Da wird munter Erfundenes in den Mund der großen Dichter und Denker gelegt, mal in erschütternd schönen Bildern, dann mit ulkigen Stilblüten, die nicht weglektoriert wurden.

Feldhaus erzählt von Napoleon, Goethe, Caspar David Friedrich, Lord Byron und allen voran von Mary Shelley, geborene Godwin, die in wilder Ehe mit Percy Shelley lebt, der sich für Mary von seiner Frau trennte, nur um seine Theorie von der freien Liebe sogleich an ihrer Stiefschwester auszuprobieren. Mary selbst hat eine berühmte Mutter, die Feministin und Philosophin Mary Wollstonecraft, die sich spät für die Mutterschaft entscheidet und infolge von Komplikationen nach Marys Geburt stirbt. Sie erliegt dem Kindbettfieber, leider unter tätiger Mithilfe eines Arztes mit ungewaschenen Händen. Über die Ärztezunft heißt es im Buch: „Der menschliche Körper lag herum wie ein unentdecktes, mysteriöses Neuland, sie schlitzten, schraubten und berserkerten ahnungslos und amateurhaft an ihm herum.“

Vulkanausbruch beeinflusst Himmelsfarbe in Gemälden

Marys Zeitalter entdeckt den Galvanismus, und zuckende Froschschenkel avancieren zum Massenereignis. Es werde Licht! Elektrizität ist das Thema der Stunde, die Menschen werden zu ihrem eigenen Prometheus. Wer braucht eine Fackel, wenn man Strom hat?

Kein Zufall, dass Mary einen Mann erfindet, der nicht lieben und partout nicht zufrieden sein kann, einen neuen Menschen zusammenstümpert in der maßlosen Einfalt, die vielleicht nur ein Mann an den Tag legen kann, wenn er Schöpfung mit Geburt verwechselt. „Die Menschen benahmen sich ja, als wären sie selbst Wolkenmacher geworden, als würden sie mit dem qualmenden Ausstoß ihrer Industrieschlote und dem giftigen Rauch der Dampfmaschinen den Wolken Konkurrenz machen wollen.“ Machen wir Klimawandler de facto auch. Da kann sich Feldhaus keinen Seitenhieb verkneifen, über den sonnenlosen Sommer heißt es: „Das war kein Wetter mehr, sondern Klima.“ So heftig ist die Klimaveränderung, dass überall in Europa die Maler beginnen, ihre Himmel in Rot und Grün zu tünchen, so auch der berühmte William Turner und sein deutsches Pendant Caspar David Friedrich. Feldhaus nennt sogar eine Studie, die den Zusammenhang von Himmelsfarbgebung in Gemälden und den Folgen des Vulkanausbruchs aufzeigt.

Unterdessen sitzt Goethe, der gar kein Schriftsteller und schon gar kein Geheimer Rat mehr sein möchte, sondern doch eigentlich Wissenschaftler, ratlos in Weimar am Frauenplan. Seine Farbenlehre hat ihm nicht den erhofften Ruhm als Gelehrten eingebracht, und die großen literarischen Erfolge liegen eine Weile zurück. Zeitgleich sieht sich Napoleon vor dem Scherbenhaufen seines Vermächtnisses. Er kassiert seine finale Niederlage vor Waterloo. Vermutlich verregnet ihm der Vulkanausbruch den herbeigesehnten Sieg. Seinen Truppen wiederum stellen sich deutschtümelnde Burschenschaftler entgegen, die von Turnvater Jahn, der ebenfalls im Buch herumgeistert, höchstpersönlich am Reck gedrillt wurden. Doch so sehr kann ein deutsches Reck einen Körper nicht stählen, als dass eine französische Kanone ihn nicht zerreißen könnte.

„Alles ist mit allem verbunden“, erklärt Mary Lord Byrons Leibarzt Polidori. Und weiter erläutert sie im Text, dass jede Geschichte einen Helden brauche, womit sie das poetologische Konzept des Textes, dessen Heldin sie geworden ist, umrissen hat: Das Akzidentelle ist doch verbunden, es braucht nur hier und da Personen, die ein Band zwischen den Ereignissen knüpfen.

Dass Florian Illies diesem Buch einen begeisterten Blurb auf den Weg gab, das versteht man sofort, denn vieles an Feldhaus’ Buch erinnert an die Methode Illies’, die er in seinen Büchern 1913 und Liebe in Zeiten des Hasses durchspielt: also die Verkettung von Gleichzeitigem zu einem Zeitbild, in dem sich Koinzidenz und Kausalität kaum noch unterscheiden lassen. Feldhaus setzt der Methode stilistisch jedoch die Krone auf. Sein Erzähler steht mit einem Bein in der Vergangenheit und mit einem Bein in der Jetztzeit, was wunderbare Anachronismen erzeugt: „Der Himmel tunkte die Welt in rasch wechselnde Farben, hinterrücks angestrahlt von der untergehenden Sonne wie ein Computerbildschirm.“ Obendrein findet er herrlich abwegige Metaphern. Über den verbannten Napoleon heißt es: „Es war ihm, als stoße er von innen gegen seine Haut, ja, als würde er in sich stolpern.“ Feldhaus hat Chaostheorie in ebenso kühne wie heitere Literatur übersetzt.

Info

Mary Shelleys Zimmer. Als 1816 ein Vulkan die Welt verdunkelte Timo Feldhaus Rowohlt Verlag 2022, 320 S., 26 €

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Geschrieben von

Marlen Hobrack

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Marlen Hobrack

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