Arbeiterin, Mutter, Ostdeutsche

Leseprobe Literatur über die Arbeiterklasse hat Hochkonjunktur, nur stehen dabei selten die Frauen im Mittelpunkt. „Freitag“-Autorin Marlen Hobrack will das mit ihrem Buch „Klassenbeste: Wie Herkunft unsere Gesellschaft spaltet“ ändern
Ausgabe 34/2022

Das Erzählen über Klasse hat Hochkonjunktur. In den letzten Jahren erschien eine recht lange Liste mal biografisch, mal analytisch eingefärbter Bücher auf dem europäischen Buchmarkt. Christian Baron, Didier Eribon, Édouard Louis oder Darren McGarvey – um nur einige zu nennen – erzählen von Klasse, davon, wie es ist, von ganz unten zu kommen und sich heraufzuarbeiten. Sie zeichnen die feinen Unterschiede auf, wie sie Pierre Bourdieu in seiner gleichnamigen Untersuchung zum Habitus der unterschiedlichen Schichten herausarbeitete, die bisweilen schwer in Worte zu fassenden Differenzen. Dabei schaffen sie es, neue, identitätsstiftende Bilder für die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse zu finden.

Die Figur des Arbeiters, zuletzt so gründlich allenfalls in der DDR-Literatur oder der neusachlichen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts beleuchtet, ist plötzlich allgegenwärtig. Doch welche Texte man auch liest, diese Figur ist vor allem eins: männlich. Wenn von Frauen der Arbeiterklasse erzählt wird, dann sind es Frauen von Arbeitern. Diese Frauen haben Anteil am Schicksal der Arbeiterklasse – meist als Opfer ihrer versoffenen, gewalttätigen Arbeitermänner –, aber sie sind in aller Regel nicht Subjekt der Verhandlungen über Klasse.

Mittelschichtsperspektive

Nicht nur die Literatur tut sich schwer mit der Erzählung von Arbeiterinnenleben; auch in feministischen Betrachtungen hat die Figur der Arbeiterin einen schweren Stand. Sie kommt zwar in Form der ausländischen Putz- oder Pflegekraft in den Debatten um Care-Arbeit vor; doch sie erscheint in diesen Debatten als mehrfach Marginalisierte. Sie verkörpert als Figur nicht so sehr innergesellschaftliche Konflikte als vielmehr die Verlagerung von Konflikten nach außen. Sie löst als Sozialfigur, als sozialer Typus und Klischeefigur, bei Feministinnen zwar Mitleid oder ein Gefühl von Klassenscham aus, doch sie bleibt in den Darstellungen und Studien ein Opfer der Verhältnisse. Der Grund für das Fremdeln vieler Feministinnen mit der Figur der Arbeiterin liegt auf der Hand: Es fehlt ein Bild für das, was es bedeutet, eine Arbeiterin zu sein. Es mangelt an konkre-ten Erzählungen darüber, wie es sich anfühlt, wenn die Funktionen von Produktion und Reproduktion von einem Subjekt und seinem Körper erfüllt werden müssen. Wenn ein Körper Erwerbsarbeit nachgeht und Kinder gebiert. Wenn sich das Subjekt nicht entscheidet zwischen Erwerbstätigkeit und Mutterschaft, sondern sehr selbstverständlich beides lebt.

Weil ich überzeugt bin, dass es Bilder und Geschichten braucht, um über gesellschaftliche Probleme zu sprechen, möchte ich von meiner Mutter erzählen. Ihre Biografie steht stellvertretend für die Biografien all der anderen Frauen, die mich sozialisierten – meiner Tanten, meiner Schwester, der Mütter von Freundinnen und Partnern. Alle sind Frauen, die ihr Leben lang arbeiteten, und sehr häufig in jenen Berufen, die mit körperlicher Arbeit einhergehen.

Meine Mutter ist heute siebenundsechzig, sie arbeitet, seit sie zwölf war. Das macht fünfundfünfzig Arbeitsjahre. Eine erstaunliche Lebensleistung. Mit viel Fleiß und beeindruckender Resilienz arbeitete sie sich in die Mittelschicht hoch, wurde sogar verbeamtet. Und kehrte schließlich dorthin zurück, wo sie herkam: in die Arbeiterklasse. Seit ihrer Pensionierung arbeitet sie als Putzfrau.

Ziemlich lange druckste ich herum, wenn mich Bekannte fragten, was meine Mutter denn gerade arbeite. Ich hatte Hemmungen, das Wort „Putzfrau“ auszusprechen, weil ich fand, dass es ein falsches Bild von ihr vermittelte. Sie arbeitete freiwillig als Putzfrau, sie hätte sich ja auch eine andere Beschäftigung suchen können. Meine Hemmung kommt nicht von ungefähr: Innerhalb unserer sozialen Hierarchie steht die Putzfrau ganz unten. Zumeist nehmen wir sie gar nicht wahr, wollen sie auch nicht wahrnehmen. Mein Unbehagen zu bekennen, welche Tätigkeit meine Mutter ausübt, spiegelt die Mittelschichtsper-spektive auf eine ehrenwerte und systemrelevante Tätigkeit wider. Sie ist Klassendünkel.

Eine Biografie lässt sich immer wieder anders erzählen, und so ließe sich auch die Biografie meiner Mutter auf jeweils ande-re Arten erzählen: als Aufstieg aus ärmsten Verhältnissen in die Mittelschicht, als Beleg dafür, dass sich harte Arbeit zuletzt aus-zahlt und dass jeder es zu etwas bringen kann. Ihre Geschichte ließe sich als Aufstieg einer Person erzählen, deren Kinder innerhalb der Mittelschicht weiter aufsteigen konnten, weil ihre Mutter ihnen das Ethos von Leistungsbereitschaft und Arbeitsdisziplin vorlebte. Ihre Geschichte ließe sich als Komödie, als Tragödie oder Farce erzählen. In jedem Fall handelt es sich um eine Geschichte, in der Armut, Arbeit, Gewalt und die Härte der Ereignisse sich immer wieder gegen das Subjekt dieser Ge-schichte, gegen meine Mutter also, zu verbünden scheinen.

Die Autorin bei ihrer Einschulung, 1972

Foto: privat

Wir alle sind das Produkt unserer Herkunft, und diese Herkunft ist ein komplexes Gefüge aus Elternhaus, Milieu, Schicht-zugehörigkeit, Klasse und der zufälligen zeitlichen Verankerung in einem historischen Abschnitt. Meine Mutter wurde in eine arme, kinderreiche, bildungsferne Familie geboren. Ihre Herkunft prägte ihre Lebensentscheidungen mit einer Selbstverständlichkeit, die nicht ohne Weiteres hinterfragt werden kann.

Herkunft ist etwas, das sich uns einschreibt. Sie markiert nicht einfach den Ausgangspunkt unserer eigenen Biografie und unseres Lebensweges, sie ist gleichsam auch ein Gepäck, das wir mit uns herumschleppen. Manche Menschen wollen nichts sehnlicher, als sich von ihrer Herkunft lösen. Für andere markiert Herkunft einen Halt, einen Platz in der Welt, eine sichere Bank. Viel wird die Nase gerümpft über identitätspolitische Verortungen, die auf Herkunft – gemeint ist damit selten die Klasse, vielmehr die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur oder (gewählten) Community – abzielen, dabei bietet sie ein Sicherheitsnetz in Zeiten der Verunsicherung. Identitätspolitik ist nicht nur das, was People of Colour oder Queers betreiben. Je unübersichtlicher und komplexer die gesellschaftlichen Verhältnisse, desto größer ist das Bedürfnis, sich einer Gruppe, einem Stamm, einer Fraktion zuzuordnen: den jungen Ostdeutschen, queeren Migranten oder Schwarzen Akademikerinnen.

Seit Jahren nun tobt ein Richtungsstreit zwischen traditionell marxistischer Linker und der „neuen Linken“, wie Vertreter von Identitätspolitik bezeichnet werden. Letzteren wirft man vor, sie würden sich nicht mehr für soziale Gerechtigkeit interessieren, sondern nur noch Luxusanliegen der westlichen Mittelschichten verhandeln. Unter dem Label Identitätspolitik wird je nach politischer Couleur alles subsumiert, was Frauen, Homosexuelle, Queers, trans Personen, Schwarze usw. betrifft. Deren Anliegen werden den Anliegen der „normalen Bürger“ gegenübergestellt. Die Normalbürger, so muss man zwangsläufig folgern, sind dann vor allem weiß, männlich und hetero. Solch eine Konstruktion von Normalität ist offensichtlich problematisch.

Anhand der Biografie meiner Mutter will ich zeigen, dass wir gerade nicht zwischen den Perspektiven Identität oder Klasse wählen sollten, sondern dass wir sie wie Werkzeuge bei der Analyse der ungeheuer komplexen Gegenwart benutzen müssen. Wir sollten sie wie Brillen begreifen, die uns je nach Situation helfen, eine Konstellation genauer zu betrachten. Weder eine Klassenperspektive noch Identitätspolitik sollten als Dogmen verstanden oder instrumentalisiert werden.

Die Kluft meiner Erfahrung

Wenn ich in diesem Text feministische Diskurse kritisiere, dann tue ich das als Feministin, die den Blick durch die Klassenbrille wählt. Wenn ich dagegen der Figur des Malochers die Arbeiterin und Putzfrau gegenüberstelle, dann blicke ich durch eine feministische Brille und korrigiere damit die Klassenperspektive. Und zwar nicht in Opposition zur marxistisch-materiellen Analyse, sondern in deren Ergänzung. Wenn ich zusätzlich beide Konstellationen durch eine Ost-West-Brille betrachte, dann nur, um zu zeigen, dass selbst ein leicht veränderter, ideologischer Standpunkt die Dinge in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt. Ideologisch meint hier nicht „verblendet“, sondern eine bestimmte Auffassung von Welt, wie man in Anlehnung an Antonio Gramsci sagen könnte. Zusammengenommen erlauben die unterschiedlichen Perspektiven einen erheblich differenzierteren Blick auf die gesellschaftliche Realität.

Ich werde meine Mutter als Arbeiterin, als Mutter und als Ostdeutsche betrachten. Ihre Biografie dient auch als Abgrenzung und Hintergrund meiner eigenen Biografie. Diese Erzählung ist ebenso eine Erzählung über mich – und über die Prägungen, die ich durch meine Herkunft erfahren habe. Sie führen mir immer wieder die Kluft zwischen meiner Erfahrung, meiner Wahrnehmung der Wirklichkeit und den dominanten Diskursen der sogenannten Mitte vor Augen.

Info

Klassenbeste. Wie Herkunft unsere Gesellschaft spaltet Marlen Hobrack Hanser 2022, 224 S., 22 €

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Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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