Mensch gegen Mensch

Klischees Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden stellt den Zusammenhang von „Gewalt und Geschlecht“ in Frage

Gewalt, hat sie ein Geschlecht? Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden stellt im Rahmen seiner soeben eröffneten Ausstellung die Frage nach geschlechterspezifischen Ausprägungen der Gewalt. Es tut dies, das sei vorausgeschickt, auf überraschende und für die Bundeswehr unbequeme Art. In fünf Akten, einem klassischen Drama gleich, wird nicht nur militärische Gewalt, sondern auch die gewaltvolle Zurichtung beider Geschlechter beleuchtet. Deutlich wird, dass Militärgeschichte als Teil der Kulturgeschichte deren Geschlechterstereotype reproduziert. Nur wird im Rahmen der Militärgeschichte männliche Macht in ihrer Verbindung von körperlicher und struktureller Gewalt viel deutlicher sichtbar.

Den Prolog zur Ausstellung Gewalt und Geschlecht bilden die Reproduktionen von eintausend (!) Gemälden, die mythologische und historische Schlachtszenen und Heerführer zeigen. Das überraschende Element offenbart sich auf den zweiten Blick: Alle Gemälde stammen von Künstlerinnen. Kurator Gorch Pieken widerlegt damit nicht nur das Sentiment, es mangle der Kunstgeschichte an großen Künstlerinnen. Er kontrastiert die Gemälde der Künstlerinnen auch mit Aussagen über die körperliche und künstlerische Schwäche des weiblichen Geschlechts. Und die sind nicht nur Geschichte. „Frauen malen nicht so gut. Das ist ein Fakt“, sagte Georg Baselitz 2013 in einem Interview mit Spiegel Online. Seine Bilder seien „Schlachten“ und in der Kunst gehe es um Brutalität. An der mangle es den Frauen; nicht am Talent. Männer sind also soldatisch und brutal, Frauen schwach und zahm?

Panzerfaust, die Waffe der Frau

Gewalt sei nicht nur als physische Handlung zu verstehen, so Pieken. Die Ausstellung möchte den Blick vor allem auf Formen struktureller Gewalt lenken. Und diese findet die immer gleichen Begründungen. So wurde die Vormachtstellung des Mannes über Jahrhunderte hinweg mit seiner körperlichen Kraft und Übermacht gerechtfertigt. Eine Argumentation, die bis heute im Militär eine Rolle spielt. Frauen seien physisch eben schwächer, daher als Kameradinnen eine Last. Das Argument verdeckt, dass moderne Streitkräfte den physischen Unterschied ohnehin vernachlässigen können. Denn der Kampf Mann gegen Mann (wir würden nie vom Kampf „Mensch gegen Mensch“ sprechen), wird in modernen Armeen durch militärisches Gerät und Distanzwaffen mehr und mehr verdrängt.

Bizarrerweise wird der Kampf Mann gegen Mann höher bewertet als der durch Waffensysteme vermittelte Kampf. Panzerfäuste galten schon dem Völkischen Beobachter, dem Propagandablatt der Nationalsozialisten, als „Waffe der Frau“; und der Drohnenangriff, der jeden physischen Unterschied zwischen Mann und Frau auflöst, gilt als die feigste Variante des Angriffs. Dabei sehen Drohnenpilot*innen das von ihnen verursachte Leid aus multiplen Kameraperspektiven, oder, wie es die Drohnenpilotin mit dem Decknamen „Sparkle“ in einem Interview berichtet: „Es funktioniert da nicht, weich und traditionell weiblich zu denken und diesen Job zu machen.“

Bereits mit der Einführung von Langbögen und Armbrüsten in vormoderner Zeit beginnt eine kulturelle Erzählung von der „Verweiblichung“ des Krieges, denn diese Waffen erhöhen nicht nur die physische Distanz zwischen den Kombattanten, sondern ermöglichen es Frauen, an kriegerischen Handlungen teilzuhaben. Dass sie das über weite Teile der Geschichte hinweg taten, zeigt das Kapitel zu den Crossdresserinnen des Krieges. Neben hunderten dokumentierten Fällen gibt es wohl eine wesentlich höhere Dunkelziffer von Frauen, die sich an kriegerischen Handlungen als Mann beteiligten. Einerseits zeigt dies, dass Kriegerinnen keine feministische Fantasie sind. Andererseits zwingt es dazu, mit dem Bild der friedfertigen Frau, die allenfalls Opfer der Männerkriege ist, zu brechen. Was jedoch nichts daran ändert, dass Frauen immer wieder zu Opfern kriegerischer Handlungen werden und Gewalt gegen Frauen im Krieg häufig sexualisierte, gegenderte Gewalt ist.

Dass auch Soldatinnen Opfer sexualisierter Gewalt durch Kameraden werden, zeigen ausgestellte Uniformhemden des Kunstprojekts Fatigues Clothesline, das im Rahmen eines Chicagoer Workshops traumatisierten Soldatinnen bei der Verarbeitung ihrer Erfahrungen half. Auf die Innenseite ihrer Uniformhemden schrieben die Frauen, dem mythologischen Gewaltopfer Philomele gleich, das Unsagbare.

Frauengeschichten sind ja oft mythischer Natur. Geschichte dagegen basiert auf harten Fakten und ist für gewöhnlich „Big Man History“. Die Ausstellung schaut auch auf mächtige Frauen und fragt: Welchen Preis müssen sie für ihre Ermächtigung zahlen? Man denke nur an Elisabeth I von England. Sie konnte den Thron einnehmen, der Preis war der Untergang ihrer Dynastie. Aber ist die Dynastie nicht ohnehin ein patriarchaler Fetisch, Hokuspokus?

Macht und Geschlechterrollen werden vor den Augen des Besuchers auch auf andere Art dekonstruiert: So sehen wir das Gemälde einer Frau als Judith, jener biblischen Gestalt also, die dem assyrischen Feldherrn Holofernes den Kopf abschlug, nur entpuppt sich die Frau bei genauerem Hinschauen als Fürst Paul I. Esterházy. War auch er Crossdresser? Nein, der Fürst sah in der Rolle der heldenhaften Befreierin Judith seinen Kampf gegen die Türken präfiguriert.

Soldatischer Heldenmut aber kommt in unseren kulturellen Fantasien in der Gestalt des heterosexuellen Mannes daher. „Der Soldat ist als Frau, aber auch als homosexueller Mann kaum vorstellbar“, meint Militärsoziologin Ruth Seifert. Auch dem heiklen Kapitel Homosexualität und Militär widmet sich die Ausstellung. Ganz nebenbei werden berühmte Heerführer der Geschichte wie Friedrich der Große als Homosexuelle geoutet. Es sei an der Zeit dazu, findet Kurator Pieken.

Wie fest kulturelle Bilder von männlichem Soldatentum verankert sind, zeigt eine Broschüre des Verteidigungsministeriums aus dem Jahre 2016. Darin ist ein Mann in soldatischer Grundhaltung mit kämpferischem Blick zu sehen. Die Soldatin in der Abbildung daneben lächelt unterwürfig, legt den Kopf schief und steht im Kontrapost, als Variation einer Venus pudica. Selbst die Uniformen der Soldaten markieren den kleinen Unterschied: Den Frauenuniformen fehlen zwei Brusttaschen. Deswegen gehört zur Soldatinnenuniform eine Handtasche. Nun ist die Handtasche zwar spätestens seit Maggie Thatcher Insigne der Macht. Aber welche Frau kann schon eine Panzerfaust bedienen, wenn sie ein Täschchen schaukelt? Soldatinnen spielen aber auch mit Geschlechterklischees, das zeigt das Beispiel der Gebirgsjägerin Almut Gebert, die ihre Befehlsausgaben mit einem pinkfarbenen Glitzerstift unterschreibt.

Soldaten nicht vermittelbar

Die Ausstellung wirft eine Reihe von Fragen auf, die der Bundeswehr durchaus unangenehm sein dürften. Wohl auch deshalb wurde sie jetzt mit mehr als einem halben Jahr Verspätung eröffnet. Ursprünglich für den September 2017 angekündigt, verschwand die Werbung damals sang- und klanglos. Kurator Gorch Pieken – inzwischen zum Leitenden Kurator des Humboldt-Labors im Berliner Humboldt Forum berufen – wurde seines Amtes enthoben und zuerst ans Luftwaffenmuseum nach Berlin-Gatow, dann ans Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften nach Potsdam versetzt. Die Ausstellung sei einem gewöhnlichen Soldaten nicht vermittelbar, hieß es hinter vorgehaltener Hand. Pieken, der das weizenblonde lange Haar zurückgekämmt und zu einem Zopf gebunden trägt, verkörpert auch physisch buchstäblich den zivilen Gegensatz zum zackigen Museumsdirektor Oberstleutnant Dr. Armin Wagner, der für den Zwangsstopp im vergangenen Jahr verantwortlich ist.

Auf die Vorgänge angesprochen, wird Pieken, der am Tag vor der Eröffnung voller Elan durch die Ausstellung führt, plötzlich wortkarg. Natürlich habe es Widerstände in der Bundeswehr gegeben, sagt er. „Wenn wir keine Kritik und Diskussionen auslösen, würden wir etwas falsch machen.“ Die Ausstellung sei wissenschaftlich-kritisch konzipiert. „Da sind wir gnadenlos“, fügt er mit ernstem Blick hinzu. Der Aufschub um ein halbes Jahr habe auch wertvolle Zeit für Diskussionen geschaffen. Er stehe voll und ganz hinter dem Konzept der Ausstellung.

Tatsächlich ist die Ausstellung, gemeinsam mit der Außenausstellung Targeted Interventions, für die eigens alles militärische Gerät vom Außenareal geräumt wurde, und dem vorzüglichen Katalog sowie dem schwergewichtigen Essayband eine wahre Fundgrube für einen neuen Blick auf das Verhältnis von Gewalt und Geschlecht. Vor diesem sollte auch ein „gewöhnlicher Soldat“ nicht geschützt werden müssen.

Info

Männlicher Krieg – weiblicher Frieden? Gewalt und Geschlecht Militärhistorisches Museum der Bundeswehr Dresden, bis 30. Oktober

06:00 03.06.2018
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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