Nach dem Krieg

Geschichte „Sie waren nie weg“ erzählt, wie ehemalige Nazis Anfang der 1950er den nordrhein-westfälischen Landesverband der FDP unterwandern wollen
Nach dem Krieg
Frei nach einer wahren Geschichte

Foto: Archive Photos/Getty Images

Sebastian Nettelbeck begeht den Fehler, seinen Auftrag gewissenhaft zu erfüllen. Es ist das Jahr 1951, der junge Mann übernimmt die Aufgabe, an einer Chronik des beschaulichen Städtchens Opladen zu arbeiten. Da fällt ihm eine Kladde in die Hände. Sie enthält Aufzeichnungen eines Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg. Nettelbeck wertet das Material aus. Kurze Zeit später wird er überfahren und niemand in der Stadt hat ein Interesse daran, den Todesfall aufzuklären.

Paul Kohls Roman Sie waren nie weg ist eine Art „True Crime“-Roman. Nicht, dass es hier um einen realen Mord oder Mörder ginge. Aber es geht eben um eine wahre Geschichte. Nach der „Stunde null“ wird reiner Tisch gemacht – für die Täter, versteht sich. Den Hintergrund zum fiktiven Mord bildet ein beinahe vergessenes Kapitel der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte der frühen 1950er: nämlich den Versuch ehemaliger Nationalsozialisten, den nordrhein-westfälischen Landesverband der FDP zu unterwandern. Das zentrale Anliegen der Gruppe ist eine Generalamnestie für NS-Verbrecher; aber hier macht man nicht halt. Auch ideologisch will man an die guten alten Zeiten anknüpfen.

Zentrale Figur des Unterwanderungsversuches ist Werner Naumann, unter anderem Staatssekretär im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Naumann ist kein Handelnder im Roman, der Erzähler berichtet nur nüchtern über ihn, um Naumann herum allerdings gruppieren sich die Protagonisten wie um ein dunkles Zentrum – darunter einflussreiche Juristen, die allesamt eine Nazi-Vergangenheit haben und jetzt in der Bundesrepublik angesehene Anwälte und Richter sind. Ebenso durchdrungen sind die Polizeidienststellen. Der Autor lässt eine ganze Reihe von Juristen und Polizisten auftreten, darunter auch Polizeimeister Hannes Stadler, der samt Frau und Sohn Ludwig, genannt „Luggi“, nach dem Krieg nach Opladen zieht.

Luggi fällt eine der Schlüsselrollen im Roman zu, wenn es um die Aufarbeitung geht. Obwohl Luggi der Sohn eines Täters ist, wird er, wie Luise, die jüdische Tochter von NS-Opfern, die Aufarbeitung der Nazivergangenheit vorantreiben. Aber ihre Ermittlungen bleiben ergebnislos. Weil Gerechtigkeit nur Behörden schaffen könnten, die ja ihrerseits unterwandert sind – oder aufgrund der politischen Lage insgesamt kein Interesse an Ermittlungen haben. Der Mord an Sebastian Nettelbeck wird nicht aufgeklärt. Und jede weitere Person, die sich der geheimnisvollen Kladde annimmt, gerät ins Fadenkreuz.

Paul Kohls kluger Schachzug ist es, die oder den Täter im Dunkeln zu lassen. Das verschiebt nicht nur das Zentrum des Textes in Richtung einer Psychopathologie einer Gesellschaft, die sich an das Verbrechen gewöhnt hat und im entscheidenden Moment wegzuschauen gelernt hat. Man könnte dem Autor allerdings vorwerfen, dass die ehemaligen Nazis in Amt und Würden etwas zu plakativ böse sind. Oder genauer gesagt: Wer so einfach Beweise verschwinden lassen und Zeugen manipulieren kann, den sollten Beweise aus der Vergangenheit eigentlich gar nicht beunruhigen. Der Roman erklärt zudem selbst ausführlich, dass es auch auf oberster politischer Ebene kein Interesse an der Suche nach NS-Tätern gibt. Vielmehr beruft man sich auf die Notwendigkeit, an der alten Machtelite der zweiten Reihe festzuhalten – wer soll sonst all die Amtsstuben landauf, landab leiten? Wenn von dieser Seite aber keine Gefahr für die Karrieren droht, wo bleibt dann die Motivation für einen Mord? Die einzige Antwort könnte lauten: Die Geschichte soll nachhaltig manipuliert werden. Der nachfolgenden Generation soll die Möglichkeit des Wissens ein für alle Mal entzogen werden. Anders als die Gegenwartsgesellschaft der 1950er soll sie gar nicht entscheiden können, ob sie Genaueres wissen will.

Der Text taucht die Romanhandlung in den Hintergrundsound beschaulicher Bergmannslieder, Schlager und Filmsongs. Hier zeigt sich vielleicht auch Kohls Erfahrung als Hörfunkautor: Die Zitate wirken wie ein Spiel mit Audio-Einspielungen in einem Radiofeature. Bisweilen schlägt sich der Duktus der Lieder im Text nieder, leider in einer pseudo-lyrischen Sprache: „Niemand wird seine Schätze beschlagnahmen oder gar Feuer legen, sie verbrennen“, denkt etwa Antiquar Anselm, der zeitweilig die Kladde besitzt. Sozusagen kontrapunktisch zu den seichten Schlagern der Nachkriegszeit bringt Kohl eine Reihe von Autoren ins Spiel, die Luggi und Luise, die beiden Kriegskinder, prägen. So unter anderem Wolfgang Koeppen oder Heinrich Böll.

Kleines Manko: Insbesondere das erste Drittel des Romans leidet unter textlichen Redundanzen, weil beispielsweise Protagonisten wiederholt Elemente ihrer Geschichte resümieren. Zudem neigt der Erzähler zu steifen Gemeinplätzen. Etwa wenn Kohl den Erzähler mit Luise, deren Mutter im KZ ermordet wurde, denken lässt: „Wie weiterleben ohne ihre Mutter? Sie weiß nicht, wie sie darüber hinwegkommen soll.“ Im Grunde kann man sich das denken. In der zweiten Hälfte des Textes verschwinden die Redundanzen zum Glück, die Geschichte gewinnt erheblich an Tempo. Damit entfaltet sich dann auch der ganze Schrecken der Geschichte über Schreibtischtäter und die Banalität des Bösen.

Sie waren nie weg Paul Kohl Emons Verlag 2021, 448 S., 14 €

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 11.11.2021
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

Kommentare 2