Die Zerstörung der Birgitte Nyborg

Serie Die vierte Staffel der dänischen Politserie „Borgen“ befasst sich einmal mehr mit Frauen und Macht – und einem innerfeministischen Konflikt. Warum man das gesehen haben muss
Die Zerstörung der Birgitte Nyborg

Collage: der Freitag, Fotos: Mike Kollöffel/Netflix

Nicht selten wirken Seriencharaktere wie aus der Zeit gefallen, wenn man ihnen nach langer Zeit wiederbegegnet. Gewissermaßen gilt das auch für Birgitte Nyborg, die Heldin der Serie Borgen, die nach neun Jahren Pause in der vierten Staffel mit dem Untertitel „Macht und Ruhm“ um ihre politische Position und weibliche Würde kämpft. Warum man die Neuauflage unbedingt schauen muss? Weil sie beinahe brutal die einstige feministische Heldin als alten weißen Boomer inszeniert.

Die erste Staffel von Borgen führte uns eine Nyborg vor, die ihren Willen zur Macht noch entwickeln muss. Sie wird Ministerpräsidentin durch einen Unfall im politischen Poker: Der amtierende Ministerpräsident stolpert über eine peinliche Finanzaffäre; die prinzipientreue Nyborg triumphiert überraschend in den Wahlen. Die vierte Staffel zeigt nun eine Politikerin, deren Integrität zerfällt. Als Außenministerin steht sie nicht mehr an der Spitze der Hackordnung, sie muss sich mit einer jüngeren Ministerpräsidentin herumschlagen. Und dann wird auch noch Öl auf Grönland gefunden. Bereits die erste Staffel deutete an, dass ein solcher Ölfund das sensible Gleichgewicht zwischen den Dänen und den von ihnen dreihundert Jahre lang kolonialisierten Grönländern zerstören könnte. Im Verhältnis der Staaten droht eine politische Eiszeit. Oder ein heißer Konflikt.

Hitzewallungen erlebt auch Nyborg als Nebenwirkung des Klimakteriums. Unterdessen erlebt ihr Exmann einen zweiten Frühling; er wird noch einmal Vater. Es ist die Ausformulierung des Albtraums, den man karrierewilligen Frauen einimpft: Du kannst schon Karriere machen, aber am Ende bist du einsam, alt und ungeliebt.

Taugt dieser Körper als Machtkörper

Von Anfang an hatte die Serie die Verkörperung von Macht im Auge: Taugt ein Körper, der Kinder geboren hat, zum Machtkörper? Mit dem Klimakterium wird eine neue Dimension des politischen Körpers erschlossen: Die menopausale Reizbarkeit unterstreicht das alte Klischee, wonach Frauen aufgrund ihrer Emotionalität keine rational handelnden Politiker sein können. Ging es Borgen vorher noch um die Frage, was die Macht mit der Frau macht – ob die Frau durch die Macht korrumpiert wird, oder ob es ihr gelingt, die Macht selbst zu verwandeln –, erteilt die vierte Staffel eine bittere Absage an die naive Formel „The Future is Female“.

Wie Nyborg hat auch ihre alte Weggefährtin Katrine Fønsmark die Spitze der Karriereleiter erklommen. Fønsmark ist nun Chefin des größten Nachrichtensenders des Landes. Beide sind Mütter, deren Karrieren auf der Umkehrung alter Geschlechterverhältnisse beruhen. Sie reagieren allerdings mit Unverständnis auf jüngere Kolleginnen, die ihre Kinder nach der Arbeit tatsächlich auch zu Gesicht bekommen wollen und pünktlich 16 Uhr das Büro verlassen.

Die Serie inszeniert einen innerfeministischen Konflikt zwischen einem neoliberalen Lean-In-Feminismus, der Frauen dazu auffordert, sich in den bestehenden Strukturen zu behaupten, und einem radikalen Feminismus, der die Strukturen selbst verändern will. Dabei greift sie auf bittere Pointen zurück: Auch die Außenministerin räumt, wenn sie von der Arbeit kommt, die schmutzige Wäsche des erwachsenen Sohnes vom Tisch, und sie muss sich im eigenen Haus von dessen Freundin für ihre Klimapolitik anfeinden lassen. All diese symbolischen Machtverluste werden wiederum auf Nyborgs Körper projiziert. Eines Nachts wankt sie stockbetrunken in ihr Ministerialbüro, der alkoholisierte Körper kann sich nur mit Mühe auf Heels aufrecht halten. Es ist die Zerstörung der Birgitte Nyborg. Ob sie sich davon erholen kann? Schauen Sie es sich an.

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Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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